All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
AskTalkView media
Reading progressPage 74 of 196

Im weiteren Verlauf einer allgemeinen Schilderung des Ameisenlebens können wir uns nur an einzelne, besonders auffällige Erscheinungen halten, da es sich nicht nur bei einer und derselben Art je nach den äußeren Verhältnissen (Ortlichkeit, Jahreszeit, Witterung ꝛc.), sondern in noch viel höherem Maße bei den verschiedenen Arten außerordentlich mannigfach gestaltet und, wollen wir ehrlich sein, zum großen Teil nur stückweise und noch sehr unvollkommen zu unserer Kenntnis gelangt ist. Zunächst ist die Lebensdauer der verschiedenen Entwickelungsstufen und die Zeit, in welcher die einzelnen im Neste erscheinen, verschieden nach den Arten, nach der Jahreszeit, nach den Jahrgängen. Bei gewissen Arten werden die sämtlichen Eier im Herbste gelegt, und die fruchtbaren Weibchen finden sich im Frühjahr meist nicht mehr im Neste vor (Solenopsis fugax), bei den meisten anderen sind Eier vom Frühjahr an bis zum Herbste im Neste und bedürfen wohl die kürzeste Zeit (14 Tage), um in den nächstfolgenden Entwickelungsstand überzugehen. Bei der oben genannten Art leben die Larven vom Herbste bis zum Juli des nächsten Jahres, während beispielsweise von Tapinoma Anfang April den Eiern entschlüpfte Larven schon vor Ende Mai zu Puppen werden können. Nächst den Eiern bedürfen diese in den meisten Fällen die nächst kürzere Zeit zu ihrer Entwickelung zum vollkommenen Kerfe, obschon auch sie überwintern können. Die Lebensdauer einer vollendeten Ameise läßt sich am schwierigsten feststellen, allenfalls vergleichungsweise behaupten, daß die der Männchen, welche nur der auf bestimmte Zeiten fallenden Fortpflanzung dienen, die kürzeste und die der befruchteten Weibchen länger als die der sich aufreibenden Arbeiter sein werde. Man nimmt an, daß die Stammmütter bis wenig über ein Jahr ihr Leben fristen können. Dieser Ansicht widerspricht J. Lubbock in seinem trefflichen Werke „Ameisen, Bienen und Wespen“; denn er hatte in einem seiner Nester zwei Stammmütter (Königinnen), die mindestens 7 Jahre alt waren, und einige Arbeiter gleichfalls von mehrjährigem Alter. Jene leben öfters in Mehrzahl in einem Neste, da sie die Eifersucht der Bienenköniginnen nicht kennen, geflügelte, also noch nicht befruchtete Weibchen und Männchen finden sich meist nur zu bestimmten Zeiten, obschon auch in dieser Beziehung Abweichungen wahrgenommen werden. So haben die Nester von Formica pratensis das ganze Jahr hindurch Männchen

und Weibchen neben den Arbeitern, die von Leptothorax zu einer Zeit nur Männchen, zur anderen nur Weibchen. Die Männchen von Anergates find ungeflügelt, bei anderen Arten find fie im Ber-gleiche zu ihren Weibchen viel zu groß, um von diejen im Fluge getragen werden zu können, in beiden Fällen findet also die Paarung nicht wie gewöhnlich beim Ausschwärmen statt. In solchen Nestern aber, wo zu bestimmten Zeiten, namentlich während des August, geflügelte Männchen und Weibchen im Neste erscheinen, halten sich dieselben eine Zeitlang im Inneren desselben verborgen, letztere beteiligen sich wohl auch insofern an den häuslichen Arbeiten, als sie die Larven und Puppen mit umbetten helfen. Zunächst wird es den Männchen, die zu Lufttieren geboren sind, in den unterirdischen Räumen zu eng, sie lustwandeln auf der Außenfläche des Haufens umher, besteigen Gräser und andere Pflanzen in der nächsten Nachbarschaft und verraten große Unruhe. Zwischen ihnen erscheinen Arbeiter, fassen sie mit den Zangen und suchen sie in das Nest zurückzubringen. Diese Aufregung währt einige Tage, dann aber bietet sich dem Blicke des Beobachters ein überraschendes Schauspiel, eine Hochzeit der Ameisen, dar. Nichts Menschliches gibt einen Begriff von dem wirbelnden Aufbrausen, von dem man nicht weiß, ob es Liebe, ob es Wut bedeute. Zwischen dem Volke wilder Brautpaare, welche von nichts zu wissen scheinen, irren Ungeflügelte umher und greifen besonders die an, welche sich am meisten verwickelt haben, beißen sie, zerren sie so stark, daß man meinen sollte, sie wollten sie vernichten. Das ist aber nicht ihre Absicht, sie wollen sie vielmehr zum Gehorsam, zu sich selbst zurückbringen. Diese Jungfrauen überwachen also die Liebenden und führen eine strenge Aufsicht über die Vorfeier der Hochzeit, dieses wahre Volksfest. Jetzt grenzt die Wildheit an Raserei: in taumelndem Wirbel erheben sich die Männchen, nach ihnen die Weibchen und in wechselndem Auf- und Absteigen gelangen sie zu bedeutenden Höhen. Die Männchen stürzen sich auf ein Weibchen, von den kleineren bisweilen mehrere gleichzeitig, und verbinden sich mit ihm. Ein höherer Gegenstand dient ihnen gewissermaßen als Wahrzeichen bei diesem Gaukelspiel: ein Baumgipfel, eine Turmspitze, ein Berggipfel, selbst ein einzelner Mensch in einer ebenen Gegend. So geschah es Huber, dem wir so viel über die Sitten der Ameisen verdanken, daß ein Schwarm sich über seinem Haupte langsam mit ihm fortbewegte. Wie lästig sie bei dieser Gelegenheit werden können, erfuhr ich 1869 in Gesellschaft einiger Damen. Als wir die dunkle Treppe in dem Aussichtsturm des Kynast hinaufkrochen, warnten herabkommende Reisende wegen eines Ameisenschwarmes vor dem weiteren Vordringen. Wir wollten jedoch den herrlichen Blick auf das Hirschberger Thal von jenem Punkte aus kennen lernen und gingen mutig weiter. Die Tausende von Ameisen, welche sich an uns setzten, namentlich an eine lichtgekleidete Dame, verkümmerten uns den Aufenthalt da oben ungemein; denn hier und da, wo sie auf die bloße Haut kamen, zwickten sie in das Fleisch und bewiesen in jeder Hinsicht eine ungewöhnliche Aufgeregtheit. Dergleichen Erfahrungen kann man ab und zu in der beliebten Reisezeit auf allen Ausficht3- türmen machen, an denen es in den mitteldeutschen Gebirgen nirgends fehlt.

Die Ameisenschwärme an einem schönen Augustnachmittage, besonders nach einigen Regentagen, von Lasius flavus, niger, alienus, fuliginosus, Myrmica verschiedener Art, Solenopsis fugax, Tapinoma caespitum und anderen ausgeführt, haben bisweilen die Menschen in Furcht und Schrecken versetzt, namentlich dann, wenn die Schwärme einer größeren Landstrecke sich zu förmlichen Wolken vereinigt und die Spitzen der Kirchtürme als vermeintliche Rauchwölkchen umschwebt haben. Am 4. August 1856 regnete es bei St. Saphorin in der Schweiz Myriaden schwarzer, geflügelter Ameisen. Am 10. August, abends 5 Uhr 20 Minuten bis 6 Uhr, wurde von Wattwyl bis Liechtenstein, der Thur entlang, eine von Südwesten noch Nordosten ziehende Wolke geflügelter Ameisen von 18*

schwarzbrauner Farbe in etwa 300 Fuß Höhe beobachtet. Zwischen beiden Orten löste sie sich auf und zerteilte sich auf Bäume, Häuser und Gräser. Im September 1814 berichtet ein englischer Chirurg vom Bord eines Schiffes, daß eine 8—10 Fuß breite Kolonne von 6 Zoll Höhe, bestehend aus großen Ameisen, das Wasser auf eine Strecke von 5 — 6 (englischen) Meilen bedeckt habe. Auch die alten Chroniken erzählen von dergleichen Dingen. Am 2. August 1687, um 3 Uhr nachmittags, schwärmte eine solche Menge von Ameisen über dem Turme der Elisabethkirche zu Breslau, daß das Volk fie für Rauch ansah und einen Brand fürchtete. Kurz darauf wiederholte sich dieselbe Erscheinung um die übrigen Türme; es dauerte aber kaum eine Stunde, so fielen sie zu Boden, daß man sie hätte haufenweise aufraffen können. Am 19. Juli 1679, gegen 2 Uhr, ist eine Wolke großer Ameisen über Preßburg geflogen und nach einer Viertelstunde so dicht heruntergefallen, daß man auf dem Markte keinen Fuß vorsetzen konnte, ohne einige Dutzend zu zertreten; sie hatten alle die Fügel verloren, schlichen langsam umher und waren nach 2 Stunden gänzlich verschwunden. Genug der Beispiele. Legen wir uns jetzt die zwei Fragen vor: Wie sieht es während der Schwärmzeit im Neste aus, und was wird aus den Schwärmern?

Bei den schon einige Tage vor dem Schwärmen bemerkbaren Bemühungen der Arbeiter, unter dem geflügelten Volke Ruhe und Ordnung wieder herzustellen, gelingt es doch, ein oder das andere Weibchen und Männchen zurückzuhalten, welche sich in der nächsten Nestnähe paaren. Eins oder einige solcher Weibchen sind es, die sie in das Nest zurückbringen, ihnen die Flügel abreißen, ihnen alle Fürsorge erweisen, sie belecken, füttern und in gleicher Weise behandeln, wie wir es von den Bienen mit ihrer Königin bereits früher gesehen haben. Diese Stammmutter sorgt nun durch Eierlegen für das Fortbestehen des Nestes. Die Schwärmer gelangen entfernt vom Geburtsnest, wie wir bereits sahen, schließlich wieder auf die Erde, Tausende und aber Tausende werden eine Beute anderer Kerfe oder solcher Tiere höherer Ordnungen, welche Geschmack an ihnen finden, oder die Männchen sterben nach wenigen Tagen planlosen Umherirrens einen natürlichen Tod, während die nicht verunglückten Weibchen Gründerinnen neuer Nester werden, sicher auf verschiedene Weise bei den verschiedenen Arten, auf welche aber, ist bisher noch bei keiner durch unmittelbare Beobachtung festgestellt worden. Zunächst entledigt sich das befruchtete Weibchen mit Hilfe seiner Beine der Flügel, gräbt sich an einem ihm passenden Plätzchen ein und legt Eier. Es liegt nun nahe, anzunehmen, daß es, wie die Wespen-, die Hummelmutter, für deren Entwickelung zu Arbeiterameisen Sorge trage und diesen die Nestanlage und alles weitere überlasse, für sich selbst nur das Eierlegen in Anspruch nehme. Nie hat man aber eine vereinzelte Ameisenmutter mit Puppen, nicht einmal mit erwachsenen Larven angetroffen, sondern nur mit Eiern oder sehr kleinen Würmchen, und nie hat es bei den verschiedensten Versuchen in der Gefangenschaft gelingen wollen, durch Vermittelung eines befruchteten Weibchens Arbeiterameisen zu erhalten. Infolge dieser Erfahrungen hat man gemeint, daß Arbeiter derselben Art ein „herabgeregnetes“, befruchtetes Weibchen auf-griffen und mit ihm eine neue Kolonie ins Leben riefen. Hierauf bezügliche Versuche sind aber gleichfalls mißglückt und jenes meist als fette Beute von Arbeiterameisen verzehrt worden. Somit bliebe die Frage über die Entstehung neuer Nester noch eine offene, und es wird bei der Gründung ebensowenig an der größten Vielgestaltigkeit fehlen, wie im übrigen Leben der so höchst interessanten kleinen Wesen.

Aus diesem noch einige Züge mitzuteilen, ziehen wir für unsere Zwecke einer Unterscheidung zahlreicher Ameisenarten vor, wollen aber auch die folgenden Mitteilungen nur als eine Skizze betrachtet wissen. Wenn wir schon öfters Gelegenheit fanden und sie auch im weiteren Verlauf unserer Darstellung noch finden werden, von Schmarotzern zu sprechen, welche sich inden Wohnungen gewisser Hautflügler einfinden, so darfes nicht |

4

4

wundernehmen, daß auch in den Ameisennestern fremde Einwohner vorkommen. Dieselben stehen in sehr verschiedenen Verhältnissen zu den Ameisen, aber entschieden in anderen als jene Schmarotzer. Zunächst wohnen verschiedene Ameisenarten in einem Neste, eine Erscheinung, welche man mit dem Namen der gemischten Kolonien bezeichnet hat. In denselben sind zwei wesentlich voneinander verschiedene Fälle auseinander zu halten. Entweder nämlich lebt die eine Art in ihren drei Formen in dem Neste der anderen und bildet ihren Gast, oder es finden sich nur Arbeiter einer anderen Art vor, welche von den Arbeitern des Nestes im Larven: oder Puppenstand aus einem anderen Neste geraubt worden find, weshalb man die letzteren Raubameisen genannt hat. Zu den Gastameisen, und zwar bei Formica rufa und congerens, gehört entschieden die kleine, gelbrot glänzende Stenamma Westwoodi (eine Knotenameise), von welcher man, weil man sie nie selbständig gefunden hat, annehmen muß, daß ihr Bestehen von jenen Arten abhängig sei. Eine zweite Art, Asemorhoptrum lippulum, ist gleichfalls für eine Gastameise bei Lasius fuliginosus, bruneus und Formica sanguinea gehalten worden; von Hagens fand fie aber auch in selbständigen Staaten. — Zu den Raubameisen gehört entschieden die später näher zu besprechende Formica sanguinea; sie arbeitet aber gleich ihren Sklaven, wie man die geraubten Arbeiter genannt hat, und es läßt sich somit bei ihr ein Grund für ihr Räuberhandwerk nicht angeben. Anders verhält es sich mit der Amazonenameise (Polyergus rufescens), einer durchaus bräunlichroten Art des südlicheren Europa, welche jedoch auch bei Kleve, Mombach, Mainz, Soden beobachtet worden ist. Sie raubt die Larven von Formica fusca und cunicularia und zeigt sich dabei ungemein kühn und bissig, ist aber so arbeitsscheu, daß sie verhungern müßte, wenn sie nicht von ihren Sklaven gefüttert würde. Bei zwei anderen, für Raubameisen geltenden Arten (Strongylognathus testaceus und Myrmica atrata) sind die Verhältnisse abermals anders und noch nicht hinreichend aufgeklärt. Die Amazonenameise und erstere der beiden zuletzt genannten Arten haben, abweichend von allen anderen heimischen, walzenförmige und ungezahnte Kinnbacken, entbehren also derjenigen Einrichtung, welche die Kinnbacken der übrigen Arten zu Arbeitswerkzeugen gestalten.

Die Ameisenfreunde (Myrmekophilen) sind weitere Bewohner der Ameisennester und gehören den verschiedensten Kerfordnungen an. Mehrere Forscher haben diesen Gegenstand mit besonderer Vorliebe verfolgt und lange Verzeichnisse von diesen Tieren angefertigt, auch das Verhalten der Ameisen zu ihnen zu ermitteln sich bemüht. Hiernach lassen sich dieselben in drei Gruppen ordnen: 1) Ameisenfreunde, welche nur als Larven oder Puppen unter jenen leben und als unschädliche Gesellschafter geduldet werden. So nährt sich, wie wir früher sahen, die einem Engerlinge ähnliche Larve des gemeinen

Goldkäfers (Cetonia aurata) von den vermodernden Holzstückchen des unteren Nestteiles bei der Waldameise. 2) Ameisenfreunde, welche in ihrem vollkommenen Zustande in den Nestern anzutreffen sind, hier aber nicht ausschließlich. Dahin gehören mehrere Stutzkäfer (Hister), Kurzflügler, diejenigen Blattläuse, welche nicht freiwillig, sondern, von den Ameisen hineingetragen, bei ihnen als „Milchkühe“ leben müssen. Der besonderen Vorliebe aller Aderflügler für die Blattläuse wurde früher schon gedacht sowie der Leidenschaft der Ameisen, jene ihrer süßen Auswürfe wegen allerwärts aufzusuchen. Sie betasten dieselben mit ihren Fühlern, belecken sie und wissen ihnen durch allerlei Liebkosungen auch Saft zu entlocken, sie zu „melken“, wie man dies Verfahren kurz bezeichnet hat. Um dies bequemer haben zu können, entführen sie die wehrlosen, schwachen Tierchen in ihre Nester und legen dabei weniger mütterlichen Sinn, als ganz gemeine Selbstsucht an den Tag. Bei den in Baumstämmen nistenden Arten, wie Lasius fuliginosus und bruneus,

Continue reading
Page 74 of 196