Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Während die Formica-Arten in der Erde nisten, wählen die Höcker-Drüsenameisen (Lasius) die verschiedenartigsten Baustellen.
Die Gattung läßt sich an folgenden Merkmalen der Arbeiter und Weibchen erkennen: Das vorn nicht ausgerandete Kopfschild ist trapezförmig und gewölbt, an den Hinterecken stark gerundet, wo die ziemlich kurzen Stirnleisten beginnen und die 12 gliederigen Fühler eingelenkt sind; die Geißel derselben ist keulenförmig, jedes Glied vom zweiten an wenig größer als das vorangehende, und das letzte länger als das erste. Die Nebenaugen sind sehr undeutlich. Der Mittelleib ist vor dem buckligen und ungezahnten Hinterrücken stark eingeschnürt, das Stielchen mit einer viereckigen, senkrechten oder beinahe senkrechten Schuppe versehen, auf welche der Hinterleib sich nicht auflegt. Die breiten Kinnbacken des Männchens sind am Kaurande schneidig und nur vorn einzahnig oder durchaus gezahnt, die unter sich fast gleichen Geißelglieder der 13 gliederigen Fühler fadenförmig, das erste am dicksten. Die kleinen Genitalien werden von der Rückenseite dachartig bedeckt, ihre äußere Klappe bildet eine schmäler werdende, am Ende halbkreisförmig abgerundete Platte; die Afterklappe ist nicht ausgeschnitten. ö
Die glänzend schwarze Holzameise (Lasius fuliginosus), die größte von allen (bis 11 mm) und über ganz Europa verbreitet, mit Ausnahme der Pyrenäischen und Balkan⸗Halbinsel, legt Irrgänge in alten Baumstämmen an oder kittet dergleichen zusammen, wenn der Zahn der Zeit schon zu lange genagt und das Holz in Erde verwandelt hatte. — Die braune Ameise (Lasius niger), in ganz Europa und in Nordamerika, auch auf Madeira ansässig, baut, gleich ihrer nur auf die Südhälfte Europas beschränkten Schwester, Lasius alienus, wie es eben passen will, in die Erde, in hohle Bäume, zwischen Moos und dergleichen. — Lasius emarginatus sucht mit Vorliebe die Ritzen in Gartenmauern auf. Die wegen ihrer empfindlichen Bisse berüchtigten gelben Ameisen, welche gleichfalls dieser Gattung angehören und mehrere Arten enthalten, von denen Lasius flavus am verbreitetsten ist, bauen bekanntlich in die Erde unter dem Schutze eines Steines oder eines Hügels.
Höchst interessant ist die ihrem Baue nach hierher gehörende Honigameise (Myrmecocystus mexicanus oder melliger, s. Abbild. S. 288, Fig. 1) im Hochlande von Mexiko, Neu⸗Mexiko und Süd⸗Colorado. In den Erdnestern unter einem Kieshügelchen finden sich in verschiedenen Stockwerken Gänge und Gemächer und in einigen dieser letzteren, mit den Beinen an der gewölbten rauhen Decke angehäkelt, Rundbäuche, deren Hinterleib bis zur Größe einer Stachelbeere angeschwollen sind von dem im Kropfe angehäuften Honig. Es sind dies Arbeiter, welche von anderen Arbeitern als Vorratskammern benutzt und mit
Honig gefüttert werden, welchen sie über Nacht frischen Galläpfeln entnehmen, die am Gebüsch der dort häufigen Zwergeiche zahlreich auftreten. Bei einer australischen Ameise (Camponotus inflatus) kommt dieselbe Honigfülle im Kropfe infolge der Überfütterungvor.
Die Stachelameisen (Poneridae) führen diesen Namen, weil Arbeiter und Weibchen mit einem Stachel bewehrt sind. Ihre Gesellschaften bestehen aus nur wenigen Gliedern, sind meist nur im Arbeiterstande bekannt und in Europa sparsam vertreten. — Die von Latreille aufgestellte, bisher zu den Poneriden gerechnete Gattung Odontomachus hat man mit noch einigen anderen zu einer besonderen Sippe erhoben und zwischen die Drüsenund Stachelameisen eingeschoben. Die schlanken, schmalen Tiere zeichnen sich durch den langen, nach hinten gerichteten Dorn auf ihrem einzigen Stielknoten aus sowie durch die zwei Unterrandzellen und die drei Mittelzellen in den Flügeln. Das Merkwürdigste an ihnen bleiben aber bei Weibchen und Arbeitern die Kinnbacken durch ihre Bildung und Anheftung; an der äußersten Spitze des auffällig gestreckten Kopfes sitzen sie, die übermäßig langen, mit den Wurzeln dicht bei einander, wie die Flügel einer Drahtzange vor ihrem Niete. Nur Asien und Südamerika ernähren dergleichen interessante Tiere.
Eine vierte, ebenfalls nur ausländische Sippe, welche von anderen Schriftstellern als selbständige Familie hinter die Ameisen gestellt worden, können wir an dieser Stelle durch eine kurze Bemerkung über die Lebensverhältnisse einer Art einführen. Die Doryliden (Dorylus, Labidus, Anomma und andere), welche man in der Dreigestaltigkeit der Arten noch sehr 9 kennt, gehören nur den heißen l an, vorzugsweise Ostindien, Senegambien und Brasilien.
Die Treiberameise (Anomma arcens), eine Bewohnerin des westlichen Afrika, hat sich durch ihre eigentümliche Lebensweise eine gewisse Berühmtheit erworben. Die Gesellschaft, in welcher sich kleinere und größere (bis 11 mm lange) Ameisen befinden, hat keine festen Wohnsitze, sondern führt ein umherschweifendes Leben. Weil den Tieren die brennenden Sonnenstrahlen verderblich werden, so halten sie sich bei Tage unter Gras und im Dickicht verborgen und ziehen nur des Nachts auf Raub aus. Mitunter sind sie aber doch genötigt, ins Freie zu gehen, und dann übermauern sie sofort die Straße, welche sie zu ziehen haben, durch ein aus Erde und Speichel gemengtes Gewölbe. „Während meines Aufenthalts auf der Station Barombi des deutschen Schutzgebietes“, erzählt Dr. Preuß, „fraßen dieselben dreimal während der Nacht die jungen Tauben in dem Taubenschlage, einen Papagei, einen Hahn und ein Perlhuhn; auch überfielen fie mehr: mals den Hühner- und den Schafstall.“ Auch in menschlichen Wohnungen lassen sie sich bisweilen blicken, wo eine allgemeine Flucht der Ratten, Mäuse, Schaben, Eidechsen, welche sich etwa darin aufhalten, ihre Annäherung verkündigt und die Einwohner mahnt, schleunigst ihre Betten zu verlassen und das Freie zu suchen. Werden zur Regenzeit ihre Schlupfwinkel überschwemmt, so scharen sie sich in einen runden Haufen, die Brut und Schwächlinge in die Mitte nehmend, zusammen und treiben auf den Fluten, bis sie an irgend einer Stelle auf das Land abgesetzt werden. Über Bäche und schmälere Gewässer, auf welche sie bei ihren Wanderungen stoßen, sollen sie eine lebendige Brücke schlagen, indem sie sich aneinander befestigen, wie wir dieses Verfahren bald von einer amerikanischen Art näher erfahren werden.
Die Knotenameisen (Myrmicidae) bieten den größten Formenreichtum dar und nötigen die Systematiker, sie auf ungefähr 42 Gattungen zu verteilen, welche bei weiteren Forschungen noch vermehrt werden dürften. Der zweiknotige Hinterleibsstiel und Stachel bei Weibchen und Arbeitern bilden die allen gemeinsamen Merkmale. Gattungen, wie Myrmica, Eeiton und Atta, Aphaenogaster, Monomorium, Typhlatta und andere, deren drei erstere länger bekannt find, die anderen den beiden eifrigsten Ameisenforschern (Myrmekologen) der Neuzeit, G.Mayr in Wien und Smith in London, ihre Gründung verdanken, gehören hierher und liefern zum Teil zahlreiche Arten. Es sei nur weniger heimischen gedacht, um Raum für einige interessante Schilderungen aus den großartigen Lebensverhältnissen mehrerer fremdländischen zu gewinnen.
Die Rasenameise (Tetramorium caespitum) ist überall in Wäldern, Gärten, Wiesen, unter Steinen, Baumstumpfen, Rasen sehr gemein. Die unterirdischen Gänge haben eine weite Verbreitung, lockern die Erde und schaden dadurch der Wurzel zarterer Pflanzen in den Gärten. Weil die Puppen sich in dieser Sippe nicht einspinnen, die der Weibchen überdies für die kleinen Arbeiter riesig erscheinen, so gewährt es einen höchst eigentümlichen Anblick und setzt große Kraftanstrengung seitens der Arbeiter voraus, wenn jene täglich mehrmals umgebettet werden. Im August und September schwärmen diese Ameisen, und dann sieht man die Geflügelten an Gräsern allerwärts umhersitzen und geschäftig umherlaufen; die Arbeiter kommen als Sklaven auch in den Nestern von Strongylognathus testaceus vor. Die Gattung ist charakterisiert durch ein hinten seitlich aufgebogenes und
die Fühlergrube unterwärts umrandendes Kopfschild, viergliederige Kiefer-, dreigliederige Lippentaster, durch 12 gliederige Fühler, deren drei letzten Geißelglieder mindestens jo lang oder länger als die übrigen sind, und durch einen nicht eingeschnürten, hinten zweizähnigen Brustkasten. Die Männchen zeichnen sich durch einen Gabeleindruck auf dem Rücken des Mittelleibes, ungeteilte Randzelle, zehngliederige Fühler, deren Schaft kürzer als das zweite Geißelglied ist, und durch gezahnten Kaurand aus. Die Rasenameise ändert in der Färbung von Gelbbraun bis Braunschwarz ab; Kinnbacken, Geißel, Gelenke der Beine und Fühler sind heller, Kopf, Mittelleib und Stielchen runzelig längsstriefig, beim Weibchen Mittelrücken und Schildchen glatt; das Männchen ist am dunkelsten, glänzend braunschwarz, an Kinnbacken, Fühlern und Beinen gelblich, nur an Kopf und Hinterrücken längsriefig. Die Arbeiter erlangen eine Größe von 2,3— 3,5 mm, die Weibchen dagegen von 6—8, die Männchen bis 7 mm. Von Ernte-Ameisen sind schon im grauen Altertum Andeutungen gegeben, die später in Zweifel gezogen worden sind, bis Sykes (1829), nach ihm Buckley, Lincecum u. a. durch fortgesetzte Beobachtungen die Zweifel wieder hoben und an verschiedenen Ameisenarten den Beweis lieferten, daß sie infolge ihrer Lebensweise den obigen Namen mit Recht verdienen. Wir besitzen aus jüngeren Zeiten (1879) eine ausführliche Arbeit von Mac Cook („The Natural History of the Agricultural Ant of Texas. A monograph of the habits, architecture and structure of Pogonomyrmex barbatus Sm.“ in „Acad. of Nat. Sc. of Philadelphia“) über die bei Austin und Camp Kneass in Texas beobachtete Pogonomyrmex barbatus, deren vollständigen Titel wir hier angeführt haben, um den Liebhaber auf das Original zu verweisen, da hier des beschränkten Raumes wegen nur kurze Andeutungen über das Leben dieser interessanten Ameisenart gegeben werden können. Dieselbe gehört zu den größeren, braungefärbten mit gewöhnlichen Arbeitern und großköpfigen, den sogenannten Soldaten. Da diese Ameise die Sonne liebt, so legt sie ihre Nester an freien sonnigen Stellen an, welche je nach den Verhältnissen des Bodens über der Erdoberfläche verschiedene Formen annehmen können. Für gewöhnlich sind es flache, scheibenförmige Haufen, welche in Entfernungen von fünf Schritten sich ausbreiten, dieselben können aber auch eine höhere, mehr kegelförmige Gestalt annehmen, welche durch Ortlichkeiten bedingt zu fein scheint, wo durch anhaltenden Regen das Wasser den Flachbauten nachteilig sein könnte. In beiden Fällen reinigt die Ameise den Grund rings um den Ort von allen Hindernissen und glättet die Oberfläche bis zu einer Entfernung von 3—4 Fuß der Eingänge zu jenen Hügeln, indem fie dem Platze das Ansehen eines schönen Pflasters gibt. Innerhalb dieses Hofes wird außer einer einzigen Art von Gras kein grünes Blatt geduldet und jedes andere Kraut abgebissen, wie dies bei der ursprünglichen Anlage der „Städte“ nötig war. Das am meisten gepflegte Gras hat man Ameisenreis genannt (Aristida stricta), es wird aber auch noch das Buffalo-Gras (Buchla dactyloides) als für den Anbau geeignet namhaft gemacht. Die ausgefallenen Samen dieser Grasarten werden mit einer gewissen Auswahl von den Ameisen eingetragen, in Vorratsräumen aufgespeichert, auch, wenn letztere durch anhaltenden Regen durchnäßt sein sollten, wieder hervorgeholt und zum Trocknen auf der Bodenoberfläche ausgebreitet. Diese Samen dienen während der Winterzeit mit noch einigen anderen eingetragenen Sämereien zur Nahrung und werden vor den Herbstregen auf den Hügeln ausgesäet, wo sie üppig gedeihen und in der oben erwähnten Weise rein gehalten werden. Eine andere Ernte-Ameise (Atta crudelis) in Florida soll nicht die ausgefallenen Körner, sondern die Samen am Stengel eintragen, im übrigen aber eine ähnliche Lebensweise führen.
Die Ecitons bewohnen Brasilien, einige bis Mexiko reichend, und sind bisher fast nur im Arbeiterstande bekannt geworden. Sie unterscheiden sich von den übrigen
Knotenameisen durch zweigliederige Kiefer- und dreigliederige Lippentaster, durch eine Grube für die zwölfgliederigen Fühler, welche nach innen von den Stirnleisten, nach außen von einem Kiele begrenzt wird, durch sehr kleine, einfache Augen an Stelle der Netzaugen oder gänzlichen Mangel derselben, und endlich durch die meist zweizähnigen Fußklauen von den besprochenen Arten sowie durch ihr Nomadenleben, indem sie keine Nesterbauen. Bates gibt in seinem „Naturforscher am Amazonenstrome“ höchst interessante Einzelheiten über das Leben dieser von den Eingeborenen „Touöca‘ genannten Tiere, welche wir den folgenden Mitteilungen zu Grunde legen. Die Ecitons ziehen alle in Scharen auf Raub aus und werden dabei von einer Fliege (Stylogaster) begleitet, welche in zitternder Flügelbewegung einen Fuß hoch oder niedriger über ihren Scharen schwebt, sich plötzlich herabläßt, wahrscheinlich um mittels ihrer langen Legröhre ein Ei an den von den Ameisen fortgeschleppten Larven unterzubringen. Beinahe jede Art hat ihre Eigentümlichkeiten, wie und wo sie in geordneten Heerscharen aufmarschiert, und auch diejenigen, welche diese zusammensetzen, sind nicht gleich. Man unterscheidet sehr wohl zwischen großköpfigen und kleinköpfigen Arbeitern, welche aber nur bei einigen Arten (Eciton hamatum, erraticum, Pastator) durch andere Bildung der Kinnbacken beweisen, daß beide nicht zu gleicher Ar: beit befähigt sind; in den meisten anderen Fällen finden sich Übergänge in der Körpergröße, und Bates konnte keinen Unterschied in den Verrichtungen der Groß- und Klein: köpfigen wahrnehmen. Eciton rapax, der Riese der Gattung, insofern bis 13 mm große Arbeiter vorkommen, durchzieht in nur schwachen Kolonnen den Wald und scheint hauptsächlich die Nester einer Formica-Art zu plündern, wenigstens fanden sich häufig verstümmelte Körper derselben auf ihren Wegen. — Auch bei einer zweiten Art, Eciton legionis, welche bedeutend kleiner ist und sich in dieser Beziehung wenig von unserer europäischen roten Knotenameise (Myrmica rubra) unterscheidet, teilen sich die beiden Arbeiterformen nicht in die Geschäfte, wenigstens betragen sie sich auf den Zügen ganz gleich. Diese wurden von Bates auf den sandigen Campos von Santarem selten gesehen, aber um so besser beobachtet, weil das Dickicht die Aussicht nicht versperrte. Die Heere bestehen aus vielen Tausenden, welche sich in breiten Kolonnen vorwärts bewegen; werden sie dabei gestört, so greifen sie den eindringenden Gegenstand mit derselben Wut an wie die anderen Arten. Bei einer Gelegenheit gruben sie am Hange eines Hügels in die lockere Erde Minen bis zu 26,2 em Tiefe, um dicke Ameisen (Formica) herauszuholen. Die vereinten Kräfte verdoppelten und verdreifachten den Eifer, mit welchem sie die Beute vorzogen und in Stücke zerrissen. Der Beobachter wünschte einige der angefallenen Ameisen zu sammeln und grub danach; das war jenen aber gerade recht, in ihrem Eifer nahmen sie ihm dieselben unter den Händen fort, und es kostete Bates wahre Mühe, einige unverletzte Stücke in Sicherheit zu bringen. Beim Anlegen der Minen, welche den Räubern den Weg zum Raube bahnen sollten, schienen die kleinen Arbeiter in verschiedene Abteilungen geteilt zu sein, indem die einen gruben, die anderen die Erdteilchen entfernten. Als sie tiefer eingedrungen waren und die Schwierigkeiten der Arbeit zunahmen, wurde der Handlangerdienst eingerichtet: den von unten Heraufkommenden nahmen die Kameraden, welche sie schon oben am Rande erwarteten, die Bürde ab und trugen sie weiter. Auch vertauschten fie bisweilen ihre Rollen, die Schachtarbeiter blieben draußen und jene fuhren ein, um die Erde bis zum Rande zu fördern. Sobald aber erst die Beute sichtbar wurde, griff alles zu, zauste und zerrte nach allen Richtungen, alles schleppte fort, so viel die Kräfte erlaubten, und marschierte damit den Abhang hinunter. Nach zwei Stunden waren die Nester so ziemlich ausgenommen, und in einzelnen Zügen bewegten sich die Sieger den Hügel hinab, trafen aber alle unten wieder in geschlossener Kolonne zusammen, welche sich 60—70 Schritte weit erstreckte und an einem steinharten Hügelchen ihr Ende erreichte.