Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
in der kurzen Frist von kaum 6 Monaten eine Zwingburg von solcher Ausdehnung gebaut, ein Staat gegründet und erzogen werden, alles das geschehen soll, was dem darauffolgenden Jahre ein Gleiches sichert? Für diese Dinge will die Zeit ausgekauft sein, werden Thaten, Entschlossenheit gefordert; das aber erscheint dem Bedächtigeren, lange erst Überlegenden als — Wildheit, Überstürzung!
Wie bei den Hornissen wird die Brut erzogen, und kaum ist die junge Bürgerin der Gemeinde zugeführt, so unterzieht sie sich den Arbeiten ihrer älteren Schwestern. Bauen, Jagen, Morden, Füttern und Erfrischung der eignen, so angespannten Kräfte füllen die kurze Lebenszeit aus. Im Herbst erscheinen neben den Jungfrauen Männchen und Weibchen, damit das Geschlecht nicht aussterbe; denn die Stammmutter hat sich nun abgenutzt. Wenn durch Paarung der Grund künftiger Geschlechter gelegt ist, währenddem im Staate alles seinen gewohnten Gang weiter ging, und schlimmere Zeiten endlich eine allmähliche Erschlaffung eintreten lassen, blitzt die alte Thatkraft noch einmal auf in einem Werke, welches die gewohnte Grausamkeit gegen andere dem eignen Geschlechte zuwendet. Die Larven und Puppen, welche noch im Neste sind, bisher so sorgsam gepflegt, werden nun unbarmherzig herausgerissen und dem Verderben preisgegeben. Eine allgemeine Aufgeregtheit löst die Bande der Ordnung. Bis auf die befruchteten Weibchen, welche sichere Verstecke aufsuchen, stirbt eine nach der anderen hin, und immer zahlreichere Leichen decken die Gefilde, frei auf kahler Erde liegend, oder im Grünen begraben, wenn die Kräfte noch ausreichten, um sich selbst eine solche Grabstätte zu erschleichen. So knicken endlich die ersten Nachtfröste die vormals so unbändige, keinen Widerstand anerkennende Kraft der — Wespen; öde und leer stehen die Stätten, die noch Zeugnis ablegen von ihren friedlichen Thaten.
Den Alten waren Hornissen und Wespen ihrem wilden Charakter nach bekannt, und denselben Sinn, wie unser heutiges Sprichwort, „in ein Wespennest stören“, hatte entschieden auch der bei Plautus vorkommende Ausdruck „erabrones irritare“. Hinsichtlich der Lebensweise begegnen wir noch manchen unklaren Vorstellungen. Der Wahrheit am nächsten kommend und zugleich am vollständigsten sind die Mitteilungen, welche wir bei Aristoteles (9, 28) lesen: „Es gibt zwei Arten von Wespen (sphex). Die eine Art umfaßt die selteneren wilden; diese leben im Gebirge, bauen ihre Nester nicht in die Erde, sondern in Eichen, sind größer, gestreckter, dunkelfarbiger und mutiger als die anderen, übrigens alle bunt und jede mit einem Stachel bewaffnet. Ihr Stachel ist auch verhältnismäßig länger und ihr Stich schmerzhafter. Sie leben auch den Winter über in hohlen Eichen, aus denen man sie selbst in dieser Jahreszeit fliegen sieht, wenn man daran pocht. Es gibt bei ihnen, wie bei den zahmeren, Mutterwespen und Arbeitswespen. — Auch bei den zahmen Wespen kommen zwei Sorten vor: Königinnen (hegemon), die man Mutterwespen (metra) nennt, und Arbeitswespen (ergates). Die ersteren sind weit größer und sanfter; die letzteren werden kein Jahr alt, sondern sterben alle, sobald der Winter eintritt, was man daraus schließen kann, daß sie, sobald die Kälte beginnt, ganz dumm werden und um die Zeit der Sonnenwende gar nicht mehr zu sehen find. Die Mutter: wespen dagegen überwintern in der Erde und werden oft beim Graben und Pflügen gefunden, nie aber Arbeitswespen. Die Fortpflanzung der Wespen geschieht auf folgende Weile: Sobald die Mutterwespen beim Herannahen des Sommers einen Platz mit guter Aussicht gewählt haben, bilden fie sogleich ein Wespennest (sphecon), das aber nur klein ist und etwa vier Zellen hat. In diesen entstehen nun Arbeitswespen, welche bald heran wachsen und größere Scheiben bauen, worin wieder Junge gezogen und dann wieder neue Scheiben angelegt werden, so daß gegen Ende des Herbstes die Wespennester am größten sind. Allein nun erzeugt die Mutterwespe keine Arbeitswespen mehr, sondern nur Mutterwespen. Diese bilden sich oben im Wespennest als größere Maden in vier oder etwas
mehr aneinander hängenden Zellen, fast wie die Könige in den Bienenstöcken. Sobald erst Arbeitswespen im Bau sind, arbeiten die Mutterwespen gar nicht mehr auswärts, sondern lassen sich von den ersteren das Futter zutragen: dies sieht man daran, daß jetzt die Mutterwespen gar nicht herumfliegen, sondern ruhig zu Hause bleiben. Ob die vorjährigen Mutterwespen, wenn neue ihresgleichen ausgekrochen sind, von den jungen Wespen getötet werden, oder ob sie noch länger leben können, ist noch nicht beobachtet. Die Mutterwespe ist übrigens breit, schwer, dicker und größer als eine Arbeitswespe und wegen ihrer Schwere im Fluge unbeholfener, kann daher nicht weit fliegen und bleibt immer im Neste, in dessen Innerem sie bildet und baut. Eine solche Mutter findet man in den meisten Wespennestern; allein man ist noch nicht darüber einig, ob sie Stacheln haben oder nicht. Indessen scheint es, als hätten sie, wie der Bienenkönig, zwar Stacheln, ohne sie jedoch hervorzustrecken und zu stechen. Unter den Arbeitswespen gibt es stachellose, gleich den Bienendrohnen, andere aber haben einen Stachel. Die Stachellosen sind kleiner und feiger, die Bestachelten aber größer und mutig. Diese nennen manche Leute Männchen, die Stachellosen dagegen Weibchen. Viele Wespen, die eigentlich einen Stachel haben, scheinen ihn gegen den Winter hin zu verlieren; doch kennt man noch niemand, der dies als Augenzeuge bestätigen kann. Die Wespen erzeugen sich namentlich in trockenen Jahren und in steinigen Gegenden. Ihre Scheiben bauen sie aus einem Gemisch von allerlei Dingen aus der Erde.“ — An einer anderen Stelle (5,20) heißt es: „Aus rinden= und spinnwebenartigem Stoffe — und jede geht von einem Anfangspunkt und einer Wurzel aus. Ihre Nahrung nehmen die Wespen von einigen Blumen und Früchten, meist aber leben sie von Tieren. Die Wespenbrut scheint nicht durch Geburt zu entstehen; denn sie ist gleich bedeutend groß.“ — An einer anderen Stelle spricht Aristoteles von Eiern, Maden, Puppen, aus denen die vollkommenen Wespen entstehen. — „Nimmt man eine Wespe bei den Füßen und läßt sie mit den Flügeln summen, so fliegen die Stachellosen, nicht aber die anderen herbei, woraus manche Leute den Schluß ziehen, daß jene Männchen, diese aber Weibchen seien. Des Winters fängt man zuweilen in Höhlen Wespen mit und andere ohne Stachel. Manche Wespen machen kleine Nester mit wenigen Zellen, andere große mit vielen. Von den Mutterwespen findet man viele zur Zeit der Sonnen: wende an Ulmen, wo sie klebrige und harzige Stoffe sammeln. Einst zeigte sich eine große Menge von Mutterwespen, nachdem es das Jahr vorher viele Wespen und viel Regen gegeben hatte. Die Wespen jagen an steilen Abhängen und Erdspalten, und alle diese scheinen Stacheln zu haben.“
Am Ende der ganzen Familie sei noch der sandwespenartigen Papierwespe (Belonogaster) aus Port Natal durch Wort und Bild gedacht. Kopf, Mittelleib und das dritte wie vierte Glied des ungemein langgestielten Hinterleibes sind schwarz, Gesicht, Mund, Fühler, Beine, die Flügelschüppchen ringsum, die Flügeladern teilweise und der übrige Hinterleib rot gefärbt. Wegen kurzer, anliegender und lichter Behaarung, welche den ganzen Körper bedeckt, nehmen die Farben einen etwas unreinen Ton an. Die gelben Flügel sind an der Spitze und am Saume schmal stark getrübt, und die zweite, an der Randzelle bedeutend verengerte Unterrandzelle nimmt beide rücklaufende Adern auf. Alles weitere ergibt unsere Abbildung. Weil mehrere Arten dieser Gattung bereits beschrieben sind, mir aber weder Beschreibung noch Wespen selbst zu Gebote stehen, unterlasse ich die Bestimmung der vorliegenden Art. Dieselbe ist sehr gemein in jenen Gegenden, zeigt besondere Vorliebe für menschliche Wohnungen, wird aber wegen ihres empfindlichen Stiches, den sie in der Augennähe dem Menschen beibringt, von den Eingeborenen ihrer Heimat allgemein gefürchtet. Im Spätherbst für dortige Gegend, in dem Mai für uns, wenn es
trocken und kühl wird, erscheint die Wespe einzeln in den Behausungen, um daselbst zu überwintern. Nachdem sie sich in einem Fenster, unter Abdächern derselben, in Schuppen oder unbewohnten Zimmern ein passendes Plätzchen ausgesucht hat, fertigt fie einen hornigen Stiel, welcher von seiner Anheftungsstelle, beispielsweise einer Thürpfoste, absteht und sich schwach nach unten neigt. Dieser Stiel wird am Ende mit einer kleinen Rosette von Zellen versehen, weiß, papierartig und zerbrechlich von Natur. Auf diesem Nestchen bringt sie den Winter zu, sucht aber zeitweilig an schönen Tagen das Freie auf. Im Frühjahr wird diese kleine Zellenreihe allmählich vergrößert, von außen konvex, von innen konkav, erst abwärts gebogen, dann umgeschlagen und, eine Schleife bildend, zu ihrem Ursprung zurückgeführt, um daselbst durch einen zweiten Stiel mit dem ersten verbunden zu werden. Es liegen mir drei Nester von etwas einfacherem Bau vor, die alle darin übereinstimmen, daß ihr schräg nach oben gerichteter Grund ausgehöhlt, ja zum Teil tief napfartig erscheint, und daß die äußersten Zellen, namentlich die am höchsten aufsteigenden, ungemein klein und kurz, zur Aufnahme von Brut unbrauchbar und gewissermaßen nur eine Umzäunung der Brutzellen sind. Eine einzelne dieser letzten ähnelt einer langgestreckten, unten etwas abgestumpf— il ten Papiertüte, und der Deckel der ges ee schlossenen bildet eine fast die Halbkugel „00 erreichende Kugelhaube. Diese Zellen stehen in nicht ganz regelmäßigen Reihen 0 nebeneinander und nehmen bei ihrer G. \ stalt am oberen Ende einen bedeutend ul 5 größeren Umfang ein als am unteren. Dem früheren Sendprediger Gueinzius in Port Natal, welcher bis zu seinem Tode und trotz seiner zerrütteten Gesundheit großes Interesse an derartigen Beobachtungen bewiesen hat, verdanke ich diese und andere Mitteilungen und Belegstücke. Einst hatte derselbe einer Wespe gestattet, ihr Nest innerhalb der Thürpfosten seiner Wohnung aufzuhängen, so daß es beim Durchgehen nur einige Zentimeter von seinem Scheitel entfernt war. Trotz des öfteren Zuschlagens der Thür und der dadurch erfolgenden Erschütterung des Nestes wurde er während mehrerer Monate der Bau- und Brutzeit nur einmal von einer jungen Wespe an der oben bezeichneten Stelle gestochen, ward aber für den Augenblick seiner Sinne fast beraubt. Kein Kaffer wollte sich der Thür auch nur nähern, geschweige durch dieselbe gehen. Die Wespen bewachen das Nest sorgfältig, richten sich bei der Annäherung eines fremden Gegenstandes alle hoch auf, mit den Köpfen nach jener Seite hin und summen unter starker Flügelbewegung. Dann ist aber der Augenblick gekommen, sich zu entfernen, Anfassen des Nestes würde für die Wespen ein Zeichen zum Angriff auf den Verwegenen sein. In vielen Stücken werden wir bei diesen Mitteilungen an unsere gallische Papierwespe erinnert.
Als bereits mehrere Zellen gedeckelt, jedoch noch keine Wespen ausgeschlüpft waren, brachte Gueinzius eine junge Wespe derselben Art herbei, welche von einem eingetragenen Neste stammte, um zu sehen, wie die Mutter sich wohl verhalten würde. Der Anblick war für ihn ein wahrhaft ergreifender. Kaum hatte die bisher noch Kinderlose den
jungen Ankömmling bemerkt, als sie die größte Freude an den Tag legte. Wie umarmend nahm sie ihn zwischen ihre Vorderbeine und beleckte ihn von allen Seiten mit dem größten Eifer, wie eine Ziege ihr Lamm, um ihn von dem überall anhaftenden krümeligen Staube zu reinigen. Wieder und wieder wurde ihr ein Stiefkind auf einer Feder herbeigebracht, aber alle wurden von ihr mit gleicher Freude begrüßt, mit gleicher Liebe angenommen und in der eben angegebenen Weise gereinigt. Obgleich noch sehr schwach und unsicher in ihren Bewegungen, jo übernahmen jene jungen Welpen doch jo-gleich Dienste und suchten durch Einbeißen und Schütteln der von Larven bewohnten Zellen jene zum Hervorkommen einzuladen, um ihnen einen Tropfen heller Flüssigkeit, der aus ihrem Munde kam, von ihnen also mit auf die Welt gebracht worden war, als Futter anzubieten. Konnten sie keine Larve und somit keine Verwertung für diesen Tropfen finden, so strichen sie ihn mit dem Vorderfuß ab und warfen ihn über den Rand des Nestes. Dieser Tropfen erschien bei allen jungen Wespen bald nach ihrem Ausschlüpfen.
Die Familie der Ameisen (Formicina) gehört gleichfalls zu den geselligen Aderflüglern, deren Gesellschaften sich zu gewissen Zeiten aus dreierlei Ständen zusammensetzen, den geflügelten Weibchen und Männchen und den stets ungeflügelten Arbeitern oder verkümmerten Weibchen. Dieselben treten selten bei den europäischen, häufiger bei den ausländischen Arten in 2—3 Formen auf, zeigen sich in der außergewöhnlichen Form besonders großköpfig und sind wohl auch als Soldaten von der gewöhnlichen Form unterschieden worden. Die Ameisenstaaten sind, wie die der Honigbiene, mehrjährig.
Der Kopf der Ameise ist verhältnismäßig groß, bisweilen sehr groß bei den Arbeitern, klein bei den Männchen. An ihm fallen die kräftigen Kinnbacken am meisten in die Augen, welche nur in seltenen Fällen walzig, meist breit gedrückt und an der Kaufläche schneidig oder gezahnt erscheinen. Unter ihnen verborgen liegt der Unterkiefer mit nur einem Lappen und 1—6gliederigen, walzigen Tastern. Die Lippentaster bestehen aus 2— 4 gleichfalls walzigen Gliedern, und die Zunge gelangt nicht zu der Entwickelung wie bei den übrigen geselligen Immen. Von Wichtigkeit für die Einteilung sind die sogenannten Stirnleisten, die nach außen freien, nach innen mit der Kopffläche verwachsenen leistenartigen Vorsprünge, welche über den Fühlern beginnen und nach hinten und oben gleich-, auseinanderlaufend und geradlinig oder 8-förmig gebogen sind. Die Fühler gehören der gebrochenen Form an, wenn auch bisweilen bei den Männchen infolge des kurzen Schaftes weniger deutlich, und ihre 9— 12gliederige Geißel ist fadenförmig oder nach der Spitze hin mehr oder weniger keulenförmig angeschwollen. Die drei Punktaugen auf dem Scheitel fehlen den Arbeitern häufig.