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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Honig vermischt wird, wenn solcher zu haben ist. Von oben fällt die Hornisse wie die Wespe über die ausersehene Beute her, wirft sie zu Boden, beißt ihr Beine und Flügel ab, setzt sich dann mit ihr auf den Zweig eines benachbarten Baumes, kaut den Teil, welchen sie eintragen will, gründlich durch und trägt ihn nach vollendeter Arbeit zwischen den Freßzangen nach Hause. Hier angelangt, setzt sie sich auf die Wabe, nimmt das Futter wie den Baustoff zwischen die vordersten Kniee, knetet es nochmals durch, beißt Stückchen los und legt sie den schon größeren Larven auf den Mund, der Reihe nach jeder ein Stückchen, bis sie alles verteilt hat. Diese Art, die erwachsenen Larven zu füttern, gibt der Pfarrer P. W. F. Müller an, welcher in seinem Bienenstande einst Gelegenheit hatte, ein solches Nest entstehen zu sehen; solange die Larven noch klein waren, konnte er die

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Weibchen der Hornisse (Vespa erabro), a in der Rücken-, b in der Seitenansicht, e ein Wabenstück mit gedeckelten und leeren Zellen, d Larve, e Puppe. (d und e etwas vergrößert.)

Art der Versorgung nicht beobachten; er selbst reichte ihnen auf einem Stäbchen dicken Honig, welchen sie mit derselben Gier verzehrten wie das von der Mutter gereichte Futter. Wenn die Made am neunten Tage ihres Alters erwachsen ist, füllt sie nicht nur die Zelle ganz aus, sondern ragt sogar ein Stückchen aus ihr hervor, darum hat der Deckel, mit welchem sie selbst ihre Klause zuspinnt, eine vollkommen halbkugelige Gestalt. Daß er aus einem Gespinst und nicht aus der Zellenmasse besteht, habe ich an meinem Neststückchen sehr deutlich wahrgenommen. Jetzt erst, nachdem die Zelle geschlossen ist, darf die Made wagen, hinten von ihr loszulassen, ohne herauszufallen, und muß loslassen, damit sie ein glasartiges Gewebe um sich spinnen kann. Ist dieses auch fertig, so streift sie ihre Haut ab und wird zu einer Puppe. Nach abermals 14 Tagen kommt die junge Hornissenarbeiterin herausspaziert, welche mithin alles in allem vier Wochen zu ihrer Ausbildung bedarf. Sobald sie den ersten Schreck über das vollkommen Ungewohnte ihrer Lage überwunden, putzt sie sich Fühler und Beine, kriecht dann zurück in ihre Wiege, um sie vollkommen zu säubern und zur Aufnahme eines zweiten Eies vorzubereiten. Welch Muster von Ordnungssinn und Sauberkeit, nicht angelernt, sondern angeboren! Findet

Weibchen der Horniſſe (Vespa erabro), a in der Rücken-, b in der Seitenanſicht, e ein Wabenſtück mit gedeckelten und leeren Zellen, d Larve, e Puppe. (d und e etwas vergrößert.)

sie schon Schwestern vor, so nimmt sie der ersten besten, welche mit Futter ankommt, ein Stückchen ab, verfüttert es, und nachdem sie zwei Tage in dieser Weise sich häuslichen Geschäften gewidmet hat, fliegt sie mit den Schwestern aus, geht auf die Jagd, bringt Baumaterial und vergißt nicht, auch für ihre eigne Erhaltung Sorge zu tragen. Bald reicht die erste Bruttafel nicht mehr aus, man führt ein Säulchen auf, fängt die zweite in einem Zwischenraum von etwa einer Zellenlänge an, vermehrt nach Bedürfnis die Pfeiler, welche keine bestimmte Stelle einnehmen, aber um so zahlreicher werden, je größer der Wabenboden ist. Je nach der Witterung, ob dem Bauen und dem Jagen auf Futter günstig oder nicht, wächst das Nest schnell oder langsam. Ein mir vorliegendes, in seinem unteren Hüllenteil zerbrochenes und noch unvollendetes enthält fünf Waben und mißt in der Höhe 31,4 em, im Durchmesser des Mantels an der fünften Wabe 47 em, ein Bau, welcher entschieden aus einem höchst günstigen Hornissenjahr herrühren muß. Ein vollendetes, freihängendes Nest hat nahezu Kugelgestalt, behält unten und seitlich im Mantel eine Offnung zum Aus- und Einfliegen und wird an dieser Stelle mit Schildwachen ver: sehen, welche bei Annäherung einer Gefahr sich zurückziehen, um die Einwohner zu benachrichtigen, die mit Wut auf den Angreifer stürzen und Gebrauch von ihrer giftigen Waffe machen. Von der zweiten Hälfte des September an, besonders aber im Anfang des Oktober, werden nun auch Männchen und fruchtbare Weibchen geboren. Ob hier in Bezug auf die Eier die gleichen Verhältnisse stattfinden wie bei der zahmen Honigbiene, ist wohl noch nicht untersucht worden, ebensowenig ermittelt, welche Verhältnisse auf die Entwickelung eines fruchtbaren Weibchens einwirken; anders gerichtete königliche Zellen habe ich in keinem Hornissennest entdecken können, wohl aber einzelne in den Reihen, welche sich durch bedeutendere Länge und größeren Umfang auszeichnen. Mit dem Herannahen der rauhen Jahreszeit, nachdem sich die Pärchen zusammengefunden haben, wird, wie Réaumur erzählt, die noch vorhandene Brut von den bisher jo sorgsamen Pflegerinnen selbst heraus: gerissen und dem Verderben preisgegeben, indem sich diese in wilde Furien gegen die eignen Pfleglinge verwandeln. Sollte dieses Verfahren bei Hornissen und Wespen Regel sein, was ich unentschieden lassen möchte, jo würde es für einen weiteren scharfen Gegen: satz sprechen, welcher im friedlicheren Charakter der Vegetarianer, wie der Hummeln und Honigbienen, und dem wilderen der fleischfressenden Faltenwespen besteht. Bis auf die befruchteten Weibchen, welche in den gewöhnlichen Verstecken Schutz vor dem Winter suchen und finden, gehen die Arbeiter und Männchen nach und nach zu Grunde, und die Herrschaft dieser sonst gefürchteten Tiere ist zu Ende. Daß sie sich bei der nötigen Vorsicht und richtigen Behandlung auch zähmen lassen, geht aus den interessanten Mitteilungen des oben erwähnten Pfarrers hervor, welcher den Bienenkorb, worin der Bau angelegt war, von seinem Platze wegtragen, ihn beliebig aufdecken durfte, auch seinen Kindern und Freunden den Genuß an dem wunderbaren Treiben dieser Tiere verschaffen konnte, ohne je von den sonst wilden und unbändigen Bestien belästigt zu werden. Der Staat, von dem er erzählt, nahm übrigens ein trauriges Ende: die Mutter-Hornisse, welche fort und fort aus- und einflog, kam eines Tages nicht wieder, der Eifer der Arbeiter ließ merklich nach, und allmählich stand der ganze Bau verwaist da.

Alles übrige Getier aus der Gattung Vespa, welches unsere heimischen Gefilde den Sommer und Herbst über belebt und sich beim Einheimsen des Erntesegens in den Obstgärten und Weinbergen mehr beteiligt, als dem Besitzer lieb ist, gilt dem ungeübten Auge unterscheidungslos als Wespe. Der schärfer prüfende Systematiker kennt aber mehrere Arten, deren Namen die wirklich vorhandenen an Zahl weit übertreffen und darthun, daß die Ansichten geteilt und Irrtümer nicht ausgeschlossen sind. Da ermüdende Beschreibungen

notwendig sein würden, um die so ähnlichen Arten alle mit Sicherheit festzustellen, mögen hier einige Bemerkungen über Unterschiede in der Lebensweise in den Vordergrund treten.

Leicht läßt sich noch die rote Wespe (Vespa rufa) an der roten Hinterleibswurzel von den übrigen unterscheiden. Sie lebt in nur kleinen Staaten, so daß sie für unsere

Gegenden wenigstens als selten bezeichnet werden muß, kommt übrigens auch in Nordamerika vor. — Unter der Erde bauen die gemeine Wespe (Vespa vulgaris), welche auf Madeira, in Nordafrika, Nordamerika und überall häufig in Europa fliegt und am gelben Kopfschilde mit einem nach unten erweiterten, schwarzen Längsstriche gezeichnet zu sein pflegt, sowie die deutsche Wespe (Vespa germanica), meist mit drei schwarzen Punkten an der bezeichneten Stelle bei Weibchen und Arbeitern. Ihr Beiname ist unglücklich gewählt; denn sie überschreitet nicht nur in Europa vielfach Deutschlands politische Grenzen, sondern fliegt auch in Syrien, in dem nördlichen Indien, in Algerien und Amerika. Alle drei Arten stimmen in der Bildung ihres Kopfes insofern überein, als der untere Augenrand beinahe an die Wurzel der Kinnbacken stößt.

Die mittlere Wespe (Vespa media), bei uns ebenso gemein wie die beiden vorangehenden Arten und in der gelben Färbung des Hinterleibes getrübter, mehr braungelb, weniger rein wie alle übrigen, kommt in manchen Jahren stellenweise in ungewöhnlichen Mengen vor, wie in dem trockenen Sommer 1886 in den Gegenden des Schliersees (bairisches Oberland) nach einer mir von H. Morin zugegangenen Mitteilung. Die auch im Hausinneren durch die Zeit geschwärzten Balken und Schindeln des 400jährigen „Probstbauernhofes“ waren von den nestbauenden Wespen ihrer Oberfläche in einer Weise beraubt, daß sie wie neu aussahen. Als den Hausbewohnern der Lärm durch das Gesumme und die sonstige Belästigung durch die ungebetenen Gäste zu arg geworden war, stieß der Sohn vom Hause, mit seinem Imkeranzuge bekleidet, Hunderte von Nestern, manche bis zur Größe eines Menschenkopfes, von den Balken des Hausbodens herab. Als einige Tage später, nachdem sich der hierdurch hervorgerufene Aufruhr unter den Wespen gelegt hatte, H. Morin das Schlachtfeld betrat, fand er von den Trümmern der zerstörten Nester noch wenig vor. Das Material war zerkleinert und zur Anlage neuer Nester wieder nach den Balken getragen worden, wo sich schon faustgroße Nester zeigten. Einige von den Waben am Fußboden waren gleich als neue Nestanlage benutzt und mit einem Mantel umgeben worden. Die Waldwespe (Vespa silvestris Scop. oder V. holsatica F.) und einige andere seltenere und etwas unklare Arten haben zwischen den beiden eben genannten Kopfteilen einen merklichen Zwischenraum und heften ihre Nester in das Laub von Bäumen und Sträuchern, mindestens über der Erde irgendwo fest. Dieselben bestehen aus einer papierähnlichen Masse, welche die Wespen aus der abgeschabten Oberfläche verwitterten Holzes mit Vermischung ihres Speichels herstellen. Jedenfalls hat der Ulmer Papierfabrikant, welcher über seinen Erzeugnissen auf der Wiener Weltausstellung 1873 ein Wespennest aufgehängt hatte, damit andeuten wollen, daß die Fabrikanten die Welt längst schon mit so schlechtem, wie dem heutigen Papier, beglückt haben würden, wenn sie sich früher an den Wespen ein Vorbild genommen hätten. Die Nester werden genau nach demselben Plane erbaut wie die der Hornisse, und die frei aufgehängten haben vor den unterirdischen oder in hohlen Bäumen angebrachten den Vorteil voraus, daß sie keine Rücksicht auf die beengende Umgebung zu nehmen brauchen und ihre natürliche Form zur Geltung bringen können. Sie haben die Form eines Eies oder einer Zitrone, an der Seite des unteren Mantelendes das Flugloch und im Inneren je nach ihrer Größe mehrere Stockwerke von Waben, deren mittelste natürlich die äußersten an Umfang übertreffen.

Die Waldwespe lebt in sehr schwachen Gesellschaften beisammen und baut daher nur kleine Nester. Ich fand ein solches, noch unvollendetes, von jungfräulichem Aussehen, dessen

Stammmutter entschieden zu Grunde gegangen sein mußte. Weißgrau von Farbe, hing es in der Größe einer stattlichen Walnuß unter einem Winkel von ungefähr 45 Grad an einem Weidenzweiglein. An seinem Grunde war es von einer napfförmigen Außenhülle wie von einer Manschette umgeben, entschieden die noch unfertige zweite Umhüllung des Doppelmantels, welchen jedes vollendete Nest dieser Art umgibt. Das Spitzenende der inneren Umhüllung war in einer Rundung von 11 mm Durchmesser als Flugloch offen gelassen und gestattete einen Blick in das Innere. Am Grunde der Höhle saß eine Rosette von 12 sechsseitigen, nach hinten verengerten Zellen, deren mittlere länger und vollkommener waren als die seitlichen. Der Mantel von Vespa media und anderen setzt sich aus muschelförmig gewölbten Stückchen zusammen, welche sich ähnlich den Dachziegeln decken und nur an ihren Wurzeln und Seitenrändern zusammenhängen, in der Fläche voneinander klaffen und blasenähnliche Hohlräume bilden. Ich besaß einige Nester der genannten Art, welche die Länge einer unserer Druckseiten ziemlich erreichen und die Breite etwas übertreffen, so daß eine Abbildung in natürlicher Größe hier nicht gegeben werden könnte.

Die Frechheit und zügellose Wildheit der Wespen kennt ein jeder zur Genüge, auch wenn er nicht, wie es mir einst in meiner Kindheit widerfuhr, von einem ganzen Schwarme überfallen und unbarmherzig zerstochen worden ist, weil er harmlos und völlig unkundig des Nestes den Fußpfad wandelte, neben welchem dessen Eingang lag. Vor einigen Jahren machten ein Hirtenhund und seine Gesellschaft eine gleiche Erfahrung. Auf einem Gute weideten Kühe. Die betreffende Stelle war von zahlreichen Maulwurfshügeln durchsetzt. Auf einem dieser sitzt der Hund, ein treuer Wächter seiner Herde. Mit einem Male vollführt derselbe ein entsetzliches Geheul und stürzt sich verzweiflungsvoll in das nahe vor-beifließende Wasser. Der Kuhhirt, zunächst nicht ahnend, was geschehen, eilt seinem treuen Tiere zu Hilfe, lockt es herbei und findet es mit Wespen gespickt. Noch damit beschäftigt, die durch das Wasserbad etwas abgekühlten Bestien von ihm zu entfernen, bemerkt er im Eifer nicht, daß auch er auf einem Vulkane steht. Die gereizten Tiere kriechen an seinen Beinen, innerhalb deren Bekleidung, in die Höhe, und auch er muß schließlich im Wasser einige Linderung für die ihm beigebrachten Stiche suchen. Immer größer wird die Verwirrung. Jene Maulwurfshügel sind von zahlreichen Schwärmen bewohnt, welche man bisher nicht beachtet hatte. Auch die weidenden Kühe waren einigen in den Weg gekommen, und auch sie wurden von den in wilde Aufregung versetzten Wespen angegriffen. Das Brüllen aller und sich in das Wasser stürzen war die Folge und der Kampf ein allgemeiner. Es kostete große Mühe und die Mitwirkung vieler Kräfte, um allmählich die Ordnung wiederherzustellen. Versuche, jene Nester zu zerstören und die Stelle für das weidende Vieh zugänglich zu machen, blieben erfolglos. Die Wespen waren in jenem Jahre zu zahlreich und blieben Herren der Lage und der Ortlichkeit. Wenn eine mit ihrem lauten und drohenden Tsu! Tsu! Tsu! zum Fenster hereinkommt, erregt sie Furcht und Schrecken. Eine Fliege, eine Spinne, ein Stückchen Fleisch oder irgend welche Süßigkeit sucht sie hier und achtet nicht der Verfolgungen, denen sie ausgesetzt ist, da dem rechtmäßigen Bewohner der Besuch nicht galt. Unter demselben Gesumme entfernt sie sich wieder, wenn sie das Gesuchte nicht fand; ein Fleischladen in der Nachbarschaft, die Körbe voll Obst, hinter denen die sonnegebräunte Hökerin mit Argusaugen Wache hält, der zur Schau gestellte Pflaumenkuchen im Bäckerladen: das sind ihre Tummelplätze, wo sie Fliegen, Fleisch und Süßigkeiten zu reicher Auswahl findet, wenn sie die ländlichen Gefilde zur Abwechselung einmal mit dem Leben in der Stadt vertauscht hat. „Die hat den Kognak gerochen“, sagte auf dem Züricher See ein Mitreisender, der eben aus seiner Feldflasche einen Schluck gethan hatte und sich nun einer zudringlichen Wespe kaum erwehren konnte. Ihre Wildheit, ihre Eile, wer sollte sie der Wespe nicht verzeihen, wenn er bedenkt, daß

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