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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Der Mittelleib bietet bei den geflügelten Ameisen keine besonderen Eigentümlichkeiten, dagegen erscheint er ungemein schmal, nach oben stumpfkantig hervortretend bei denen, wo er nie Flügel zu tragen bekommt, und er ist es hauptsächlich, welcher dem ganzen Körper den Ameisencharakter verleiht und einen Arbeitervon den anderen Geschlechtern unterscheiden lehrt, selbst wenn diese ihre Flügel verloren haben. Letztere sitzen ziemlich lose und fallen aus, sobald die Paarung erfolgt ist. Ihr Geäder ist dürftig: eine vorn nicht immer geschlossene Randzelle, eine, in seltenen Fällen zwei geschlossene Unterrandzellen, 1— 2 Mittelzellen nebst den beiden Schulterzellen bilden den ganzen Reichtum. Die Beine sind schlank, Hüften und Schenkel nur durch einfachen Schenkelring verbunden, wie bei allen Raub- und Blumenwespen, und die Füße fünfzehig. Der dem etwas konkaven ersten Fußgliede der Vorderbeine entgegengestellte Schienensporn ist inner⸗

seits borstig bewimpert und bildet samt dem an gleicher Stelle bewimperten ersten Fußgliede das Werkzeug, mit welchem die Ameise sich reinigt, namentlich Fühler, Taster und sonstige Mundteile abbürstet.

Der Hinterleib besteht aus sechs, beim Männchen aus sieben Ringen und ist immer in einer Weise gestielt, daß man bei seiner Formbestimmung den Stiel für sich und den Hinterleib für sich, jenen also für ein besonderes Mittelgebilde zu betrachten pflegt, welches dem Hinterleib entschieden eine große Beweglichkeit verleiht. Das Stielchen ist entweder ein⸗ oder zweigliederig und bildet im ersten Falle einen Knoten zwischen dem Hinterrücken und Hinterleib oder einen an den Ecken gerundeten Würfel (Typhlopone), in der Regel aber sitzt auf seiner Oberseite eine von vorn nach hinten gerichtete viereckige, gerundete, oben mehr oder weniger aufgerichtete Querleiste, die sogenannte Schuppe, in selteneren Fällen ist seine ganze Erstreckung platt gedrückt (Tapinoma). Bei einem zweigliederigen Stielchen stellt das zweite Glied einen kugeligen oder nach den Seiten hin verbreiterten, das erste einen gestielten Knoten dar. Der Hinterleib, nur mit einer Ausnahme (Crematogaster) an seinem Unterrande dem Stielchen angewachsen, hat einen kugeligen, ovalen, länglich elliptischen oder herzförmigen Umriß und schnürt sich nur in seltenen Fällen zwischen zwei Ringen ein. Bei den Männchen zeigt die letzte Bauchschuppe (Afterklappe, Ventralklappe) besondere Verschiedenheiten und bedeckt die Geschlechtswerkzeuge, wenn sie klein sind, oder läßt die oft sehr großen teilweise frei. Durch diese Teile, durch den kleinen Kopf, längere und dünnere Beine, schmälere Kinnbacken und infolge der um eins vermehrten Gliederzahl an Hinterleib und Fühlergeißel unterscheiden sich die Männchen leicht von ihren Weibchen, verlieren auch nach dem Schwärmen die Flügel nie wie diese. Die weiblichen und arbeitenden Ameisen, bissige Geschöpfe, lassen eine kräftige, nach ihnen benannte Säure in die Wunde fließen, und zwar aus der zu diesem Zwecke nach vorn gebogenen Hinterleibsspitze, andere führen, wie die Stechimmen, einen Stachel und wehren sich mit diesem. In beiden Fällen erzeugt die der Wunde mitgeteilte Ameisensäure Brennen und schwache Entzündung.

Die wurmförmigen, fußlosen Larven bestehen aus zwölf nicht immer unterscheidbaren Ringen, einem nach oben gebogenen, hornigen Kopfe und sind von weißlicher Farbe. An letzterem unterscheidet man stummelhafte Kinnbacken, fleischige, zu einem Stück vereinigte, vorn ausgerandete Unterkiefer, jederseits mit zwei großen Borstenhaaren bewehrt, eine fleischige, zurückziehbare Unterlippe, aber keine Augen. Mit wenigen Abweichungen ist der Körper nach vorn verdünnt, hinten dicker, stumpf gerundet und mit spaltförmiger Afteröffnung versehen. Diese durchaus unselbständigen Larven können sich nicht von der Stelle bewegen und müssen gefüttert werden. Sie sind in ihrer ersten Jugend von allen Ständen übereinstimmend und unterscheiden sich nur später durch unbedeutende Formveränderungen, auffälliger aber durch die Größenverhältnisse. Mag der Unterschied zwischen Männchen und Weibchen im Ei verborgen liegen, der zwischen Weibchen und Arbeitern in ihren verschiedenen Formen bildet sich wahrscheinlich erst im Larvenstand aus, durch welche Verhältnisse aber, wissen wir nicht; denn daß es durch veränderte Kost sei, wie bei der Honigbiene, läßt sich darum nicht annehmen, weil diese immer nur in ausgebrochenen Flüssigkeitstropfen der fütternden Arbeiter besteht: die reife Larve fertigt bei den einen ein längliches, schmutzig weißes oder bräunliches Gespinst, in welchem sie zu einer gemeißelten Puppe wird. Diese eingehüllten Puppen bilden unter dem falschen Namen der „Ameiseneier“ als beliebtes Futter für gewisse Stubenvögel einen Handelsartikel. Andere spinnen niemals, und wieder andere halten insofern die Mitte zwischen beiden, als sich nackte und eingehüllte Puppen beisammen im Neste finden. In einem solchen Falle ist die Spinnfähigkeit der Larven erwiesen und anzunehmen, daß diejenigen, welche nicht

spinnen, durch die Fütterung oder durch sonstige Verhältnisse nicht hinreichenden Spinnstoff in ihren Drüsen zur Entwickelung bringen konnten. Die mit zweiknotigem Hinterleibsstiel ausgerüsteten Ameisen spinnen als Larven der Regel nach nicht.

Wie alle Aderflügler, so ernähren sich die Ameisen vorherrschend von Süßigkeiten, mögen diese tierischen oder pflanzlichen Ursprunges sein. Mit großer Vorliebe gehen sie den Blatt- und Schildläusen nach, um deren flüssige Ausscheidungen aufzulecken. Daher finden sich Ameisen auch immer zahlreich da ein, wo die Blattläuse hausen, denen sie kein Leid anthun. So füttern sie auch nur mit wasserhellen Tropfen, die sie aus der Mundöffnung treten lassen, die Larven, Männchen und Weibchen ihres Nestes oder einen anderen Arbeiter ihrer Gesellschaft, welcher sie anbettelt. Bei unseren heimischen Arten werden keine Vorräte gefunden, während gewisse Arten in wärmeren Erdstrichen solche eintragen, und zwar Samen von Gräsern und Getreide, wovon schon die Dichter des Altertums zu berichten wußten. Außer den Nahrungsmitteln bezeichneter Art bedürfen die Ameisen auch einen gewissen Feuchtigkeitsgrad, und dieser bestimmt auch den Ort ihrer Nestanlage. Die meisten Ameisennester finden sich in der Erde. Forel hat in den „Neuen Dent-schriften der allgemeinen Schweizerischen Gesellschaft für die gesamten Naturwissenschaften“ (Zürich 1874) seine schätzbaren Beobachtungen über die Schweizer Ameisen niedergelegt und auch dem Nestbau einen umfangreichen Abschnitt gewidmet. Er unterscheidet: 1) Erdnester, welche entweder einfach gegraben oder wenigstens teilweise gemauert und mit einem Erdhügel versehen, oder unter einem schützenden Steine angelegt sind. 2) Holznester, welche im noch zusammenhängenden Holze in ähnlichem, zum Teil regelmäßigerem Verlaufe in den dauerhafteren Stoff gearbeitet sind, wie jene in die feuchte Erde. Die festeren Jahresringe bleiben meist als Wände stehen, und der Verlauf der Holzfaser bestimmt den Verlauf der Gänge und Hohlräume. Es kommen bei diesem Nestbau bisweilen höchst wunderliche Gebilde zu stande, wie ein Stammstück im Vordergrund rechts von dem Ameisenhaufen unserer beigehefteten Tafel „Rote Waldameise“ zeigt. Gewisse kleine Arten, deren Gesellschaften wenig zahlreich sind und der Gattung Leptothorax angehören, minieren in der dicken Borke alter Bäume wenige flache Kammern, welche unter sich in Verbindung stehen. Da die im Holze nistenden Ameisen gesunde Bäume nie krank machen, wohl aber an den kranken den Stoffwechsel beschleunigen und namentlich die alten Baumstümpfe als die Brutstätten manchen Ungeziefers schneller zur Verwesung bringen, so werden sie von dem Forstmann als Bundesgenossen angesehen und geschützt. 3) Eingehüllte Nester (nids en carton) werden in der Schweiz nur von Lasius fuliginosus gebaut, einer Art, deren Drüsen vorherrschend entwickelt sind und ein Bindemittel liefern, mit welchem im Holze durch Aufmauern von zusammengekneteten Holzspänchen die inneren Räume aufgebaut werden. Hierher mögen die Nester gehören, welche die sogenannten Comehens auf Puerto Rico oder die nachher zu erwähnenden „stallfütternden Ameisen“ anlegen. Erstere bauen gewöhnlich zwischen Baumästen riesengroße Nester wie Bienenkörbe und überwölben überall, an den Asten, dem Stamme, den Blättern, an Steinen und an dem Erdboden die zu denselben führenden Straßen mit einer gegen Licht und Regen schützenden Bedeckung, welche eine innere Weite vom Durchmesser einer Federspule hat. Dieselben Comehens dringen aber auch in die Häuser ein, durchbohren hölzerne Gerätschaften und weichen bei ihren Märschen nur dann von der geraden Linie ab, wenn undurchdringliche Hindernisse in den Weg treten. Als vierte Form bezeichnet Forel die Nester von zusammengesetzter Bauart, zu denen die allbekannten aus Pflanzenstoffen, besonders kleinen Holzstückchen zusammengetragenen Haufen unserer roten Waldameise, die wir später noch näher kennen lernen werden, einen Beleg liefern. Hierher gehören auch die

Boke Waldameise.

Role Waldame i I

Bauten in alten Baumstümpfen, wo das zerfetzte Holz ebenso wie bei den Erdbauten die Erde benutzt wird, um haltbare Gänge und Kammern in dem Mulme herzustellen. 5) Zu den abweichenden Nestern werden diejenigen gerechnet, welche sich unter den vorigen nicht unterbringen lassen, wie diejenigen in Mauerritzen, Felsspalten, menschlichen Wohnungen ꝛc. Diese Andeutungen mögen genügen, um die große Mannigfaltigkeit im Nestbau zu erkennen; für die bestimmte Ameisenart ist dieselbe nicht charakteristisch; denn es gibt kaum andere Kerfe, welche sich bei der Anlage ihrer ausgedehnten Wohnungen so in die Verhältnisse zu schicken wissen, wie die Ameisen. Wenn auch bestimmte Arten fast aus: schließlich unter Steinen in die Erde bauen, gewisse (Camponotus) mit Vorliebe im Holze, so richten sich doch die bei weitem meisten heimischen wenigstens nach den dargebotenen Verhältnissen und gehen darin jo weit, daß fie verlassene Nester beziehen, daß die Holzbewohner sich in holzigen Gallen verschiedener Gallwespen häuslich einrichten, sobald jene ihre Behausungen verlassen haben.

Je kleiner die Gesellschaft, desto einfacher das Nest; je größer, desto mehr Gänge und Hohlräume dehnen sich in der Ebene und in Stockwerken übereinander aus und bilden ineinander verlaufende Irrgänge, welche durch Wände, Pfeiler, Stützen der stehen gebliebenen oder hier und da aufgebauten Stoffe (Erde, Holz) voneinander getrennt und gestützt werden. Bestimmte Wege führen nach außen, oft in weitere Entfernungen, und stellen die Verbindung des Nestes mit den Weideplätzen der Bewohner her. Nicht selten findet man größere Bodenflächen mit zahlreichen Nestern einer Art besetzt, welche alle untereinander in Verbindung stehen, während umgekehrt unter einem Steine 2—3 Arten von Ameisen in so naher Nachbarschaft leben, daß sich die Gänge der einen zwischen die der anderen winden und dennoch Scheidewände die einzelnen Baue vollkommen voneinander abschließen.

Das Bauen und Erhalten der Nester nicht nur, bei welchen Arbeiten Kinnbacken und Vorderschienen die Hauptrolle spielen, sondern auch die häuslichen Geschäfte fallen den Arbeitern anheim, und diese sind, wie wir sogleich sehen werden, hinsichtlich der Fürsorge für die Brut wahrlich keine leichten. Bei denjenigen Ameisen, deren Arbeiter in verschiedenen Formen auftreten, scheint bis zu einem gewissen Grade Arbeitsteilung einzutreten, wenigstens hat man beobachtet, daß die großköpfigen, sogenannten Soldaten, welche bei den Streifzügen nicht die Verteidiger, sondern mehr die Ordner und Führer bilden, mit ihren größeren Kinnbacken das Fleisch und die sonstige Beute zerschroten und die zarter gebauten Arbeiter dadurch in die Lage versetzen, ihren Kräften entsprechende Stückchen wegschleppen zu können. Überdies können wir oft genug beobachten, daß da, wo für den einzelnen Arbeiter die Kraft nicht ausreicht, ein zweiter und dritter zu Hilfe kommt und mit vereinten Kräften oft unmöglich Scheinendes erreicht wird. In der Vereinigung fühlt sich die Ameise überhaupt nur stark und zeigt nur dann ihren vollen Mut und ihre Kampfeslust, wenn sie auf Beihilfe von ihresgleichen rechnen kann; als einzelne oder fern vom Neste weicht sie jedem Zusammenstoß gern aus. Aber auch hiervon machen einige Arten eine Ausnahme.

Die Brutpflege erstreckt sich hier auf Eier, Larven und Puppen. Erstere, frisch gelegt, sind länglich, weiß oder lichtgelb, schwellen aber vor dem Ausschlüpfen an, biegen sich an dem einen Ende etwas und werden glasig. Nachdem sie vom Weibchen in einer Kammer auf ein Häufchen gelegt worden sind, werden sie von den Arbeitern wieder aufgenommen, fleißig beleckt, wie es scheint, hierdurch mit einer nährenden Feuchtigkeit versehen, in einem oberen Stockwerk des Hauses aufgehäuft, wenn es warm wird, oder tiefer geschafft, wenn die Witterung rauh und unfreundlich ist. Dasselbe wiederholt sich mit den Larven, die außerdem mit den ausgebrochenen Tropfen gefüttert, beleckt und von dem anhaftenden Schmutze gereinigt werden. Auch die Puppen werden den ihrem Gedeihen e

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.

Witterungsverhältnissen nach umgebettet, hier- und dorthin getragen, und wer hätte nicht schon gesehen, wie beim Aufheben eines Steines, unter welchem fie während des Sonnenscheines an der Oberfläche des Baues liegen, die sorgsamen Pflegerinnen sogleich heraufgestürzt kommen, eine ergreifen und damit eiligst im Inneren der Gänge verschwinden, um sie vor der Störung von außen zu schützen und in Sicherheit zu bringen. Als Trage dienen bei diesen Arbeiten die Kinnbacken; in der Eile wird auch manchmal eine Bürde verloren, und da sind es die Fühler, welche allein nur das Wiederauffinden vermitteln. Selbst dann noch, wenn die junge Ameise im Begriffe steht, ihre Puppenhülle zu verlassen, sind die Schwestern hilfreich bei der Hand, zerreißen das Gespinst und unterstützen das Befreiungswerk, welches in den meisten anderen Fällen dem neugeborenen Kerbtier allein überlassen bleibt. Somit erreicht bei den Ameisen die Brutpflege den höchsten Grad der Entwickelung unter allen gesellig lebenden Hautflüglern. Bedenken wir nun, daß ohne Beihilfe von Flügeln die eigne Nahrung und durch sie der Überschuß für die Brut zu bestimmten Zeiten für die zahlreichen Weibchen und Männchen herbeigeschafft werden muß, die alle nicht selbst für ihre Erhaltung sorgen, daß die Anlage, Erweiterung und Erhaltung des Nestes, alle diese mühsamen Verrichtungen dem Arbeiterstande zufallen, so ist es eben nur durch dessen Emsigkeit möglich, den schweren Pflichten nachzukommen, und er würde schließlich der Arbeit unterliegen, wenn nicht durch das Schwärmen der Überfüllung des Nestes und einer Überbürdung der Arbeiter von der Natur vorgebeugt worden wäre; doch hiervon später.

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