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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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1) Geſtielte Schenkelweſpe (Smicra clavipes). 2) Pteromalus puparum. 3) Skizzen verſchiedener Chalcidier. Alles vergrößert.

gedrungenen Formen, welche wir auf dem Eichenlaub erblicken, vom herrlichsten Stahlblau und Metallgrün erglänzend, leben in verschiedenen Gallen. Die gelbfleckige 55Schenkelwespe (Chaleis clavipes) findet sich oft sehr zahlreich auf Eichenblättern und bewegt sich mehr hüpfend als fliegend; sie geht entschieden hier mehr den Süßigkeiten der Blattlausauswürfe als dem Brutgeschäft nach. Umstehend erblicken wir in starker Vergrößerung die größte heimische Form in der gestielten Schenkelwespe (Smiera clavipes, Fig. 1, S. 325), welche die Länge von 6 mm und darüber erreicht. Sie läßt sich so leicht nicht zwischen den übrigen sehen, denn vom Mai bis in den August hält sie sich am Schilfe auf, weil sie entschieden nur hier ihre Rechnung findet. Im Wasser, welches von jenem umsäumt wird, lebt nämlich die lange, blutegelähnliche Larve der Waffenfliege, arbeitet sich zur Verpuppung aus dem Wasser heraus und sucht feuchte Erde auf. Bei dieser Wanderung, welche ziemlich langsam von statten geht, weil die Bewegungswerkzeuge fehlen, dürfte das Schenkelwespenweibchen Gelegenheit finden, seine Mutterpflichten zu erfüllen. Beobachtet habe ich es nicht, habe aber die Wespe aus einer der bezeichneten Puppen erzogen. Der zierliche Bau der schwarzglänzenden, an den Beinen mehr oder weniger roten Schenkelwespe ist aus der Abbildung ersichtlich, es sei nur noch darauf hingewiesen, daß die Flügel durch reichlicheres Geäder von der Einfachheit desselben bei den übrigen Familiengenossen abweichen.

Nichts weniger als natürlich schließt sich die Familie der Hungerwespen (Evaniad ae) ab. Man hat in ihr nämlich, ohne Rücksicht auf die sonstige Körperbildung und auf den allerdings einfachen Bau der Flügel, alle diejenigen Schlupfwespen vereinigt, bei denen sich der Hinterleib nicht in der gewöhnlichen Weise am Unterrande des Hinterrückens anheftet, sondern in der Mitte oder über derselben, und noch einige andere Arten hinzugefügt, welche sonst kein Unterkommen finden konnten.

Die Hungerwespen (Evania), welche als die artenreichsten der ganzen Familie den Namen gaben, finden sich in allen Erdteilen und schmarotzen bei den Schaben (Blatta), was wenigstens von einigen Arten erwiesen ist. Die zu den kleineren Wespen zählenden Tiere haben ein eigentümlich verkommenes Ansehen, indem der sichelförmige, stark zusammengedrückte Hinterleib, welcher an dem beinahe rechteckigen, kräftigen Mittelleib sich hoch oben ansetzt, gegen diesen durch seine Kleinheit fast verschwindet, zumal wenn die langen, dünnen Hinterschenkel ihn seitlich decken. Der breite Kopf trägt in der Mitte zwischen den Augen die dicken, geraden Fühler von Körperlänge. Die Vorderflügel haben eine große Rand⸗ und Unterrand- und eine Mittelzelle, es gibt aber auch Arten, bei denen sie fast aderlos sind und nur zwei Rippen von der Wurzel bis zum kleinen Flügelmal aufzuweisen haben. Diese trennte man unter dem besonderen Namen Brachygaster von Evania und mußte unter anderen die kleine Hungerwespe (Br. minuta oder Hyptia minuta) daselbst unterbringen. Sie ist 3,3— 4,5 mm lang, schwarz, an Kopf und Brustkasten dicht punktiert und scheint von allen diejenige Art zu sein, welche am weitesten nach Norden vorkommt; ich habe sie auf den beinahe 40 Jahre lang unternommenen Sammelausflügen in der Umgegend von Halle erst ein einziges Mal (16. August) an einem sandigen Grabenrande gefangen. An alten Lehmwänden, für den Immensammler beutereiche Orte, fliegt in der Sommerzeit zwischen einer Menge anderer Bewohner jener Stätten ein schlankes Tierchen in fo auffälliger Weise, daß es dem einigermaßen aufmerksamen Beobachter unmöglich entgehen kann. Wie eine drohend geschwungene Keule den Hinterleib emporhaltend, die

gleichfalls keulenförmigen Hinterschienen weit spreizend, wiegt es sich in sanften Bogen: schwingungen hart an der Mauer und wird kaum müde; denn nur selten sieht man es storchbeinig mit aufrechten Flügeln einige Schritte hinwandeln. Es ist die bei mauerbewohnenden Hautflüglern schmarotzende Gichtwespe (Foenus assectator), ein durchaus von der Seite breit gedrücktes, schwarzes, am Hinterleib rot geflecktes und auch an den Kniekehlen der Hinterschienen rotes Wesen, dessen Bohrer etwa den vierten Teil der Hinterleibslänge erreicht. Ich habe das Wespchen sehr häufig gefangen, und zwar mit Hilfe eines Schröpfkopfes, mich aber stets über den höchst leichten und zierlichen Flug verwundert, der noch lange Zeit in dem engeren

Raume fortgesetzt wurde, ohne daß irgend ein Körperteil an Pfeilträger (Foenus jaculator). Natürliche Größe. der Umgebung anstieß. Eine zweite, seltenere, aber auch etwas stattlichere Art, den Pfeilträger (Foenus jaculator), vergegenwärtigt die Abbildung. Vom vorigen unterscheiden ihn die an der Wurzel weißen Schienen und Füße, was wenigstens von den hintersten gilt, der in der Mitte rote Hinterleib und der bei weitem längere Bohrer. Einige wunderliche Formen von ganz außerordenlich in die Länge gezogenen Körperteilen haben ihre Heimat in heißen Ländern.

Die Schlupfwespenverwandten, Braconiden (Braconidae), unsere zwölfte Familie, stehen zwischen den Chalcidiern und den echten Schlupfwespen in der Mitte, was den Körperbau anlangt, in der Lebensweise dagegen mit ihnen auf gleicher Stufe. Es sind durchschnittlich kleinere Wespen von 2,25— 6,5 mm Länge, und nur wenige dehnen diese bis auf 13 mm aus. Sie lassen sich am leichtesten am Flügelgeäder erkennen, insofern nämlich der Vorderflügel nur eine rücklaufende Ader hat. Außerdem verwächst der zweite Hinterleibsring mit dem dritten auf dem Rücken und läßt entweder keine Naht zurück oder in dem ihr entsprechenden Quereindrucke keine Bewegung zu. Dieser Umstand erleichtert die Erkennung der wenigen ungeflügelten Arten, welche auch hier vorkommen, bei den Pteromalinen jedoch weit häufiger sind. Nur die Aphidier machen von dem eben angeführten Merkmal und durch die einfachere Flügelbildung ꝛc. eine Ausnahme. Einzelne seltenere Fälle abgerechnet, sind die geraden Fühler der Braconiden faden- oder borstenförmig und bestehen aus einer größeren Menge von Gliedern, die man nicht mehr zu zählen pflegt. Den Beinen kommen die zwei Schenkelringe aller Immen mit Legröhre und den Füßen durchweg fünf Glieder zu. Um die Gattungen und Arten zu erkennen, hat man den Mittelrücken zu beachten, ob er mit den bereits bei den Chalcidiern erwähnten Längsfurchen versehen ist oder nicht, sowie die Skulptur des Hinterrückens, welcher manchmal durch Leisten in Felder geteilt wird, aber von anderer Anordnung als bei den echten Schlupfwespen. Für den Hinterleib wird besonders der erste Ring von Bedeutung, je nachdem er seiner ganzen Länge nach oder nur an der Wurzelhälfte zu einem Stiele verschmälert ist oder überhaupt keinen solchen bildet, und die Bezeichnungen des gestielten, fast gestielten, sitzenden ꝛc. Hinterleibes spielen hier eine ebenso wichtige Rolle, wie in der folgenden Familie. Dagegen ist hier wegen seiner Mannigfaltigkeit das Geäder des Vorderflügels zur Unterscheidung von größerer Wichtigkeit als dort. Das größte Gewicht hat man indes auf die Mundteile gelegt und nach ihren Verschiedenheiten die Familie in drei Sippen geteilt. Bei den einen ist das Kopfschild wie gewöhnlich am vorderen Rande gerundet, zugespitzt oder nur sehr seicht ausgebuchtet, und die Kinnbacken greifen weit übereinander, so daß die Mundöffnung gänzlich

Pfeilträger (Foenus jaculator). Natürliche Größe.

bedeckt wird oder höchstens als schmale Spalte erscheint: Geschlossenmäuler (Clidostomen). Bei der zweiten Sippe, den Rundmäulern (Cyclostomen) buchtet sich das Kopfschild am Vorderrande tief aus, und die Oberlippe klappt sich so weit zurück, daß sie gewissermaßen den Gaumen der Mundhöhle bildet, gleichzeitig bleiben die Kinnbacken kurz genug, um sich beim Schlusse eben nur mit ihren Spitzen zu berühren. Infolge dieser eigentümlichen Bildung erscheint der geschlossene Mund als eine kreisförmige Offnung. Im dritten Falle endlich, dem abweichendsten, sind die Kinnbacken nicht nur sehr kurz, so daß sie sich gegenseitig gar nicht berühren können, sondern sie stehen auch wie vertauscht: mit der gewölbten Seite einander zugekehrt, mit der ausgehöhlten nach außen. Die mit ihren Zangen so übel beratenen Braconiden heißen Außenzähnler (Exodonten).

Bogenförmig nach unten gerichtete Fühler, ein deutlich gestielter, lanzettförmiger Hinterleib ohne sonstiges Anhängsel, dessen zweites und drittes Glied nicht miteinander verwachsen, die mit der oberen Mittelzelle verschmolzene erste Unterrandzelle und die mit dem Male aufhörende Randader im Vorderflügel kennzeichnen die kleinen, höchstens 2,37 mm langen Aphidier, welche, gleich den früher erwähnten Schmarotzergallwespen aus der Gattung Allotria, alle in Blattläusen leben und daher am besten durch Zucht zu erlangen sind. Die angestochene Blattlaus sitzt mit gespreizten Beinen, metallisch glänzend und, wie wassersüchtig, mit kugelig angeschwollenem Hinterleib tot zwischen den gesunden flügellosen Schwestern, wenn der sie bewohnende Schmarotzer seine Larvenreife erlangt hat. Bemerkt man ein Loch im Körper, nicht größer als einen Nadelstich, so weiß man, daß der Aphidier bereits das Weite gesucht hat. Einen wahrhaft panischen Schrecken verursacht das Erscheinen eines solchen Wespchens unter den so ruhigen, harmlos weidenden Blattläusen. Sie kennen ihren Feind, ihre Hilflosigkeit, und wissen auch, daß sie sich durch den eingestochenen Schnabel und die Krallen der beiden Vorderbeine an ihrem Platze fest behaupten können, darum lassen fie mit den vier übrigen Beinen los, richten den Hinter: leib empor oder lassen ihn herab, sofern sie auf der Rückseite des Blattes sitzen, strampeln gewaltig mit jenen und wackeln mit diesem, um den Feind abzuwehren oder wenigstens seinem Stoße auszuweichen. Dieser läßt sich nicht beirren, nimmt Stellung, spreizt die Beine und im Nu fährt er mit seinem beweglichen Hinterleibe dazwischen durch nach vorn und — der Stich sitzt im Leibe des Schlachtopfers. In gleicher oder ähnlicher Weise kommt ein zweites, drittes an die Reihe.

Entschieden die gemeinste Gattung in der ganzen Familie und die reichste an Arten, welche sich mit großer Mühe unterscheiden lassen, auch nichts Anziehendes in ihrer Körperform aufzuweisen haben, heißt Microgaster, auf deutsch „Kleinbauch“. Erkennen läßt sie sich an dem unansehnlichen, sitzenden oder kaum gestielten Hinterleib, den plumpen Fühlern und der vom Flügelmal an verwischten, undeutlichen Randader; auch hat der Mittelrücken keine scharfen Seitenfurchen. Höchst charakteristisch für die Gattung wird die Bildung der Unterrandzellen, deren meist zwei, aber auch drei vorhanden sind. Die erste, unregelmäßig sechs- oder siebeneckige, liegt am ziemlich großen Flügelmal, die zweite ist geschlossen, dreieckig oder bildet, wie in den meisten Fällen, bloß einen spitzen Winkel, indem der nach außen hin schließende Nerv fehlt. Diese Zelle, geschlossen oder nicht, hängt immer wie ein Steigbügel an einem Stielchen, welches, fast einen rechten Winkel mit der Randader bildend, vom Male länger oder kürzer hinabsteigt. Zu Ende dieses Stielchens bemerkt man entweder eine scharfe Ecke oder den Anfang der Randader. Der Hinterleib ist stets kürzer als der vordere Körperteil, am Bauche meist nach der Spitze hin zu: sammengedrückt, und beim Weibchen klafft letztere oft stark, wenn es den kurz vortretenden Bohrer gebraucht. Die ziemlich großen Netzaugen sind meist deutlich behaart und die Punktaugen auf dem Scheitel fihtbar. Die Männchen haben einen kleineren, weniger

zusammengedrückten Hinterleib, etwas längere Fühler und bei manchen Arten dunklere Flecke oder Streifen an den Beinen, durch welche sie sich von den Weibchen unterscheiden.

Die Arten leben, mit Ausnahme zweier, welche aus Spinneneiern und Blattläusen erzogen worden sind, in Schmetterlingsraupen, den haarigen mehr als den nackten. Sie selbst werden aber im Larvenzustande wieder von kleinen Pteromalinen bewohnt. Zur Zeit ihrer Reife bohren sich die Microgaster-Larven aus der Raupe heraus, spinnen aber sofort ein geschlossenes Gehäuschen um sich, wie wir an dem Microgaster glomeratus ersehen können, welcher die Weißlingsraupen durch seine gelblichen Püppchen (die vermeintlichen Raupeneier für denjenigen, welcher die Sache nicht besser versteht) weich bettet, und an dem hier vorgeführten Microgaster nemorum, einem der zahlreichen Schmarotzer in der Raupe des Kiefernspinners. Beim Herausfressen aus der Raupenhaut fangen sie an zu spinnen, sobald sie zur Hälfte mit dem Körper frei sind, und brauchen keine 24 Stunden, um ihre weißen Gehäuse zu vollenden. In 10— 12 Tagen bricht das Wespchen daraus hervor, natürlich zu einer Zeit, in der es Raupen gibt, welche bekanntlich im halb erwachsenen Zustande überwintern und von Anfang Juni bis Mitte August fehlen oder wenigstens noch nicht groß genug find, um von den Microgaster-Weibchen angestochen zu werden. Wie wir hier sehen, ist die mittlere Unterrandzelle nach außen nicht geschlossen und die Randzelle nur angedeutet, wie dies vorher angegeben wurde. Das Wespchen ist glänzend schwarz, die Hinterränder der beiden Hinterleibsglieder sind licht, die Flügelschüppchen gelb und die Beine, mit Ausschluß der schwarzen Hinterfüße und der etwas angeräucherten äußersten Spitzen der Schenkel und Schienen und der ganzen Füße, rötlichgelb. Der Macrocentrus marginator, einer von etwa 12 anderen Gattungsgenossen, hat der Körpertracht nach viel Übereinstimmendes mit gewissen echten Ichneumoniden, wird jedoch durch die Bildung des Flügelgeäders hierher verwiesen.

Die Randzelle ist nicht nur vollständig entwickelt, sondern auch verhältnismäßig groß; weiter find drei geschlossene Weibchen des Mierogaster nemo- Unterrandzellen vorhanden, und von der hinteren Schulter- rum (vergrößert)und feine Larven, die zelle im Hinterflügel entspringt nur eine Längsader, nicht Een g e zwei, wie bei Earinus (Fig. 5, S. 214). Der Scheitel ist schmal und nicht scharfrandig, der Rücken dreibuckelig, der Hinterleib sitzend, in seinen vorderen längsriefigen Gliedern sehr gestreckt, am Ende etwas zusammengedrückt und beim Weibchen mit einem aus der Spitze kommenden Bohrer versehen, welcher mindestens die Länge des ganzen Körpers erreicht. So weit die Gattungsmerkmale. Die genannte Art ist glänzend schwarz, an den langen Tastern und den schlanken Beinen rötlichgelb, nur die Hinterschienen sind von den Knieen ab schwärzlich und ihre Füße weißlich; auch das Flügelgeäder und die Schüppchen find rotgelb. Das ohne Bohrer mindestens 8 mm messende Weibchen deutet durch die Länge jenes an, daß die Eier nicht oberflächlich abgesetzt werden, das Wespchen schmarotzt nämlich in den Raupen eines Glasflüglers, welche in Birken bohren. Wenn diese Schmarotzerlarve die Raupe aufgezehrt hat, spinnt sie ein langes, walziges Gehäuse um sich, und statt des zierlichen Schmetterlinges, dem die Raupe das Flugloch bereitet hatte, erscheint seiner Zeit die schmächtige Wespe.

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