Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Schenkelsammler (Merilegidae) unterscheiden sich von den vorigen, wie wir schon sahen, dadurch, daß die Sammelwerkzeuge dem Körper näher rücken, auf dessen Seiten in der Nähe der Hinterbeine, deren Hüften und Schenkel übergehen, wenn auch an Schienen und Ferse mancher Ballen gelben Blütenstaubes hängen bleibt. Eingestaltige Lippentaster kommen ihnen allen zu, so daß sie nach der Latreilleschen Einteilung den Afterbienen angehören. Die rauhfüßige Bürsten- oder Hosenbiene Das ypoda hirtipes Lir, Fig. 1u. 2, S. 243), welche Europa in seinem größten Teile bewohnt, soll wegen der Schönheit ihres Weibchens nicht unerwähnt bleiben, welche namentlich in der fuchsroten Behaarung rings um die Hinterschienen und Fersen, einer Flaschenbürste ähnlich, besteht und in dem schwach niedergedrückten, kurz schwarzhaarigen, weißbandierten Hinterleibe, welcher nach der Spitze zu infolge der verlängerten Endfranse verbreitert erscheint. Eine Körperlänge von 11 bis 13 mm verweist die Art zu den stattlicheren Sippengenossen. Ganz anders und weniger ansehnlich stellt sich das kleinere, nach meinen Erfahrungen häufigere Männchen dar. Sein Hinterleib ist spindelförmig, stärker gewölbt und mit gelblichgrauen Haaren sparsamer bekleidet, so daß die Hinterränder der Ringe lichter erscheinen. Die Fühler übertreffen die weiblichen etwas an Länge. Die Hosenbiene erscheint Anfang Juli und sorgt sofort für ihre Nachkommenschaft, wobei, wie überall bei den Hymenopteren, den Weibchen die aufreibende Thätigkeit anheimfällt. In sandigen Boden gräbt das Weibchen mit den Vorderbeinen eine 40—60 em lange Röhre, im Rückwärtsschreiten den Sand mit den Hinterbeinen herausfegend. Diese Röhre führt anfangs schräg, später senkrecht nach unten. Auf der Sohle zweigt eine kurze Seitenröhre ab, welche in einem erweiterten Brutraum endet. Von hier werden nun in verschiedener Höhe und nach verschiedenen Richtungen bis sechs Brutkammern angelegt, welche selbstverständlich nach und nach entstehen, nachdem jede vorhergehende mit Futter, Blütenstaub und Honig und einem Eie versehen und mit Sand verschlossen worden war. Die nach wenigen Wochen ausgeschlüpfte Larve zehrt ihr Futter
auf, entleert sich dann, wird fester in ihrer Masse und kleiner und verweilt in diesem Zustande bis wenige Wochen vor der Flugzeit der Biene; die Verpuppung erfolgt — wenn sie nicht von einigen schmarotzenden Fliegenmaden, der Gattung Miltogramma angehörig, vorher aufgefressen worden ist.
Die Erd⸗ oder Sandbienen (Andrena) liefern mit der folgenden Gattung zusammen, in den mittleren und nördlichen Gegenden unseres Vaterlandes wenigstens, sicher den dritten Teil aller wilden Bienen, welche die honigspendenden Blumen besuchen und durch ihre rastlose Thätigkeit unter traulichem Gesumme den blütenreichen Landschaften vom Frühling an einen besonderen Reiz verleihen. Die Sandbienen beginnen den Reigen. Sie sind es, welche im ersten Frühjahr wilden Fluges in Gesellschaft der besonneneren
1, 2) Rauhfüßige Bürstenbiene (Dasypoda hirtipes), Weibchen, Männchen. 3, 4) Schencks Erdbiene (Andrena
Schenck), Männchen, Weibchen. 5, 6) Greise Erdbiene (A. eineraria), Weibchen, Männchen. 7, 8) Braungeschenkelte Erdbiene (A. fulvicrus), Männchen, Weibchen. 9, 10) Große Ballenbiene (Hylaeus grandis), Männchen,
Weibchen. Alle in natürlicher Größe.
und ruhigeren Hausbiene um die Weidenkätzchen, blühenden Stachelbeersträucher und andere Erstlinge des jungen Jahres sausen und sich lange besinnen, ehe sie sich niederlassen, um schmausend das Auferstehungsfest der lebenden Schöpfung zu feiern. Sie sind es, die an sonnigen Hängen aus ihren Wiegen, Loch bei Loch, emporsteigen und sich an solchen Stellen in Massen umhertreiben, um ihren Nachkommen Pflanzstätten zu bereiten. Ihre Nester legen sie größtenteils in sandigem Boden an, indem sie in schiefer Richtung eine 13 bis 30 em tiefe Röhre graben, an deren Ende rundliche Höhlungen ausarbeiten oder kurze Verzweigungen der Hauptröhre, wo die Zellen mit auffallend reichlichem Blütenstaub gefüllt werden. Nachdem jede derselben überdies noch ein Ei erhalten hat, wird nicht nur sie, sondern auch das Eingangsloch zu dem Baue mit Erde verschlossen. Die Sandbienen haben eine kurze, lanzettförmige Zunge, die sich im Ruhestand nicht zurückschlägt, sondern auf der Oberseite des Kinnes zurückzieht, von Gestalt der Figur 3 auf Seite 8, so daß Westwood die Bienen anderen Verwandten als „Spitzzüngler“ entgegengestellt hat. Die zugehörigen Taster sind eingestaltig und viergliederig, die des Unterkiefers sechsgliederig. 16*
Die Randzelle der Vorderflügel wird in der hinteren Hälfte wenig schmäler und liegt mit der gerundeten Spitze der Randader nicht an. Von den drei geschlossenen Unterrandzellen erreicht die erste fast die Länge der beiden anderen zusammen, die zweite ist die kleinste, ziemlich quadratisch, und nimmt den ersten rücklaufenden Nerv fast in ihrer Mitte auf, die dritte verengert sich bedeutend nach oben und empfängt die andere der eben genannten Adern weit hinter ihrer Mitte. Die ganze Außenseite der Hinterbeine bis zum Ende der Ferse ist beim Weibchen mit dichten Sammelhaaren besetzt und nicht minder die Seiten des Mittelleibes; innen an der Ferse bildet kürzeres, dichtes Haar die schon öfters erwähnte Bürste, jo daß die Weibchen an allen diesen Teilen dicht mit Blütenstaub bedeckt heim: kehren. Die Fußklauen sind hinter ihrer Mitte mit einem Seitenzähnchen versehen und haben zwischen sich ein merkliches Hautläppchen. Der Hinterleib verschmälert sich an seiner Wurzel, ist oval, lanzettförmig oder eirund. An ihm erkennt man leicht den Unterschied beider Geschlechter. Beim Weibchen ist er flacher gedrückt, an der Spitze, d. h. am fünften Ringe, mit einer Haareinfassung, der „Endfranse“, versehen, welche das kleine sechste Glied mehr oder weniger bedeckt. Das kleinere Männchen, obschon im Hinterleibe gestreckter und oben mehr gewölbt, nimmt in ihm doch nie die Linienform an; durch die Fühler unterscheidet es sich kaum vom Weibchen, denn sie werden unmerklich länger; dafür ist ihm ein starker Haarschopf im Gesichte eigen und die Oberlippe manchmal in ihrer ganzen Ausdehnung licht gefärbt, niemals aber bloß am Vorderrand; weil es nicht einsammelt, fällt bei ihm die Behaarung der Hinterbeine viel sparsamer aus als beim Weibchen.
Die Erdbienen sind reich anSchmarotzern, unter denen die kleinen Wespenbienen (Nomada), ferner ein merkwürdiges Tier, welches wir später unter dem Namen Stylops näher kennen lernen werden, und selbst die Larven von Käfern (Melos) eine hervorragende Rolle spielen.
Nach Färbung undBekleidung des Körpers lassen sich die zahlreichen Arten (Schmiedeknecht führt in feinen „Apidae europaeae“, 1882 —84, deren 188 auf, außerdem kommen noch zahlreiche Arten im Norden von Asien, Afrika und Amerika, einige in Australien vor) in solche gruppieren, deren Hinterleibshaut schwarz und rot gefärbt, in solche, wo sie einfarbig schwarz, manchmal mit blauem Schimmer, aber ohne Binden ist, und endlich in solche, deren weniger entschieden schwarzen Hinterleib helle Binden verzieren, welche mehr oder weniger dicht anliegender Behaarung ihren Ursprung verdanken. Diese letzte Abteilung enthält die meisten und zum Teil unter sich sehr ähnlichen Arten. Aus jeder dieser drei Abteilungen möge eine in Abbildung vorgeführt werden.
Schencks Erdbiene (Andrena Schencki Moraw., Fig. 3 u. 4, S. 243) ist am zweiten Hinterleibsring, mehr oder weniger auch im Anschluß daran am ersten (und dritten) in der Haut rot gefärbt, im übrigen schwarz, an Kopf und Mittelleib ziemlich dicht graugelb behaart; beim Weibchen tragen die Hinterränder vom zweiten bis vierten Hinterleibsring weiße, schmale Haarbinden, die Schienenbürste gelbliche Behaarung und das Leibesende eine braune Endfranse. Das überall gleichmäßiger grau behaarte Männchen hat ein gelbliches Gesicht mit zwei zarten schwarzen Pünktchen in der Mitte und einen dicht weiß behaarten Vorderrand desselben. Diese Art fliegt bei uns vom Juni ab an blühenden Sträuchern und Kräutern, wie Rhamnus, an Zaunrebe, Hornklee und anderen, kommt auch in der Baseler Gegend vor, überall jedoch nicht häufig.
Die greise Erdbiene (Andrena cineraria I., Fig. 5 u. 6, S. 248) ist schwarz, in der vorderen Körperhälfte mehr oder weniger dicht zottig weiß behaart, im Gesichte beim Weibchen einzelner, beim Männchen schopfartig, am Mittelleibe beim Weibchen dichter, aber auf dem Rücken zwischen den Flügeln schwarz, der blauschwarze Hinterleib ist auf dem Rücken hier kahl, dort an der Wurzel einzeln zottenhaarig; Schienenbürste und Endfranse
des Weibchens schwarz, die Flügel in der Außenhälfte stark getrübt. Diese stattliche Art fliegt sehr zeitig, bei günftiger Frühlingswitterung schon Ende April, und scheint den Honig der Weidenkätzchen besonders zu lieben; denn an solchen fing ich sie hier ausschließlich, fing sie Imhoff bei Basel; er erhielt sie auch aus Genf und Aarau; in Livland, England kommt sie gleichfalls vor und hat somit eine weite Verbreitung. Ihr sehr ähnlich ist die Andrena ovina KI., bei welcher der Rücken des Weibchens durchaus grünlich weiß behaart und der Hinterleib beider Geschlechter entschieden breiter, eiförmig ist. |
Die braungeschenkelte Erdbiene (Andrena fulvicerus K., Fig. 7 u. 8, S. 243) ist schwarz, am Kopfe und Mittelleibe braungelb zottenhaarig; der gestreckte und glatte weibliche Hinterleib ist mit vier braungelben Binden, welche sehr bald weißlich werden, und mit einer braunen Endfranse ausgestattet. Die Sammellocken und die Schienenbürste tragen dieselbe Farbe. Das Männchen ist auch noch am ersten Hinterleibsringe zottenhaarig, im Gesichte reichlich schwarz behaart und am Hinterleibe mit fünf hellen Querbinden versehen. Auf dem ziemlich kahl geriebenen Rücken eines Weibchens meiner Sammlung sitzen zwei gelbe Maiwurmlarven. Auch diese Art fliegt früh im Jahre (12. April 1874) an Weidenkätzchen, nach Schencks Erfahrungen hauptsächlich am Raps und Löwenzahn, hat dieselbe Verbreitung wie die vorige, und die Männchen fahren dicht über den Boden hin, wenn sie die Weibchen aufsuchen wollen.
Die Ballenbienen, Schmalbienen (Hylaeus oder Halictus), weniger reich an Arten als die vorige Gattung, stimmen in der Lebensweise mit ihr überein und stehen besonders deren dritter Abteilung hinsichtlich des äußeren Ansehens sehr nahe. Das Weibchen unterscheidet sich nur durch einen (glänzenden) kahlen Keilfleck mitten auf der Endfranse, der Hinterleib des Männchens verschmälert sich linienartig, wird bisweilen sogar dicker hinter seiner Mitte; bei ihm ist sodann die Fühlergeißel bedeutend verlängert und häufig unterseits samt dem Vorderrande der Oberlippe weiß gefärbt; auch die Beine haben bei vielen Arten mehr oder weniger ausgedehnte weiße Hautfarbe, so daß sich hier einmal die Männchen leichter als die ihrer Gattung angehörigen Bienen erkennen lassen, während in den zahlreichsten Fällen bei den Weibchen der Aderflügler der Gattungscharakter am meisten ausgeprägt auftritt. Mit Ausnahme einiger ansehnlicheren Arten erlangen viele nur die mittlere Größe der Sandbienen; dagegen gibt es eine Menge sehr kleiner, wie sie bei den vorigen nur seltener vorkommen. Die Schmalbienen erscheinen durchschnittlich etwas später im Jahre als die Sandbienen, und ihre Weibchen gehören daher zu denen, die im Hochsommer das blühende Heidekraut und andere Blumen besuchen und manchmal durch Abreibung ihres Haarkleides so entstellt sind, daß sie sich nicht mehr auf ihre Art deuten lassen. Sie legen ihre Brutröhren am liebsten in hartem Boden an. Daher sind sie es, welche auf Wegen, durch reichen Verkehr oft steinharten, sich umhertreiben. Kleine Löcher, neben jedem ein Erdhäufchen, erschließen sich dem aufmerksamen Blicke, und verweilt man einige Zeit an dieser Stelle, so huscht hier ein Bienchen heraus, dort kommt ein anderes mit weithin leuchtenden Höschen an und verschwindet in seinem Baue, dessen Eingang so eng ist, daß man meinen sollte, unterwegs müßte sich sämtlicher Blütenstaub abstreifen. Steile Lehmwände, gegen Morgen oder Mittag gelegen und einen Hohlweg begrenzend, einer Lehmgrube angehörig oder auch nur die schmale Erhebung eines Feldraines bildend, sind Brutplätze für andere Arten und werden den ganzen Tag über, solange er freundlich ist, von Hunderten von Schmalbienenweibchen umschwärmt, deren jedes ein- und ausfliegt, nie sich versieht, sondern unter den Hunderten vollkommen gleicher Fluglöcher immer das seinige herausfindet. Sie endlich sind es, die neben den großen Hummeln und anderen geschäftigen Bienen in den Distelköpfen und anderen großen
Blumen schlafen oder einen vorübergehenden Regenschauer abwarten, wenn es nicht möglich war, den heimischen Herd zu erreichen.
Man kann sie ihrer Kleidung nach ordnen in schwarze mit weißen Haarbinden am Hinterrand, an der Wurzel einiger oder aller Hinterleibsringe, in bindenlose und in grüne, wenigstens am Mittelleibe grüne Arten. Manchmal erscheinen die Binden in der Mitte des Rückens so breit unterbrochen, daß nur seitliche Striche übrigbleiben.
Die große Ballenbiene (Hylaeus grandis, Fig. 9 u. 10, S. 243), unsere stattlichste Art, wird sich gut dazu eignen, die Unterschiede beider Geschlechter von denen der Sandbienen deutlich zu machen. Sie fliegt im Juli und August, besucht sehr gern die Distelköpfe und baut an sonnigen Hängen in größeren Gesellschaften beisammen.
Die rauhe Seidenbiene (Colletes hirta), welche den beiden vorigen Gattungen sehr nahe steht, baut ihr Nest in eine Erdhöhle, welche sich, mehr wagerecht verlaufend, irgendwo im Lehmboden anbringen läßt. Die Zellen bestehen aus einer derben Haut, der einer Schweinsblase ähnlich, und liegen wagerecht eine hinter der anderen. Man denke sich eine Reihe von Fingerhüten gleicher Weite, den folgenden mit seinem Boden in die Offnung des vorigen geschoben, und man hat ein Bild von der Anordnung dieser Zellen, welche außerdem noch durch einen Ring aus derselben Masse an der Verbindungsstelle je zweier zusammengehalten werden. Der Querdurchmesser einer Zelle beträgt etwa 71s mm, die Länge ist nicht immer genau dieselbe und schwankt zwischen 15 und 17,5 mm. Es bedarf wohl nicht erst der Erwähnung, daß die erste mit Futter (Honig und Blütenstaub) gefüllt und darauf ein Ei gelegt sein muß, ehe die Biene zur Anlage der zweiten fortschreiten kann. Die verpuppten Larven, oder vielleicht schon die entwickelten Bienen, bleiben über Winter in ihren Zellen und werden im Mai durch die schöne Witterung hervorgelockt. Die Zellen, welche ich zu beobachten Gelegenheit hatte, waren an der Seite auf regel: mäßige Weise geöffnet, woraus ich schließe, daß jede einzelne Biene unabhängig von der anderen ihre Klause verläßt.