Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Schnauzenbienen bauen in der Erde, in Mauerspalten, Baumlöchern, Lehmwänden Röhren, die sie durch Zwischenwände in Zellen teilen, erscheinen schon sehr früh im Jahre und fliegen ungemein schnell mit etwas pfeifendem Gesumme von Blume zu Blume. Man kann im April oder Mai zur wärmsten Zeit des Tages eine Anzahl Männchen hinter: einander in gerader Linie auf und ab fliegen sehen an einer Mauer, einem sandigem Abhange, wo viele Nester sind, aus denen die Weibchen eben auskriechen. Fühlt eins derselben nach dem Männchen Verlangen, so stellt es sich in das Flugloch, ein Männchen stürzt auf dasselbe zu, packt es, und beide verschwinden miteinander in der Luft. Dieses Gebaren mag für Stellen gelten, wo die Bienen in Mengen hausen, gilt aber nicht als Regel. In meinem kleinen Vorgärtchen, das nach Mittag gelegen, beobachtete ich am 18. April 1886 unter der Mittagszeit bei warmem Sonnenschein, aber etwas bewegter Luft an der Erde neben einer Aurikelpflanze zwei eben sich paarende rauhaarige Pelzbienen. Meist mag das befruchtete Weibchen seine Geburtsstätte als Brutplatz aufsuchen und sich daselbst häuslich einrichten; denn man findet in alten Lehmwänden viele Jahre hintereinander die Nester derselben Arten, wenn sie sonst nicht gestört, oder durch lästige Schmarotzer, die sich dergleichen günstige Plätze gleichfalls merken, mit der Zeit vertrieben werden.
Die rauhaarige Pelzbiene (Anthophora hirsuta, Fig. 1 u. 2, S. 239) ist überall dicht behaart, am Brustkasten und an der Hinterleibswurzel rot oder gelbbraun, am Sammelapparate gelb, übrigens schwarz. Beim Männchen sind die Chitinbekleidung des Fühlerschaftes vorn, des Kopfschildes samt der Oberlippe, den Wangen und Kinnbackenwurzeln gelb gefärbt und die Mittelfüße durch eine blattartige, dicht schwarz behaarte
Erweiterung des ersten und fünften Gliedes ausgezeichnet. — Das Weibchen der abgestutzten Pelzbiene (Anthophora retusa, Fig. 3) hat genau Größe und Gestalt der vorigen Art, ist aber durchaus schwarz behaart, nur an den Sammelhaaren rostrot. Das etwas kleinere, schlankere Männchen (Fig. 4), welches Lepeletier A. pilipes genannt hat, trägt fuchsige Haare an Kopf, Thorax und Hinterleibswurzel, weiter hinten werden sie sparsamer und schwarz. Anfangs- und Endglied der Mittelfüße erweitern sich durch einen schwarzen Haarstern, wie vorher, nur fehlen dem ganzen Fuße die langen Zottenhaare an der Hinterseite, welche dort vorkommen. Das Männchen fliegt später als das Weibchen, und dieses benutzt im Siebengebirge und im Pariser Becken mit Vorliebe als Brutplätze die Felslöcher, die dem Trachyttuff ein so eigentümliches Ansehen verleihen. —
Die Wand-Pelzbiene (Anthophora parietina, Fig. 5) legt wieder eine andere Liebhaberei beim Nestbau an den Tag: sie bewohnt die Löcher alter Lehmwände und
schützt den Eingang durch ein etwas nach unten gekrümmtes Ansatzrohr, dessen Baustoff die Abtragungen im Inneren der Mauer liefern. Das Weibchen dieser Art ist etwas kleiner als die vorigen und mit Ausnahme der rostroten Hinterleibsspitze schwarz behaart. Das Männchen läßt sich in der Färbung kaum vom vorigen unterscheiden, wenn nicht durch grauen Schimmer in der Behaarung, welche wie verschossen aussieht; überdies fehlt den Mittelfüßen jegliche Auszeichnung.
Eine andere Reihe von Schienensammlern zeichnet sich im männlichen Geschlechte durch die überaus langen Fühler aus, welche man wegen der sanft knotigen Anschwellungen an der Vorderseite der Glieder mit den Hörnern eines Steinbockes vergleichen könnte. Sie wurden darum Hornbienen oder Langhörner (Macrocera) genannt; da indes in Deutschland keine Art vorkommt, mehrere im südlichen Europa und wärmeren Ländern,
—2
a0 ZAHNN IS E) al 7.5 G 0 8 | IN0 0hM | N 8 8 N N.. m \ 2 / = —I. 0= ) )|ill0 2 557
N IIIN
[ E = \ 55*) 0 If| | N S 8 5 \ AD, 7 \ 0 Il)|0Mee67a iea IM N | Zn © gi, Net KUN | A u 3 6
1 und 2) Rauhaarige Pelzbiene (Anthophora hirsuta), Weibchen u. Männchen. 3 und 4) Abgestutzte Pelzbiene (A. retusa), Weibchen und Männchen. 5) Wand-Pelzbiene (A. parietina), Weibchen. 6 und 7) Gemeine Hornbiene (Eucera longicornis), Weibchen und Männchen. Alle in natürlicher Größe.
so will ich eine deutsche Art besprechen, welche in der Körpertracht ihnen vollkommen gleicht, aber wegen der geringeren Anzahl der Unterrandzellen nicht mit dieser Gattung vereinigt werden konnte. Die gemeine Hornbiene (Eucera longicornis, Fig. 6 u. 7) fliegt von Ende Mai an, hat aber schon Mitte Juni viel von ihrem hübschen Ansehen verloren, weil die Haare teils erblassen, teils durch Abreiben verloren gehen. Das Männchen, im jugendlichen Alter an Kopf, Mittelleib und den beiden ersten Ringen des stark gewölbten Hinterleibes von schön fuchsroten Haaren dicht bedeckt, von einzelneren weiter nach hinten, erscheint jetzt kahler und ausgeblichen; die stattlichen Hörner und das Gelb vom Kopfschild und der Oberlippe bleiben ihm als unveränderlicher Schmuck. Sein wenig größeres Weibchen weicht in der Körpertracht wesentlich ab, einmal verleihen ihm die gewöhnlichen, gebrochenen Fühler keine Auszeichnung, sodann wölbt sich der Hinterleib weniger, verengert sich nach vorn mehr und bekommt einen elliptischen Umriß; infolgedessen könnte man das Tier für eine Sandbiene halten, zumal die Hinterränder der Ringe mit weißen Binden verziert sind, welche auf den drei vordersten in der Mitte eine breite Unterbrechung erleiden, eine Zeichnung, welche man bei den Genannten häufig antrifft. Siehe da, die Bürste an den Hinterschienen rettet aus aller Verlegenheit; keine Sandbiene erfreut sich dieser Auszeichnung.
Eine glatte Röhre in der Erde dient als Brutstätte. Sie wird durch Querwände in Zellen geteilt, welche von hinten nach vorn sich mehren, sobald die hinterste zuerst voll Honigseim und Blütenstaub getragen und mit einem Eie beschenkt worden war. Das charakteristische Kennzeichen dieser Gattung besteht indem Vorhandensein von nur zwei Unterrandzellen, von welchen die zweite in der Nähe ihrer Grenzen die beiden rücklaufenden Adern aufnimmt. Sonst stimmt fie mit Macrocera überein. Die Nebenaugen stehen geradlinig, und die großen Klauen spalten sich. — Amerika ist sehr reich an Arten, welche mit der unserigen in den Geschlechtsunterschieden und der Körperfärbung große Übereinstimmung zeigen.
In den Holzbienen (Xylocopa) begegnen uns die stattlichsten Glieder der ganzen Familie. Der Gestalt nach sind es Hummeln mit einem mehr platten, auf seinem Rücken meist kahlen Hinterleibe, aber größer und bei näherer Betrachtung in wesentlichen Merk: malen von denselben unterschieden. Die vorderen der meist dunkel gefärbten, violett oder bronzeartig schillernden Flügel haben eine beiderseits zugespitzte, am Hinterende etwas schnabelartig nach innen gebogene, mit mehr oder weniger deutlichem Anhange versehene Randzelle. Die mittelste der drei vollkommen geschlossenen Unterrandzellen, mit der ersten ziemlich von gleicher Größe, ist fast dreieckig, die dritte so lang, wie die beiden ersten zusammengenommen; in oder hinter ihrer Mitte mündet die zweite rücklaufende Ader, genau in ihrem Anfang die erste. Die nicht eben breite Hinterschiene wird samt ihrer langen Ferse außen durch ein dichtes Haarkleid sammelfähig, trägt zwei einfache Enddornen, die Ferse die folgenden Fußglieder auf ihrer Außenseite. Die Klauen sind zweizähnig, die Nebenaugen in ein Dreieck gestellt. Die Taster des hornigen Unterkiefers setzen sich aus sechs, an Länge nach und nach abnehmenden Gliedern zusammen; die der Lippe sind eingestaltig, die Mundbildung mithin mit der der Afterbienen übereinstimmend und somit die Verwandtschaft der Holzbienen mit den vorangehenden nur durch die ähnliche Lebensweise, nicht, wie es sein sollte, durch den Körperbau bedingt. Abgesehen von der geringeren Größe und schwächeren Behaarung an den Hinterbeinen, unterscheiden sich manche Männchen von ihren Weibchen durch ein vollkommen verschiedenes Haarkleid oder erweiterte Glieder der Vorderfüße (wie bei der stattlichen Xylocopa latipes aus Ostindien, Java 2c.), oder ihre Augen rücken nach dem Scheitel zu näher aneinander. Bei der kaffrischen Holzbiene (Xylocopa caffra) beispielsweise sieht das Männchen auf der Oberseite gelblich olivengrün aus, während das schwarze Weibchen am Schildchen, Hinterrücken und auf dem ersten Hinterleibsgliede gelbliche Querbänder trägt.
Die Holzbienen bauen ihre Zellenreihen in Holz und leben vorzugsweise in den heißen Teilen Amerikas, Afrikas und Asiens; mehrere unter sich sehr ähnliche und seither sehr häufig verwechselte Arten kommen auch im südlichen Europa vor, die eine davon nördlich bis zu einigen deutschen Landen (Nassau, Bamberg). Es ist die violettflügelige
Holzbiene (Xylocopa violacea), eine der mittelgroßen Arten von durchaus schwarzer Färbung und veränderlicher Größe; das dritte Fühlerglied ist an der Wurzel stielartig verdünnt und so lang wie die drei folgenden zusammengenommen. Beim Männchen, dessen Hinterleib kürzer und eiförmig erscheint, sind die Fühler an der Spitze 8-förmig gebogen und die beiden vorletzten Glieder rotgelb gefärbt, die Hüften der Hinterbeine mit einem abwärts gerichteten Dorn bewehrt, der Innenrand der Schienen regelmäßig S-fürmig gebogen, gleichmäßig bewimpert und in einen rotbraunen Fortsatz ausgezogen, welcher breitgedrückt, lanzettförmig und gekerbt ist. Nach Schenck fliegen im ersten Frühling (bei Weilburg) überwinterte Weibchen; von Juli bis in den Herbst kommen, besonders an Schmetterlingsblüten, junge Bienen beiderlei Geschlechtes zum Vorschein. Gerstäcker hat
in zwei verschiedenen Jahren bei Bozen in der Mitte des August an Veronica spicata die beiden Geschlechter dieser Art frisch gefangen, Kriechbaumer ebenso bei Triest und Fiume in den ersten Frühlingsmonaten. Hieraus schließt ersterer, daß es nicht den Reaumurschen Beobachtungen widerspreche, wenn zwei Bruten im Jahre angenommen würden, eine Entwickelungsweise, welche bei den nördlicher lebenden Bienen allerdings noch nicht beobachtet worden ist, für die milderen Verhältnisse jener südlichen Länder aber nicht eben wundernehmen darf. Merkwürdigerweise ist 1856 eine einzelne Holzbiene in England gefangen worden, und Newman meint, daß vielleicht die starke Einfuhr von Orangebäumen bei Gelegenheit der Industrieausstellung die Veranlassung dazu gegeben habe.
Mit kräftigem Gesumme fliegt das seinem Brutgeschäft obliegende Weibchen an Latten, Bretterwänden, Pfosten umher, läßt sich von der Sonne bescheinen und summt wieder davon. Diese Bewegungen dürften vor allem der Auswahl eines geeigneten Ortes gelten, wohin es seine Nachkommenschaft bette. Altes Holz, eine morsche Pfoste, ein mürber Baum⸗ f IN stamm, dem fetzenweise die Borke schon fehlt, eignet sich dazu am besten und ermöglicht die schwere Arbeit. Mit Eifer nagt die Biene ein Loch von dem Umfang ihres Körpers, dringt einige Millimeter in das Innere ein und wendet sich nun nach unten. Hierzu bedarf sie eines Meißels (jede Kinnbackenhälfte dient ihr dazu) und einer Zange, als solche wirken beide in Gemeinschaft. Die Späne werden herausgeschafft, und tiefer und tiefer dringt die Arbeit vor, bis eine gleichmäßige Röhre entsteht, welche 31 em lang sein kann und sich am Ende wieder etwas nach außen biegt. Die sorgsame Mutter gönnt sich nur so viel Ruhe bei dieser Beschäftigung, als zu einem und dem anderen Ausfluge nach Blumen nötig ist, wo sie durch Aufnahme von Honig neue Kräfte sammelt. Hierbei schneidet sie, wie verkleinert. beobachtet worden, die Kelchröhren der Seifen: blume auf, um zu dem Honig zu gelangen, versucht es auch, die Stöcke der Honigbienen zu bestehlen. In den unteren Teil der Röhre wird nun Honig mit Blütenstaub vermischt in einer ganz bestimmten Menge eingetragen, ein Ei darauf gelegt und etwa in der Höhe, welche der Dicke des Rohres gleichkommt, ein Deckel aus konzentrischen Ringen von gekneteten Sägespänen aufgesetzt. Die erste Zelle ist geschlossen und damit der Boden für die zweite, höher liegende, gewonnen. Diese bekommt eine gleiche Futtermenge und wieder ein Ei. In solcher Weise geht es fort ohne Unterbrechung, wenn nicht unfreundliches Wetter diejelbe gebietet, bis der Raum mit einer Zellenfäule erfüllt ist. Hiermit hat entschieden die sorgsame Mutter das Möglichste geleistet und ihre Kräfte vollständig aufgerieben. Nehmen wir an, daß sie im ersten Frühjahr ihre Thätigkeit begann, so legte sie wahrscheinlich unter sonst gleichen Verhältnissen die Grundlage für mehr Nachkommen, als in der Zeit vom August an; will sagen: die Nachkommen der ersten Brut sind wohl, wie bei anderen, immer zahlreicher als die der zweiten.
Nach wenigen Tagen schlüpft die junge Made aus, die sichim äußeren Ansehen in nichts von den Maden unterscheidet, wie sie in der allgemeinen Übersicht zu dieser Familie
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 16
beschrieben wurden. Sie liegt gekrümmt und füllt, wenn sie nach ungefähr drei Wochen erwachsen ist, die Höhlung der Zelle ziemlich aus, in welcher man schwarze Körnchen, ihre Auswürfe, neben ihr finden kann. Jetzt spinnt sie ein Gehäuse und verpuppt sich. Da die unterste die älteste ist, muß sie natürlich auch zuerst zur Entwickelung gelangen, die zweite zunächst, die oberste zuletzt. Wird sie nun wohl so lange warten, bis die letzte ihrer Schwestern bereit ist, den Weg aus dem Kerker zu bahnen? Von der zweiten Brut — ja, denn da verhindert sie der Winter am Hervorkommen; von der ersten, die während des August vollendet ist, aber nicht. Es wurde ihr der kürzeste Weg gezeigt, auf dem sie sich aus dem Kerker befreien kann. Sie steht auf dem Kopfe, braucht also nur etwas beweglich zu werden und nach vorn zu drängen, so wird sie finden, daß der Raum sich nachgiebig zeigt. Sie gelangt so an das Ende der Biegung, welches mit Spänen lose gefüllt ist; indem fie ihre Zangen instinktmäßig kennt, prüft fie dieselben zum erstenmal und nagt die dünne Haut zwischen sich und der warmen Sommerluft durch. Dies nimmt wenigstens Lepeletier an; Réaumur dagegen berichtet, daß die Mutterbiene das Loch am Ende der Röhre nage, bisweilen auch in der Mitte noch ein drittes. Die zweite, welche auskriecht, folgt der ersten nach, bis endlich die ganze Gesellschaft ausgeflogen ist und das Nest leer steht. In Gegenden, wo Holzbienen sich einmal eingebürgert haben, benutzen sie ohne Zweifel jahrelang die alten Brutplätze und gewinnen bei sonst günstigen Witterungsverhältnissen mehr Zeit, um einer reicheren Nachkommenschaft das Leben zu geben, als wenn sie stets aufs neue in der eben beschriebenen Weise Kinnbacken und Geduld auf so harte Proben stellen müssen.