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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Was nun den Wachsbau im Inneren des Nestes anlangt, so ist er wesentlich von dem der Hausbiene verschieden, indem zunächst die Brutzellen und die „Vorratstöpfe“ einen scharfen Gegensatz zu einander bilden. Die Brutwaben können am besten in ihrer Einrich—⸗ tung mit dem umgekehrten Neste unserer gemeinen Wespe verglichen werden, indem einfache Tafeln oben offener Zellen stockwerkweise übereinander liegen und durch kurze Säulchen aneinander befestigt sind. Die Zellen erscheinen nur durch ihre enge Berührung miteinander, weniger im ursprünglichen Bauplane begründet als sechseckig, denn diejenigen der Ränder haben eine mehr oder weniger regelmäßig cylindrische Gestalt. Die für die Männchen sind

1 Vgl. Bates, „Der Naturforscher amAmazonenstrom“ (a. d. Englischen, Leipzig 1866). — „Eichstädter Bienenzeitung“ vom 15. Dezember 1874, Nr. 23. — „Der Zoologische Garten“, Band 16, Nr. 2 (Frank: furt a. M. 1875).

von denen für die Arbeiter nicht verschieden und nur die einzelnen Zellen für die fruchtbaren Weibchen treten nach oben oder unten durch ihre größere Länge über die ganze Wabe etwas heraus. Die Vorräte an Honig und an Bienenbrot (Blütenstaub mit Honig) werden in besondere Behälter, die vorher erwähnten „Vorratstöpfe“, eingetragen, die durchschnittlich die Gestalt eines Vogeleies haben, nur bei dichtem Beisammensein an den Berührungsstellen sich platt drücken, aus festen Wachswänden bestehen, durch feste Wachsbänder unter sich und an den Wänden des Baues befestigt sind und je nach der Art in ihrer Größe mehrfach schwanken. Diese beiden Hauptbestandteile eines Meliponenbaues zeigen bei einer und derselben Art unmöglich die Gleichartigkeit der Hausbienenbauten, weichen aber noch mehr je nach den Arten im Bauplan selbst ab. Drory unterscheidet nach den bisherigen Beobachtungen an seinen 11 Arten dreierlei Baupläne: 1) die Brutwaben und Honigtöpfe werden zusammen von einer schuppigen und schaligen Wachshülle umgeben, so daß man von außen nichts als einen großen Wachsbeutel von dunkelbrauner Farbe sieht — eine weitere Ahnlichkeit mit den vorher erwähnten heimischen Wespennestern; 2) nur die Brutzellen find von diesem Mantel eingehüllt, während sich die Honigtöpfe außerhalb desselben frei im Nestraum finden, wie beispielsweise bei der mehrfach erwähnten Melipona scutellaris, der „Abelha urussu“ der dortigen Eingeborenen; 3) die Trigona cilipes fertigt weder einen Mantel, noch Stockwerke von Bruttafeln, sondern brütet in vereinzelten, runden, wie die Beeren einer Weintraube durch Stiele verbundenen Zellen und umgibt diesen sonderbaren Wirrbau mit den Honigtöpfen. Wir müssen uns mit diesen Andeutungen begnügen und denjenigen auf die beiden letzten der oben erwähnten Mitteilungen verweisen, der über innere Einrichtung und den äußeren Zugang zu diesen Bauten weitere Auskunft wünscht, welche auch dort noch lange nicht in erschöpfender Weise gegeben sein dürfte. Ein weiterer Unterschied in dem Brutgeschäfte der Meliponen und unserer Hausbiene und vollkommene Übereinstimmung jener mit anderen „einsamen Kunstbienen“, wie wir später sehen werden, besteht in dem Umstande, daß jede Zelle erst von den Arbeitern mit Bienenbrot gefüllt wird, ehe das Weibchen ein Ei auf dieses legt. Durch Einbiegen der überstehenden Ränder wird die Zelle sodann von den Arbeitern geschlossen. Nach dem Ausschlüpfen der jungen Biene, welches in gleicher Weise wie bei der Stockbiene vor sich geht, werden die Wände der eben leer gewordenen Zelle abgetragen und entweder auf den Kothaufen gebracht, deren der unreinliche Stock mehrere zu enthalten pflegt, oder zu anderen Bauzwecken verwendet. Diese Kothaufen bestehen außer dem Wachse aus den Auswürfen der Bienen und den zerstückelten Leichen im Stocke verendeter Brüder und Schwestern; wachsen sie zu ungeheuerlich an, so werden sie möglichst zerkleinert und aus dem Stocke entfernt. Auch die Vorratstöpfe werden meist abgebrochen, wenn sie leer geworden sind, und wieder von neuem aufgebaut. Müller meint, daß dieses Abbrechen wahrscheinlich darum geschehe, weil das Wachs infolge fremdartiger Beimischungen leicht schimmele. Über andere Fragen hinsichtlich der Entwickelung und sonstigen Lebenseinrichtungen schweigen die Berichte, sie nehmen nur eine Königin in jedem Staate an, der ausschließlich das Eierlegen anheimfällt, während alles Andere von den Arbeitern besorgt wird.

Des Verhaltens der Männchen wird ebensowenig wie eines Schwärmens gedacht. Daß letzteres nicht stattfinden dürfte, geht aus einer Mitteilung von Saint-Hilaires hervor, welcher von einer gewissen Zähmung einiger Artenspricht, die sich nach den neueren Erfahrungen sehr vermehrt haben. Bei dieser Gelegenheit wird auch eines Mittels gedacht, welches die Eingeborenen angeblich anwenden, um sie zu vermehren. Wenn die Meliponen zum Eintragen ausgeflogen sind, nimmt man einige Waben mit Larven und Eiern heraus und thut sie in einen neuen Stock, welcher vorher sorgfältig mit Weihrauch ausgeräuchert

worden ist. Ein Teil der Bienen nimmt denselben an und er füllt sich bald mit Honig und Wachs. Neben den bereits berührten Verschiedenheiten im Nesterbau findet hinsichtlich der Körpergröße, der Körpertracht, des Geruches, der Flugweise und des Charakters unter den so ungemein zahlreichen Arten, wie sich dies von vornherein erwarten ließ, der mannigfachste Wechsel statt. Während die einen ihr lautes Summen augenblicklich verstummen lassen und sich furchtsam zurückziehen, sobald man an den von ihnen bewohnten Baum: stamm oder Kasten klopft, zeigen sich andere sehr wehrhaft und beweisen dies durch am Flugloche ausgestellte Schildwachen. Ob groß, ob winzig klein, spaßen diese nicht, wenn eine Honigbiene, eine Wespe, eine Fremde ihrer eignen Art Miene macht, ihr Flugloch zu beschnüffeln oder ein Mensch ihnen näher kommt, als sie es wünschen. Die kleinen fliegen im Nu auf den vermeintlichen Angreifer los, ist er aber einmal gepackt, so ist es meist um beide Teile geschehen. Denn die Verteidiger lassen niemals los und sterben mit dem Angreifer. Kommt ein kleinerer Kerf, selbst eine Hausbiene, einer kräftigen Meliponenart zu nahe, so nimmt es eine einzelne Schildwache mit dem Feinde auf. Sie packt die Biene entweder am Bauche oder auf dem Rücken, klammert sich mit ihren Beinen fest und gräbt mit Wut ihre scharfen Zangen in den Hals oder in das Bändchen zwischen Mittel: und Hinterleib ein. Vergeblich bemüht sich die größere Honigbiene, Gebrauch von ihrem Dolche zu machen, Kopf oder Hinterleib fällt ihr ab und die Melipone fliegt als Siegerin davon, nur selten unterliegt sie. Drory hatte auf der 19. Wanderversammlung deutscher und österreichischer Bienenwirte, welche vom 16. bis 18. September 1874 in Halle tagte, einen Kasten mit Melipona scutellaris ausgestellt. Da die Witterung für jene Jahreszeit ausnehmend schön und warm war, fühlten sich auch die Meliponen bewogen, ihren Kasten zu verlassen und zwischen den zahlreichen Völkern der heimischen Biene zu fliegen; dabei ist esdenn mehrfach beobachtet worden, wie einzelne durch die Fremdlinge im Fluge totgebissen worden find. Dem zu nahe kommenden oder den Honig ihnen rauben-den Menschen fahren die wilden Arten sofort in das Gesicht, in die Haare des Hauptes und Bartes, in die Ohren, vollführen ein nervenerregendes Gesumme und verbreiten manchmal einen höchst durchdringenden, sogar Schwindel und Erbrechen erregenden Geruch. Der kaum sichtbare Biß veranlaßt einige Stunden später nicht zu linderndes Brennen und Jucken und am anderen Tage eine erbsengroße Wasserblase, welche ein hochroter Rand umgibt. Die Blase vergeht zwar schnell, aber die Röte der Haut bleibt wochenlang zurück. Diese beiden letzten Wirkungen des Geruches und Bisses gelten von der kleinen Trigona flaveola. Nicht durch Rauch, wohl aber durch mehrstündigen Aufenthalt in einem kühlen Keller lassen sich die Meliponen lähmen und zähmen.

Nicht nur, daß die Meliponen hinsichtlich ihrer Lebensweise ein Mittelglied zwischen den in Staaten lebenden Immen und den einsamen Kunstbienen bilden, wie sich aus der Lebensweise der letzteren ergibt, sondern es haben sich noch manche hier mit Stillschweigen übergangene Eigentümlichkeiten herausgestellt, und fortgesetzte Beobachtungen werden noch andere interessante Beziehungen zwischen den beiden eben erwähnten Sippen der Bienen ergeben; dieselben müssen aber jenseits des Meeres angestellt werden, da nach der big: herigen Erfahrung Europa den Meliponen schwerlich je eine neue Heimat bieten möchte, sie bedürfen mehr anhaltende und höhere Wärmegrade, als die europäischen Witterungsverhältnisse gewähren.

Die unbeholfenen, brummigen Hummeln (Bombus), die „Typen der Brummer“, wie sie Landois nennt, jene Bären unter den Kerfen, meist in unterirdischen Höhlen kunstlos nistend, sind eigentlich nichts gegen die hochgebildeten Bienen in ihren großen

Städten, nichts gegen die tyrannischen Wespen und Hornissen in ihren papierenen und pappenen Zwingburgen, und doch bieten ihr einfaches, ländliches Leben, die kleinen Gesellschaften, in denen sie sich zu einander halten, die versteckten Erdhütten, von welchen sie friedlich umschlossen werden, des Poetischen genug, um einer eingehenden Betrachtung gewürdigt zu werden. Leider enthalten die Berichte älterer und neuerer Beobachter manche Widersprüche und gestatten mir nicht, der ich selbst keine Erfahrungen habe, ein klares Lebensbild zu entwerfen, weshalb ich mich auf allgemein anerkannte Thatsachen beschränke. Die Familie einer und derselben Hummelart entstammt von einem großen Weibchen, welches, befruchtet, in einem geschützten Versteck, am liebsten in einer von ihm selbst gegrabenen Erdröhre, seinen Winterschlaf gehalten hat, niemals aber im alten Neste. Im März oder April, je nach der Luftwärme oder je nach der Art früher oder später, wird das Auferstehungsfest gefeiert. Die Erdhummel scheint allerwärts den Anfang zu machen. Die erste Sorge des Weibchens dreht sich um das Auffinden eines geeigneten Brutplatzes, währenddem es zur eignen Stärkung die ersten Kinder Floras fleißig um Honig anspricht. Ein beraster, von Ameisen noch nicht in Anspruch genommener Maulwurfshügel, ein schlangenförmiger Gang desselben Tieres, ein verfallenes Mauseloch oder sonstige Hohlräume in der Erde, zwischen Steingeröll und dergleichen wählen die in der Erde nistenden Arten, Mooslager, angehäufte Laubschichten unter wildem Gestrüpp, ja selbst ein verlassenes Vogelnest in der Erdbodennähe ziehen die oberirdisch bauenden vor, alle aber stimmen darin überein, daß das Nest einen versteckten Eingang erhält, manchmal in ziemlicher Entfernung davon. In jenes trägt nun die Stammmutter Blütenstaub und Honig ein, und vier Wochen später entwickeln sich aus den von ihr gelegten Eiern die ersten, weit kleineren Arbeiter, wie bei den Bienen unentwickelte Weibchen, welche die Mutter bei ihrer Thätigkeit wesentlich unterstützen. Der erste Anfang der Familie ist noch nicht beobachtet worden, sondern nur der weitere Verlauf. Je mehr das Volk an Zahl zunimmt, desto seltener fliegt die Stammhalterin aus und beschränkt sich auf das Eierlegen. Zu diesem Zwecke fertigt sie aus Wachs eine napfartige Zelle auf weicher Unterlage, in welche neben das eingebrachte Futter mehrere Eier gelegt werden, welche für die übrigen Hummeln ein Leckerbissen sind, daher hat die Mutter sie zu schützen und möglichst schnell die Zelle zu schließen. Dieselbe wird nach Umständen auch erweitert und wiederholt geöffnet, um neue Nahrung zuzuführen, welche in den „Honigtöpfen“ aufgespeichert wird. Zu solchen werden dazu hergerichtete Puppengespinste verwendet. In dem Umstande, daß mehrere Larven, die denen der Bienen sehr ähnlich sind, in einer Zelle beisammen leben, ist der Grund von den so bedeutenden Größenunterschieden der Familienglieder zu suchen, auch davon, daß manche Larve gar nicht zur Entwickelung gelangt. Die gedeihende ist in 10—12 Tagen erwachsen, dann spinnt eine jede ein Gehäuse um sich und wird zu einer Puppe, welche durchschnittlich 14 Tage ruht, bis sich die junge Hummel am oberen Ende des Kokons, aber auch an anderen Stellen desselben herausbeißt oder auch mit Hilfe der Schwestern befreit wird. Hiernach geht in Monatsfrist, vier Tage auf den Eistand gerechnet, die volle Entwickelung vor sich. Anhaltend warmes Wetter und reichliche Zufuhr von Nahrung können diese Zeit um einige Tage abkürzen, gegenteilige Einflüsse ebenso dieselbe verlängern. Die jungen Ankömmlinge verweilen einige Tage im Neste und färben sich erst aus, ehe sie gleich den übrigen ausfliegen und eintragen.

Wenn man in späterer Zeit, im Hochsommer, ein Nest aufdeckt, so kann es das Ansehen haben, wie es unser Bild von der Erdhummel zeigt, es können aber auch solche fingerhutähnliche Zellen in mehreren Schichten übereinander und von verschiedenen Größen einen mehr traubenartigen Anblick gewähren. In demselben befinden sich Arbeiter verschiedener Größe, von Ende Juli ab kleine Weibchen, welche alle in ihrem Körperbau mit

der Stammmutter übereinstimmen, und in der Größe durchschnittlich die Mitte zwischen letzterer und den Männchen halten, welche im Bau und der Bekleidung des Körpers von jenen abweichen. Dieselben fliegen späterhin auch aus, um sich Nahrung zu suchen, beteiligen sich wohl auch an der Ausbesserung des Nestes, an dem Bebrüten der Zellen, kehren aber schließlich nicht zurück, sondern treiben sich bis zu ihrem Tode im Freien umher. Die Arbeiter und kleinen Weibchen übernehmen die Hauptarbeiten und sind dabei unermüdlich. Von früh bis zum späten Abend lassen sich die geschäftigen Hummeln sehen und hören. An trüben und unfreundlichen Tagen, an denen sich gern jeder andere Kerf in seinem Schlupfwinkel verborgen hält, spät des Abends, wenn die anderen, nicht nächtlichen schon zur Ruhe gegangen sind, brummt eine einsame Hummel noch von Blume zu Blume, ja Wahlberg sah sie im hohen Norden an hellen Sommernächten in Thätigkeit. Vielgestaltiger entfalten sich ihre häuslichen Arbeiten: Ausbessern, Erweitern des Nestes, Abnagen überflüssiger Zellen, Verbinden derselben untereinander, Umwandelung der verlassenen Puppengehäuse in Honigtöpfe und die gesamte Brutpflege, das Füttern der Larven und Bebrüten der Zellen, bezüglich Puppengehäuse. Kurz alle Arbeiten zum Gedeihen der Familie fallen ihnen anheim, ja sie können sogar in die Lage kommen, Eier zu legen, welche wesentlich kleiner sind als die der Stammmutter und nur Männchen das Dasein schenken. Sie erreichen höchstens ein Alter von 6 Wochen. Je nach der Art sind die Familien ungemein verschieden in der Anzahl ihrer Glieder. In der Anzahl von 500 scheinen Bombus terrestris und ruderatus alle anderen Arten übertreffen zu können.

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