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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Kehren wir nun zu unserem Stocke zurück, welcher soeben einen Schwarm mit der alten Königin ausgeschickt hat. Daselbst ist mittlerweile wenigstens eine junge Königin aus der Zelle geschlüpft und von dem Anhange, der ihr schon vorher zugethan war, mit den schuldigen Ehrenbezeigungen begrüßt worden. Sie würde unzweifelhaft als Erstgeborene die Herrin sein und bleiben, da die Mutter ihr das Feld geräumt hat, wenn nicht noch Nebenbuhlerinnen mit genau denselben Ansprüchen vorhanden wären. Die Verhältnisse können sich verschieden gestalten, nach drei, sieben oder neun Tagen können Nachschwärme, von denen natürlich jeder folgende immer schwächer wird, vorkommen, oder das Schwärmen hat mit dem Vorschwarm ein Ende. Mag der eine oder der andere Fall eintreten, ohne Leichen geht es nicht ab, zwei Königinnen zu gleicher Zeit in einem Staate sind nicht möglich; alle anderen, bis auf eine werden, sofern kein weiterer Schwarm zu stande kommt, von dem Volke getötet, in den seltensten Fällen entscheidet ein Zweikampf zwischen zwei Herrscherinnen. Einen solchen Fall erzählt Huber. Beide Königinnen hatten fast gleichzeitig ihre Zellen verlassen. Sobald sie sich zu Gesicht bekamen, schossen sie zornentbrannt aufeinander los und stellten sich so, daß ihre Fühler wechselseitig von den Kinnbacken des Gegners gehalten wurden, Kopf gegen Kopf, Brust gegen Brust, Bauch gegen Bauch, sie brauchten nichts weiter zu thun, als das Ende des letzteren zu krümmen, um sich gegenseitig tot zu stechen. Das geschah aber nicht, keine hatte einen Vorteil vor der anderen, sie ließen los und jede wich zurück. Nach wenigen Minuten wiederholte sich der Angriff auf dieselbe Weise mit gleichem Erfolge, bis durch eine Wendung die eine den Flügel der anderen faßte, auf sie stieg und ihr eine tödliche Wunde versetzte. Um zu untersuchen, ob bereits befruchtete Königinnen von gleicher Wut beseelt seien, setzte Huber eine solche in einen Stock, worin sich eine gleiche befand. Sofort versammelte sich ein Kreis von Bienen um den Fremdling, nicht um ihm zu huldigen, sondern um sein Entkommen zu verhindern. Während dies geschah, sammelte sich ein anderer Haufe um die rechtmäßige Königin. Nach den Huldigungen der Ehrfurcht und Liebe, die sie ihrer rechtmäßigen Regentin gewöhnlich an den Tag legen und nach dem Mißtrauen, das sie anfänglich einer fremden entgegen bringen, auch wenn sie die ihrige verloren haben, sollte man meinen, sie würden es nicht auf einen Zweikampf ankommen lassen und sich zur Verteidigung ihres Oberhauptes vereinigen. Dem war aber nicht so: keine Heere sollen für die Herrscher eintreten, diese sollten ihre Sache selbst ausmachen. Sobald die rechtmäßige Königin Miene machte, gegen den Teil der Wabe vorzugehen, wo sich ihre Nebenbuhlerin befand, zogen sich die Bienen zurück, daß der Raum zwischen beiden frei ward. Jene fährt wütend auf den Eindringling los, faßt ihn an der Wurzel des Flügels, drückt ihn gegen die Wabe, daß er sich nicht rühren kann, und fertigt ihn mit einem Stoße ab. Die Beobachtungen Hubers sind zu gewissenhaft, um in seine Erzählungen Mißtrauen zu setzen. Was er hier mitteilt, mag er in diesem Falle gesehen haben, Regel ist es aber nicht, vielmehr pflegen einige Arbeiter eine zweite Königin, die man unter sie setzt, sofort im dichten Knäuel einzuschließen und ohne weiteres tot zu stechen.

Ein Nachschwarm geht wegen der größeren Leichtigkeit und Beweglichkeit des noch unbefruchteten Weibchens in der Regel weiter und bedarf immer erhöhter Wachsamkeit von seiten seines Besitzers. Ohne dessen Beihilfe würde der Schwarm nach einiger Zeit von seinem Sammelplage aufbrechen, um sich in einem hohlen Baume, in einer Mauerspalte oder sonst wo an geeignetem Orte eine neue Häuslichkeit einzurichten. Ja, es sind vorher schon einige „Spurbienen“ ausgeschickt worden als Furierschützen, sich nach einer passenden Stelle umzuschauen. Im Freien geht ein so sich selbst überlassenes Volk schon im Herbste oder im Winter zu Grunde; doch fehlt es nicht an Belegen, daß sich unter günstigen Verhältnissen ein Volk jahrelang in diesem Zustande der Verwilderung gehalten hat. 15*

In sehr seltenen Fällen kommt außer den genannten Schwärmen auch noch ein Jung fernschwarm vor, wenn nämlich ein zeitiger Nachschwarm sich so schnell stärkt, daß er im Laufe des Sommers einen neuen Schwarm abstoßen kann.

So hätten wir denn gesehen, wie es nach dem regelrechten Verlaufe in einem Bienenstaate zugeht; es kommen aber noch einige Unregelmäßigkeiten vor, die zu interessant sind, um mit Stillschweigen übergangen werden zu dürfen.

Angenommen, es verliere ein Stock durch irgend welche Zufälligkeiten seine Königin und habe wegen Mangel an königlicher Brut keine Aussichten auf die Erziehung einer neuen. Was geschieht dann? Je nach den Umständen die eine oder die andere von nur zwei gegebenen Möglichkeiten. Entweder gibt es noch, wenn das Unglück eintritt, ungedeckelte Brutzellen mit Eiern oder Larven, oder diese sind sämtlich gedeckelt. Im ersteren Falle wird in größter Eile eine Zelle mit einem Eie oder einer sehr jungen Made zu einer königlichen umgebaut. Man trägt sie ab, entfernt die darunter liegenden, um Raum zu gewinnen, die runde Form und senkrechte Lage ist im Nu hergestellt. Königliches Futter wird vorgelegt und — die Anstrengungen waren nicht erfolglos, zur bestimmten Zeit geht ein fruchtbares Weibchen aus dem Umbau hervor. Im anderen Falle, der dieses Auskunftsmittel ausschließt, weil sämtliche Zellen schon gedeckelt waren, wird die Sache noch interessanter. Man erhebt eine kräftige, möglichst große Arbeiterin dadurch auf den Thron, daß man fie ihrer Arbeit entbindet, sie hegt und pflegt, gut füttert und ihr alle die Auf-merksamkeiten erweist, wie der gebornen Herrscherin. Bald fängt sie an, Eier zu legen. Durch Ruhe und Pflege entwickeln sich dieselben, da sie ja bei ihr als verkümmertem Weibchen in der Anlage vorhanden sind. Doch o weh! Es sind ja nur Drohneneier, die befruchtende Zuthat fehlt ihnen. Die daraus hervorgehenden Maden haben keinen Platz in den kleinen Zellen, diese müssen mit einem stark gewölbten Deckel geschlossen werden, darum hat man jene „Buckelbrut“ genannt. Ein gleiches Mißgeschick nur männlicher Geburten trifft den Stock, dessen Königin nicht zur Befruchtung gelangt ist; aber weder sie noch die drohnenbrütige Arbeiterin wird von den anderen vernachlässigt und darum geringer geschätzt, weil sie ihre Pflichten unverschuldeterweise nicht in der rechten Art erfüllen können, wie von einigen behauptet worden ist.

Der Umstand, daß eine unfruchtbare Arbeiterin oder ein nie befruchtetes Weibchen Eier legen können, aus denen trotzdem Bienen entstehen, eine Thatsache, welche man auch noch bei anderen Kerfen, besonders bei einigen Schmetterlingen aus der Sippe der Sackträger beobachtet hat, und die bei den übrigen geselligen Aderflüglern, wie bei Wespen und Ameisen, häufiger vorkommt als bei der Hausbiene, führte von Siebold unter dem Namen Parthenogenesis (jungfräuliche Zeugung) in die Wissenschaft ein. Dem Aristoteles war diese Erscheinung bei der Honigbiene nicht unbekannt, denn er spricht mit Bestimmtheit folgende Sätze aus: „Die Drohnen entstehen auch in einem weisellosen Stocke. Die Bienenbrut (es ist von Arbeiterinnen die Rede) entsteht nicht ohne Königin. Die Bienen erzeugen ohne Begattung Drohnen.“ |

Klopft man an einen Stock, welcher feine Königin hat, jo vernimmt man ein jofort wieder verschwindendes Aufbrausen, während ein weiselloser einen lange fortdauernden Ton hören läßt; ein solcher Stock geht bald zu Grunde, wenn der Eigentümer nicht durch Beschaffung einer neuen Königin zu Hilfe kommt.

Es ließe sich noch vieles von diesen so überaus interessanten Tierchen erzählen, besonders auch Züge aus ihrem Leben, welche von mehr als bloßem „Instinkt“, von einer gewissen Überlegung Zeugnis geben, weil sie außer dem Bereiche der Gewohnheiten und der angeborenen Beschäftigung liegen: allein wir dürfen sie nicht zu sehr bevorzugen vor so vielen anderen Verwandten, deren Lebensverhältnisse kaum minder reich an beachtenswerten

Einzelheiten find. Am Schlusse sei nur noch bemerkt, daß man in Rücksicht der Körper: färbung sechs Spielarten unterscheiden kann. Hiernach wäre die vorher beschriebene, dunkle, einfarbige a) die nordische Biene, welche sich nicht nur über den ganzen Norden ausbreitet und bis vor noch wenigen Jahren daselbst die einzige war, sondern auch im südlichen Frankreich und Spanien, in Portugal, einigen Gegenden Italiens, in Dalmatien, Griechenland, der Krim, auf den Inseln Kleinasiens und dessen Küstenstrichen, in Algerien, Guinea, am Kap und in einem großen Teile des gemäßigten Amerika anzutreffen ist. b) Die italienische Biene (Apis ligustica, Fig. 2, S. 225), mit braunroter Hinterleibswurzel und hochroten Beinen der Königin. Sie findet sich in den nördlichen Gegenden Italiens, in Tirol, der italienischen Schweiz und wurde in eine große Menge von Bienenstöcken Deutschlands eingebürgert. c) Eine sich von der vorigen durch ein gelbes Schildchen unterscheidende Abart kommt im südlichen Frankreich, Dalmatien, im Banat, auf Sizilien, der Krim, auf den Inseln und dem Festlande von Kleinasien wie im Kaukasus vor. d) Die ägyptische Biene (Apis fasciata, Fig. 3, S. 225), ebenfalls mit rotem Schildchen und weißer Behaarung. Sie lebt in Agypten und breitet sich über Sizilien und Arabien, weiter nach dem Himalaja und China aus. Die Einbürgerungsvereine haben sie neuerdings auch in Deutschland eingeführt. Die ägyptische Biene geht unmerklich über in e) die afrikanische, welche mit Ausnahme Algeriens und Agyptens über ganz Afrika aus: gebreitet ist. f) Die auffallend schwarze Biene von Madagaskar ist nur auf der genannten Insel und auf Mauritius heimisch. In Kaschmir, wo jeder Landwirt Bienenstöcke hält und dieselben so anlegt, daß walzige Offnungen für sie in den Wänden des Wohnhauses gelassen werden, ist die Biene kleiner als bei uns und vermutlich auch eine andere Art, die sich auch in einem Teile des Pandschab wiederfindet; dagegen kommt auf den südlichen Gebirgen eine andere Biene vor, die größer ist als unsere nordische, auch in zahlreicheren Völkern bei einander lebt, deren Honig aber häufig giftige Eigenschaften besitzen soll.

In den Gleicherländern, vorzüglich in Brasilien wie auf den Sundainseln und in Neuholland, leben in zahlreichen Arten wilde Bienen, die im ersteren Lande unter dem gemeinsamen Namen der „Abelhas“ gekannt sind und ohne Pflege von seiten der Menschen diesen reiche Vorräte von Honig liefern, wenn fie ihre Nester aufzufinden wissen. Höchst eigentümlich ist die Art, welche die Eingeborenen Neuhollands bei dieser Gelegenheit befolgen. Sie fangen eine Biene, kleben ihr ein weißes Federchen an, lassen sie wieder fliegen und setzen ihr über Stock und Stein, Busch und Hecke nach. Trotz der Stolperei, die bei einer solchen Hetzjagd nicht ausbleiben kann, sollen sie die gezeichnete Biene selten aus den Augen verlieren und in der Regel als Lohn für ihre Mühe das Nest auffinden.

Die Meliponen (Melipona), wie jene Bienen in der wissenschaftlichen Sprache heißen, haben mit unserer gemeinen Honigbiene den Mangel des Dornes an den Hinterschienen gemein, sind aber, ganz abgesehen von ihrer geringeren Größe, in allen übrigen Merkmalen wesentlich von ihr verschieden. In erster Linie steht die Stachellosigkeit. Will sich eine solche Biene wehren, so bedient sie sich ihrer kräftigen Kinnbacken. Der Vorderflügel hat eine vorn nicht vollkommen geschlossene Rand-, so eigentlich gar keine Unterrandzelle, da die Quernerven entweder ganz fehlen oder blaß und verwischt find, un zwei geschlossene Mittelzellen; bei einigen Arten scheinen die Flügel der Königin verkümmert zu sein. Die Ferse ist henkellos und kürzer als die ungemein breite Schiene. Bei den einen ist der Hinterleib oben gewölbt, am Bauche kaum gekielt (Melipona), bei den anderen kurz dreieckig, unten gekielt (Trigona), bei noch anderen endlich verlängert, fast viereckig (Tetragona). Das im Inneren bereitete Wachs kommt hier nicht zwischen den Bauchschuppen,

wie bei unserer Honigbiene, sondern zwischen den Rückenschuppen hervor. Die Männchen sind den Arbeitern in Farbe und Körpergestalt sehr ähnlich, haben aber keinen Schienenkorb, gespaltene Klauen und ein schmäleres, weißes Gesicht. Die fruchtbaren Weibchen, welche man von nur wenigen Arten kennt, zeichnen sich durch bedeutendere Größe, einfachere braune Färbung ꝛc. aus.

Außer wenigen früheren, sehr lückenhaften Nachrichten über die stachellosen Honigbienen Südamerikas haben wir aus jüngerer Zeit drei ausführlichere Berichte von Bates, Drory, H. Müller! über dieselben. Ihnen ist ohne Berücksichtigung der außerordentlich zahlreichen Artnamen das Folgende entlehnt worden, soweit es als Ausländisches hier zulässig schien. Die Meliponen bauen am liebsten in hohle Baumstämme, aber auch in Spalten senkrechter Uferwände und in Termitenhaufen, und vermauern die Spalten und sonstigen Offnungen bis auf ein Flugloch, dem unter Umständen auch ein röhrenförmiger oder trichterartiger Zugang aufgesetzt sein kann. Zu diesen, wie zu den teilweisen Bauten im Inneren verwenden sie kein Wachs, sondern harzige und andere Pflanzenstoffe, wie solche auch unsere Hausbiene verbraucht, ganz besonders aber thonige Erde. Diese Baustoffe werden mit denselben Werkzeugen eingeheimst wie der Blütenstaub, also in „Höschen“ an den Hinterbeinen. Mit ungemeiner Rührigkeit sieht man eine Gesellschaft Arbeiter, auf einer Thonfläche sitzend, mit den Kinnbacken die obere Schicht abschaben. Die kleinen zusammengebrachten Häufchen werden mit den Vorderfüßen gereinigt, kommen von da unter die Mittelbeine, welche das Klümpchen an das Körbchen der Hinterbeine ankleben; ist nun die Ladung hinreichend groß, daß die Biene gerade genug daran hat, so fliegt sie davon. Ihr Eifer beim Eintragen für sie brauchbarer Gegenstände ist außerordentlich groß und kann sehr leicht den Charakter des Räuberhandwerks annehmen, wie man es bei unserer Hausbiene bezeichnet. Dies zu beobachten fand Drory vielfache Gelegenheit, da er jahrelang alljährlich ihm von neuem aus Brasilien zugesandte Meliponen bei Bordeaux neben der Hausbiene hielt. Er ließ seinen Bienenstand einst inwendig lackieren und die Fenster zum schnelleren Trocknen offen stehen. Diesen Umstand machte sich die Melipona scutellaris zu nutze und war acht Tage hintereinander eifrig damit beschäftigt, an vielen Stellen den Lack abzufragen und sich Höschen davon anzulegen. Eine andere Art (Tri-gonaà flaveola) stellte fi) tausendweise ein, wenn ihr Waben und Honigstückchen unserer Bienen zugänglich waren, legte Höschen von Wachs an, stahl den Honig, aber keine von den Hausbienen wagte sich ihr zu nahen, während diese letzteren dagegen mit der Melipona scutellaris im besten Einvernehmen stahlen. Höchst unterhaltend soll ihr Eifer und ihr Betragen beim Bauen selbst sein, wobei sie sich gleichfalls bestehlen. Wenn eine ihre Höschen durch eine andere zu verlieren gedenkt, so dreht sie sich schleunigst um, Kopf gegen Kopf, und stößt unter kräftigem Flügelschlage einen trockenen Knurrton aus.

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