Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Zu Ende des Sommers erscheinen auch große Weibchen im Neste, bestimmt zur Überwinterung, Auftritte, wie sie im Bienenstaate der Königin gegenüber beobachtet worden sind, scheinen bei den gemütlicheren Hummeln nicht vorzukommen. Diese Weibchen werden von den bereits vorhandenen Männchen befruchtet und zwar vorherrschend im Neste, aber auch bei den beiderseitigen Ausflügen im Freien. Mit der spärlicheren Er: nährung nehmen die Geburten mehr und mehr ab und schließlich geht die diesjährige Familie allmählich ein. Vor fast 200 Jahren erzählt Gödart von einem „Trompeter“, den jedes Hummelnest habe, und der jeden Morgen auf den Giebel des Nestes steige und durch Schwingen seiner Flügel und starkes Summen die ganze Gesellschaft wecke und zum Beginn der Arbeit auffordere. Man hatte diese Erzählung schon längst in das Reich der Fabeln verwiesen, als Prof. Hoffer in Graz vor Jahren wenigstens von Bombus ruderatus diese höchst eigentümliche Erscheinung bestätigen konnte. Derselbe bemerkte auf der äußersten Spitze eines aus drei Stockwerken bestehenden Nestes genannter Art, welches er in einem Beobachtungskästchen aufgestellt hatte, ein hoch aufgerichtetes kleines Weibchen, mit dem Kopfe nach unten gerichtet und heftig mit den Flügeln schwingend, und hörte einen durchdringenden Ton, der entschieden durch aus den Luftlöchern strömende Luft verstärkt sein mußte; außerdem sah er, wie hier und da die Hummeln ihre Köpfchen aus Löchern in der Nestdecke heraussteckten. Dies geschah am 7. Juli früh 3½ Uhr, dauerte bis nach 4 Uhr und wiederholte sich jeden Morgen um diese Zeit bis zum 25. Juli, wahrgenommen von anderen Sachverständigen und sämtlichen Hausgenossen. Am letztgenannten Tage wurde der Trompeter weggefangen, am nächsten Tage erschien aber ein anderes kleines Weibchen und ersetzte die Stelle. Da nach einiger Zeit die Stammmutter abgestorben und das Nest von der Wachsmotte bewohnt war, wurde es, um der Sammlung einverleibt werden zu können, zur Vertilgung der Räuber ausgeschwefelt. Die Hummeln erholten sich allmählich wieder und flogen nach einiger Zeit aus und ein, auch ein Trompeter ließ sich noch hören, aber nicht so regelmäßig wie vorher, bis nach und nach das Nest einging. Berichterstatter meint, daß nur sehr starke Nester dergleichen Trompeter besäßen.
Trotz ihres versteckten Aufenthaltes fehlt es den Hummeln keineswegs an Eindringlin-gen in ihre Nester, der Vögel nicht zu gedenken, die sich ihrer Person bemächtigen und sie sogleich verzehren oder an Dornen spießen. Die große Feldmaus, das Wiesel und der Iltis sind die Hauptzerstörer der Nester, in welchen außerdem zahlreiche Schmarotzer wohnen, welche sich von den eingetragenen Vorräten ernähren, wie die Larven der Schmarotzerhummeln, oder von den Hummellarven. Hierher gehören einige Schmarotzerfliegen, wie Volucella, Myopa und Conops, welche wir später kennen lernen werden, die Spinnen: ameisen (Mutilla), die Olkäferlarven und andere. Die Hummeln selbst sind bewohnt von der Käfermilbe, welche wir bereits beim Totengräber und den Roßkäfern kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Jeder meiner Leser meint vielleicht die Hummeln so weit zu kennen, um vor Verwechselung mit anderen ihresgleichen gesichert zu sein, der plumpe Körper, die dichte Behaarung, in der Regel schwarz, bisweilen durch rote oder weiße Binden unterbrochen, seien zu untrügliche Merkmale. Gemach! Es wird später von einigen Hummeln die Rede sein, welche zwar ebenso aussehen, aber eine ganz andere Lebensweise führen, und so gibt es auch Bienen, die der nicht Eingeweihte unfehlbar für Hummeln ausgeben würde. Man wolle also auf folgende Erkennungszeichen achten: Die Hummeln stimmen der Hauptsache nach im Körperbau mit den Honigbienen überein, nur mit dem wesentlichen Unterschiede, daß die breiten Hinterschienen mit zwei Enddornen ausgerüstet sind und die ebenso gestaltete Ferse statt des Zähnchens einen rechtschaffenen, wohl ausgebildeten Fersenhenkel trägt. Das Körbchen an den Hinterbeinen kommt natürlich nur den Weibchen und den Arbeitern zu. Die Zunge ist lang, ausgestreckt, mindestens dem Körper gleich und wird von den beiden ersten Tastergliedern der Lippe wie von einem Rohre eingeschlossen; weil aber die beiden folgenden Glieder dieser als kurze Anhängsel seitwärts stehen, so wird man die Lippentaster als zweigestaltig bezeichnen müssen; die Kiefertaster dagegen sind klein und eingliederig. Auf dem Scheitel stehen die Nebenaugen in gerader Linie. Der Vorderflügel hat dieselbe Zellenzahl wie bei der Honigbiene, aber die Randzelle ist kürzer und vorn verschmälert, die dritte Unterrandzelle nach dem Flügelvorderrande hin schmäler als nach innen, und nach außen bogig begrenzt. Das kleinere und schlankere Männchen erkennt man als solches an dem kleineren Kopfe, den längeren Fühlern, welche infolge des kurzen Schaftes kaum gebrochen erscheinen, und am schmäleren Hinterleibe. Den Hinterbeinen fehlen Korb und Fersenhenkel, vielmehr tragen sie an der Außenseite lange Haare. Die kleinsten unter der ganzen Gesellschaft sind die geschlechtlich verkümmerten Weibchen, welche im übrigen Baue und in der Färbung mit den großen und kleinen Weibchen vollkommen übereinstimmen. Dagegen weichen die Männchen in Bezug auf letztere bisweilen nicht unbedeutend von ihren Weibchen ab. Daher ist es auch gekommen, daß Verwechselungen stattfanden und eine große Verwirrung unter den Namen geherrscht hat; das Zusammenleben in einem und demselben Neste mußte schließlich zur Gewißheit und Verbesserung früher begangener Fehler führen.
Die Erdhummel (Bombus terrestris) sehen wir nebst ihrem teilweise aufgedeckten Neste in Fig. 1, S. 236, abgebildet, um einige der gewöhnlichsten Arten näher zu kennzeichnen; ihre schwarze Körperbehaarung wird auf den drei letzten Hinterleibsgliedern durch weiße, auf dem zweiten und auf dem Halskragen bindenartig durch gelbe vertreten. Die drei Formen stimmen genau in der Färbung überein, nur finden sich beim Männchen bisweilen unter den Kopfhaaren einige weiße, und die gelbe Hinterleibsbinde nicht scharf auf das zweite Glied beschränkt; in Größe weichen fie aber sehr ab, das breite Weibchen ist 26 mm lang und darüber, das Männchen 13— 22, die Arbeiter 13—18,75 mm. Im Alter wird das Gelb sehr blaß. Die Art ist über ganz Europa und das nördliche Afrika verbreitet. Bei der
etwa ebenso großen Gartenhummel (Bombus hortorum), die auch eine weiße Hinterleibsspitze hat, sind Halskragen, meist auch das Schildchen und das erste Glied des
Hinterleibes, gelb, die äußerste Spitze dieses aber schwarz. Die Steinhummel (Bombus lapidarius, Fig. 2), von derselben Größe, ist schön schwarz und an den drei letzten Leibesringen fuchsrot. Beim Männchen sind Kopf, Vorderrücken und Brust, öfters auch noch das Schildchen gelb und die Haare der Hinterschienen rötlich.
Die Mooshummel (Bombus muscorum) ist durchaus gelb, am Mittelleibe und der Wurzel des Hinterleibes rötlich, hier auch mit einzelnen braunen und schwarzen Haaren untermischt, am übrigen Hinterleibe durch graue Beimischung heller gelb; im Alter bleichen 1 die Farben aus, und das ganze Tier kann ein schimmelartiges Aussehen bekommen. Die € Länge schwankt zwischen 18,75--22 mm. Ihren Namen hat diefe Hummel darum, weil hi fie ihr Nest mit Moos und Genist ziemlich locker bedeckt. Bei einiger Vorsicht kann man
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- Weibchen der Erdhummel (Bombus terrestris) mit Nest. 2) Steinhummel (Bombus lapidarius). Natürliche Größe
es aufnehmen und möchte dann den ganzen Bau mit einem umgekehrten Vogelneste vergleichen, inwelchemdie Puppengehäuse ungefähr in Gestalt von Eiern ohne Ordnung, aber zusammengeklebt, nebeneinander liegen. Während man noch beim Neste steht, holen die Tiere das zerstreute Moos wieder zusammen, und dabei arbeitet jede ohne Rücksicht des Geschlechtes. Sie tragen es nicht, sondern schieben es zusammen. Dabei stellen sich drei oder vier hintereinander, die entfernteste faßt ein Klümpchen mit den Kiefern, zieht es mit den Vorderbeinen auseinander, schiebt es unter den Leib, wo es das zweite Fußpaar erfaßt und es dem dritten übergibt, mit diesem wird es soweit wie möglich dem Neste zugestoßen. Diesen kleinen Haufen behandelt eine zweite Hummel ebenso, dann eine dritte, bis er beim Neste angelangt ist. Hier warten schon andere darauf, um mit ihren Zähnen und Vorderbeinen den Stoff zu verteilen und anzudrücken. Auf diese Art entsteht nach und nach ein Gewölbe von 26—52 mm Dicke. Bei dieser Bauweise können fie das Nest natürlich nur da anlegen, wo sich der Baustoff in unmittelbarer Nähe findet. Den inneren Teil überziehen sie in Papierstärke mit einer harzigen Masse. Der Zugang zum Neste, oft in einen gewundenen Gang verlängert, wird in der Regel mit einer Wache besetzt, welche Ameisen und anderes Geziefer abwehren soll. Außer einer noch sehr großen
Anzahl von Arten, welche Europa bewohnen, leben in beiden Hälften des amerikanischen Festlandes, in Asien und Afrika andere Arten, die der Körperform und den Farben nach unwesentlich von den unsrigen abweichen, immer aber ohne Schwierigkeiten als Gattungsgenossen erkannt werden.
Den bisher betrachteten geselligen Bienen stehen nun die mittels der vorher erörterten Sammelwerkzeuge eintragenden einsamen Kunstbienen gegenüber. Dieselben leben nur paarweise, es fehlen ihnen die unentwickelten Weibchen als Arbeiter, weil die Kräfte jedes einzelnen Weibchens zu den Vorkehrungen bei der Brutpflege hinreichen.
Die Schienensammler (Podilegidae) stimmen bei vielen hier mit Stillschweigen zu übergehenden, zum Teil sehr stattlichen ausländischen Arten in der Bildung ihrer Hinterbeine mit unseren Hummeln überein und tragen im weiblichen Geschlecht ein Körbchen, bei vielen heimischen fehlt dasselbe, die Hinterschiene ist vielmehr samt der Ferse mit dichten Sammelhaaren besetzt; letztere innenseitig zu der früher besprochenen Bürste geworden. Die Kinnbacken find gerade, auf der Oberfläche mit unregelmäßigen Punkteindrücken und auf der Innenseite mit nur einem Zahne versehen. Die fast walzige Zunge überragt im Ruhestand eben nur den Kopf, ausgestreckt den ganzen Körper, und ist nach Art der echten Bienen gebildet; ihre Lippentaster sind daher „zweigestaltig“.
Die bürstentragenden Schienensammler bauen wie die anderen nicht schmarotzenden einsamen Kunstbienen aus verschiedenen Stoffen Zellen, nur nicht aus Wachs, füllen dieselben mit hinreichendem Futter, einem Gemische von Honigseim und Blütenstaub, legen ihr Ei darauf und verschließen die Zelle. Nachdem in ihr die Made ihre Verwandlung durchgemacht hat, nagt sich, vielleicht 10, 11 Monate später, als die Mutter das Ei legte, die vollkommene Biene daraus hervor und findet keine liebevolle Pflegerin wie die Hausbienen und Hummeln; sie teilt das Los der meisten Tiere, sich selbständig mit den ihnen eingepflanzten Naturtrieben durchs kurze Leben durchzuhelfen. Die Männchen werden zuerst geboren, und wir treffen sie auf den Blumen an, wo sie ihr Dasein fristen und — ein Weibchen suchen. Auch dieses verläßt seine Geburtsstätte, wünscht sich zu ernähren, und die Bekanntschaft ist leicht gemacht. Es wird oft von mehr als einem Anbeter umschwärmt und verfolgt. Die gegenseitige Zuneigung äußert sich bei den verschiedenen Arten verschieden, aber immer büßt das bevorzugte Männchen seine Eroberung mit baldigem Tode. Das befruchtete Weibchen bedarf noch längerer Zeit, um Fürsorge für die Nachkommen zu treffen. Ist die Honigernte ergiebig, der Sommer anhaltend schön, so wird die Arbeit gefördert, und es kann den Grund zu einer reichen Nachkommenschaft legen, wird es dagegen durch anhaltende rauhe Witterung häufig im Baue zurückgehalten, so geht dieser nur langsam von statten, die Zeit kann nicht ausgenutzt werden, und eine geringe Anzahl von Eiern ist gelegt, wenn der Tod die müde Pilgerin für immer zur Ruhe bringt. Dieser und jener Schmarotzer benutzt die Abwesenheit der eifrigen Mutter und legt sein Kuckucksei in die gefüllte Zelle, das eher auskriecht als der rechtmäßige Inhaber, wenn die Schmarotzerlarve sich vom Honig nährt, später, wenn sie der Bienenmade selbst nachstellt. Mancher Aderflügler aus der Familie selbst gehört zu den Verrätern, eine und die andere Goldwespe, Schlupfwespe, Fliegen aus den Gattungen Bombylius und Anthrax und die Immenkäfer mit ihren Verwandten (Trichodes, Sitaris).
Die Schnauzen- oder Pelzbienen (Anthophora) breiten sich in vielen Arten über ganz Europa und das nördliche Afrika aus, fehlen aber auch in Südamerika und Asien nicht gänzlich. Am Vorderflügel findet man die gleiche Zellenmenge, wie bei den vorhergehenden Gattungen; eine vorn gerundete, mit kleinem Anhang versehene Randzelle, die
nicht viel weiter nach hinten reicht, als die letzte der geschlossenen drei, unter sich fast ganz gleich großen Unterrandzellen. Die Fußklauen sind zweiteilig, die Schienendornen an den Hinterbeinen in der Zweizahl vorhanden; die gebrochenen Fühler in beiden Geschlechtern gleich und nur mäßig lang, die Nebenaugen in ein Dreieck gestellt. Die Bienen erinnern nicht nur durch ihren gedrungenen Körperbau, sondern auch durch Dichtigkeit und Farbe der Behaarung an die Hummeln, ein prüfender Blick auf die Hinterbeine läßt indes wenigstens bei den Weibchen keinen Augenblick einen Zweifel darüber, ob man es mit der einen oder der anderen Gattung zu thun habe. Der Geschlechtsunterschied besteht im Mangel der Bürste beim Männchen, welches dagegen manchmal an den Füßen der Mittelbeine abweichend behaart und in der Regel an den unteren Gesichtsteilen elfenbeinweiß gefärbt ist, während dieser Teil beim Weibchen schwarz bleibt wie die obere Hälfte. Leider sind die Unterschiede der beiden Geschlechter einer und derselben Art so bedeutend, daß, wie schon bei den Hummeln bemerkt wurde, nicht das Ansehen, sondern nur die Beobachtung in der freien Natur die zu einander gehörigen richtig zusammenzustellen lehrt.