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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Die große Menge zum Teil recht artiger Bienen, deren Weibchen weder an den Beinen P noch am Bauche mit Sammelhaaren ausgestattet sind, welche man daher auch nie mit Blütenstaub in die Erdlöcher hineinkriechen sieht, in welche sie zu bauen scheinen, werden für Schmarotzerbienen erklärt. Es ist noch nicht sehr lange her, daß man das Schmarotzerleben gewisser Hummeln entdeckt hat.

Die schmarotzenden Bienen legen ihre Eier in die fertige Zelle eines Wirtes, schaffen vielleicht auch das rechtmäßige Ei beiseite, wie bisweilen der Kuckuck. Die aus dem unberechtigten Eie schlüpfende Larve ernährt sich von den fremden Vorräten, und statt der Art, die sich mit dem Zellenbaue abgequält hatte, kommt ein die Bequemlichkeit liebendes anderes, wenn auch verwandtes Tier zum Vorschein. Häufig sind die Schmarotzer den Arten ähnlich, bei welchen sie schmarotzen, und verschaffen sich durch diese Uniform den Zutritt zum fremden Neste. Hinsichtlich ihrer Mundbildung gehören die Schmarotzerbienen beiden natürlichen Familien, den Andreniden und den Apiden, an; ordnen wir daher die wenigen, hier näher zu besprechenden Arten hiernach und beginnen mit den langzungigen.

An die Hummeln schließen sich hinsichtlich des allgemeinen Körperbaues die Schmarotzerhummeln (Psithyrus oder Apathus) an. Von den sechs in Deutschland lebenden Arten sind die Felsen-, Feld-, Sommer- und Wald-Schmarotzerhummel (Psithyrus rupestris, campestris, aestivalis und saltuum) die verbreitetsten. Ihre Weibchen unterscheiden sich von den wahren Hummeln durch folgende Merkmale: die Oberlippe ist unten stumpfwinkelig, während sie dort gerade endigt, die Nebenaugen stehen in flacher Bogenlinie. Die Hinterschienen haben kein Körbchen, sondern nach außen eine erhabene und behaarte Oberfläche, ihre Ferse keinen Henkel. Die Oberseite des Hinterleibes ist mit Ausnahme der Endglieder fast kahl und glänzend, das letzte Glied eingekrümmt und auf der Unterseite mit einer winkeligen Erhabenheit versehen, welche jederseits eine Ecke bildet. Sit es somit bei näherer Betrachtung leicht, ein Psithyrus- von einem Bombus-Weibchen zu unterscheiden, so bedürfen die Männchen sehr sorgfältiger Prüfung und lassen sich trotzdem noch leicht miteinander verwechseln. Der Kopf der Schmarotzerhummeln ist kürzer, fast so lang wie breit, vorn meist stärker behaart als hinten, eine verdickte Fühlergeißel und nach außen konvexe, gekörnte Hinterschienen mit gleichmäßiger Behaarung kennzeichnen sie. Da die Weibchen ihre Eier in die Nester der geselligen Hummeln, und zwar derer legen, denen sie selbst am ähnlichsten sehen, so bedürfen sie keiner Gehilfen, wie sie jene in den unausgebildeten Weibchen haben; sie erscheinen im Frühjahr, ihre Männchen merklich später. Zu den gemeinsten und artenreichsten Schmarotzerbienen gehören die Wespenbienen (Nomada), die buntesten in der ganzen Familie. Ihr meist nur 8,75—13 mm langer Körper ist fast kahl, der elliptische, beiderseits etwas zugespitzte Hinterleib gelb-, weiß, rotfleckig oder bandiert, auf glänzend schwarzem oder rotem Grunde. Das Rückenschildchen trägt zwei Warzen. Die Hinterschienen sind zwar etwas breitgedrückt, aber nur mit wenig kurzen Härchen, besonders an der Unterseite, bekleidet. Die nach außen häufig ge trübten Vorderflügel haben eine große Randzelle, welche sich beiderseits mäßig zuspitzt, drei Unterrandzellen, deren erstere ungefähr so groß ist, wie die beiden anderen zusammen. Für die Mundteile gelten eine lange Zunge, zweigestaltige Lippen- und sechsgliederige Kiefertaster als maßgebend. Das etwas kleinere Männchen unterscheidet sich durch schmäleren, spitzer endenden Hinterleib, den Mangel einer Franse, welche am vorletzten Ringe des Weibchens sitzt, und meist durch dichtere Behaarung an der vorderen Leibeshälfte, besonders Silberbehaarung im Gesichte, von seinem Weibchen.

Die Wespenbienen schmarotzen hauptsächlich bei den Sandbienen, aber auch bei den Schmalbienen, den Langhörnern und bei der Gattung Panurgus, schwärmen also zahlreich da, wo diese ihre Erdlöcher haben. Man sieht dann die Weibchen in nicht eben raschem Fluge über die Erde hinstreichen, um die Nester jener an Dämmen, Nainen, Wald: rändern ꝛc. aufzusuchen. Die einen erscheinen sehr früh im Jahre, andere später, einige besonders im Herbste, nach Schencks Ansicht einige sogar zweimal im Jahre. Die Erstlinge versammeln sich mit ihren Wirten und anderen Kerfen auf den blühenden Weiden—

kätzchen, an Stachelbeerblüten und später an blühenden Kräutern. Beim Ruhen vom Abend an und an unfreundlichen Tagen schon vor der Nachtzeit zeigen sie, die Heimatlosen, eine eigentümliche Gewohnheit. Sie beißen sich nämlich mit ihren Kinnbacken in ein Blättchen oder Zweiglein fest, ziehen die sämtlichen Beine an, legen die Fühler zurück und hängen so in senkrechter Stellung an ihrem Munde. Die zahlreichen, in Größe und Färbung oft veränderlichen Arten sind zum Teil schwer voneinander zu unterscheiden, und manche unserer heimischen kommen auch in Nordamerika vor, während sie in den heißen Erdstrichen durch andere Formen vertreten sind. Um ein Bild dieser zierlichen Bienen zu geben, ist hier (Fig. 1 u. 2) eine mittelgroße, gleichzeitig die bunteste Art vorgeführt, welche sich erst im Spätsommer und Herbste zeigt: die weißfleckige Wespenbiene (Nomada Roberjeotiana). Der in beiden Geschlechtern breite und kurze Hinterleib ist im ersten Gliede

1, 2) Weißfleckige Wespenbiene (Nomada Roberjeotiana), Männchen, Weibchen. 3) Gemeine Waffenbiene

(Melecta punctata). 4, 5) Kegelbiene (Coelioxys rufescens), Weibchen, Männchen. 1, 2, 5 etwas vergrößert.

rot, in den folgenden nach der Regel schwarz oder nach hinten allmählich durch Rot in diese Farbe übergehend, beim Männchen mit dreieckigen weißen Seitenflecken, beim Weibchen nur mit zwei solchen jederseits und einem viereckigen an den Spitze. Der mattschwarze Mittelleib ist beim Männchen gelb gefärbt, wie das Gesicht und die Fühlergeißel unten, der Schaft, das Schildchen und die Beine sind mehr oder weniger rot, die hintersten außerdem an den Schenkeln schwarz gefleckt. Beim Weibchen sind die helleren Zeichnungen etwas sparsamer und nur bis rot herabgehend.

Kräftiger im Baue und am Kopfe und Mittelleibe zottig behaart find die Trauer: bienen, Waffenbienen (Melecta), leicht kenntlich an den weißen Haarfleckchen auf dem schwarzen, breiten, hinten plötzlich zugespitzten Hinterleibe. Die Randzelle ist regelmäßig oval, die drei Unterrandzellen, ebenso die Mundbildung wie vorher. Am stark gewölbten Schildchen werden zwei Seitenzähne durch die Behaarung versteckt. Das Weib: chen sticht mit einem sehr langen und kräftigen Stachel nach oben, während das Männchen gern um sich beißt. Sie schmarotzen bei Anthophora und, wie Lepeletier meint, bei den größeren Megachile-Arten. Die gemeine Waffenbiene (Melecta punctata K., Fig. 3) ist an der vorderen Leibeshälfte schmutzig weiß (graugelb) behaart und schmarotzt vorherrschend bei Anthophora retusa. Die punktierte Waffenbiene (Melecta luctuosa Scop.) ist an denselben Stellen rein weiß behaart, schmarotzt vor: herrschend bei Anthophora àestivalis, acervorum und intermedia und fliegt daher zum Aufsuchen der Nester an der Erde entlang, wenn sie nicht am Natterkopf und an anderen Blumen der Nahrung nachgeht.

1, 2) Weißfleckige Weſpenbiene (Nomada Roberjeotiana), Männchen, Weibchen. 3) Gemeine Waffenbiene (Melecta punctata). 4, 5) Kegelbiene (Coelioxys rufescens), Weibchen, Männchen. 1, 2, 5 etwas vergrößert.

Die Kegelbienen (Coelioxys, Fig. 4 u. 5), nächst den Wespenbienen für unsere Gegenden das artenreichste Schmarotzergeschlecht, welches in seiner Körpertracht durchaus den Bauchsammlern unter den Kunstbienen entspricht, nur daß, wie der Name andeuten soll, der Hinterleib beim Weibchen spitz endigt, stumpfer und mehrzähnig beim Männchen und auch hier nach oben gebogen ist. Außerdem charakterisieren das erhabene, jederseits bedornte Rückenschildchen, nur zwei Unterrandzellen, eine kurze, viereckige Oberlippe und ein eigentümlicher, unangenehmer Geruch die schwer zu unterscheidenden Arten, welche sämtlich schwarz aussehen und mit verwischten weißen Haarflecken oder Binden gezeichnet sind. Sie schmarotzen bei denselben Gattungen wie die vorigen und bei Saropoda. Vor einer Reihe von Jahren führte mich mein Weg in der ersten Hälfte des Juni an das Stallgebäude einer ländlichen Wirtschaft. Die Vorderseite desselben bestand aus einer ziemlich langen, nicht übertünchten, gegen Mittag gelegenen Lehmwand und war reich gesegnet mit Bienen, Mauer- und Goldwespen, wie ich nie wieder jo viele bei einander gesehen habe. Die Wand war fast siebartig durchlöchert. Von den Bienen herrschten vor die drei Gattungen Anthophora, Melecta und Coelioxys, schwärmten und summten durcheinander, daß es ein Vergnügen gewährte, dem bunten Treiben zuzuschauen, und ich nur bedauerte, einen so prächtigen Beobachtungsplatz nicht näher meiner Behausung zu haben. Unsere beiden Schmarotzer lungerten hier und da umher und paßten nur den günstigen Augenblick ab, in welchem eine Schnauzenbiene ausfliegen würde. Kaum war sie fort, so stellte sich auch schon ein Unberufener ein, um die Wohnung genau zu untersuchen. Ließ er sich unvorsichtigerweise einmal von der zu früh heimkehrenden Eigentümerin erwischen, so gab es einen Kampf, welcher gefährlicher aussah, als er wirklich war; denn die rechtmäßige Bewohnerin ging bald nach der Balgerei ihrer gewohnten Beschäftigung nach, und die andere hatte die erhaltene Lehre schnell wieder vergessen; auch sie setzte ihre Schnüffeleien fort, geschah es nicht in dem, so geschah es in einem anderen Neste. Den Schmarotzern im Bienengewande ganz ähnlich treiben es die kleineren, nach ihrem prächtigen Goldglanze benannten Wespchen, deren persönliche Bekanntschaft wir bald machen werden.

Hiermit verabschieden wir uns von den Blumenwespen und wenden den Raubwespen unsere Aufmerksamkeit zu, welche im Grunde weniger durch ihre Lebensweise als in der äußeren Erscheinung zu verschieden sind, um in einer einzigen Familie vereint bleiben zu können.

Die Falten wespen oder Wespen schlechtweg (Diploptera, Vesparia) zeichnen sich vor allen anderen Hautflüglern dadurch aus, daß in der Ruhelage die Vorderflügel in einer Längsfalte die hinteren teilweise umfassen und, zur Seite des Hinterleibes Platz greifend, diesen nicht bedecken. Der nackte oder fast nackte Körper hat meist nicht die schwarze Hautfarbe, welche bei den Blumenwespen zur Regel gehört, sondern gelbe, auch weiße Flecke oder Binden erzeugen am Kopfe und Hinterleibe bunte Abwechselung. Wir finden ähnliche Färbungen in späteren Familien wieder, aber im Gefolge anderer Fühler⸗, anderer Flügelbildung, jo daß bei einiger Umsicht keine Verwechselungen möglich sind. Unsere Wespen tragen, wie die Bienen, gebrochene Fühler, bei den Männchen wegen geringerer Entwickelung des Schaftes allerdings weniger augenfällig, und einen Wehrstachel nur im weiblichen Geschlecht und in dem dritten Stande, wo er vorkommt. Obgleich die Wespen selbst nur den Süßigkeiten nachgehen, welche sie

mit der bei den meisten kurzen Zunge auflecken, verwöhnen sie ihre Larven nicht durch dergleichen Leckerbissen. Dieselben werden vielmehr infolge der Raubtiernatur mit anderen Kerfen aufgefüttert, welche in zerkauten Bissen verabreicht werden. Die größte Zahl der Familienglieder bewohnt die wärmeren Erdstriche, während Europa einen verhältnismäßig nur schwachen Beitrag liefert; je weiter sich ein Land vom Gleicher entfernt, desto ärmer wird es an Wespen. In ihrem Körperbau und teilweise in der Lebenseinrichtung bieten die Faltenwespen trotzdem mancherlei Unterschiede und Grund zu einer Verteilung auf drei Sippen. Bei den einen haben die Vorderflügel nur zwei geschlossene Unterrandzellen, nimmt das Kopfschild in einer vorderen Ausrandung die Oberlippe auf und endigt die Zunge in zwei feine Fädchen. Das Schildchen reitet auf dem dahinter liegenden Teile, dem sogenannten Hinterschildchen. Die Fühler endlich erscheinen aus nur acht Gliedern zusammengesetzt, indem die letzten, nach vorn keulenartig anschwellenden, zu dicht aneinander liegen, um erkannt werden zu können. Mit den eben erwähnten Kennzeichen stattete Mutter Natur die Schmarotzerwespen (Massaridae) aus, etwa 30 Arten, welche in warmen Ländern leben und auch in zweien, Celonites apiformis und Ceramius Fonscolombi, dem südlichen Europa angehören. Die Lebensweise der meisten ist noch nicht hinreichend erforscht, da man sie aber bei einigen als eine schmarotzende erkannt hat, meint man, die ganze Sippe als solche bezeichnen zu dürfen.

Die Lehm- oder Mauerwespen (Eumenidae) bilden die zweite Sippe. Sie haben im Vorderflügel drei geschlossene Unterrandzellen (man könnte sogar von vieren sprechen, weil der Cubitus meist bis zum Flügelsaume reicht), eine lange, dreiteilige Zunge, fadenförmige Taster, sechsgliederige an den Kiefern, viergliederige an der Unterlippe, ein herzförmiges oder ovales, nie in einen Zahn auslaufendes Kopfschild; die Augen reichen bis zur Wurzel der Kinnbacken herab und sind am Innenrande, nahe dem Scheitel, tief ausgeschnitten. Die gebrochenen Fühler verdicken sich schwach nach vorn und bestehen aus 12 oder 13 Gliedern. Die Kinnbacken, länger als breit, pflegen schnabelartig nach unten zu stehen. Die Krallen der Füße tragen an der Innenseite einen, in seltenen Fällen mehrere Zähnchen, und die Mittelschienen nur einen Sporn. Wie die vorigen leben sie einzeln, vorzugsweise in Lehmwänden, steilen Abhängen fetten Sandes, einige in trockenen Pflanzenstengeln, in welchen sie Zellenreihen von Erde anlegen (Odynerus rubicola), unsere heimischen Arten wenigstens nie in schlichter Erde oder lockerem Sande, und versorgen ihre Brut ein fürallemal mit dem gehörigen Vorrat eingetragener Larven. |j

Die Papierwespen (Vespidae) endlich leben zumeist gesellig, bauen sehr künstliche Nester und haben unfruchtbare Weibchen als Arbeiter, welche die Brut auffüttern, j| wie die Honigbienen und Hummeln. Außerlich stimmen fie sonst in allen Stücken mit den 1 vorigen, haben aber einfache Fußklauen, an den Mittelschienen zwei Sporen, eine kurze, 1 vierlappige Zunge, kürzere Kinnbacken, bis zu deren Wurzel die Augen meist nicht J herabreichen, und ein mehr viereckiges Kopfschild. Die beiden letzten Sippen führten bei Linné den Gattungsnamen Vespa.

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