Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Verwandlung gehen fie in die Erde (Crioceris und Lema), oder breit eiförmige, die Exkremente auf einem gabelartigen Anhange des letzten Gliedes ansammelnde und sich an Blättern verpuppende (Cassida). 3) Minierende Larven, die insofern von der walzigen Form abweichen, als sie sich nach beiden Enden verdünnen; sie verpuppen sich im Inneren der Pflanze oder in der Erde (Altica), andere leben im Inneren der Blätter, haben aber seitliche Warzen (Hispa). 4) Kurze, dicke und gefärbte Larven, meist durch warzige Nachschieber, Warzen an den Körperseiten und durch das Vermögen ausgezeichnet, einen klebrigen Saft ausfließen zu lassen; fie leben frei auf Blättern und hängen sich zur Verpuppung mit der Leibesspitze an diese auf oder gehen in die Erde (Eumolpus, Chrysomela, Galeruca). 5) Lichte, gestreckte, ziemlich walzige, aber warzige Larven, die sich hinten hakenförmig umbiegen und in einem Gehäuse aus ihrem Kote an Pflanzen oder im Inneren der Ameisenhaufen leben und sich am gleichen Orte in diesem Gehäuse verpuppen (Clythridae und Cryptocephalidae).
Da wir von der zahlreichen Familie nur wenige Formen vorführen können, lassen wir uns auf eine weitere Gliederung nicht ein, sondern greifen einige der wichtigsten heraus in der Reihenfolge, in der sie die Systematiker zu bringen pflegen. Die schönen
Schilfkäfer (Donacia) kommen in zahlreichen Arten in Europa und Nordamerika vor und sitzen Ende Mai oder Anfang Juni, manche Arten erst im Juli, oft massenhaft auf Schilf, Riedgräsern und den übrigen grasartigen, am Wasser wachsenden Pflanzen oder auf den schwimmenden Blättern anderer, in deren Teilen ihre Larve gelebt hat. Dem Sammler sind sie durch Säure in ihrem Körper übel berüchtigt; denn kein anderer Käfer erzeugt an der ihn durchbohrenden Nadel so viel Grünspan, verwandelt mit der Zeit den in ihm steckenden Nadelteil völlig in solchen, wie sie; dieser treibt die Flügeldecken und den Hinterleib auseinander und zerstört die Tiere. Man pflegt sie darum wohl wochenlang austrocknen zu lassen, wieder etwas anzufeuchten, damit sie beweglich werden, und dann erst an die Nadeln zu bringen, auch übersilberte dazu zu verwenden, und noch erhält man keine Sicherheit, der Zerstörung vollständig vorgebeugt zu haben, weshalb es am zweckmäßigsten ist, sie auf ein Bapierftreifhen neben die Nadel zu kleben, was man sonst bei Käfern ihrer Größe nicht zu thun pflegt. Wie nahe die Schilfkäfer ihrem Ansehen nach den Böcken stehen, sieht man daraus, daß Degeer eine auf Seerosenblättern anzutreffende Art, Donacia crassipes, als Leptura aquatica beschrieben hat. Der keulenbeinige Schilfkäfer (Donacia clavipes, auch menyanthidis) möge uns statt aller eine Vorstellung von diesen hübschen Kerfen geben. Er gehört zu den gestreckteren und den wenigeren, bei denen das Männchen5 | sich nicht durch einen oder zwei Zähne an der Unterseite der Hinterschenkel, sondern nur rin Mi0=. inEN
Keulenbeiniger Schilfkäfer (Donacia elavipes) durch geringere Größe von seinem Weibchen nebst Larven und Puppengehäuse. Natürliche Größe. unterscheidet. Die Oberfläche ist goldgrün, die untere dicht silberweiß behaart, die mitten auf der Stirn eingelenkten, fadenförmigen Fühler von Körperlänge und die in einfache Klauen ausgehenden Beine rötlich. Die Flügeldecken sind tief punktstreifig, äußerst fein gerunzelt und runden sich hinten einzeln ab; die Hinterschenkel erreichen die Spitze derselben, die walzigen Vorderhüften berühren sich. Bemerkenswert ist noch bei allen Schilfkäfern der erste Bauchring dadurch, daß er die Gesamtheit aller folgenden an Länge übertrifft. Diesen im weiblichen Geschlecht bis reichlich 11 mm messenden Schilfkäfer fand ich, wie alle anderen Arten, nur im Mai und Anfang Juni beispielsweise 1866 sehr häufig und gepaart am gemeinen Schilfe unserer Saalufer und zwar an einer Stelle, wo weit und breit kein Frosch—⸗ löffel (Alisma plantago) wächst, welchen Heeger als Futterpflanze bezeichnet, so daß ich annehmen muß, die Larve komme außer an dieser auch an anderen Pflanzen vor. Ebensowenig habe ich den Käfer im Oktober oder November beobachtet. Er muß aber wohl zu dieser Jahreszeit anzutreffen sein, denn der eben genannte zuverlässige Beobachter behauptet von ihm, daß er gewöhnlich im Oktober bei Tage aus dem Wasser vorkomme und sich nach einigen Tagen bei Windstille begatte; die gegen Ende dieses Monates oder gar erst im November sich entwickelnden Käfer thun dies erst im nächsten Frühjahr, nachdem sie den Winter im Wasser unter faulen Pflanzenbestandteilen zugebracht haben.
Das im Frühling befruchtete Weibchen geht nach 6—8 Tagen wieder unter Wasser und legt bei Tage seine Eier einzeln an die dicken Wurzeln der Futterpflanzen; 40— 50
hat es abzusetzen, die in 14— 18 Tagen untergebracht find. Aus ihnen kommt nach 10 bis 20 Tagen die Larve zum Vorschein, ernährt sich anfangs von den zarten Haarwurzeln, später von den stärkeren und nach der dritten Häutung von der äußeren Haut der dicken Ausläufer. Sie häutet sich in ungleichen Zwischenräumen und braucht zur vollkommenen Ausbildung 5—6 Wochen. In erwachsenem Zustande hat fie eine Länge von 11—13 mm und eine Dicke von 3,37 mm erreicht, ist fast walzig, am Bauche etwas ausgehöhlt, blaß grünlichgrau von Farbe, hat einen sehr kleinen, runden und einziehbaren Kopf, sechs Beine und am vorletzten (elften) Bauchringe zwei braune, hornige, auswärts gebogene und am Grunde genäherte, lange Dornen, welche in der Ruhe nach vorn am Bauche anliegen, beim Kriechen aber als Nachschieber dienen. Der hornige Kopf trägt dreigliederige Fühler, keine Augen, sehr kleine zweigliederige Lippentaster und einen Unterkiefer, dessen innere Lade lederartig und verkehrt eiförmig, die äußere ebenso gebildet, aber kürzer ist, und dessen Taster gleichfalls nur aus zwei Gliedern bestehen. Die Oberlippe ist quer viereckig und jede Kinnbackenhälfte einfach zugespitzt, an der inneren Kaufläche stumpf zweizähnig. Zuletzt fertigt die Larve an der Wurzel der Futterpflanze ein pergamentartiges, schwarzviolettes, inwendig weißes, eiförmiges Gehäuse, in welchem die Puppe vollkommen wasserfrei 20—25 Tage ruht. Wie bereits erwähnt, kommt der Käfer vor Winters daraus hervor, nachdem er ein Deckelchen abgenagt hat, hält sich eine Zeitlang an der Futterpflanze fest, bis er sich vom Wasser zur Oberfläche heben läßt; hier angelangt, steigt er an der ersten besten Pflanze empor, fliegt auch fort, wie alle Schilfkäfer; denn man findet einzelne weit entfernt von ihren Geburtsstätten und auf Pflanzen, denen sie entschieden nicht entsprossen find. — Im heißen Asien und Afrika vertreten riesigere, 12—35 mm lange und gewölbtere Formen unsere Schilfkäfer: die prächtigen, durch ihre überaus dicken, auf der Unterseite beim Männchen stark gezahnten Hinterschenkel und die gekrümmten zugehörigen Schienen leicht kenntlichen Arten der Gattung Sagra, welche man an die Spitze der Familie zu stellen pflegt.
Wer an den stolzen weißen Lilien (Lilium candidum) unserer Gärten die Blätter zerfressen sah und sich nach dem Übelthäter umschaute, wird schwarz glänzende, feuchte Körper bemerkt haben, welche träge am Stengel sich bewegen oder thätig den Blättern zusprechen. Was man von ihnen zu Gesicht bekommt, ist der Kot, in welchen sie sich hüllen, nur den Bauch frei lassend. Sie ergeben sich bei näherer Betrachtung als dicke, nach vorn verjüngte, sechsbeinige Lärvchen, die den Sommer über von jenen Blättern sich ernähren und dann in die Erde gehen, um sich zu verpuppen. Im nächsten Frühjahr kommen die allbekannten glänzend schwarzen, auf Halsschild und Flügeldecken roten Lilienkäfer, Lilienhähnchen (Crioceris merdigera, Abbild. S. 194, Fig. 1) zum Vorschein, die man auch alsbald aufeinander in der Paarung sitzen sieht. In Gestalt kommen sie den Schilfkäfern nahe, sind jedoch gedrungener, ihre schnurförmigen, nur halbe Körperlänge erreichenden Fühler und die Beine dicker. Wie dort, erreicht das nahezu walzige, nach hinten stark eingeschnürte Halsschild bei weitem nicht die Breite der an den Schultern rechteckigen Flügeldecken; der dreieckige Kopf verengert sich nach hinten halsartig und erhält durch die glotzenden, nach innen schwach ausgerandeten Augen seinen größten Breiten durchmesser. Die keilförmig endenden Kiefertaster und vollkommen voneinander getrennten Fußklauen kennzeichnen diese Gattung vor anderen, der Körpertracht nach sehr ähnlichen (Lema, Zeugophora). Der 6,6 mm messende Lilienkäfer vermag für seine Größe einen starken Zirpton zu erzeugen, indem er durch Aus- und Einziehen des letzten Hinterleibsringes, der mit einer in der Mitte unterbrochenen und gerillten Rückenleiste versehen ist, gegen zahlreiche Chitinschüppchen an den Spitzen der Flügeldecken reibt; beim Reiben trifft die Unterbrechung der Leiste auf die Naht der Flügeldecken, neben welcher eben jene u
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.
stehen. Hält man einen in die hohle Hand eingeschlossenen Käfer an das Ohr, so vernimmt man diese Laute sehr deutlich, die während der Paarungszeit zur Verwendung kommen.
Das Spargelhähnchen (Crioceris asparagi, Fig. 2), kleiner, schlanker und mehr plattgedrückt als der Lilienkäfer, ist glänzend blaugrün; das fast walzenförmige Halsschild und der Saum der Flügeldecken sind rot und letztere außerdem mit je drei, teils unter sich, teils mit dem Saume zusammenfließenden, weißgelben Fleckchen gezeichnet. Die Art lebt wie ihre olivengrüne, einzeln behaarte und an den Seiten faltig gerandete, sechsbeinige Larve von den Blättern des ausgetriebenen Spargels. Die Larve geht zur Verpuppung in die Erde, wo die Puppe oder manch bereits entwickelter Käfer überwintert. Die Zirp-leiste ist hier nicht unterbrochen und reibt gegen das äußerste Ende der Deckschilde.
Das zwölfpunktige Zirpkäferchen (Crioceris duodecimpunctata, Fig. 3) steht in Größe und Körperform zwischen den beiden vorigen. Kopf, Halsschild, Flügeldecken, Hinterleib, Mitte der Schienen und die Schenkel, mit Ausnahme ihrer schwarzen Spitze, sind rot, schwarz ußerdem die übrigen Teile, oben namentlich das Schildchen und sechs Punkte auf jeder Decke. Auch dieses Käferchen stellt sich auf dem aufgeschossenen Spargel ein, um die Blätter zu befressen. Die sechsbeinige, bleigraue und 1) Lilienkäfer (Crioceris merdigera) und Larven. 2) Spargelhähnchen kahle Larve mit zweiteiligem (C. asparagi) nebst Larve. 3) Zwölfpunktiges Zirpkäferchen (C. duo- SE:; j 5 decimpunctata) nebft Larven. Natürliche Größe. Halsschild lebt aber einzeln in den Beeren. Zur Verpuppung geht sie gleichfalls in die Erde. Das Zirpwerkzeug des Käfers entspricht dem der vorigen Art, nur ist die Reibleiste an der Rückenwurzel des letzten Leibesgliedes breiter.
Mit der Gattung der Säge- oder Sackkäfer (Clythra), welche man neuerdings in 40 Untergattungen zerlegt hat, und deren über 250 Arten fast nur auf die Alte Welt sich beschränken, gehen wir zu einem anderen Formenkreise über, zu mehr geschlossenen walzigen Kerfen, deren Halsschild am Hinterrand mit der Wurzel der gleichlaufenden Flügeldecken ganz oder fast ganz in der Breite übereinstimmt. Bei der genannten Gattung steht der Kopf senkrecht oder schräg, ist bis zu den Augen in das Halsschild eingelassen, und die meist gesägten kurzen Fühler lenken sich unter jenen ein und stehen infolge der breiten Stirn weit auseinander. Bei vielen verlängern sich die Vorderbeine, besonders im männlichen Geschlechte, außerordentlich, haben aber, wie die anderen, ungespaltene Klauen. Das erste Hinterleibsglied umfaßt seitlich das Hüftblatt der Hinterbrust, und das letzte erreicht die Länge jenes oder übertrifft fie noch. — Der vierpunktige Sackkäfer (Olythra quadripunctata, Abbild. S. 196, Fig. 1) ist glänzend schwarz, unten fein grau behaart, auf jeder der gelbroten, glänzenden Flügeldecken mit zwei schwarzen Flecken gezeichnet, von denen das kleinere an der Schulterbeule mitunter auch fehlt; die Vorderbeine zeichnen sich nicht durch bedeutendere Länge vor den anderen aus. Das Männchen unterscheidet sich
vielmehr durch eine mondförmige Grube auf dem letzten Bauchringe vom Weibchen, welches hier nur eine Längsfurche zeigt. Der Käfer ist im Sommer gemein an Gras, Gebüsch, besonders Weiden, und entwickelt sich in Jahresfrist aus einer Larve, die umstehende Abbildung (Fig. 2) vorführt, und die in einem schwarzen Futterale steckt, dessen Umrisse der Querschnitt gleichfalls verdeutlicht. Sie fertigt dasselbe aus ihren Exkrementen, spinnt es oben zu und irgendwo an zum Überwintern, sodann nochmals, wenn sie sich verpuppen will. Am dickeren Unterende kommt nach wenigen Wochen der Käfer aus demselben hervor, indem er den Boden heraus arbeitet, wozu bei der Bröckeligkeit des Gebäudes wenig Kraftaufwand nötig ist. Man hat die Larve öfters in Ameisenhaufen (bei Formica rufa) gefunden. — Eine kleinere Ausgabe der vorigen, aber mit langen Fadenfühlern versehen, fast den längsten, welche überhaupt bei Blattkäfern vorkommen können, bilden die Fallkäfer (Cryptocephalus). Man könnte sie als „Verborgenköpfe“ bezeichnen, da ihr Kopf so tief im Halsschilde steckt, daß nur Stirn und Gesicht als vordere, senkrechte Begrenzung von ihm bemerkbar werden. Die zahlreichen Arten leben auf Sträuchern und in Blumen und finden sich, wo einmal vorhanden, immer mehrfach, wenn auch gerade nicht gesellig und dicht beisammen, so unsere gemeinste und größte Art, der goldgrüne oder tiefblaue Cryptocephalus sericeus, im Grunde der Blütenkörbchen und andere. Gleich den vorigen, was hier noch nachgetragen sein mag, lassen sie sich mit angezogenen Beinen und zurückgelegten Fühlern von ihrem Ruheplatz herabfallen und spielen für lange Zeit die Toten, wenn man sich ihnen nicht hinreichend vorsichtig naht. Es ist nun einmal diese Verstellungskunst und das plötzliche Verschwinden auf dem Boden für eine große Menge sonst vollkommen hilfund wehrloser Kerfe das einzige Schutzmittel gegen feindliche Angriffe. Auch bei den Larven wiederholt sich dieselbe Eigentümlichkeit, welche der vorigen Gattung den Namen der „Sackkäfer“ eingebracht hat.