Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
grünlichgelben, reich schwarz bewarzten Larve zweimal im Jahre die Blätter des Schnee-balles durchlöchert, an den Ulmen-Furchtkäfer (Galeruca xanthomelaena), der in gleicher Weise an den Rüstern wirtschaftet, an andere derselben Gattung und von demselben Ansehen auf Weidengebüsch. — Der Erlen-Blattkäfer (Agelastica alni), jener violettblaue Käfer, bringt auf Ellern dieselben Wirkungen hervor und mancher andere an anderen Sträuchern; doch würde es uns zu weit führen, wenn wir ihnen allen noch weitere Aufmerksamkeit schenken wollten.
Allbekannt und zum Teil übel berüchtigt sind die kleinen, in der Regel massenhaft auftretenden Blattkäferchen, welche durch ihre verdickten Hinterschenkel zum Springen befähigt, darum nicht unpassend mit dem Namen der Erdflöhe belegt worden sind. Ihre Anzahl ist sehr beträchtlich, und nirgends auf der Erdoberfläche fehlen sie; das reiche Südamerika hat deren bis 8,75 mm lange aufzuweisen, während die heimatlichen zu den kleinen zählen. Sie überwintern meist im vollkommenen Zustande, doch auch als Larve und beginnen vom ersten Frühjahr an ihren Unfug in Gärten und auf Feldern, der dann besonders fühlbar wird, wenn sie sich an die jungen Pflänzchen halten (Raps, Levkojen, Kohlarten ꝛc.). Ihr alter wissenschaftlicher Name Altica oder Haltica ist jetzt nur noch wenigen Arten verblieben und durch so und so viele neue ersetzt worden, je nachdem der Körper eiförmig oder halbkugelig (Sphaeroderma und Mniophila), die Hinterfüße an der Spitze der Schiene oder inmitten einer Längsrinne vor ihr eingefügt sind (Psylliodes), die Schienen in einen einfachen oder gabelig geteilten Enddorn auslaufen (Dibolia), und je nach anderen Unterschieden, die hauptsächlich von der Bildung der Beine entlehnt sind. In Deutschland leben in runder Zahl 100 Arten, von denen viele sich nur an eine Pflanze halten, die meisten jedoch auch anderswo angetroffen werden, als man ihrem Beinamen nach vermuten sollte, weil sie keine Kostverächter sind und mindestens nahe verwandte Gewächse mit ihrem Besuche nicht nur beehren, sonder sich auch zur Tafel bei ihnen laden.
So lebt der Raps-Erdfloh (Psylliodes chrysocephala, Abbild. S. 202,
Fig. 1) nicht bloß an der Pflanze, die ihm den deutschen Namen gab, und an welcher seine Larve bedeutende Verwüstungen anrichten kann, sondern an sehr verschiedenen anderen Gewächsen. Ich beobachtete seine Lebensweise an den Winterölsaaten und will sie in der Kürze erzählen. Im ersten Frühjahr, wenn die überwinterten Pflanzen beginnen, neue Lebenszeichen von sich zu geben, bemerkt man einzelne oder zahlreiche unter ihnen, deren noch kurzer Stengel mit seinen Blättern gebräunt, statt grün, oder da, wo der Hauptstengel ganz fehlt und durch kümmerliche Nebentriebe ersetzt wird, die Blätterrosette gleichfalls braun gefärbt erscheint. Bei näherer Untersuchung finden sich dort im Stengel, hier im Inneren des Wurzelstockes 2 — 6 und mehr Millimeter lange Larven. Viele Wochen später, wenn die Hauptblüte vorüber und die Schoten so angesetzt haben, daß sie eine reichliche Ernte versprechen, trifft man dieselben Larven immer noch, aber größer und höher oben, am
sichersten in umgeknickten Stengeln, deren Zahl sich mitunter so mehrt, daß die Felder den traurigen Anblick bieten, als wenn Menschen oder Vieh rücksichtslos darin umhergelaufen wären. In dergleichen Stengeln haben die Larven nach und nach das Mark verzehrt und sie widerstandslos gegen den Wind gemacht. Stellenweise, besonders unter den Asten, bemerkt man auch Löcher, aus denen sich die zur Verpuppung reifen herausgefressen haben.
Die in Rede stehende Larve ist schmutzig weiß, schwach niedergedrückt, sechsbeinig; der hornige Kopf, das hornige Nackenschild und das schräg abgedachte, am Hinterrande gerundete, vor ihm mit zwei Dornspitzchen bewehrte Afterglied sind gebräunt, und eine lichtere braune Farbe führen auch die Hornfleckchen, welche reihenweise über die dazwischen liegenden Körperglieder gehen. Am Kopfe unterscheidet man deutlich kurze, kegelförmige Fühler, je ein Auge hinter ihnen und drei Zähne an der Spitze der kräftigen Kinnbacken. Erwachsen hat die Larve eine durchschnittliche Länge von 7 mm, verläßt den Stengel und verwandelt sich in der Erde, ohne zu spinnen. Ungefähr von Mitte Mai an zeigt sich der Käfer, der, wie bereits erwähnt, an den verschiedensten, nicht bloß kohlartigen oder schotenfrüchtigen Pflanzen angetroffen wird. Seine Körpertracht und die Einlenkung der Hinterfüße vor der Spitze der Schienen zeigt die Abbildung auf S. 202; zur weiteren Charakteristik sei hinzugefügt, daß am schwarzblau oder schwarzgrün glänzenden Körper die Vorderhälfte des Kopfes, selten die ganze Fläche desselben, die Wurzel der Fühler und die Beine mit Ausnahme der Hinterschenkel, die der Vorder- und Mittelbeine in der Regel etwas dunkler als die zugehörigen Schienen, rotgelb gefärbt sind. Die Stirn ist glatt, ohne Eindrücke, das Halsschild sehr fein und seicht punktiert, die Flügeldecken dagegen deutlich punktstreifig. Wenn die Wintersaat der Olfrüchte aufgegangen ist, stellen sich die Käfer ein,um zu fressen und an die Blätter die Eier einzeln abzulegen, was wochenlang fortgesetzt wird; denn die nach der Überwinterung in so verschiedenen Größen angetroffenen Larven beweisen die großen Zwischenräume zwischen ihren Geburtstagen. Nach etwa 14 Tagen wird die Larve geboren, frißt sich in die Mittelrippe und arbeitet sich von da weiter in das Herz der jungen Pflanze. Der Käfer hatte seine Bestimmung erfüllt und starb vor Winters; ich fand von dieser Art nie einen in den gewöhnlichen Schlupfwinkeln für die kleinen winterlichen Schläfer.
Der Kohl⸗Erdfloh (Haltica oleracea, Abbild. S. 202, Fig. 2) richtet feine Lebensökonomie anders ein. Er überwintert, paart sich im Frühjahr, und die Weibchen legen ihre Eier an die verschiedensten Pflanzen, an welchen die Larve nachher äußerlich lebt. Ich fand sie bei spielsweise in Menge an dem schmalblätterigen Weidenröschen (Epilobium angustifolium). Sie ist graubraun von Farbe und igelborstig. Am glänzend schwarzen Kopfe erkennt man die kegelförmigen Fühler, je ein einfaches Auge hinter denselben. Die Mundteile stimmen mit denen der vorigen. Auf sämtlichen Ringen stehen je zwei Reihen erhabener Warzen, von welchen jede mit einem Borstenhaare versehen ist. Auf diese Weise stellt sich der Rücken, wenn man ihn von der Seite sieht, regelmäßig gezackt dar, indem jedes Glied zwei Zacken liefert. Das letzte unterscheidet sich in seiner Bildung von den übrigen insofern, als ihm vermöge seiner Kleinheit nur eine Warzenreihe zukommt und sich sein Fuß etwas lappig zu zwei Nachschiebern erweitert, wie sie die Schmetterlingsraupen haben. Erwachsen ift sie etwa 6mm lang. Am 21. Juli sammelte ich deren mehrere in diesem Zustande ein und erhielt am 10. August die ersten Käfer; die Verwandlung erfolgt in der Erde in einem weichen Gehäuse. Ein Zeitraum von 6 Wochen reicht aus, um alle Stände bis zu der Entwickelung des Käfers gedeihen zu lassen, falls nicht Kälte und zu große Feuchtigkeit hinderlich sind, und zwei Bruten im Jahre dürften immer zu stande kommen. Der Kohl⸗Erdfloh ist länglich eiförmig, reichlich Amm lang, durchaus dunkel
olivengrün, mehr oder weniger blau schillernd, nur die Fußglieder und Fühler sind schwärzlich. Die Oberseite ist sehr fein und dichtpunktiert, das Halsschild vor seinem Hinterrande leicht quer eingedrückt und daselbst am breitesten, aber noch nicht so breit wie die deutlicher und unregelmäßig punktierten, hinten gemeinsam abgerundeten Flügeldecken.
Der Eichen-Erdfloh (Haltica erucae, Fig. 5) ist dem vorigen außerordentlich ähnlich und häufig mit ihm verwechselt worden; er unterscheidet sich von ihm hauptsächlich nur durch das an den Seiten leistenartig aufgeworfene Halsschild, etwas kräftigeren Körperbau und durch die andere Futterpflanze, indem er und seine Larve das ganze Jahr über an Eichen leben, deren Blätter nach und nach skelettierend, jo daß die Eichenbüsche und Stangen: hölzer im Sommer durch das Verschwinden sämtlichen Blattgrüns einen überaus traurigen Anblick gewähren, wenn, wie mehrere Jahre hindurch in unserer benachbarten Heide, dieser kleine Springer in den Eichen-beständen massenhaft haust. Mit dem Erwachen alles Lebens aus dem Winterschlafe steigt der Käfer trägen Schrittes, noch wenig Spannkraft in den Springmuskeln verratend, aus seinem feuchten Winterlager vom Boden an den Eichenbüschen und Eichenstangen empor und benagt mehr oberflächlich und spielend die kaum schwellenden Knospen. Erst wenn die grünen Blätter sichtbar 165 | find, sitzt er weidend auf ihnen, ) Raps-Erdfloh (Psylliodes chrysocephala). 2) Kohl-Erdfloh (Haltica N; oleracea). 3) Bogenstreifiger Erdfloh (Phyllotreta flexuosa). 4) Gelb- und das Männchen auf einem streifiger Erdfloh (Phyllotreta nemorum). 5) Eichen-Erdfloh (Haltiea Weibchen. Wenige Wochen später erucae). Alle vergrößert. J und 5 mit vergrößerter Larve. A. Raps mit Erd— 2482. N: floh, B. Weidenröschen mit gelbstreifigem E, C. Schaumkraut mit bogenstrei— nehmen die Käfer merklich ab, die figem E., D. Eichenblatt mit E. und dessen Larve. Löcher im jungen Laube aber merklich zu; denn statt jener, der nun heimgegangenen, bedürfen ihre Larven reichlicherer Kost. Dieselben find gleichfalls igel-stachlig, aber weniger kantig auf dem Rücken und weniger eingeschnitten in den Seiten als die vorigen, weil hier die glänzend schwarzen, den Körper bedeckenden Warzen weniger zahlreich und etwas kleiner sind; auch erscheinen die Larven des Eichen-Erdflohes reiner schwarz als die vorigen. Im Juni und Juli trifft man sie meist in Mehrzahl auf einem Blatte, dann aber verlassen sie ihre Weideplätze, um an der Erde unter Laub, aber auch in den wagerechten Rindenrissen alter Stämme während des August die Puppenruhe zu halten. Solange die Käfer die Eichenbüsche und etwa das Stangenholz in der oben erwähnten „Heide“ bewohnten, war es wegen der Bodenbeschaffenheit nicht wohl möglich, ihre Puppen aufzusuchen; nachdem sie aber, mit jedem Jahre sich weiter ausbreitend, auch die alten Bäume am Rande bewohnten, konnte man die dottergelben Püppchen zu dreien und vieren bei einander in den wagerechten Rindenrissen der zerklüfteten Stämme jener liegen sehen. Seitdem haben sich die Käfer merklich vermindert, ohne daß gegen sie etwas unternommen worden ist. Die den Puppen im September entschlüpften Erdflöhe treiben sich, solange es die Witterung erlaubt, auf dem von ihren Larven schwer heimgesuchten Laube umher, vermehren dessen Löcher noch und sitzen zuletzt, immer träger werdend, oft zu zehn und zwölf dicht gedrängt bei einander, bis sie schließlich in den Winterquartieren am Boden verschwinden. Sonach scheint eine Brut im Jahre die Regel zu sein, doch will ich
nicht in Abrede stellen, daß an besonders sonnigen Stellen und bei günstigen Witterungsverhältnissen während eines Jahres auch deren zwei möglich sind.
Der gelbstreifige Erdfloh (Phyllotreta nemorum, Fig. 4, S. 202), dessen Larve in den Blättern von Kreuzblümlern minierend lebt, der bogenstreifige Erdfloh (Phyllotreta flexuosa, Fig. 3, S. 202), die unser Flohkäferbild gleichfalls vorführt, und noch einige gelb gezeichnete Arten gehören zu unseren gemeinsten und buntesten, die aber alle hinsichtlich der Körpergröße und Farbenmannigfaltigkeit weit hinter den zahlreichen Arten des heißen Amerika zurückbleiben. Trotz ihrer Kleinheit fügen sie den Landwirten oft empfindlichen Schaden zu und bleiben bei ihrer großen Beweglichkeit unempfindlich gegen alle Verfolgung, wenn nur Wärme, verbunden mit mäßiger Feuchtigkeit, ihre Entwickelung begünstigt.
Die Reihe der Blattkäfer abschließend, gedenken wir noch der in vielen Beziehungen höchst eigentümlichen Schildkäfer (Cassida). Die ovalen Kerfe lassen sich leicht an dem vorn gerundeten, den Kopf vollkommen deckenden Halsschilde erkennen; dasselbe, eng den Flügeldecken sich anschließend, bildet mit ihnen zusammen eine Art Schild, welches den Körper ringsum überragt und ihn von obenher vollständig verbirgt. Grasgrün, gelblich oder rötlichgrau pflegt seine Farbe zu sein, und bisweilen ziehen gold- oder silberglänzende Streifen über den Rücken, solange der Käfer lebt, verlieren sich aber nach seinem Tode durch Trockenwerden der Feuchtigkeitsquelle. Die fünf letzten Fühlerglieder verdicken sich zu einer Keule. Die zahlreichen Arten kommen in Europa, einige wenige in Afrika vor, und ihre breitgedrückten, seitlich dornig bewehrten, hinten mit einer Schwanzgabel versehenen Larven leben frei auf Blättern krautartiger Gewächse und verpuppen sich auch an denselben. Sie alle überwintern im vollkommenen Zustande und sorgen mit Beginn des Frühjahres für ihre Brut, die sich ziemlich schnell entwickelt und daher möglichenfalls zweimal im Jahre erscheint.
Der nebelige Schildkäfer (Cassida nebulosa, Abbild. S. 204) gehört zu den gemeinsten Arten und läßt sich an folgenden Merkmalen erkennen: die Hinterecken des Halsschildes sind breit abgerundet, die Flügeldecken regelmäßig punktstreifig, in den Zwischenräumen kielartig erhöht und stark hervortretend an den Schultern. Die Oberseite vollkommen ausgefärbter Käfer ist rostbraun, rötlich kupferglänzend und unregelmäßig schwarzfleckig auf den Flügeldecken. Stücke von bleichgrüner Färbung und zwei weiß glänzenden, mehr oder weniger zusammenfließenden Flecken am Grunde des Halsschildes beweisen ihr jugendliches Alter, da Sonnenschein und, wenn dieser mangelt, eine Zeit von 3—4 Wochen zu ihrer vollständigen Ausfärbung nötig ist. Kopf und Beine, welche letztere von der Rückenseite aus ebenfalls fast unsichtbar bleiben, sind rostgelb, die Schenkel in der Regel und die keulenförmigen Fühler mit Ausschluß ihrer rostgelben Wurzel schwarz; ebenso sind Brust und Bauch schwarz, an letzterem ein breiter Saum rostgelb. Von den drei anderen, in