Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Form und Oberfläche der Flügeldecken sehr ähnlich gebildeten Arten (Cassida berolinensis, obsoleta, ferruginea) unterscheidet sich die unserige durch andere Färbung und auf den ersten Blick durch die schwarzen Flecke auf den Flügeldecken. Die Larve (Fig. 5), wie der Käfer flachgedrückt, hat die Form unserer Abbildung, sie besteht außer dem kleinen, fast kubischen, nur beim Kriechen von oben sichtbaren Kopfe aus elf Gliedern, deren drei vorderste sechs kurze, hakenförmige Füße tragen, der kegelförmig vortretende After bildet ein zwölftes Glied. Der Vorderbrustring entsendet jederseits vier mit sehr feinen Seitenästchen versehene Dornen. Die beiden folgenden Brustringe haben zwei dergleichen geradeaus stehende Dornen, alle übrigen je einen nach hinten gerichteten. Außerdem bemerkt man noch einwärts von der Wurzel des hintersten Seitendornes am ersten und derer vom
Die über den Rücken gelegten Schwanzborsten bilden den Träger der bräunlichen Auswürfe, die nach und nach in schmalen Flocken den Rücken bedecken, ohne ihn zu berühren. Die Larve sieht gelblichgrün aus, der Kopf trüber, die Seitendornen heller, mehr weiß, die Luftlochröhren weiß, und über den Rücken laufen nebeneinander zwei weiße Bogenstreifen. Die Puppe (Fig. 4) sitzt mit der Hinterleibsspitze in der abgestreiften Larvenhaut und erscheint darum hinten gleichfalls seitlich bedornt, ist einem Blatte der Futterpflanze angeheftet und ihm mit der Gesichtsseite zugekehrt. In der ersten Hälfte des Juni kann man alle drei Stände nebeneinander auf Melden antreffen, welche Schutthaufen und Ackerboden
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- Familie des nebeligen Schildkäfers (Cassida nebulosa); 2) Käfer, vergrößert; 3) Larve, natürliche Größe; 4) Puppe; 5) Larve, beide vergrößert. 6) Desmonota variolosa, Fuß und Teil seiner Flügeldecke vergrößert.
lieben, wie Chenopodium album, Atriplex nitens; sie haben aber auch schon manchmal, gleich den schwarzen Aaskäfern, die Runkelrübenpflanzen als Weideplätze ausgewählt und dieselben stark beeinträchtigt.
Das Weibchen legt seine zahlreichen Eier an die Rückseite der Blätter, die Larven bewohnen diese daher in größeren oder kleineren Gesellschaften, nagen Löcher, fressen später aber auch vom Rande her. Unter mehrmaligen Häutungen werden sie schnell groß, wenn Wärme sie begünstigt. Dann heften sie sich da, wo sie zuletzt fraßen, mit dem Hinterleibe fest, verpuppen sich, und in 8 Tagen kommt der Käfer zum Vorschein, der im Sonnenschein gern umherfliegt. Die Schildkäfer halten sich mehr, gleich den übrigen Blattkäfern, an bestimmte Futterpflanzen und scheinen ihr Augenmerk mit Vorliebe auf Korbblümler gerichtet zu haben. Asien, besonders aber Amerika, ernährt noch andere, schöner gefärbte, prächtig glänzende Schildkäfer, von denen die mit glasigen, me—
N tallisch gefleckten Flügeldecken, der Gatttung Coptocycla angehörig, Mesomphalia eonspersa, Unseren heimischen entsprechen, die größeren dagegen keine ähnlichen Formen in Europa aufzuweisen haben. Vor einigen 30 Jahren beschrieb Boheman ungefähr 1300 Arten. Um einen Begriff von den größeren Südamerikanern zu geben, ließ ich die Mesomphalia conspersa Germars (stigmatica Dej.) ab-bilden und bemerke nur noch dazu, daß der sonderbare Schildkäfer, dessen Flügeldecken sich vorn in einen spitzen Höcker erheben, auf der Oberseite metallisch matt schwarzgrün, in den runden Vertiefungen samtschwarz, dagegen auf den sechs größeren Flecken durch
filzige Behaarung braungelb erscheint. Eine ähnliche, goldgrüne Art, der brasilianische
Schmuckkäfer (Desmonota variolosa, Fig. 6, S. 204), wird in Gold gefaßt und als Busennadel verwertet.
Die Kugelkäfer, Marienkäferchen (Coccinellidae) bilden die letzte Käferfamilie, ausgezeichnet durch die geringste Anzahl der Fußglieder, deren wenigstens an den Hinterbeinen nur drei vorhanden sind, weshalb sie auch in einer nur die Fußglieder ins Auge fassenden Anordnung Dreizeher (Trimera) genannt worden sind.
Zu der Zeit, wenn sich die Natur zu ihrem allgemeinen Winterschlaf anschickt, an Baum und Strauch die noch vorhandenen Blätter durch ihre Färbung sich als halbtote Werkzeuge zu erkennen geben und die kleinen und kleinsten Wesen sich beeilen, eine gute Schlafstelle zu bekommen, findet man schwerlich ein etwas zusammengerolltes, trockenes Blatt, in dessen Höhlung nicht wenigstens drei, vier, fünf rote Käferchen mit schwarzen Rückenpunkten oder schwarze mit hellen Fleckchen säßen, in der Erwartung, mit jenen herunterzufallen und unter dem nachfolgenden Laube begraben zu werden. Gedrängt sitzen andere an den äußersten Spitzen der jungen Kiefern, zwischen die Nadeln geklemmt, oder hinter losgerissenen Rindenstücken einer alten Eiche aufmarschiert, oder versammelt unter einer Graskaupe an dem nach Morgen gelegenen Hange eines Grabens; in der letzten Weise findet man besonders die kleine holzfarbene Micraspis duodecimpunctata, Abbild. S. 206, Fig. 1, deren schwarznähtige Flügeldecken zahlreiche schwarze Fleckchen besäen; die ovalen Tierchen liegen gedrängt nebeneinander, wie ein Häuflein Samenkerne. Wir sehen sie jetzt sich so massenhaft in ihren Verstecken für den Winter sammeln; einzeln begegnen sie uns während desselben in unseren Zimmern, und den ganzen Sommer hindurch überall im Freien, aber stets am zahlreichsten da, wo Blattläuse, jene grünen oder braunen oder schwarzen kleinen Ungetüme, hausen und die Pflanzen aussaugen; denn von ihnen ernähren sie sich fast alle, erfolgreicher noch ihre gefräßigen Larven. Die dem Volksmunde geläufigen Namen für sie, wie Sonnenkäfer, Hergotts-Kühlein, Sonnenkälbchen, Gottesschäflein, Marienwürmchen, lady- birds, vaches à Dieu und andere, beweisen ihre Volkstümlichkeit, und ihre oben erwähnte Liebhaberei fordert in dankbarer Erinnerung an ihre Nützlichkeit zu ihrer möglichsten Pflege auf. Obschon der halbeiförmige oder halbkugelige, vollkommen geschlossene Körper die Marienkäferchen kaum noch verkennen läßt, so sei der Familiencharakter noch kurz angedeutet. Die kurzen, schwach keulenförmigen Fühler sind vor den Augen, unter dem Seitenrande des Kopfes, eingelenkt und meist versteckt, weil sie hinter den Seitenrand des glatten Halsschildes zurückgeschlagen werden können. Die Kiefertaster enden beilförmig, weshalb die Familie von Mulsant als die der Securipalpen bezeichnet worden ist. Die queren und walzigen Vorderhüften bewegen sich in hinten geschlossenen Pfannen, die Mittel⸗ und Hinterschenkel lassen sich in Gruben zurückziehen und ebenso ihre Schienen in eine Furche der Schenkel; die Fußklauen sind meist gezahnt oder an der Spitze gespalten. Der Hinterleib zeigt fünf freie Ringe, deren vorderster sich zwischen die Hinterhüften bald schmäler, bald breiter gegen die Hinterbrust fortsetzt und in seinem fein leistenartigen Rande gute Merkmale abgibt für die zahlreichen Gattungen, in welche die ursprüngliche (Coceinella) zerlegt worden ist.
Die gestreckten, oft stark bewarzten Larven gleichen in ihrer äußeren Erscheinung, durch die dreigliederigen Fühler, 3— 4 Augen jederseits, durch die infolge der langen Schenkel und Schienen breit vom Körper abstehenden Beine sehr den Larven der Chrysomelen. Ihre gewandteren, durch die andere Lebensweise bedingten Bewegungen und die buntere Färbung unterscheiden sie jedoch leicht von jenen, ohne daß man nötig hätte, sie
erst mit der Lupe zu betrachten. Die Coccinellen verbreiten sich in ungefähr 1000 Arten über die ganze Erde, erweisen sich, wie bereits erwähnt, als Blattlausfresser sehr nützlich, nur die meist behaarten Arten zweier Gattungen (Epilachna, Lasia) hat man samt ihren Larven als Pflanzenfresser kennen gelernt. Noch mag von ihnen bemerkt sein, daß sie bei der Berührung mit den Fingern Fühler und Beine einziehen und einen gelben, übel: riechenden Saft aus den Körperseiten austreten lassen, sicher ein Schutzmittel für sie, wie für die übrigen sonst wehrlosen Kerfe, denen die Natur ein gleiches Vermögen auf den kurzen Lebensweg mitgegeben hat.
Bei der Gattung Coceinella ist der halbkugelige oder halbeiförmige Körper nackt U | die dichte Keule der elfgliederigen Fühler abgestutzt, das Schildchen deutlich, das zweite Fußglied herzförmig, das dritte versteckt; die Klauen spalten sich entweder in der Mitte, oder sie tragen einen dreieckigen Zahn am Grunde. Der Siebenpunkt, siebenpunk—
5 4 6 = Ss
- Micraspis duodeeimpunctata in natürlicher Größe und unterstes Stück vergrößert. 2) Siebenpunkt (Coceinella septempunctata) und 2 Puppen in natürlicher Größe; 3) feine vergrößerte Larve zwischen Blattläusen. 4) Coceinella impustulata, natürliche Größe. 5) Coceinella dispar in zwei Färbungen. 6) Chilocorus bipustulatus, natürliche Größe.
tierte Marienkäfer (Coccinella septempunctata, Fig. 2, gehört zu den größten und gemeinsten heimischen Arten. Von der schwarzen Grundfarbe weichen ab zwei weißgelbe Stirnflecke und die weißgelben Ecken des Halsschildes, die mennigroten, vorn weißlichen Flügeldecken, auf denen zusammen sieben runde schwarze Flecke stehen. Er kommt im ersten Frühling mit der allgemeinen Auferstehung aus seinem Winterlager, paart sich, und schon Ende Mai kann man fast erwachsene Larven sehen, im Juni und Juli wird die Gesellschaft zahlreicher. Die in der frühesten Jugend durchaus schwarzen Lärvchen (Fig. 3) halten sich anfangs zusammen und tummeln sich in der Nähe der eingeschrumpften Eihäute, zerstreuen sich auch später nicht weit voneinander. Die sorgsame Mutter hatte fie da untergebracht, wo sie in den Blattlauskolonien reichliche Nahrung finden; mit Hilfe dieser wachsen sie schnell heran, häuten sich mehrere Male und bekommen allmählich eine bläulich schiefergraue Färbung; die Seiten des ersten, vierten und siebenten Gliedes und eine Längsreihe zarter Rückenpunkte sehen rot aus. Zur Verwandlung heftet sich die Larve mit ihrer Schwanzspitze fest, krümmt sich nach vorn, zieht den Kopf ein, verliert die Haare, und schließlich reißt die Haut im Rücken, die Puppe windet sich heraus, sitzt aber auf der zurüd-geschobenen Larvenhülle wie auf einem Polster. Von Farbe ist sie rot und schwarz. Wenn
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man fie durch Berührung in ihrer Ruhe ftört, jo hebt fie den Vorderteil ihres Körpers und läßt ihn wieder fallen, oft so taktmäßig, wie der Hammer einer schlagenden Uhr. Nach ungefähr 8 Tagen schlüpft der Siebenpunkt aus, an welchem einer oder der andere schwarze Punkt ausnahmsweise auch wegbleibt. Da man im Juli zwischen Larven und Käfern an der Rückseite der Blätter die schmutzig gelben Eier zu 10— 12 bei einander findet, so dürften zwei Bruten im Jahre nach dem Vorausgehenden die Regel sein, eine dritte unter günstigen Umständen (reiche Kost und Wärme) nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit liegen. Viele Marienkäferchen zeigen große Unbeständigkeit in ihrer Rückenfärbung, besonders dann, wenn die schwarze mit einer hellen Farbe abwechselt. Die hier abgebildete Coceinella impustulata (Fig. 4) z. B. erscheint auf ihrer Rückenseite auf schmutzig gelbem Grunde schwarz gezeichnet; es können aber bei derselben Art die manchmal noch schwächeren schwarzen Zeichnungen, wie sie unser Bild vorführt, in dem Maße zunehmen, daß das Gelb als Zeichnung auf dem Grunde auftritt, ja, es kann vollständig schwinden. Eine andere Art, die gleichfalls hier vorgeführt worden ist (Coccinella dispar, Fig. 5), über: trifft alle an Veränderlichkeit, ohne die äußersten Grenzen ihrer Verschiedenheit an das Geschlecht zu knüpfen, wie man fälschlich annahm. Einmal hat sie rote Flügeldecken mit je einem schwarzen Mittelflecke und ein schwarzes, seitlich gelb gerändertes Halsschild; ein andermal ist sie schwarz auf den Flügeldecken mit einem roten Hakenflecke an den Schultern und einem runden Flecke in der Nähe der Nahtmitte gezeichnet, der weiteren, hier nicht vorgeführten Abänderungen nicht zu gedenken. Bevor diese Abweichungen als solche erkannt waren, stellte man eine größere Menge Arten auf als neuerdings.
Die glänzend schwarzen, meist rot gefleckten Chilocorus-Arten haben einen runden, stark gewölbten Körper, kurze, nur neungliederige, in eine spindelförmige Keule auslaufende Fühler, ein tief ausgerandetes Kopfschild, breite, am Grunde unten zahnartig erweiterte Schienen und an der Wurzel breit gezahnte Klauen; sie beschränken sich vorzugsweise in ihrem Aufenthalt auf Waldbäume, wo man fie an den Stämmen umherkriechen und auch die der Haupsache nach versteckten Puppen aus der Längsspalte der letzten Larvenhaut nur hervorschimmern sieht. Der 3,37 mm messende, glänzend schwarze Chilocorus bipustulatus (Fig. 6) zeigt Kopf, Seitenbänder des Bauches, Knie und eine schmale, abgekürzte, wie aus Flecken zusammengesetzte Querbinde mitten durch die Flügeldecken blutrot gefärbt. — Infolge bedeutender Kleinheit, düsterer Färbung und des Aufenthaltes oben auf den Waldbäumen oder an anderen unzugänglichen Stellen verbergen sich noch hundert andere Familiengenossen unseren Blicken und sind mit tausend und abertausend anderen Käfern für alle Nichtsammler überhaupt nicht auf der Welt.
Zweite Ordnung.
Die Hautflügler, Immen (Hymenoptera, Piezata).
In ihrem allgemeinen Körperbau sehr übereinstimmend, desto mehr aber in ihrer Lebensweise verschieden, bilden die Immen mit ihren überaus zahlreichen Arten, unter denen Bienen, Ameisen, Wespen und Hummeln dem Namen nach allgemein bekannte Kerfe sind, die größte aller Ordnungen. Wir würden ihnen den obersten Platz angewiesen haben, wenn wir dadurch die bisher einmal übliche Anordnung nicht gestört hätten. In Hinsicht auf die Vielgestaltigkeit ihrer überaus eigentümlichen Lebensbeziehungen, welche dem sinnigen Beobachter der lebenden Natur unerschöpflichen Stoff zu erhebenden Betrachtungen und ernstem Nachdenken bieten, und in anbetracht der geistigen Befähigung, die sie bei ihren Kunsttrieben an den Tag legen, gebührt ihnen entschieden der Vorrang.