Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
der Eileiter kann sich vollständig oder teilweise in zwei häutig verbundene und dadurch der Erweiterung fähige Stücke auflösen. Durch diese Einrichtung wird eine Verschiebung der Gräten gegen den Eileiter nach oben und unten möglich, wo es nötig ist, feste Körper zu durchdringen. Die Gräten stellen Pfriemen, Messer, Bohrer, Säge, mit einem Worte das Schneidewerkzeug dar, mit welchem die Insekten diejenigen Körper zu durchdringen haben, welche zwischen ihnen und der Stelle im Wege sind, die das Ei einnehmen soll. Bei vielen Schlupfwespen, den Raub- und Blumenwespen ist der Stachel im Bauche verborgen, kurz und schärfer gespitzt als die feinste Nähnadel, und selbstverständlich auch geeignet, einen empfindlichen Stich demjenigen in die Finger zu versetzen, der sich erkühnt, einem dieser Tierchen die gewohnte Freiheit rauben zu wollen. Es findet aber noch ein Unterschied hierbei statt. Der Stich einer Schlupfwespe schmerzt nur wie der einer Nadel, und die Empfindung hält nicht lange an; wem dagegen eine Raub- oder Blumenwespe ihren Dolch in das Fleisch bohrt, der empfindet ein nachhaltiges Brennen, die Stelle rötet sich und schwillt mehr oder weniger an, weil das Insekt nicht bloß stach, sondern gleichzeitig Gift in die Wunde ausfließen ließ. Dieses Gift besteht aus der Mischung von zweierlei Fluüssigkeiten, welche sich inzwei Drüsen am Grunde des Stachels ans sammeln. Die eine derselben enthält Ameisensäure, die andere eine schwach alkalische Flüssigkeit. Man hat den Giftstachel auch Wehrstachel (aculeus)und seine Träger Akuleaten ge nannt, während das oft auch stachelähnliche, aber nur zum Ablegen der Eier dienende Werkzeug Legröhre, Legbohrer (terebra) heißt und seine Träger Hymenoptera terebrantia genannt worden sind. Bei den weiblichen Blattwespen wird er am Bauche sichtbar, wenn er auch nicht zur Körperverlängerung des Tieres beiträgt, hat die Form einer Messerklinge, aber infolge der gezahnten Gräten vollkommen die Wirkung und das Aussehen einer Säge. Den Holzwespen ragt er stabförmig über die Hinterleibsspitze hinaus und läßt sich am besten mit einer Raspel vergleichen. Bei sehr vielen Schlupfwespen Legbohrer der großen Holzwespe steht er als kürzere oder längere Borste, die, einen spitzen Winkel et 2 en mit dem Hinterleibe bildend, nach vorn bewegt werden kann, x Schwanzspihe des Hinterleibes Bei über diesen hinaus, um jo länger, je tiefer im Holze das ca der Muskelapparat zum Aufrich- Weibchen die Larven derjenigen Kerfezu suchen hat, denen e ebe Ver“ es seine Nachkommen anzuvertrauen gedenkt. Besonders solche lange Bohrer erscheinen nach dem Tode des Tieres als drei sodenförmtige Schwanzborsten, die mittelste steifer (der hornige Bohrer), die seitlichen gedreht und unregelmäßig gekrümmt, weil sie die weichere Scheide ausmachen, welche durch das Eintrocknen ihre straffe Haltung nicht länger zu behaupten vermochte. Bei kleineren Schlupfwespen, vielen Gallwespen erreicht der Bohrer, ohne in der Ruhelage aus dem Körper hervorzutreten, eine unverhältnismäßige Länge, weniger darum, weil diese Tierchen ihn beim Eierlegen so tief zu versenken hätten, als vielmehr, um durch seine Federkraft den Nachdruck zu verstärken, welchen ihm die schwache Muskelkraft der kleinen Wesen beim Einbohren nicht würde verleihen können. Zu diesem Zwecke legt er sich schleifenförmig an die Innenwände der Hinterleibshöhle, und der Mechanismusist so eingerichtet, daß der Bohrer wie eine ein- oder einigemal gewundene Stahlfeder eines Uhrwerkes federt. Ja, es kommen Fälle vor, wosich der Hinterleib, weil sein Umfang hierzu nicht ausreicht,in
ganz eigentümlicher Weise erweitert, z. B. an der Bauchseite durch eine kegelförmige Anschwellung bis zur Mittelbrust, oder auf der Rückenseite vom Stiele an durch ein bis zum Kopfe vordringendes rundes Horn (bei Platygaster Boscii), und so den nötigen Raum für den wunderbaren Mechanismus darbietet. O. J. Wolff hat von zahlreichen Immenweibchen gerade dieses Werkzeug mikroskopisch untersucht und mich versichert, daß es höchst beachtenswerte und für die Einteilung brauchbare Unterschiede darbiete; leider hat er diese schwierigen Arbeiten seiner Mußestunden der Offentlichkeit noch nicht übergeben.
Von den Beinen, deren vorderstes Paar weit von den beiden hinteren, einander sehr genäherten, absteht, sei nur bemerkt, daß bei den Blatt⸗, Holz⸗, Schlupf: und Gall: wespen zweigliederige Schenkelringe vorhanden find, und zwar ist das Grundglied am längsten; ein gliederig bleiben dieselben bei den Raub- und Blumenwespen. In einer schwierigen Familie (Proctotrupier), die wir den Schlupfwespen anschließen werden, kommen Arten mit ein⸗ und zweigliederigem Schenkelring vor und liefern hierdurch sowie durch ihre schmarotzende oder den Raubwespen gleichkommende Lebensart den Beweis, wenn ein solcher überhaupt noch nötig wäre, daß es überall Übergangsgruppen gibt, die dem bloß ordnenden Systematiker so häufig im Wege stehen. Fünf Glieder bilden in den meisten Fällen den Fuß. Die Flügel, das wesentliche Bewegungsorgan dieses ewig unruhigen, lustigen Gesindels, bestehen alle vier aus einer dünnen, dem bloßen Auge meist nackt erscheinenden, unter dem Mikroskop aber kurz behaarten Haut, die wasserhell, in den meisten Fällen jedoch etwas getrübt, wie angeräuchert aussieht; nicht selten zieht ihre Farbe in Gelb, oder die Außenränder sind geschwärzt, auch bindenartige Trübung durch die Fläche kommt öfters vor. Weniger bei unseren einheimischen Immen, dagegen nicht selten bei den vielen, weit stattlicheren ausländischen Arten nimmt der ganze Flügel oder ein Teil desselben eine schwarze, blaue, violette, braune, rote oder gelbe Färbung an und trägt dadurch nicht wenig zur Ausschmückung des schönen Körpers bei. Die Haut wird im Verhältnis zu den Flügeln der sonst nahe verwandten Netzflügler von nur wenigen Adern oder Nerven durchzogen und gestützt, welche durch ihre Einmündungen ineinander oder mit dem Saume des Flügels gewisse geschlossene Räume, die Zellen, bilden. In der Ruhe pflegen die Flügel wagerecht auf dem Rücken zu liegen und den Hinterleib zu überschleiern, bei den eigentlichen Wespen, wo sie sich der Länge nach falten, hängen sie mehr an den Seiten des Körpers und bedecken den Hinterleib nicht. Jeder Vorderflügel ist mit seinem Hinterflügel im Fluge vereinigt, indem dieser mit sehr feinen Häkchen seines Vorderrandes an entsprechenden Stellen des Hinterrandes von jenem eingreift. Auf der Einlenkungsstelle des Vorderflügels liegt ein bewegliches, horniges Plättchen, das sogenannte Flügelschüppchen, das sich manchmal durch besondere Färbung auszeichnet, und mehr darum, als durch seine eigentümliche Gestalt der Berücksichtigung wert wird. Ein anderes Chitinfleckchen, welches, eben weil es hornartig ist, wie die Adern, durch seine andere Färbung gegen die dünne Flügelhaut leicht in die Augen fällt, findet sich am Vorderrande der meisten Flügel hinter der Mitte und heißt das Flügel- oder Randmal; wo es fehlt, werden die Adern sehr sparsam oder fallen gänzlich aus. Sie sind es nun mit den von ihnen gebildeten Zellen, denen wir unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden müssen, da sie für den bei weitem größten Teil der Immen Unterscheidungsmerkmale enthalten, ohne welche die Gattungen unmöglich erkannt werden können. Die verschiedenen Schriftsteller folgen in dieser Beziehung verschiedenen Anschauungen und weichen daher auch in ihren Benennungen für die einzelnen Teile voneinander ab. Ohne weiter auf das Einzelne einzugehen, als es für die folgende Darstellung nötig wird, überlasse ich dem geneigten Leser unter Anleitung einiger Abbildungen, in denen dieselben Buchstaben immer
dasselbe bezeichnen, und mit Berücksichtigung der Unterschriften den Gegenstand weiter zu verfolgen. Es sei nur bemerkt, daß zwei kräftige Adern (die Rand- und Unterrandader, costa und subcosta) nahe nebeneinander, bei manchen Blattwespen zu einem hornigen Streifchen vereinigt, den Vorderrand des Flügels, seine Hauptstütze, bilden, und das bereits erwähnte Mal ist nur eine Erweiterung der ersteren oder ein kurzes Auseinandertreten beider. Im Flügel der echten Schlupfwespen, wo höchstens drei Unterrandzellen auftreten oder unter Verkümmerung der mittelsten nur zwei, verdient gerade diese als Unterscheidungsmerkmal besondere Aufmerksamkeit und wurde durch einen eignen Namen als Spiegelzelle ausgezeichnet (c“, Fig. 3). Eine zweite Eigentümlichkeit bei der Bildung der in Rede stehenden Flügel besteht in der Verschmelzung der ersten Unterrandzelle mit der oberen Mittelzelle,
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Stark vergrößerte Vorderflügel, in Fig. 5 auch ein Hinterflügel, von 1) Tenthredo scalaris, 2) Osmia pilicornis, 3) Ichneumon pisorius, 4) Cerceris, 5) Earinus, 6) Eubadizon, 7) Crabro striatus, 8) Chrysolambus solitarius, 9) Athalia spinarum. r Adern: a Anhang, k Unterrandader, p parallele Ader (Diskoidalader), rl rücklaufende Ader. Zellen: c“ bis 6““, erste, zweite Unterrandzelle (Kubitalzelle), d“ bis d.“ Mittelzellen, 1 lanzettförmige Zelle, r Randzelle (Radialzelle), s“, s“ mittlere, untere Schulterzelle (s“ vordere, d““ hintere Submedialzelle).
häufig unter Zurücklassung eines kleinen Überreftes der trennenden Nerven, des „Nervenastes“ (Fig. 3). Die Lanzettzelle (Fig. 1 und 91) kommt nur bei den Blattwespen vor und bietet in ihrem Verlaufe wichtige Unterscheidungsmerkmale. Entweder verläuft sie einfach als schmaler Streifen, welcher sich zuletzt nach vorn und hinten etwas henkelartig erweitert, in die Schulter, oder sie wird durch eine sehr kurze gerade (Fig. 1), bedeutend er8 längere schräge Querader (Fig. 9) in zwei Zellen geteilt. Nach einem anderen Bildungsgesetze schnürt sie sich in der Mitte zusammen und verläuft eine kürzere oder längere Weger Strecke als einfacher Nerv, man nennt sie dann eingeschnürt; bei der gestielten lanzettförmigen Zelle endlich verläuft jener einfache Nerv bis zur Schulter, ohne vorher durch Trennung die Zellenform wieder anzunehmen. — Am kleineren Hinterflügel läßt sich bald leichter, bald schwieriger infolge größeren Ausfalls das Geäder so deuten wie im Vorderflügel, und auch hier wird sein Verlauf zur Unterscheidung der Arten von Bedeutung. — Gänzlich fehlen die Flügel einigen echten Schlupfwespen der früheren Gattung Pezomachus, manchen Schlupfwespenverwandten, einigen Gallinsekten, den arbeitenden Ameisen und bei den Spinnenameisen den Weibchen.
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Eine große Menge von Aderflüglern läßt summende, brummende Töne laut werden, wie ja von den Hummeln, Bienen, Wespen, Hornissen hinreichend bekannt. Die Kenntnis von ihrem Entstehen verdanken wir den unermüdlichen Forschungen Landois'. Nach demselben entsteht eine Reihe von Tönen, wie man bereits wußte, durch die schwingenden Bewegungen der Flügel, hier wie bei Fliegen und anderen Insekten. In dieser Beziehung zeigen Immen wie Zweiflügler die größte Mannigfaltigkeit in Höhe und Tiefe des Tones. Die feine Haut wirkt bei der außerordentlichen Geschwindigkeit derselben in gleicher Weise wie die Zinken einer angeschlagenen Stimmgabel. Landois stellt nun folgende Gesetze auf. Die Flügeltöne sind bei demselben Einzelwesen beständig; unterscheiden sich beide Geschlechter ein und derselben Art in Bezug auf ihre Größe, so gehen auch ihre Flügeltöne bedeutend auseinander; kleinere Insekten haben öfters einen bedeutend tieferen Flugton als größere. Natürlich ist hierbei nicht das klappende, leise klatschende Geräusch gemeint, welches das einzige ist, wodurch sich einzelne Schlupfwespen bisweilen vernehmen lassen, Tagschmetterlinge, wenn sie in größeren Mengen miteinander umherfliegen, besonders auch Heuschrecken mit ihren festeren Flügeldecken. Eine zweite Reihe von Tönen bringen die Immen (und Fliegen) durch die Luftlöcher ihres Brustkastens oder des Hinterleibes hervor, und zwar willkürlich, indem sie aus demselben die Luft ausatmen. Diese Stimmapparate lassen sich am besten vergleichen mit den Wirkungen der Zungenpfeifen, denn es werden dabei Häute in Schwingungen versetzt, welche am Ende der Luftröhre angebracht sind. Die Pfeifen sind die Luftröhren, auf deren ungeteiltem Ende der Stimmapparat aufsitzt, wie der Kehlkopf auf der Luftröhre der Säugetiere. Vor dem Eintritt in den Apparat verengert sich die Luftröhre und enthält gerade bei den Hymenopteren häufig noch Vorrichtungen, welche es ermöglichen, je nach den Bedürfnissen viel oder wenig Luft ausströmen zu lassen, sie wird mit einem Worte zu einem Blasebalg. Der zusammengesetzte Stimmapparat selbst besteht der Hauptsache nach aus Chitinblättchen, welche vorhangartig aufgehängt sind oder die Form von Röhrchen haben und durch die ausströmende Luft in zitternde Bewegung versetzt werden und tönen. Daß es nicht die ein⸗, sondern die ausströmende Luft sei, wies Landois durch unmittelbare Versuche und am Baue der verschließbaren Luftlöcher, der bekannten Eingänge zu den Luftröhren, nach; ja, er ging dann noch weiter und stellte die Brummtöne verschiedener Fliegen und Blumenwespen in Noten dar. Nicht alle Luftlöcher sind mit dem Stimmapparat versehen, sondern hauptsächlich die des Brustkastens, bei den stark brummenden Blumen- und Raubwespen dagegen die des Hinterleibes und bei sehr wenigen beide zugleich. So interessant dieser Gegenstand immer sein mag, so können wir ihn hier aus Mangel an Raum nicht weiter ausführen, es aber nicht unterlassen, auf die „Thierstimmen“ des oben genannten