Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Verfassers hinzuweisen (Feiburg i. Br. 1874).
Fossile Immen finden sich in der Juraformation selten und zum Teil zweifelhaft, häufig dagegen, besonders Ameisen, im Tertiärgebirge und im Bernstein. Die lebenden schätzt man auf 25,000 Arten.
In Hinsicht auf die Anordnung der einzelnen Familien tritt eine gewisse Verlegenheit ein; denn die wenigen Schriftsteller, welche die Gesamtheit der Aderflügler behandelt haben, gehen in ihren Ansichten auseinander, und es läßt sich bei der geringen Teilnahme an der Erforschung dieser so interessanten Kerfe nicht sagen, wessen Einteilung eine allgemeine Anerkennung gefunden habe. Da es sich somit nicht entscheiden läßt, welchen Standpunkt in dieser Ordnung die neueste wissenschaftliche Systematik einnimmt, so ist hier in einem „Illustrierten Tierleben“ und bei der lückenhaften Behandlung, welche der beschränkte Raum gebietet, auch in erster Linie nach Lepeletiers Vorgang den Lebensverhältnissen dieser Kerfe Rechnung getragen, auf die Gefahr hin, daß der nur das
vollkommene Insekt beachtende und unterscheidende Forscher bei seiner ze zu en Ergebnissen gelangen könne.
Die Blumen Bienen (Anthkophite welche wir als erste Familie an0 die Spitze stellen, wurden zwar mehrfach schon erwähnt, nicht aber in einer Weise, um auch nur eine derselben als solche zu erkennen. Der einfache Schenkelring kommt ihnen wie den Raubwespen zu, von welchen sie in den meisten Fällen die starke Behaarung des gedrungenen Körpers und der eigentümliche Bau der Hinterfüße unterscheidet. Keine Blumenwespe hat einen gestielten Hinterleib, wie so viele Raubwespen; bei den größeren Arten ist er vielmehr an der Unterseite des breiten Vorderrandes in einem fast punktförmigen Kreisringe dem unteren Ende des Hinterrückens angeheftet, bei den kleineren verschmälert er sich beiderseits gleichmäßig, wird elliptischim Umriß und gehört zu den „anhangenden“, nach der früher erörterten Ausdrucksweise. Das starke Haarkleid, welches die meisten Bienen bedeckt und ihnen in der Regel die bunten Färbungen zuführt, wird gleichfalls zu einem Erkennungszeichen und Unterscheidungsmerkmal von den Raubwespen. Zwar kommen fast nackte Arten vor, trotzdem wird sie ein einigermaßen darauf geübtes Auge als Blumenwespen erkennen. Die Bienen tragen, wie wir wissen, für ihre Brut Honig und Blumenstaub ein, jenen wohlverwahrt im Inneren ihres Körpers, diesen äußerlich, meist in Form der sogenannten Höschen. Diese aber ziehen sie ihren höchst eigentümlich gebauten Hinterbeinen an. Sie sind es auch, welche jede Blumenwespe weiblichen Geschlechtes, mit wenigen Ausnahmen, verraten. Die Schienen nebst dem beinahe ebenso langen ersten Fußgliede, welches hier Ferse (metatarsus) heißt, sind auffallend breit gedrückt, letztere außerdem manchmal noch an der Außenseite ihrer Wurzel mit einem schaufelartigen Anhang, dem sogenannten Fersenhenkel, versehen. Die Schiene kann nun auf ihrer glänzenden Außenfläche etwas vertieft und an den Rändern mit langen Haaren bewachsen sein, eine treffliche Vorkehrung, um hier wie in einem Körbchenden Blumenstaub anzusammeln und fortzuschaffen. Man hat eine solche Bildung darum schlechthin auch ein Körbchen genannt. Der große Glanz aber rührt, wie O. J. Wolff gefunden, von den Schweißdrüsen her, welche unter der Chitinhaut liegen, sich nach außen öffnen und den Blütenstaub mit ihrer Ausscheidung, dem auch an anderen Körperteilen so verbreiteten „Haaröl“, wie einen Schwamm durchdringen und zusammenballen. Nicht selten kommt noch zur Vervollkommnung des zierlichen Apparates eine Bürste zum Zusammenfegen des Blütenstaubes hinzu, steife, kurze Borsten, welche am Ende der Ferse in einer Weise sitzen, wie eine gewisse Art von Handfegern an ihrem Stiele. Auch die Ferse beteiligt sich in gleicher, wenn auch nicht so vollkommener Weise an der Aufnahme desBlütenstaubes, welcher durch die langen Haare derselben festgehalten wird. Die Bienen, deren Hinterbeine in der eben angegebenen Weise gebaut sind, werden sehr bezeichnend Schienensammler genannt. Bei anderen entwickelten sich die genannten Teile nicht in solcher Vollkommenheit zu Sammelwerkzeugen, die Außenseite der Schiene bildet kein Körbchen, sondern statt dessen wurde die Spitze der zugehörigen Schenkel, die Hüfte, ja sogar die Seite des Hinterleibes mit längerem, zum Teil lockigem Haare ausgestattet. Es sind die Schenkelsammler auf diese Weise nicht minder befähigt, das unentbehrliche „Bienenbrot“ einzuheimsen. Wie überall in ihrem Wirken und Schaffen, so ist auch hier die Natur unerschöpflich. Anderen Bienen beließ sie in der Breite der Hinterschiene und Ferse ihren Bienencharakter, verlegte ihr Sammelwerkzeug aber an den Bauch. Kurze, nach hinten gerichtete Borstenhaare, welche diesen dicht bedecken, sind bei den Bauchsammlern
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dazu bestimmt, den Blütenstaub abzubürsten und festzuhalten. Womit sammeln nun aber diejenigen Bienen, denen an den Schienen und Schenkeln, am Bauche, wie am übrigen Körper fast gänzlich die Behaarung fehlt? Sie überlassen das Sammeln denen, welche dazu befähigt find, und ziehen es vor, ihre Eier in den Nestern derselben verstohlenerweile unterzubringen. Das in der großen, weiten Welt jo allgemein verbreitete Schmarotzerleben greift hier in dieser besonderen Form um sich und erhält durch die natürliche Einrichtung vollkommene Berechtigung, die betreffende Art daher auch den Namen Schmarotzerbiene. Die eben besprochenen, so interessanten Vorkehrungen, welche der Brutpflege dienen, bleiben Eigentum der Weibchen und derjenigen Jungfrauen, welche, ohne je Mutter zu werden, doch die mütterlichen Sorgen um die Nachkommen zu übernehmen haben, der sogenannten Arbeiter, welche bei einigen gesellig lebenden Bienen einen dritten, so einflußreichen, gleichfalls mit einem Wehrstachel versehenen Stand bilden. Die Männchen, welche nicht einsammeln, des Werkzeuges dazu also auch nicht bedürfen, werden dadurch gleichzeitig ärmer an guten Unterscheidungsmerkmalen. Sie immer richtig zu deuten, sie als zugehörig zu einem bestimmten Weibchen zu erkennen, bietet dem Systematiker nicht nur bei den Bienen, sondern auch bei manchen anderen Immen noch besondere Schwierigkeiten. Daher darf es uns auch nicht wundern, wenn nicht selten beide Geschlechter ein und derselben Art mit verschiedenen Namen belegt worden sind, wenn bei Hummeln, Andrenen und anderen Gattungen, welche reich an sehr ähnlichen Arten sind, eine babylonische Verwirrung in den Namen die verschiedenen Ansichten der Forscher bekundet. |
Der meist sehr entwickelten Zunge der Blumenwespen, welche teilweise von dem Unter: kiefer am Grunde scheidenartig umschlossen und in der Ruhe nach hinten an die Kehle angelegt getragen wird, gedachten wir schon früher (S. 8, Fig. 1 und 2). In dieser Einrichtung kommt fie den eigentlichen Bienen (Apidae) zu; bei den Afterbienen (Andrenidae) ist die Zunge kürzer als das Kinn und in der Ruhe nicht zurückschlagbar (Fig. 3). Diese beiden Gegensätze haben in einer vielleicht strenger wissenschaftlichen Einteilung den anderen Forschern die Spaltung der Blumenwespen in zwei Familien an die Hand gegeben. Die Fühler aller sind gebrochen, bei manchen Männchen allerdings infolge des kurzen Schaftes kaum merklich, hier aus 12, bei den Weibchen aus 13 Gliedern zusammengesetzt. Die Geißel verläuft fadenförmig, bisweilen nach der Spitze hin mäßig verdickt oder breit gedrückt, dann aber immer stumpf. Ihre Glieder lassen sich zwar unterscheiden, schnüren sich aber an den Enden weder auffällig ein, noch schwellen sie an der Spitze an; bisweilen erscheinen sie an der Vorderseite etwas knotig. Wir finden mithin für eine jo artenreiche Familie eine seltene Einförmigkeit im Baue eines sonst vielgestaltigen Körperteiles. Drei Nebenaugen sind immer vorhanden, aber wegen der dichten Behaarung des Scheitels bisweilen schwer aufzufinden. Die Vorderflügel haben stets eine Randzelle ohne oder mit Anhang und zwei oder drei Unterrandzellen, der hintere Teil der Flügelfläche bleibt verhältnismäßig breit ohne alle Adern, weil, mit wenigen Ausnahmen, hinter den letzten Quernerven die beiden Längsadern (der Cubitus und die parallele) aufhören. Bei manchen, besonders den größeren Arten ist dieser Raum durch dichte Punktierung oder zarte Längsstreifung, der ganze Flügel überdies häufig noch durch dunklere Färbung ausgezeichnet. Wo nur zwei Unterrandzellen vorkommen, münden die beiden rücklaufenden Adern in die letzte, zuweilen die erste genau auf der vorderen Grenze; wo ihrer drei vorhanden, nimmt die zweite und dritte je eine auf, mit wenigen Ausnahmen, zu denen z. B. die Honigbienen gehören. Der Hinterleib besteht beim Weibchen, fruchtbaren oder verkümmerten, aus sechs, beim Männchen aus sieben Gliedern. Überall, wo es honigspendende Blumen gibt, finden sich auch Bienen ein, diese zu benaschen und für ihre Nachkommen zu verwerten, doch scheinen die Gleicherländer mit ihren vorwiegenden
Blumenreichtum nicht auch in diesem Verhältnis so reich an Bienen zu sein wie unsere gemäßigten Himmelsstriche.
Die gemeine Honigbiene, Hausbiene (Apis mellifica), zeichnet sich durch den Mangel jedes Dornes an den breiten Hinterschienen vor allen europäischen Bienen aus. Die Flügel haben eine vorn gerundete Randzelle, die viermal so lang wie breit ist, drei geschlossene Unterrand- und ebenso viele Mittelzellen; jene gleichen alle drei einander so ziemlich in der Größe ihrer Flächen, und die letzte, schmal rhombische nähert sich mit dem vorderen Ende weit mehr der Flügelwurzel, als mit dem hinteren, steht also sehr schief. Der Körper ist schwarz, seidenglänzend, sofern nicht die fuchsrote, in Grau jpie: lende Behaarung, die sich bis auf die Augen ausdehnt, aber mit der Zeit abreibt, den Grund deckt und rötlich färbt. Die Hinterränder der Leibesglieder und die Beine haben eine braune, bis in Gelbrot übergehende Färbung, mindestens beim Weibchen, dessen edle
Hausbiene (Apis mellifica). A. 1) Königin, 2) Arbeiter, 3) Drohne, daneben Kopf, 4) Oberkiefer von außen; alles mäßig vergrößert. — B. Hinterbein der Arbeitsbiene, e Schenkel, a Bürste, b Körbchen. — C. Ei stark vergrößert. — D. Larve und Puppe, natürliche Größe. — E. Durchschnitt des Hinterleibes der Arbeitsbiene: 1) Honigmagen, 2) Eierstock, 3) Giftblase, 4) Schmierdrüse, 5) Samentasche, 6) Stachel, e Geleukhautfalten, wo das Wachs ausgeschwitzt wird. — F. Mundteile, a Kinnladen mit dem Stiele (d), b Lippentaster, e Zunge. — G. Bienenlaus und deren Puppe, stark vergrößert. — H. Bürste stark vergrößert. — J. Giftapparat: a Giftdrüse, b Giftblase, e Stachelrinne, d Stachel, e Stachelspitze. Vergrößert.
Natur nach dem Goldglanz der Beine bemessen wird. Die Krallen der Füße sind an der Spitze zweiteilig, die Kiefertaster ein-, die Lippentaster viergliederig, zweigestaltig.
Die Formenunterschiede zwischen Männchen oder Drohnen, Weibchen und Arbeitern lehrt der Anblick der Abbildungen. Dem Weibchen fehlen die Sammelhaare, der Drohne das Zähnchen am Grunde der Ferse. Die Arbeiterin, schlechtweg Biene genannt, jenes weibliche Wesen, welches wegen Verkümmerung der Geschlechtswerkzeuge die Art nicht fortpflanzen kann, dafür aber alle und jede Vorsorge zu treffen hat, im Verein einer größeren Anzahl von seinesgleichen, damit aus den vom Weibchen gelegten Eiern ein kräftiges Geschlecht erwachse, hat in der längeren Zunge, den längeren Kinnbacken, in dem Körbchen der Hinterbeine die Gerätschaften, welche ihre mühevollen Arbeiten ausführen, wie im Inneren ihres Leibes ein kleines chemisches Laboratorium, wo Honig, Wachs und der Speisebrei für die Brut je nach Bedürfnis hergerichtet werden.
Die Bienen leben in einem wohlgeordneten Staate, in welchem die Arbeiter das Volk, ein von diesem erwähltes, fruchtbares Weibchen die allgemein geliebte und gehätschelte Königin (auch Weisel genannt) und die Männchen die wohlhäbigen, vornehmen Faulenzer darstellen, die unumgänglich nötig sind, aber nur so lange geduldet werden, als man sie braucht. Diese Einrichtung ist darum so musterhaft, weil jeder Teil an seinem
Platze seine Schuldigkeit im vollsten Maße thut, weil keiner mehr oder weniger sein will als das, wozu ihn seine Leistungsfähigkeit bestimmt.
Der Mensch hat von jeher den Fleiß der Biene anerkannt und sie gewürdigt, ein Sinnbild zu sein für diese hohe Tugend, er hat aber auch die Ergebnisse ihres Fleißes zu würdigen gewußt, und daher ist es gekommen, daß wir jene Bienenstaaten nicht mehr frei in der Natur antreffen (ausnahmsweise verwildert), auch nicht angeben können, wann und wo sie sich zuerst daselbst gefunden haben. Der stolze „Herr der Schöpfung“ weist dem Tierchen in dem Bienenkorbe, Bienenstocke, zu verschiedenen Zeiten verschieden eingerichtet, den Platz an, wo es seine Staaten gründet, wird ihm wohl auch in mancher Hinsicht dabei förderlich, war aber nicht im stande, sein ihm angeborenes Wesen in den Tausenden von Jahren, während welcher es ihm treu gefolgt ist, auch nur im geringsten zu verändern. Die oft sich widersprechenden Ansichten, die wir in der überaus umfangreichen Bienenlitteratur aufgezeichnet finden, haben mithin nicht ihren Grund in den veränderten Sitten der Imme, sondern in dem Grade der Erkenntnis dieser. Bis auf den heutigen Tag sind wir noch nicht dahin gelangt, sagen zu können, es sei alles aufgeklärt in diesem wunderbaren Organismus, es gebe nichts mehr, was nicht volle Anerkennung finde bei den wahren „Bienenvätern“, d. h. bei denen, die Bienen erziehen, nicht bloß um Wachs und Honig zu ernten, sondern um auch im allgemeinen Interesse für das Walten in der Natur die so überaus anziehende Lebensweise der freundlichen Spender zu studieren. Wie es aber hiernach noch Leute geben kann, welche unsere Hausbiene für ein wildes und kein Haustier erklären, ist uns unverständlich! Wir wollen jetzt versuchen, nicht für den Bienen-züchter (Zeidler, Imker), sondern für den wißbegierigen Naturfreund ein möglichst getreues Bild jenes wohlgeordneten und doch vielbewegten Lebens zu entwerfen.