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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Widderkäfer (Olytus arietis, Fig. 3), welchen ein kugeliges Halsschild, nach vorn allmählich verdickte Schenkel und einzeln an der Spitze abgerundete, walzige Flügeldecken auszeichnen. Das 10 bis reichlich 15 mm lange Käferchen ist schwarz, Fühler und Beine sind rot, die vorderen wenigstens von den Schienen an; goldgelb durch dichte, anliegende Behaarung sind: die Endränder des Vorderrückens, das Schildchen, vier Binden

Widderkäfer (Clytus arietis). 4) Clytus arcuatus. 5) C. arvicola. 6) Kreuztragender Erdbock (Dorcadion crux). 7) Greiſer Erdbock (D. fuliginator).

der Flügeldecken von Gestalt, wie unsere Abbildung zeigt, die Hinterränder der Bauchringe und einige Flecke an der Brust.

Noch zwei andere Arten kommen in Färbung und Zeichnung der eben beschriebenen sehr nahe, der etwas kleinere Clytus rhamni, dessen Flecke hinter den Schultern nicht als Überbleibsel einer geraden Querbinde betrachtet werden können, weil sie schräg nach außen mit dem Vorderende gerichtet sind, und dessen Bauchbinden in der Mitte schmäler werden oder daselbst ganz verschwinden, und der größere Clytus arvicola, dessen Halsschild an den Hinterecken ausgeschnitten, Flügeldecken am Ende schräg nach innen gestutzt sind, und dessen zweite Binde sich fast rechtwinkelig in der Mitte von der Naht ab nach außen biegt. Die Larve des gemeinen Widderkäfers lebt hinter der Rinde verschiedener Laub: hölzer, wie Eichen, Buchen, wenn dieselben gefällt oder als Wurzelstöcke stehen geblieben sind. Nördlinger beobachtete die Entwickelung des Käfers im Mai aus einem starken, abgestorbenen Rosenstamme. Daher sind es Käfer, die wir weder in den Häusern noch auf dem freien Felde, sondern in Gärten und Wäldern, überhaupt da antreffen, wo Laubbäume in der Nähe stehen.

Die dritte Unterfamilie, die Lamiidae, endlich möchte ich als Spitzböcke bezeichnen, da ihre Taster im Gegensatze zu allen vorigen in ein zugespitztes, weder in ein abgestutztes, noch beilförmiges Endglied auslaufen. Ihre Vorderschienen sind außerdem an der Innenseite mit einer schrägen Furche, die Mittelschienen meist auswendig mit ähnlicher Furche versehen, der Kopf steht senkrecht, und seine Stirn ist gegen den Scheitel mindestens unter einem rechten, wenn nicht sogar unter einem spitzen Winkel geneigt. Kurz, die Glieder dieser Abteilung haben bei wiederkehrendem Reichtum der Körpertrachten der Auszeichnungen genug, um sie sogleich als hierher gehörig zu erkennen; ihre Gesamtzahl übertrifft die der beiden vorigen Unterfamilien zusammengenommen.

Abgesehen von einer Übergangssippe, wo der Kopf noch nicht die geforderte Stellung hat, sondern wie bei den Schrägkopfböcken gerichtet, und das Halsschild jederseits mit einer Leiste versehen ist, abgesehen von dieser die Inseln des Indischen Archipels und Polynesien bewohnenden Sippe, tritt uns eine andere, die der Erdböcke, zuerst entgegen. Sie mag an der artenreichen, dem südlichen Europa und dem westlichen Asien bis nach Sibirien hin vorzugsweise eignen Gattung Erdbock Dorcadion) erläutert werden, welche die Feistkäfer unter den Schwarzkäfern, die Kurzhörner und andere Erdbewohner unter den Rüsselkäfern in dieser Familie wiederholt. Alle Gattungsgenossen haben die gedrungene Gestalt der nachher namhaft gemachten Arten. Die Fühler sind borstenförmig und ziemlich dick, niemals aber so lang wie der Körper und nehmen nach der Spitze zu in der Länge ihrer Glieder allmählich ab. Das Halsschild ist breiter als lang, in der Mitte jederseits mit einem spitzen Höckerchen versehen. Die Flügeldecken sind an ihrer Wurzel kaum breiter als das Halsschild, erreichen erst in ihrer Mitte die größte Ausdehnung, runden sich einzeln an der Spitze ab und erreichen die doppelte Länge ihrer gemeinsamen Breite. Die Beine sind kurz und dick, die Mittelschienen vor der Spitze an der Außenseite gehöckert. Der ungeflügelte Körper ist meist mit einem Dufte abreibbarer Samthaare überzogen, welche namentlich auf dem seitlich den Körper enge umfassenden Flügeldecken zierliche Zeichnungen erzeugen, wegen ihrer Hinfälligkeit aber an älteren Stücken die Artbestimmung ungemein erschweren, zumal nicht selten beide Geschlechter einer und derselben Art nicht unwesentlich in diesen Zeichnungen voneinander abweichen. Die Erdböcke erscheinen meist im Frühjahr, kriechen auf Wegen, an Mauern umher und verstecken sich bei unfreundlichem Wetter unter Steinen; sie scheinen im Larvenstande sich von den Wurzeln der verschiedensten, nicht bloß der holzigen Pflanzen zu ernähren.

Eine der kleinsten und zierlichsten Arten ist der bei Smyrna und in jenen Gegenden kaum seltene kreuztragende Erdbock (Dorcadion crux; Abbild. S. 183, Fig. 6). Der samtschwarze Körper wird reichlich von weißem Seidenhaar überzogen, welches eine tiefe Längsfurche über Kopf und Halsschild auskleidet, die Beine reichlich bedeckt und an den Flügeldecken nur die stumpfe Seitenkante und einen breiten Streifen neben der Naht frei läßt, an welchen sich nach außen ein fast halbkreisförmiger Mittelfleck anschließt. Am weitesten nach Norden geht der in Thüringen und am Harze in manchen Jahren keineswegs seltene schwarze Erdbock (Dorcadion atrum), welcher im Süden fehlt. Das bis über 16 mm messende Tier ist durchaus schwarz, hat auf dem sehr grob und verworren punktierten Halsschilde einen stumpfen Mittelkiel und auf den hinten beinahe gestutzten, sehr gerunzelten, an keiner Stelle punktierten Flügeldecken einen stumpfen Mittelkiel zwischen der Naht und der gleichfalls sehr stumpfkieligen Stelle, an welcher die Biegung des Außenrandes nach unten erfolgt (Seitenkante). Mit ihm zugleich pflegt, aber seltener und weiter südlich gehend, der greise Erdbock (Dorcadion fuliginator; Abbild. S. 183, Fig. 7) vorzukommen, hauptsächlich vom vorigen unterschieden durch den schmutzigweißen Haarfilz über die Flügeldecken und durch schwache, gleichfarbige Behaarung an den übrigen Teilen des schwarzen Körpers, besonders auch an den Beinen. Heutzutage wird derselbe allgemein für die Stammart und der schwarze für seine unbehaarte Abart erklärt.

Ein vorzugsweise bockähnliches Ansehen hat der untersetzte chagrinierte Weber (Lamia textor; Abbild. S. 186, Fig. 1), ein durch sehr feine, gelbliche Behaarung, zwischen welcher schwärzliche Höcker wie Pünktchen hervorglänzen, schmutzigbraun erscheinender Käfer von 26—32 mm Länge. Die knorrigen Fühler von zwei Drittel der Körperlänge stehen mit ihrem dicken und langen, am Ende durch Warzen rauhem Wurzelgliede auf je einem starken Höcker. Das quere, walzige Halsschild von der Breite des Kopfes hat seitlich je einen kräftigen Dornaufsatz. Die bedeutend breiteren Flügeldecken flachen sich von der Mitte an nach hinten etwas ab. Die dicken Beine sind durch einen Höcker an der Außenseite der Mittelschienen ausgezeichnet. Dieser echte Spitzbock, der einzige Überrest der sonst so artenreichen Gattung Lamia, findet sich an Weidengebüsch, wo er träge an den Zweigen umherkriecht oder noch häufiger mit gewisser Teilnahmlosigkeit festsitzt, da er ein mehr nächtliches Tier zu sein scheint. In Weidenzweigen lebt auch die Larve, indem sie der Markröhre nachgeht und am Ende ihres Ganges einen weiteren Raum für die in Bohrspäne eingepolsterte Puppe arbeitet. Die Larve ist fußlos und läuft hinten in einen walzenartigen Höcker aus, der den After bildet. Der erste und größte Körperring ist oval, ihm folgen zwei sehr kurze, und die sieben weiteren tragen auf ihrem Rücken je eine ovale, tiefe Furche, am Bauche einen breiten, in der Mitte eingezogenen Quereindruck.

Zu den auffälligsten Erscheinungen unter den heimischen Böcken gehört entschieden der

Zimmerbock, Schreiner (Acanthocinus aedilis), zumal das Männchen (Abbild. S. 186, Fig. 3), durch die den Körper bis auf das Fünffache überragenden und mit Ausschluß ihrer Spitze dunkel geringelten Borstenfühler. In der Tracht und Größe des Körpers erinnert er an das Callidium violaceum, namentlich in Ansehung der niedergedrückten und an den Schultern rechteckig vortretenden Flügeldecken, welche etwa doppelt so lang wie zusammen breit, nach hinten beim Weibchen schmäler als beim Männchen und gleich dem übrigen Körper durch dichten Haarfilz grau sind. Körnige Punktierung, Spuren dunkel punktierter Längsrippen und zwei mehr oder weniger deutliche, nackte, daher braune Querbinden zeichnen ihre Oberfläche aus. Die Gattungsmerkmale ergänzen überdies: vom dritten Gliede an gleichlange oder an Länge zunehmende Fühlerglieder, ein queres, seitlich in je einen Dorn ausgezogenes Halsschild mit einer Querreihe von vier gelben Punkten auf

der vorderen Hälfte, ein beim Weibchen (Fig. 2) in eine lange Legeröhre auslaufende Hinterleibsspitze, eine ausgerandete letzte Bauchschuppe beim Männchen und endlich die nach außen geschlossenen Gelenkpfannen der Mittelhüften.

Zeitig im Frühjahr erscheint der Zimmerbock an gefällten Kiefernstämmen oder an deren noch stehenden Wurzelstöcken, tummelt sich mithin auf Schlägen, da seine Larve hinter der Rinde abgestandener Kiefern lebt. Beim Sonnenschein fliegt er und findet sich daher auch an Klafterholz und stehenden Stämmen. Einige Wochen später ist das Brutgeschäft beendet, bei welchem das Weibchen seine lange Legröhre tief zwischen die Rindenschuppen schiebt, und der Käfer verschwunden, es sei denn, daß vereinzelte Nachzügler, welche als Puppen überwintert haben, noch später zum Vorschein kommen. Infolge

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  1. Chagrinierter Weber (Lamia textor), 2) Weibchen. 3) Männchen des Zimmerbockes (Acanthocinus aedilis). 4) Großer Pappelbock (Saperda carcharias) auf den Gängen feiner Larve. 5) Aspenbock (Saperda populnea) und die durch seine Larve an der Zitterpappel erzeugten Knoten. Alles natürliche Größe.

des Aufenthaltes der Larve wird diese mit Bauhölzern in die Häuser verschleppt, so daß auch hier das langfühlerige Tier bisweilen umherspaziert. Neben der genannten Art, welche beiläufig ihren Gattungsnamen vielfach geändert hat (Cerambyx oder Astynomus aedilis), leben noch einige weniger gemeine in Europa und in Nordamerika, indem die Gattung eine weitere Verbreitung nicht findet.

Die Walzenböcke (Saperda) und ihre nächsten Verwandten bilden eine weitere Sippe der echten Spitzböcke, welche im wesentlichen durch die nach außen offene Gelenkpfanne der Mittelhüften, durch den Mangel einer Querfurche an der Außenseite der Mittelschienen, durch ein breites dreieckiges Seitenstück der Mittelbrust und darin übereinstimmen, daß ihr Kopf weit genug von den Vorderhüften entfernt ist, um zwischen dieselben eingezogen werden zu können. Die übrigen Gattungsmerkmale: ein walziges, queres Halsschild ohne Buckel und Dornen, die an den Schultern stumpf rechteckig vortretenden, viel breiteren und nahezu walzigen Flügeldecken und die nicht schlanken, aber auch nicht

1) Chagrinierter Weber (Lamia textor), 2) Weibchen. 3) Männchen des Zimmerbockes (Acanthocinus aedilis). 4) Großer Pappelbock (Saperda carcharias) auf den Gängen feiner Larve. 5) Aſpenbock (Saperda populnea) und die durch ſeine Larve an der Zitterpappel erzeugten Knoten. Alles natürliche Größe.

sehr kurzen Beine lassen die vorgeführten Abbildungen der beiden gemeinsten Arten erkennen.

Der große Bappelbod (Saperda carcharias; Abbild. S. 186, Fig. 4) ist graugelb, das Weibchen mehr ockergelb, durch filzige Behaarung, welche nur an den Spitzen der meisten Fühlerglieder und an den körnigen Erhabenheiten der Flügeldecken fehlt. Man findet den Käfer im Juni und Juli an den Stämmen und Zweigen der verschiedenen Pappelarten und an Weidenbäumen. Er erscheint träge und wird wahrscheinlich erst am Abende lebendiger, um dem Brutgeschäfte nachzugehen. Das befruchtete Weibchen legt seine Eier möglichst tief in die Rindenrisse unten am Fuße des Stammes, und die jenen entschlüpften Larven fressen im ersten Jahre unter der Rinde ihre Gänge. Nach der Überwinterung dringen sie in das Holz ein und steigen in demselben in gerader Richtung aufwärts. Die langen Bohrspäne werden durch ein Loch ausgestoßen und verraten leicht die Gegenwart des Einwohners. Die Raupe des Weidenbohrers bringt äußerlich eine gleiche Erscheinung hervor, stößt aber größere Haufen aus und lebt durchschnittlich in älteren Stämmen, auch die Raupen einiger Glasflügler halten auf gleiche Weise ihre Gänge rein, ihre Auswürfe sind jedoch feiner und bindiger. Nach der zweiten Überwinterung ist die fußlose, auf dem Rücken der Glieder gefelderte Larve erwachsen, verpuppt sich hinter dem mit Bohrspänen ver— 10 N stopften Ausgange, und nach wenigen Wochen der Puppen⸗ game des großen Pappelbockes. ruhe kommt der Käfer zum Vorschein. Wo derselbe in Natürliche Größe. größeren Mengen auftritt, wird er den jungen Pappelanpflanzungen an den Landstraßen, auf Angern ꝛc. entschieden nachteilig, denn dieselben können leicht vom Winde umgeworfen werden. Alte, nur von einzelnen Larven bewohnte Stämme überwinden den Fraß, da jedoch der Käfer seine Brutplätze immer wieder von neuem zu benutzen pflegt, so werden auch solche mit der Zeit zu Grunde gerichtet, zumal die Larvenzahl sich infolge dieser Gewohnheit mehrt.

Der Aspenbock (Saperda populnea; Abbild. S. 186, Fig. 5) ist merklich kleiner (10 —12 mm), durch filzige Behaarung grünlich- oder gelblichgrau, auf dem Halsschilde mit drei gelben Längslinien, auf jeder Decke mit einer Längsreihe gelber Fleckchen gezeichnet und an den Fühlern gleichfalls dunkler geringelt. Im Mai und Juni zeigt er sich auf den Blättern der Zitterpappel und ist viel lebhafter als sein größerer Vetter, fliegt bei Sonnenschein umher und läßt sich herabfallen, wenn man nicht mit der gehörigen Vorsicht bei seiner Abnahme von den Blättern zu Werke geht. Er gehört entschieden zu den Tagböcken, man findet daher auch die vereinigten Pärchen, das Männchen auf dem etwas größeren Weibchen sitzend, auf den Blättern oder an den Stengeln seiner Futterpflanze und kann sicher darauf rechnen, daß derselbe Busch oder dasselbe Bäumchen, dessen Blätter er bewohnt, hier und da im Holzteile eine knotige Anschwellung mit einem “ schwarzen Flugloche sehen läßt. Aus letzterem kam der Käfer hervor, ve e und innerhalb des Knotens frißt die erwachsene Larve und ruht die Pergröbert 8 Puppe. Die Stelle, an welcher die Larve etwa im Juli unter die Rinde eindringt, stellt kreisförmige Wülste dar. Im ersten Sommer hält sie sich unter der Rinde auf, nach der Überwinterung geht sie in der Markröhre in die Höhe, so daß das Innere

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