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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Man muß die Böcke im allgemeinen als bewegliche Käfer bezeichnen, die im Sonnenschein oder an warmen, schwülen Tagen lebhaft umherfliegen und Blumen oder saftspendende Stellen an Baumstämmen aufsuchen, ganz besonders auch das in Wäldern auf: gespeicherte Klafterholz, während andere zu ihren Umflügen, die dann hauptsächlich der Paarung gelten dürften, die Abendstunden abwarten. Viele erzeugen, zwischen den Fingern festgehalten, durch Reiben des hinteren Vorderrückenrandes an dem kurzen, in ihn ein: geschobenen Ende des Mittelrückens ein eintöniges, zirpendes Geräusch; sie „geigen“, wie man sich wohl ausdrückt. |

Die Larven der Bockkäfer stehen denen der Prachtkäfer nahe, unterscheiden sich aber von ihnen durch deutliche Lippentaster, elliptische oder kreisrunde Luftlöcher und eine Y-förmige Afteröffnung. Der flache, wagerecht stehende Kopf kann halb in den ersten Körperring zurückgezogen werden, das deutlich abgesetzte Kopfschild ist lederartig, die Oberlippe dagegen hornig, Augen sind entweder gar nicht vorhanden oder jederseits eins, auch drei schwer zu erkennende, ferner die dreigliederigen Fühler so klein und in eine Hautfalte versteckt, daß sie leicht übersehen werden. Von den Mundteilen entwickeln sich die kurzen, stark hornigen Kinnbacken am kräftigsten, der kurze, breite Stamm der Unterkiefer trägt nach außen einen kurzen, dreigliederigen Taster, nach innen eine kräftige Lade mit borstiger

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Innenseite. Ein fleischiges Kinn, starke, größtenteils verwachsene Tasterstämme mit zwei: gliederigen Tastern und eine fleischige, vorn haarige Zunge setzen die Unterlippe zusammen. Die Beine fehlen entweder ganz oder bleiben sehr kurz und einklauig. Der Vorderbrustring zeichnet sich durch seine bedeutende Größe, besonders auch Breite vor den übrigen aus, eine beiderseitige Hornbedeckung, öfter rauhflächig, kommt meist auch den übrigen Ringen zu, welche sich durch Einschnürung alle gut absetzen. Die Larven leben allermeist in angegangenem Holze und bedürfen gewiß in den meisten Fällen mehr als 1 Jahr zu ihrer Entwickelung, von den kleineren Arten kommen jedoch manche in Stengeln und namentlich in den Wurzelstöcken krautartiger Gewächse (Wolfsmilch, Hundszunge, Getreidehalmen 2c.) vor und können in einzelnen Fällen den Kulturgewächsen nachteilig werden. Man kennt jetzt an 9000 Arten, die von Lacordaire auf drei Unterfamilien mit so und so vielen Sippen verteilt worden sind. Die Breitböcke (Prionidae) umfassen als erste Unterfamilie die breiteren, plumpen, gleichzeitig aber auch die Riesenformen der ganzen Familie, bei denen der Rücken des Hals: schildesvon den Seitenteilen durch eine Kante gesondert, die Zunge hornig und dick ist, die Fühler allermeist an der Kinnbackenwurzel eingelenkt sind und die Vorderschienen quer stehen. Ihnen fehlt das Vermögen, durch Reiben der oben bezeichneten Körperteile einen

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Laut zu erzeugen. Die Zahl der Breitböcke steht gegen die der beiden übrigen Unterfamilien bedeutend zurück und wird für Europa verschwindend klein, daher sei hier nur zweier aus unseren deutschen Wäldern gedacht.

Der Gerber, Forstbock (Prionus coriarius, Abbild. S. 175), auch der Säge: bock, sofern man unter diesem bereits in anderem Sinne verbrauchten Ausdrucke einen Bockkäfer mit sägeförmigen Fühlern verstanden wissen will. Genau genommen, nennt man derartige Fühler „geschuppt“, indem jedes folgende in den trichterförmigen vorhergehenden eingelenkt ist; man zählt deren beim kleineren Männchen 12, trotzdem wird nur die halbe Körperlänge von ihrer Gesamtheit erreicht. Der kleine, schräg stehende Kopf, das flach gewölbte, jederseits mit drei Zähnen bewehrte Halsschild und die sonstigen Körperverhältnisse, dies alles lehrt unsere Abbildung, zu welcher nur noch bemerkt fein mag, daß der pechschwarze Käfer an der Brust dicht grau behaart ist.

Von diesem langweiligen Gesellen läßt sich nur noch mitteilen, daß man ihn im halben Juli und August ziemlich tief unten an den Stämmen alter Bäume oder an Stöcken von Eichen, Buchen und anderen ziemlich regungslos sitzen sieht. Herr Morin beobachtete ihn, wie er noch grüne Haselnüsse an deren unterer Seite annagte, um zum Kerne zu gelangen. Wenn es zu dämmern beginnt, wird er lebendiger, fliegt schwerfällig und brummend umher, die Männchen die Weibchen suchend. Nach der Paarung legt letzteres an Stellen mit mulmigem Holze seine Eier ab, die Larve ernährt sich mehrere Jahre von dem der Verwesung bereits anheim gefallenen Stoffe, fertigt schließlich aus demselben ein Gehäuse, in welchem sie nur kurze Zeit als Puppe ruht. Eines nicht viel längeren, träumerischen Daseins erfreut sich der aus ihr hervorgegangene Käfer.

Der Zimmermann (Ergates faber, Abbild. S. 175) ist gestreckter und meist länger als der vorige, hat Borstenfühler, welche beim Männchen die Länge des ganzen, beim Weibchen die des halben Körpers etwas überragen; der scharfe Seitenrand des Halsschildes ist hier fein gezähnt, dort fein gekerbt. Der Nahtwinkel der Flügeldecken tritt als kleines Zähnchen hervor. Der Käfer ist pechbraun oder mehr rot gefärbt und weniger verbreitet als der vorige. Er lebt im Mulme der Nadelhölzer, soll jedoch in der Gegend von Toulon, wo er häufig ist, den Fichten schädlich werden. Lucas erzog die Larven, indem er sie in Kasten mit feucht gehaltenen Sägenspänen brachte.

Die zweite Unterfamilie, Cerambyeidae, welche Benennung von anderen auf die ganze Familie der Langhörner angewandt wird, ließe sich vielleicht als Schrägkopfböcke verdeutschen, weil hier bei so mancher Übereinstimmung in der schlanken Körpertracht mit der folgenden Unterfamilie der Kopf schräg, nie senkrecht, wie dort, aus dem Halsschilde vorsteht. Hier begegnen uns die edelsten Formen, die stattlichsten Fühler, bei der Gattung Ceramby in der früheren Fassung prachtvoller Metallglanz, bei alledem aber eine ungemeine Mannigfaltigkeit der äußeren Erscheinung unter den reichlich 5000 Arten. Am Halsschilde sind Rücken und Seiten miteinander verschmolzen, die Vorderhüften verschieden geformt, bei den heimischen kugelig oder kegelförmig, der oben erwähnte „Zirpapparat“ vorhanden. Die Zunge ist häutig, die Fühler stehen bei den meisten in einem Ausschnitte der Augen.

Der Waldkäfer (Spondylis buprestoides, Abbild. S. 178) ist noch kein echter Cerambycide, aber auch kein Prionide, hat überhaupt keine Ahnlichkeit mit einem Bocke. Der 14 —20 mm lange, schwach glänzende, schwarze Käfer ist walzig, hat kräftige, schräg vorstehende Kinnbacken, mit welchen er sehr empfindlich zu kneipen vermag, wenn man ihn zwischen die Finger nimmt; kurze, perlschnurförmige Fühler, ein polsterartig gewölbtes, an den Seiten stark bogig erweitertes Halsschild, gewölbte, nicht breitere, mit je zwei stumpfen Längsleisten versehene und wie jenes dicht runzelig punktierte Flügeldecken. Die Beine

find kurz, die Hüften der vorderften querwalzig, die Füße aller fünfgliederig, indem ein Knöpfchen am Grunde des Klauengliedes mit diesem sich einlenkt. Beine und Unterseite des Körpers sind merklich rostbraun kurz behaart.

Dieser eigentümliche Käfer entwickelt sich und lebt in Nadelwäldern, ist lebhafter Natur; denn zur Sommerzeit, nachdem er der Puppe entschlüpft ist, fliegt er an schönen Tagen flach über dem Boden umher, läuft ungeschickt im Sande hin, wenn er dort niedergefallen ist, setzt sich an die Wände der Häuser, wenn solche vorhanden, wenigstens fand ihn Kriechbaumer in Chur unter solchen Verhältnissen. Die violettrötlich durchscheinende Larve hat sechs kurze Brustfüße und lebt oft in großer Anzahl in Kiefernstöcken, wo ihr der Schwarzspecht eifrig nachstellt, aber auch in stehendem Holze, Kiefern und Fichten, denn der Käfer ist bei uns ohne Gegenwart von Stubben ziemlich häufig.

Wenn der alte Gattungsname Cerambyx nicht gänzlich aus dem System verschwinden soll, so muß er den stattlichen, düster gefärbten, über die ganze Erde verbreiteten Arten verbleiben, die wir unter der neueren Benennung Hammaticherus aufgeführt finden. Ihr Kopf streckt sich weit vor, die Augen buchten sich über der Mitte tief aus, die elfgliederigen Fühler schwellen im 3.—5. Gliede stark keulenförmig an, enden in ein langes, dünnes, breit gedrücktes, scheinbar geteiltes Glied und übertreffen beim Männchen die Körperlänge um ein Bedeutendes. Das Halsschild ist quer gerieft oder beulenartig gerunzelt, in der Mitte durch einen Buckel oder eine Dornspitze am breitesten, die Flügeldecken, vorn ein stumpf dreieckiges Schildchen aufnehmend, sind hier fast doppelt so breit wie der Hinterrand des Halsschildes und übertreffen an Länge ihre doppelte Breite.

Alle diese Merkmale trägt der Heldbock, Spießbock (Cerambyx heros), jener glänzend schwarze, stattliche Bockkäfer, den wir mit dem Hirschkäfer an einem Eichstamme auf unserem Bilde „Hirschkäfer und Heldbock“ (bei S. SO) vereinigt erblicken. Die pechbraunen, nach hinten etwas verjüngten und mehr rotbraunen Flügeldecken führen ein kaum merkliches Nahtspitzchen und werden weiter nach vorn immer runzeliger; unterhalb und an den Beinen schimmert der Käfer durch Seidenbehaarung silberweiß.

Die Larve mit den gekörnelten Hornschildern auf dem Rücken der meisten Glieder lebt mehrere Jahre (3—4) im Inneren alter Eichen. Die sehr breiten, flachen Gänge laufen zunächst vielfach gewunden durch- und ineinander unter der Rinde hin, und festes Wurmmehl legt sich zwischen sie und die Rinde, dann aber führen sie tief in das Holz und nehmen bisweilen eine ungeheure Breite an. Daß viele Larven den alten Riesen durch ihre Wühlereien mit der Zeit zu Grunde richten können, liegt auf der Hand; mag immer ein schon etwas angegangener Stamm für die legenden Weibchen eine besondere Anziehungskraft besitzen, so sind die Wirkungen dieser kolossalen Larven keineswegs zu unterschätzen. Der im Juli der Puppe entschlüpfte Käfer läßt sich bei Tage nicht sehen, höchstens steckt er die Fühlerspitzen aus dem Flugloche hervor und zieht sich schleunigst zurück, wenn man sich nicht sehr vorsichtig naht. Dieselben müßten sehr weit herausstehen, wenn es gelingen soll, den schlauen Gesellen an denselben zu Tage zu fördern; in den meisten Fällen läßt er sich die Spitzen der Fühler abreißen, ehe er nachfolgt. Nach Sonnenuntergang kommt er freiwillig hervor und fliegt, nicht eben sehr hoch, im Verlangen nach dem anderen Geschlechte, lebhaft umher. Die Paarung erfolgt während der Nacht, und die Schwärmzeit ist, wie bei dem Hirschkäfer, eine nur beschränkte.

Der Handwerker (Cerambyx cerdo) stellt den vorigen im verjüngten Maße (2 bis kaum 3 cm) dar, ist gleichfalls schwarz und durch Seidenbehaarung silberschimmernd, aber am Ende der Flügeldecken nicht verschmälert. Indem der „Handwerker“ nicht an alte Eichen gebunden ist, hat er eine weitere Verbreitung als der vorige, scheint aber dabei doch bestimmte Ortlichkeiten zu bewohnen. Während er beispielsweise im Saalthale der

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 12

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Naumburger Umgebung alljährlich in größeren Mengen vorkommt, findeter sich wenige Meilen stromabwärts bei Halle gar nicht. In seinem Betragen weicht er von seinem stattlicherem Vetter wesentlich dadurch ab, daß er lebhaft im Sonnenschein fliegt und die blühenden Sträucher, wie Weißdorn, Schneeball, Hartriegel und andere, aufsucht, um dort mit jo und fo vielen Süißmäulern aus dem verschiedenartigsten Insektenvolke den Honig zu lecken. Seine Larve zeichnet sich durch eine Reihe von Längsriefen aus, welche die hintere Hälfte der Chitinplatte auf dem Vorderrücken einnehmen. Sie lebt hinter der Rinde und im Holze verschiedener kranker Bäume, wie Eichen-, Apfel-, Kirsch⸗ und anderer Bäume. Nördlinger fand sie 1843 ziemlich erwachsen in einem Apfelbaume, erhielt jedoch erst im Mai 1847 den Käfer; er meint, die Trockenheit des Holzes wäre wohl schuld an einer so langen Entwickelung gewesen.

Der Moschus-, Bisambock (Aromia moschata) ist an Fühlern und Beinen stahlblau, auf der stark gerunzelten Oberseite metallisch grün oder bronzefarben, am quer sechseckigen, durch Höcker unebenen Halsschilde glänzend, auf den schwach zwei: rippigen, abgeflachten Flügeldecken fast matt. Die Hinterbeine sind verlängert, ihre Schienen zusammengedrückt und sanft gebogen. Durch das nicht quer-runzelige Halsschild und die nicht auffällig verdickten Grundglieder der Geißel unterscheidet sich diese Gattung von der vorigen, durch das dreieckige Schildchen, die einfarbigen Flügeldecken und die im Vergleich zu den Kiefertastern längeren Lippentaster von anderen nahestehenden Gattungen. Die infolge ihres starken Geruches mit obigen Namen belegte Art lebt im Larven- und vollkommenen Zustande in und an Weiden. Die Larve hat auf den Chitinschildern Furchen von viereckigen Umrissen, welche an dem Bauche in etwas anderem Verlaufe gleichfalls sichtbar sind 0 RT 19 015 1 9 56185 und an den drei ersten Ringen durch außerordentlich täfer (Spondylis buprestoides). Natürl. Größe. kleine und leicht zu übersehende Beinchen begrenzt werden. Sie bohrt namentlich in Kopfweidenund in den knorrigen Wurzelstöcken der Korbweide sehr unregelmäßige Gänge und trägt das ihrige redlich bei, dort mit Beihilfe der Weidenbohrerraupen, hier in Gemeinschaft der Erlenwürgerlarven und anderen Ungeziefers bei weitem mehr Holz verschwinden zu lassen, als sich neu erzeugt und als die Pflanze entbehren kann. Wenn sich der Käfer zu Anfang des Sommers aus der Puppe entwickelt hat, treibt er sich an seiner Geburtsstätte so lange umher, bis sich die Geschlechter zusammengefunden haben, an unfreundlichen Tagen versteckt im Laube oder in dem Mulme mit nach hinten dem Rücken angedrückten Fühlern, an sonnigen lebhaft umherspazierend an Stamm oder Zweigen, die nach vorn gerichteten Hörner hin und her wiegend; auch Nat er einmal davon und sucht seinesgleichen anderwärts auf.

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