Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Eine Sippe möchte ich nicht unerwähnt lassen, obgleich sie fast ausschließlich den heißen Erdstrichen angehört und nur mit wenigen unscheinbaren Arten im südlichen Europa
gefälligen Formen, und überdies spielt eins ihrer winzigsten Glieder eine gewisse Rolle auf unseren Kornböden. Ohne viele Worte um die Charakteristik der Sippe oder einer und der anderen Gattung zu verlieren, vergegenwärtige ich in dem Palmenbohrer (Rhynchophorus Schach) vom Indischen Archipel die Grundform der hierher gehörigen Käfer mit dem Bemerken, daß die Fühler von den bisher kennen gelernten durch die abweichende Bildung des Endgliedes wesentlich verschieden sind und bei anderen verwandten ein zum Teil wieder anderes, aber meist absonderliches Aussehen haben, dieselben auch nicht weiter als bis zum ersten Drittel der Rüssellänge vorrücken, daß der Steiß von den
flachgedrückten Flügeldecken nie berührt wird, daß die Verdickung auf der Oberfläche des Rüssels in einer dichten Haarbürste und die Farbe des ganzen Tieres in einem öfters wie mit Duft überzogenen Schwarzbraun besteht, welches hier und da, besonders auf der Scheibe des Halsschildes, auch einem stark roten Scheine Platz machen kann. Wie bereits erwähnt, stellt unsere Abbildung die Grundform der Kalandriden dar, es gibt aber auch bedeutend schmälere, die, weil fie verhältnismäßig nicht mehr niedergedrückt find, eine spindelförmige Gestalt annehmen. Bei anderen erweitert sich der Rüssel an seiner äußersten Spitze winkelig oder zahnartig, bei noch anderen (Macrocheirus longipes) verlängern sich die Vorderbeine übermäßig, was übrigens bei verschiedenen unerwähnt gebliebenen Gruppen gleichfalls vorkommt. Die schwarz- oder rotbraune Farbe des sehr harten Panzers herrscht vor, es finden sich aber auch verwandte Farben, wie Rot, Gelb, Grau, eintönig oder in Fleckenzeichnungen. Die Männchen unterscheiden sich durch Bildung des Rüssels, der Beine, der Fühler ꝛc. öfter wesentlich von ihren Weibchen. Man kennt nur wenige Larven, welche vorzugsweise im Inneren einsamenlappiger Gewächse (Palmen, Cykadeen, Bananen Zuckerrohr) bohrend leben, wo sie mitunter bedeutenden Schaden anrichten, weil fie oft in großen Mengen vorkommen, daher Palmenbohrer.
Auf die kleinsten Arten der ganzen Sippe will Lacordaire den sonst allen gegebenen Namen Calandra allein noch angewendet wissen. Zwei davon haben sich durch den Handel, wahrscheinlich aus dem Morgenland verschleppt, und nicht nur über ganz Europa, sondern auch über die anderen Erdteile ausgebreitet: der schwarze Kornwurm (Calandra granaria, auch Sitophilus granarius) be⸗ b e N wohnt die Magazine und Kornböden, weil er und seine Larve vom Mehle des Getreides leben, und letztere zwar von dem einen Korne, welches die Mutter anbohrte und mit einem Eie beschenkte. Hier frißt sich die Larve weiter und hat ihre volle Größe erlangt, wenn von jenem, sofern es sich um Roggen oder Gerste handelt, nur noch die Hülse vorhanden ist, in der sie sich einpuppt. Nach 5—6 Wochen, vom Eie an gerechnet, erscheint Anfang Juli die erste Brut von den überwinterten Käfern. 14 Tage später beginnen die jungen Käfer ihr Brutgeschäft, und vor Winters kommen zum zweiten Male die in Dielenritzen, Balkenfurchen und sonstigen Winkeln des Speichers überwinternden Käfer zur Ausbildung. Man weiß längst, daß Reinlichkeit und guter Luftdurchzug die besten Schutzmittel gegen diesen nicht zu unterschätzenden Feind sind, und hat neuerdings mit bestem Erfolge ein sinnreiches Verfahren in Anwendung gebracht, um den Kornwurm zu vertreiben: durch eine Luftdrainage, mittels reichlich 3 m voneinander durch den Getreidehaufen gelegter Drainröhren, welche sich nach außen einzeln öffnen oder auch zu einem Ausgang verbunden sein können, wird innerhalb des Haufens dieselbe Temperatur wie in der umgebenden Luft hergestellt, und die die Wärme liebenden und dieselbe zur Entwickelung gebrauchenden Käferchen verlassen den Haufen. Dieses Verfahren gestattet außerdem, die Haufen ohne Schaden für das Getreide selbst höher aufzuschütten, als es sonst möglich wird. Der Kornkäfer ist rot- bis schwarzbraun, an den Fühlern und Beinen etwas heller, mit Ausschluß des Rüssels 3,75 mm lang, 1,5 mm an den Schultern breit. Der dünne, sanft gebogene Rüssel, etwa von der Länge des Halsschildes, trägt an seiner Wurzel, unmittelbar vor den Augen, die geknieten Fühlhörner mit sechsgliederiger, lang-eiförmig geknopfter
Geißel, das platte, vorn wenig verengerte Halsschild ist dichtmit tiefen, länglichen Punkten besetzt, welche nur eine glänzende Längslinie durch die Mitte freilassen. Die Flügeldecken, von der Breite des letzteren und gleichläufig an den Seiten, runden sich vor dem Steiße gemeinschaftlich ab und werden von tiefen Punktstreifen durchzogen, deren Zwischenräume glatt bleiben. Die Schienen sind mit einem Hornhaken an der Spitze bewehrt, die vorderen am Innenrande mit kleinen Kerbzähnen. Wie dieser Käfer von Roggen, Weizen und Mais lebt, so der sehr ähnliche Reiskäfer (Calandra oryzae) von den Reiskörnern, deren Lagerräume seinen Aufenthalt bilden, indem er sich sowenig wie der vorige bei uns zu Lande im Freien vermehren kann. Ein Fleckchen auf jeder Schulter, eins hinter der Mitte jeder Flügeldecke und der Seitenrand von roter Farbe auf mattem, pechschwarzem Grunde, ein dicht und rund punktiertes Halsschild ohne deutliche glatte Mittellinie und äußerst dicht punktstreifige Flügeldecken, deren sehr schmale Zwischenräume abwechselnd mit gelben Börstchen besetzt sind, unterscheiden ihn vom vorigen.
Die kleinen, schwarzen, meist schmalen und glatten Rüsselkäfer, welche sich wejent-lich nur durch den bedeckten Steiß von den vorigen unterscheiden und, zu der Sippe der Kossoniden vereinigt, auch zahlreiche, aber unansehnliche Vertreter inEuropa und Deutschland haben, leiten über zu der Familie der Borkenkäfer (Bostrychidae, Scolytidae). In ihrer äußeren Erscheinung stimmen sie durch Kleinheit des walzigen Körpers, durch einen dicken Kopf mit vortretenden Kinnbacken, im übrigen versteckten Mundteilen, durch gebrochene Fühler mit dickem Endknopf, durch langgestreckte Augen miteinander überein und unterscheiden sich von den verwandten durch die Kürze des Kopfes, der Taster, Fühler und Beine, an denen breit gedrückte, in einen Haken endende Schienen viergliederige Füße tragen. Von den fünf Bauchringen verwachsen die beiden ersten öfter unter sich. Die beiden Geschlechter derselben Art lassen sich äußerlich nicht schwer voneinander unterscheiden. Die Larven haben die größte Ahnlichkeit mit denen der Rüsselkäfer, nur erscheinen sie minder gedrungen und vollkommener walzig. Ihr geselliges Beisammensein, wie das der Käfer, und die Art, wie fie in der Rinde der Bäume selbst oder unmittelbar unter ihr im Baste Gänge anlegen, weisen auf ihre natürliche Zusammengehörigkeit hin. Meist von einem etwas breiteren Anfang des Ganges, einem Vorzimmer aus, wo bei vielen Arten auch die Paarung stattfindet, arbeiten die Weibchen weiter und legen den sogenannten Muttergang an, wo sie zu beiden Seiten kleinen, gleichentfernten Aushöhlungen je ein Ei anvertrauen. Die den Ciern entschlüpften Lärvchen fressen nun ihrerseits rechts und links von dem Muttergang, wenn dieser senkrecht oder schräg, oberhalb oder unterhalb, wenn er nahezu wagerecht läuft, die mehr oder weniger geschlängelten Neben- oder Larvengänge, die sich mit dem Wachstum der Larve verbreitern. Am Ende wird jeder etwas erweitert, damit die Puppe ein bequemes Lager habe. Auf diese Weise entstehen artige, baumähnliche Gebilde, deren Grundform von der bestimmten Käferart abhängt, je nach dem gegebenen Raume und nach dem Begegnen mit einem zweiten Gangsystem aber gewisse Abänderungen erleidet. Wenn man bedenkt, daß diese kleinen Wühler fruchtbar sind und von manchen zwei Bruten im Jahre zu stande kommen, so darf man sich auch nicht wundern, daß zeitweilig Hunderte und Tausende von Hektaren der schönsten Waldungen durch die Wurmtrocknis einem sicheren Tode ent-gegengeführt werden, wie z. B. in den siebziger Jahren im Böhmerwalde. Die Nadelhölzer ernähren die bei weitem überwiegende Mehrzahl der europäischen Arten und erleiden durch sie verhältnismäßig größeren Schaden als die Laubbäume, in denen wieder
andere Arten haufen. Daß selbst die echten Borkenkäfer nicht alle in der angegebenen Weife leben, beweist unter anderen Bostrychus bispinus, welchen man bohrend in den rankenden Zweigen der gemeinen Waldrebe (Clematis vitalba) findet, der Bostrychus dacty-liperda, welcher bis zu Hunderten in dem Kerne der Dattel, diese durch seinen Kot unschmackhaft machend, und in der Betelnuß (Areca Katechu) zur Entwickelung gelangt. An ersterer Art hat beiläufig Bach die den Anobien eigne Gewohnheit des Klopfens beobachtet, so daß diese Lockweise bei mehreren Arten der Familie zu vermuten, nahe liegt.
Der große Kiefernmarkkäfer, Kiefernzweig-Bastkäfer, Waldgärtner (Blastophagus oder Hylesinus piniperda), mag samt dem kleinen die Gattung vergegenwärtigen. Ein senkrechter, von oben sichtbarer Kopf, fein gekörnelte Augen, ein eiförmiger geringelter Fühlerknopf, welcher durch sechs Glieder mit dem Schafte in Verbindung steht, ein in seinem Rücken- und Weichenteile verschmolzener Vorderbrustring und ein zweilappiges drittes Fuß: glied charakterisieren diese Gat⸗, I,,,, N a yy 415e\ENN)VE 5Mm N // Ii0 9 45 6 1 tung, wie gleichzeitig die pech⸗ Radler\ = 40% schwarze, nur an Fühlern und F— \ NEX) 600 Im700%) An 14 4 SA%,,7%IMN VAR: Füßen in Rostrot übergehende RAN NN 72)
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NA N TERN |N1) U DI Grundfarbe die größte Art, welche. N in unausgefärbten Stücken (Hy- UN N N" II 5 166. 7 lesinus testaceus des Fabri⸗ N ) \ cius) auch rostgelb oder braun 7, r V N vorkommt. Unser Käfer zeigt sich N NN u N bei günftiger Witterung schon im un Ä „ \ März, die Paarung pflegt aber 1 RR | N N erst im April zu erfolgen, und N DA 7 90 zwar halb und halb im Flugloch, 0 ö NT, i an welchem das Männchen immer \ ll,1 ji K sichtbar bleibt. Die Brutstätten u 7 werden in frisch gefällten Stäm⸗ I) Großer Kiefernmarkkäfer (Blastophagus piniperda) nebst seinen men, inWurzelstöckenoder unter ers eh enen Ontnengängen. Nalrlihe Gtäpe undvergröfer. der dicken Rinde am unteren Teile stehender Stämme angelegt, die Gänge gehen durch ein etwas gekrümmtes Bohrloch bis zur Unterseite der Rinde und an dieser senkrecht entlang. Die seitlichen Larvengänge stehen sehr dicht gedrängt hintereinander und werden bis 8 em lang. Zur Verpuppung nagt sich die ausgewachsene Larve in der Borke ein Lager. Im Jahre 1836, welches anfangs die Entwickelung der Larven begünstigte, später aber durch rauhe Tage verzögerte, beobachtete Ratzeburg am 22. April den ersten Anflug der Käfer, am 27. waren die Gänge schon bis 5 em lang und enthielten 30—40 Eier, den 2. Mai lebten die ersten Larven, welche bis zum 18. ihre halbe Größe erlangt hatten, 4 Wochen später (18. Juni) gab es die ersten Puppen, am 2. Juli noch ganz weiße und und weiche Käfer, und erst am 15. desselben Monates die ersten Fluglöcher. Bei ungünstiger Witterung ist die Brut auch erst im August entwickelt. Jetzt beginnt der Fraß. Die Käfer bohren sich nämlich wagerecht in die jungen oder selbst in ältere, zapfentragende Triebe der Kiefern bis zum Marke ein und gehen, dasselbe verzehrend, aufwärts. Um das Eingangsloch bildet sich ein Wall des ausfließenden Harzes, und die Triebe brechen bei Wind leicht an dieser Stelle ab, wenn sie klein und dünn sind, oder die endständigen Kronentriebe bleiben, und statt der ausgefressenen Endknospen treiben neue von dicht
buschigem Ansehen. Weil auf diese Weise der Baum seinen natürlichen Wuchs ändert, wie ein unter dem Schnitte künstlich gezüchteter, sohat man den Urheber solcher Erscheinung den „Waldgärtner“ genannt. Er geht zur Überwinterung der Regel nach wieder heraus, durch das Eingangsloch oder durch ein neu angelegtes weiter oben, sucht das hohe Holz auf und verkriecht sich an den Stämmen dicht über der Wurzel nicht nur hinter Rindenschuppen, sondern in eigens dazu gebohrten, oft bis zum Baste reichenden Löchern. Der Waldgärtner geht südlich in Deutschland so weit, wie die Kiefern vorkommen, nördlich bis Schweden und Rußland.
A. Lotgang als Brutftätte des Buchdruckers (Bostrychus typographus) und Sterngang von Bostrychus chalcographus. Vergrößert: 1) Bostrychus typographus, 2) Puppe, 3) ein Fuß, 4) Larve, 5) Bein, 6) Fühler; B. Gänge des großen
Rüstersplintkäfers (Eecoptogaster scolytus). Vergrößert: 7) der Käfer, 8) die Puppe, 9) die Larve, 10) Eccoptogaster destructor.
Der sehr ähnliche kleine Kiefernmarkkäfer (Blastophagus minor) unterscheidet sich nicht immer durch geringere Größe vom vorigen, sondern nur dadurch, daß die Haarreihe in dem zweiten Zwischenraume zwischen den Punktreihen der Flügeldecken bis zum Hinterrande der Decken reicht, während sie beim vorigen da aufhört, wo diese ihre Beugung nach unten beginnt. Er lebt in derselben Weise, jedoch in geringerer Verbreitung, als der vorige. Zum Brüten geht er nur glatte Rinde an, also Kiefernstangen, oder die höheren Gegenden älterer Bäume und arbeitet Wagegänge. Es würde zu weit führen, noch andere Arten näher besprechen zu wollen, welche in ähnlicher Weise den Fichten gefährlich werden.