All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
AskTalkView media
Reading progressPage 45 of 196

A) in das Loch und schiebt es mit dem Rüssel tief 2 hinein. Dies geschieht in einer Zeit, die ausreicht, um die Wunde vernarben zu lassen, so weit wenigstens, daß man genau hinsehen muß, um die einstige Verletzung wahrnehmen zu können. Vom Mai an treibt sich der Käfer 8 5 auf Haselbüschen und Eichen umher, aber nicht e e e vorjährigen Larven entsprossen; denn diese liegen nach den gemachten Erfahrungen bis zum Juni des nächsten Jahres, verwandeln sich dann erst zur Puppe, aus welcher der Käfer im August ausschlüpft und noch zum Vorschein kommt oder versteckt bleibt bis zum nächsten Frühling. Er hat einen sehr langen, borstenartigen, an der Wurzel verdickten, daselbst gestreiften und punktierten Rüssel von rotbrauner Farbe, welcher sich beim Männchen schwach, beim Weibchen stärker krümmt und etwas vor seiner Mitte die schlanken, geknieten Fühler trägt. Dieselben passen mit ihrem Schafte gerade in die bis zu den Augen reichende Grube und enden in eine fast geknopfte Keule, indem die letzten der sieben Geißelglieder kaum länger als breit sind. Der eiförmige, schwarze Käfer ist über und über gelbgrau behaart, am erhabenen runden Schildchen, an den Schultern und auf der Fläche der herzförmigen Flügeldecken würfelartig lichter. Die Schenkel verdicken sich nach vorn und zeigen hier an der Unterseite einen dreieckigen Zahn, die Schienen enden in einen Haken, das dritte Fußglied ist zweilappig und der Grund der Klauen gezahnt. In Deutschland kommen noch zwei außerordentlich ähnliche Arten vor, deren Fühlerkeule dadurch bedeutend dünner erscheint, daß das letzte Glied wenigstens doppelt so lang wie breit ist, der große Eichelbohrer (Balaninus glandium oder venosus), dessen Halsschild an den Seiten von der Mitte an steil nach der Flügeldeckenwurzel verläuft, mit ihr fast einen rechten Winkel bildend, und der kleine Eichelbohrer (Balaninus

turbatas), dessen Rüssel sich stark krümmt, besonders beim Weibchen, und dessen Halsschildseiten mit der Flügeldeckenwurzel, wie bei dem Nußbohrer, einen stumpfen Winkel bildet. Sie beide leben als Larven in den Eicheln und werden für dieselben in gleicher Weise verderblich, wie jener für die Nüsse. Die Balaninen breiten sich mit ihren der Gleichförmigkeit wegen zum Teil sehr schwer zu unterscheidenden Arten fast über die ganze Erdoberfläche und besonders zahlreich über Europa aus und haben die Gewohnheit der vorigen, mit angezogenen Beinen sich fallen zu lassen, sobald sie eine Gefahr im Anzuge vermuten.

Die Blütenstecher (Anthonomus) könnte man der Körpertracht nach für größere, plumpe Spitzmäuschen erklären, die gebrochenen Fühler, die lichten Haarbinden oder Flecke auf dem braunen Untergrunde der Flügeldecken unterscheiden sie aber auf den ersten Blick von denselben, wie noch verschiedene andere Merkmale, welche in dem dünnen, geraden Rüssel, in den kleinen, runden Augen, den schwachen Fühlern mit siebengliederiger Geißel und in dem großen Schildchen begründet sind. Die Gattung breitet sich gleichfalls über

  1. Birnknos stecher (Anthonomus pomorum), a vergrößert, b natürliche Größe, e von den Larven bewohnte Knospe.

die ganze Erde aus, in Amerika weniger zahlreich als anderswo. Die europäischen größeren Arten der überhaupt am Körper nicht großen Gesellen erweisen sich an den Obstbäumen vielfach unnütz, indem die Weibchen im ersten Frühjahre deren Blatt- und Tragknospen anstechen, ein, auch ein paar Eier hineinschieben und die Larven dieselben ausfressen, sie mithin nicht zur Entwickelung gelangen lassen. Die äußeren Schuppen bräunen sich, ein mit vielen derartigen Knospen versehener Apfel- oder Birnbaum sieht dann wie verbrannt aus, und man hat dem Übelthäter in manchen Gegenden den Namen „Brenner“ beigelegt, mit welchem kaum eine bestimmte Art gemeint sein kann, weil mehrere in gleicher Weise leben. Für gewöhnlich dürfte der Apfelblütenstecher (Anthonomus pomorum, Fig. 2 obiger Abbildung) darunter verstanden sein. Er zeichnet sich durch die verwischte, graue Schrägbinde auf jeder der pechbraunen Flügeldecken aus. Diese Binde, aus grauer Behaarung bestehend, ist bei der sehr nahe stehenden zweiten Art, bei dem Birnknospenstecher (Anthonomus pyri, Fig. 1) gerade und erreicht die Ränder jeder Decke nicht vollständig. Diese beiden Arten, durch das angegebene Merkmal auf den ersten Blick, durch noch einige andere bei eingehenderer Betrachtung zu unterscheiden, leben an Apfel- und Birnbäumen. Sie kommen sehr früh im Jahre aus dem Winterlager, und obgleich sie im Sonnenschein lebhaft fliegen, steigen sie jetzt meist zu Fuße am Stamme der Bäume in die Höhe, wie sie im Herbste ebenso hinabsteigen, um das Winterlager hinter Rindenschuppen, in alten Bohrlöchern am Fuße des Stammes oder in dessen Nähe unter der Erdoberfläche zu beziehen. Man hat diese Fußpartien der Käfer in Abrede gestellt, und auch ich habe sie so lange angezweifelt, bis mir mit den bekannten, für den Frostspanner

1) Birnknoſ ſtecher (Anthonomus pomorum), a vergrößert, b natürliche Größe, e von den Larven bewohnte Knoſpe.

bestimmten Teerringen im Herbste und im ersten Frühjahre abgefangene Käfer zugeschickt worden sind. Das befruchtete Weibchen greift nun die sich regenden Knospen mit seinem langen Rüssel an und bohrt Löcher in dieselben, teils um sich zu ernähren, teils um je ein Ei in einem Bohrloche unterzubringen. Für die betroffenen Knospen können die Wirkungen hiervon sehr verschieden ausfallen, da bekanntlich die Fruchtknospen beider Obstarten mehrere Blüten in der Hauptknospe enthalten. Ist letztere noch vollkommen geschlossen, so können mehrere Blütenknospen getroffen werden; erfolgt dann die Entfaltung, so bleiben die mit einem Eie belegten zurück, während die unversehrte Blüte zur Entwickelung gelangt, eine im Fruchtboden getroffene sogar bald abfällt. Sind die Einzelknospen schon mehr vorgerückt, so können diese sämtlich mit Eiern belegt werden; alle vertrocknen und sehen wie verbrannt aus, während sich unter ihrem Schutze die Larve schnell entwickelt und daselbst auch zu einer schlanken, sehr beweglichen Puppe wird. Ich habe die zweite Art aus Birnknospen erzogen, welche sämtlich in ihrer ersten Hülle „verbrannt“ erschienen und keine einzige Blütenknospe trieben, teilweise auch Blattknospen waren. Die Entwickelung ging sehr rasch vor sich; denn die Mitte April als vertrocknet eingetragenen Hauptknospen lieferten bereits vom 30. April an den Birnknospenstecher in reichlicher Menge. Ob der im Mai erscheinende junge Käfer thatenlos sein Leben bis nach der Überwinterung verbringt, oder ob es Käfer einer zweiten Brut sind, welche im folgenden Frühling für die Fortpflanzung sorgen, wage ich nicht zu entscheiden, doch werden meines Wissens zwei Bruten von niemand angenommen. Obstsorten mit sehr lange geschlossenen, also spät austreibenden Knospen haben mithin von diesen Käfern am meisten zu leiden, außerdem mehrt sich der Schaden in solchen Jahren, in denen durch die Witterungsverhältnisse oder durch den ungünstigen Stand der Bäume die Knospenentwickelung verzögert wird; denn wie aus der angeführten Lebensweise dieser Blütenstecher hervorgeht, können ihre Larven nur in Knospen gedeihen; beschleunigt sich deren Entfaltung vor der Vollwüchsigkeit der Larve, so ist die Weiterentwickelung der letzteren sehr in Frage gestellt.

Eine dritte, nicht minder interessante Art ist der Steinfruchtbohrer (Anthonomus druparum), etwas kräftiger als jede der vorigen, am rotbraunen Körper dicht graugelb behaart und leicht kenntlich an der doppelten Zickzackbinde gleich hinter der Mitte der Flügeldecken, welche dadurch entsteht, daß die gelbe Behaarung hier ausgeblieben ist. Dieser Käfer, welcher die Pfirsichblüten stark benagen soll, findet sich vorherrschend an der Traubenkirsche (Prunus padus), in deren Steinkerne die Larve einzeln lebt. Er muß jedoch ein ziemlich unstetes Leben führen, denn mir wurden einst getrocknete Sauerkirschen übergeben, in deren Kernen ich Larven, Puppen und Käfer auffand, welche natürlich durch das Abwelken der Kirschen im Ofen alle ihren Tod gefunden hatten. Einer der Käfer hatte sein Flugloch bis auf eine feine Schicht ausgenagt, ein anderer war bereits bis zum Fleische gelangt und kurz vor seiner letzten und leichtesten Arbeit, dem Durchbrechen dieses, vom Tode überrascht worden. Auch in den Steinkernen der Schlehen dürfte die Larve leben. Diese und die zahlreichen anderen Gattungsgenossen stellen sich, wie die vorigen, tot, wenn man ihnen zu nahe kommt, und fallen mit eingezogenem Rüssel und vorgestreckten Knieen auf den Boden.

Die kleinen, ovalen Erdflöhe, welche lustig dahinspringen, wenn man sich ihnen nähert, kennen meine Leser, hatten vielleicht auch schon Gelegenheit, sie springen zu hören. Wenn man nämlich im Herbste auf oder neben dürrem Laube an Waldrändern dahinwandelt, so hört man, wie die zum Überwintern hier versammelte Schar dieser kleinen Springer auf das dürre Laub wieder auffällt, von welchem sie sich soeben gleichfalls mit Geräusch abgeschnellt hatte. Es wäre jedoch ein Irrtum, wenn man alle diese kleinen Käferchen

—

für Erdflöhe halten wollte, vielmehr befinden sich gewisse Rüsselkäfer in gleicher Lage. Von jenen später noch einige Worte; von diesen sei bemerkt, daß sie der Gattung Orchestes, Tanzkäfer, angehören, welche in vielen Arten Europa, die Alte, aber auch die Neue Welt bewohnt.

Der schwarze Buchenrüßler, Buchenspringrüßler, Buchenspringer (Orchestes fagi), ist diejenige Art, welche trotz ihrer Kleinheit und Unscheinbarkeit ihre Gegenwart mehr als jede andere bemerkbar macht. Das ohne den Rüssel 2,5 mm messende Käferchen ist schwarz, durch feine, gleichmäßige Behaͤarung grauschimmernd, die Fühler und Füße tragen licht gelbbraune Farben. Der runde, sanft gebogene Rüssel ist länger als Kopf und Halsschild zusammengenommen und beinahe näher den Augen als der Spitze mit den

Schwarzer Buchenrüßler (Orchestes fagi). Vergrößert. Wirkungen des Fraßes von der Larve und von dem Käfer an Buchenblättern. gebrochenen Fühlern versehen. Kopf und Halsschild zeigen einen glockenförmigen Umriß und geringe Erstreckung im Verhältnis zu den lang-eiförmigen Flügeldecken, an deren Wurzel das kleine Schildchen als Grübchen erscheint: sie decken die Hinterleibsspitze vollkommen und sind auf ihrer Fläche gleichmäßig punktstreifig. Die Vorderhüften sind sehr genähert, alle Schenkel kurz und dick, unten vor der Spitze mit je einem Zähnchen bewehrt, die hintersten samt ihren Schienen zum Springen eingerichtet und sämtliche Klauen am Grunde zahnartig erweitert. Anfang Mai stellt sich der überwinterte Käfer auf den eben aufbrechenden Blättern der Rotbuche ein, um sich zu ernähren und gleichzeitig dem Brutgeschäft obzuliegen. Zu ersterem Zwecke nagt er kleine Löcher in dieselben, zur Erreichung des zweiten schiebt das Weibchen hart an der Mittelrippe und in der Nähe des Blattgrundes ein Ei unter die Oberhaut. Meist wählt es hierzu unbenagte Blätter und beschenkt jedes auch meist nur mit einem gelblich weißen Eie. Die nach kaum 8 Tagen aus diesem geschlüpfte Larve frißt nun zwischen Ober- und Unterhaut des Blattes nach vorn und außen eine Mine, welche nach und nach etwas breiter wird und gewöhnlich in der Nähe der Blattspitze endigt. Hier angelangt, ist die mit einem dunkeln, durch die Mitte geteilten Halsschilde Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 11

Schwarzer Buchenrüßler (Orchestes fagi). Vergrößert. Wirkungen des Fraßes von der Larve und von dem Käfer

und einem kegelförmigen Fleischzäpfchen auf dem letzten Gliede versehene Larve erwachsen, erweitert die Mine und wird in einem durchscheinenden Gespinst zur Puppe. Aus dieser kommt durchschnittlich von Mitte Juni ab, aber auch schon früher, der Käfer zum Vorschein, da die Larve kaum 3 Wochen und die Puppe auch nur etwa eine solche zu ihrer Entwickelung bedürfen. Er springt auf dem Laube umher, benagt es, wie seine Eltern vor ihm, und verkriecht sich, wenn die unfreundlichere Jahreszeit dazu mahnt. Wie aber thut sich seine Gegenwart kund?

Die Mine, also der von ihr getroffene Rand und die Spitze des Blattes, bräunt sich, sobald das Blattgrün daraus aufgezehrt ist, im Laufe des Sommers fällt sie aber völlig aus, so daß ein solches Blatt unregelmäßig geschlängelt, von vorn nach hinten und bis zur Mittelrippe mit faserigen und zerfetzten braunen Rändern ausgefressen erscheint. Wenn tausend und abertausend von Blättern an einer alten Buche in dieser Weise zugerichtet sind, so erscheint der stattliche Riese von oben bis unten braun angeräuchert, oder als wenn die frischen Blätter im Frühjahr von einem Froste oder vor einigen Wochen von einem Hagelschlag getroffen worden seien. Wenn nun auch ein alter Baum dergleichen Behandlung und eine unvollkommene Ernährung durch seine Blätter einmal, auch zweimal ertragen kann, so sind Buchenpflanzungen entschieden schlimmer daran, wenn sie in gleicher Weise heimgesucht werden, und können nach einigen Jahren an der Wiederholung jener Heimsuchungen zu Grunde gehen.

Wieder andere Sitten haben die Larven der Blattschaber (Cionus). Sie halten sich frei an den Blüten und jungen Samenkapseln gewisser Pflanzen auf, wobei ihnen keine Beine zu statten kommen, sondern nur die Querfalten des Körpers und ein klebriger, schmieriger Überzug. Die gedrungenen, beinahe kugeligen Käferchen sind klein, aber hübsch gezeichnet, mosaikartig durch regelmäßige, lichte Haarfleckchen auf einem anders gefärbten Untergrund; bei den meisten findet sich an der Wurzel oder auf der Mitte der Flügeldecken ein runder, samtschwarzer Nahtfleck. Ihr walziger Rüssel legt sich an die Brust an, die jedoch nicht mit besonders deutlicher Rinne versehen ist, die Augen nähern sich auf der Stirn, und die Geißel der gebrochenen Fühler setzt nur fünf Glieder zusammen, so daß sie dem Schafte an Länge gleicht. Das Schildchen ist oval, die Spitze der Flügeldecken gemeinsam gerundet. Das erste Glied des Hinterleibes verwächst mit dem zweiten, beide sind lang, die zwei folgenden dafür sehr gekürzt. Das Männchen unterscheidet sich von seinem Weibchen durch ein längeres letztes Fußglied und ungleiche Klauen, indem die innere die äußere an Länge übertrifft. Dieser Geschlechtsunterschied wird an den Vorderbeinen am deutlichsten.

Continue reading
Page 45 of 196