Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Braunwurz⸗Blattschaber (Cionus scrofulariae) und Der Braunwurz-Blattschab er
Puppengehäuse an der Futterpflanze in natürlicher Größe. 8 8 5
Käfer außerdem vergrößert. (Cionus scrofulariae) lebt in zahlreichen Gesellschaften auf der vom Mai bis August blühenden Braunwurz (Scrofularia nodosa). Am 17. Juli fand ich einzelne, zur Verpuppung reife bräunlich grüne Larven neben bereits in ein glasiges Gehäuse eingesponnenen, welche sich in der Weise ankleben, wie obige Abbildung vergegenwärtigt. Ungefähr 3 Wochen mochten vergangen sein, als von den ersten die Käfer zum Vorschein
kamen. In einem früheren Falle, als mir jene zierlichen Gebilde noch nicht bekannt waren, lernte ich ihre Erzeuger auch nicht kennen, sondern aus den kleinen Blasen entwickelten sich nur winzige Schlupfwespen (Chrysocharis conspicua), der Familie der Pteromalinen angehörig. Der Käfer ift schwarz und dicht beschuppt, Brustseiten und Vorderbrust schneeweiß, Flügeldecken dunkelschiefergrau, die erhabenen, abwechselnden Zwischenräume zwischen den Streifen samtschwarz und weiß gewürfelt, die Naht mit einem großen vorderen und hinteren schwarzen Samtfleck versehen. Verschiedene andere Arten leben ähnlich auf den Königskerzen (Verbascum) ꝛc.
Der weißbunte Erlenwürger, Weidenrüßler (Cryptorhynchus lapathi), ist der einzige europäische Vertreter einer sehr artenreichen (200) südamerikanischen Gattung und eine von den 26 Arten, welche, auf noch drei andere Gattungen verteilt, als die einzigen Glieder einer der größten Sippe (Kryptorhynchiden) der ganzen Familie in Europa zu Hause sind. Der Rüssel des genannten Käfers läßt sich in eine tiefe Brustfurche legen, welche? zwischen den Mittelhüften endigt und die Vorderhüften natürlich auseinander drängt. Zu der beigegebenen Abbildung —° sei noch bemerkt, daß die Fühlergeißel aus sieben Gliedern besteht, und daß der Körper durch dichtes Schuppenkleid 79m MM \ schwarz, braun und weiß erscheint, am Weißbunter langer (Cryptorhynchus lapathi) nebft letzten Drittel der Flügeldecken kreide⸗ Larve, am Holz. Rüssel, Schuppenflecke und Höcker vergrößert.
weiß. Das hübsche, 7,5—9 mm lange, sehr unebene Tier sitzt am Weidengebüsch, am Schwarz- und Weißeller, ohne durch seinen Fraß an den Blättern schädlich zu werden. Im Mai begegnet man ihm am zahlreichsten und dann gewöhnlich gepaart, das Männchen auf dem Weibchen sitzend; dann werden die Käfer sparsamer, sind während des Juli und einen Teil des August verschwunden, nach dem Herbste hin zeigen sich aber wieder vereinzelte. Am 28. August 1872 sah ich so im Vorbeigehen wohl ein Dutzend verbundene Pärchen und selbst am 3. Oktober noch vereinzelte Käfer. Da sich Ende Juli reife Larven und Puppen finden, so dürften die später erscheinenden Käfer junge sein, welche ihr Brutgeschäft noch betreiben oder sich wieder verkriechen, um nach der Überwinterung an dasselbe zu gehen. Das befruchtete Weibchen legt seine Eier an das Holz der genannten Futterpflanzen, und die Larve frißt zunächst flach unter der Rinde platzweise, so daß diese durchlöchert erscheinen kann, und geht dann in einem gerade aufsteigenden Gange im Holze weiter, möglich, daß diese Fraßweise auf eine zweijährige Brut deutet, da auch bei anderen bohrenden Larven im ersten Jahre eine oberflächliche, im zweiten eine in das Holz übergehende Fraßweise beobachtet worden ist. Die erwachsene Larve kehrt sich am Ende des Ganges um und verpuppt sich. An den Saaleufern bei Halle lebt die Larve in den alten knorrigen Wurzelstöcken der Korbweiden, welche durch sie und andere Bohrer nach und nach früher absterben, als wenn sie unbewohnt wären. Schädlicher werden die Larven entschieden in jungen Ellernpflanzungen und Ausschlagbeständen, wo sie junges und älteres Holz zerbohren und dasselbe absterben machen. Auch in jüngeren Birkenbeständen kommen fie vor und töten dieselben. Wo fie einmal in jo vers derblicher Weise hausen, bleibt nichts weiter übrig, als die mit a besetzten Teile ab: zuhauen und zu verbrennen. 11 *
Wenn noch anderer Verborgenrüßler (Ceuthorhynchus) gedacht wird, jo ge schieht dies nicht wegen der hervorragenden äußeren Erscheinung ihrer zahlreichen Arten, welche außer wenigen Nordamerikanern sich vorzugsweise in den kalten und gemäßigten Strichen Europas, Asiens und Nordafrikas aufhalten, und im Gegenteil zu den kleinsten und unansehnlichsten zählen, sondern weil eine Anzahl sich in unseren Feldern und Gemüsegärten auf höchst unangenehme Weise bemerklich macht. Einige zeichnen sich auf dunklem Grunde durch lichte, meist schlecht begrenzte Fleckchen aus; die meisten lassen sich wegen der Einförmigkeit ihres dunkeln Kleides schwer voneinander unterscheiden. Ihr fadenförmiger Rüssel kann zwischen die kegelförmigen Vorderhüften gelegt werden, ohne dort eine scharf begrenzte Furche zu finden, wie dies bei der vorigen Gattung der Fall ist. Seine Furche für die Fühler ist nach unten gerichtet und diese sind gekrümmt und infolge der verlängerten ersten der sieben Geißelglieder schlank. Das kurze Halsschild ist an den Seiten gerundet erweitert, vorn mehr oder weniger verengert, eingeschnürt und am Vorderrande lappig erweitert, so daß in zahlreichen Fällen bei der Ruhelage des Rüssels die runden und flachen Augen teilweise oder sogar ganz verdeckt werden. Die Flügeldecken sind kurz, am Grunde viel breiter als das Halsschild, an den Schultern stumpf, nur wenig länger als zusammen breit, hinten einzeln gerundet, den Steiß nicht bedeckend. Die Schienen sind beim Männchen an der Spitze stets wehrlos, die der Mittel- und Hinterbeine beim Weibchen meist gespornt, die Klauen am Grunde nicht zusammengewachsen.
Der Kohlgallenrüßler, gefurchthalsige Verborgenrüßler (Ceuthorhynchus suleicollis, Abbild. S. 165, Fig. 1), ist tiefschwarz, wenig glänzend, unten dichter, besonders gegen die Schultern hin, oben sparsam und fein grau beschuppt und ohne irgend welche hellere Zeichnung, wie solche durch Anhäufung der Schuppen bei anderen Arten entsteht. Das stark punktierte Halsschild hat vorn einen schwach aufgeworfenen Rand, jederseits ein Höckerchen und eine tiefe Mittelfurche; die Flügeldecken sind tief gestreift, in den Zwischenräumen eben, stark gerunzelt und vor der Spitze schuppig gehöckert, die Schenkel vorn kurz bezahnt. Die durchschnittliche Länge beträgt kaum 3 mm bei 2 mm Schulterbreite. Bei der ungleichen Entwickelung findet sich der Käfer vom ersten Frühjahr bis in den Sommer hinein auf Kreuzblümlern, wild wachsenden wie angebauten, an letzteren selbstverständlich am augenfälligsten und mit nachteiligen Folgen verbunden. Das befruchtete Weibchen legt nämlich seine Eier tief unten an den zarten oberirdischen Stengel oder flach unter der Erde an den Wurzelstock der Olsaaten, der verschiedensten anderen Kohlarten unserer Gemüsegärten, aber auch des hier und da als so verbreitetes Unkraut auf den Feldern auftretenden „Hederichs“. Die Stelle, an welche das Ei unter der Oberhaut gelegt worden ist, schwillt an und wächst allmählich infolge des weiteren Reizes seitens der fressenden Larve zu einer gallenartigen Mißbildung aus. Junge Pflanzen könnte man, wenn die mehr oder weniger kugelige Galle unmittelbar auf der Erde aufsitzt, für flach stehende Radieschen halten. Wenn der Käfer sehr zahlreich vorhanden ist, so mehren sich die Gallen an einer Pflanze, die sonst einzelnen, kugeligen, verwachsen zu knolligen und unregelmäßigen Gebilden, in deren Innerem man zwischen krümeligen Exkrementen bis 25 Larven antreffen kann. Die weiße Larve ist wie andere Rüsselkäferlarven eingekrümmt, stark querfaltig und ohne sonstige Auszeichnung. Während der Sommerzeit ist sie vom Eistand an in durchschnittlich 2 Monaten erwachsen, bohrt sich durch ein rundes Loch aus ihrer Galle heraus, fertigt flach unter der Erde von dieser ein eiförmiges Gehäuse um sich und ruht nur wenige Wochen als Puppe in demselben. Diejenigen Larven, welche später gelegten Eiern ent: sprossen find, überwintern in ihren Gallen, wie man an den Wintersaaten der Olfrüchte oder an den kräftigeren Strünken des Kopf-, Blumen- und seltener des Braunkohles beobachten kann. Die durch spätere Eierablage an den bereits kräftigen Strünken der genannten
Kohlarten erzeugten Gallen beschränken sich weniger auf den Grund der Stengel, sondern gehen oft weit an denselben hinauf. Kohlstrünke mit solchen Gallen ohne Fluglöcher als Stoppel den Winter über stehen zu lassen, ist daher sehr unvorsichtig; denn in der Verbrennung dieser besitzt man das einzige Mittel, die Brut zu zerstören. Die Käfer befressen die Blätter und Blüten der Pflanzen, ohne ihnen dadurch wesentlichen Schaden zuzufügen, die zuerst erscheinenden sind meist der Puppe entschlüpft oder hatten sich als Spätlinge des vorigen Jahres verkrochen; die von ihnen stammende Brut findet noch Gelegenheit, eine Winterbrut wenigstens bis zum Larvenstand ins Leben zu rufen. In anderen Gegenden kommen wieder andere Arten an den Kohlsorten vor, deren Larven gleichfalls im Inneren bohren, ohne Gallen zu erzeugen.
Der ähnliche Verborgenrüßler (Ceuthorhynchus assimilis, Abbild., Fig. 2) ist dem vorigen außerordentlich ähnlich, etwas schlanker, durch stärkere weiße Beschuppung
- Kohlgallenrüßler (Ceuthorhynchus suleicollis) nebst Galle, 2) Ahnlicher Verborgenrüßler (C. assimilis), 3) Raps⸗
Mauszahnrüßler (Baridius chloris), 4) Rotrüsseliger Mauszahnrüßler (B. cuprirostris), Sämtl. Käfer vergrößert.
auf der Rückenseite mehr grau, am Halsschilde flacher punktiert, in den beiden Seitenhöckerchen dagegen spitziger und an den Schenkelenden ungezahnt. Auch er erscheint auf Kohlarten, ich beobachtete ihn allerdings nur auf blühendem Raps und Rübsen und seine Larve vereinzelt in den Schoten, wo sie sich von den noch grünen und weichen Samen ernährt. Die Schote wird infolgedessen notreif, fängt an, sich zu öffnen und entläßt durch die Spalte die flach unter die Erde zur Verpuppung gehende Larve.
Der Weißfleck-Verborgenrüßler (Ceuthorhynchus macula- alba), welcher auf der Unterseite, oben auf schwarzem Grunde an den Rändern der Flügeldecken, in einem gemeinsamen Flecke um das Schildchen und in der Mittellinie des Halsschildes dicht weiß beschuppt, an Fühlern, Schienen und Füßen dagegen rostrot gefärbt ist, lebt im Larvenstand von den unreifen Samen in den Mohnköpfen und verpuppt sich gleichfalls in einem Erdgehäuse.
Die Mauszahnrüßler (Baridius, früher Baris) breiten sich über die ganze Erdoberfläche mit ihren zahlreichen Arten aus. Man erkennt fie am lang-eiförmigen Umriß der schwarzen, oft metallisch grün oder blau glänzenden, sehr harten Oberfläche und an der Gewohnheit, die Schenkel mit angezogenen Schienen und Füßen dicht gedrängt senkrecht nach unten zu richten und den Rüssel mit seiner Spitze an die vorderen anzudrücken, wenn sie, um Verfolgungen zu entgehen, sich tot stellen. Der Kopf ist kugelig, die kleinen Augen stehen unmittelbar vor der Wurzel des Rüssels. Dieser ist walzig, dick, etwas gekrümmt und unten schräg, wie der Nagezahn einer Maus, abgeschnitten, grubig punktiert,
vor seiner Mitte mit den geknieten Fühlern versehen, deren Schaft bei der Ruhelage in die tiefe Furche für sie paßt. Die Geißel besteht aus acht Gliedern. Die Vorderbrust ist zwischen den weit auseinander stehenden, kugeligen und eingesenkten Vorderhüften flach und eben, ohne jegliche Furche. Schildchen klein, aber deutlich und rund, Flügeldecken gestreift, zusammen kaum halb so breit wie der ganze Käfer, vom Vorderrande des Halsschildes an gerechnet, lang ist; sie lassen ein kleines Leibesspitzchen frei. Die Schienen der kräftigen Beine laufen in ein Häkchen aus.
So wenigstens charakterisieren sich die durchschnittlich 4,5 mm messenden europäischen Arten. Da sich die Gesamtzahl aller aber an 300 beläuft und ihre Tracht nicht durchaus übereinstimmt, so geben die unserigen von den schönen, kräftigeren, mitunter mehrfarbigen Formen des heißen Amerika, welches als ihr eigentliches Vaterland betrachtet werden muß, keine genügende Vorstellung. Der Raps-Mauszahnrüßler (Baridius chloris, Abbild. S. 165, Fig. 3) ist glänzend grün, bisweilen bläulichschimmernd, am Halsschilde zerstreut punktiert, in der Mitte fast glatt, die Zwischenräume der Punkte viel größer als diese selbst, an den Flügeldecken einfach gestreift, bei starker Vergrößerung sind in den Zwischenräumen Punktreihen zu bemerken. Die Seiten des Rüssels und der Brust, die Schenkel und der nicht weiß beschuppte Bauch in seinem vorderen Teile sind grob punktiert, die Vorderbrustseiten mehr runzelig. Die weiße Larve lebt bohrend in dem untersten Stengelteil der Olsaaten und gewiß auch anderer Kreuzblümler und geht bis in die äußersten Wurzelspitzen, verpuppt sich auch hier und liefert bereits im Juni den Käfer, der unter Umständen versteckt bleibt, aber auch, wenn sich in den genannten Saaten eine passende Gelegenheit für Unterbringung seiner Eier bietet, diese vor Winters absetzt, wie die im Frühjahr gefundenen, sehr ungleichen Larven gelehrt haben; andere begatten sich erst zur genannten Zeit, und ihre Nachkommen erscheinen im vollkommenen Zustande natürlich später im Sommer und dürften nicht mehr zum Vorschein kommen. — Der pechschwarze Mauszahnrüßler (Baridius pieinus) lebt in gleicher Weise in anderen Kohlsorten, die er aber in Ermangelung von Herbstsaaten nur im Frühling mit Eiern beschenkt, nachdem er aus seinen Winterverstecken hervorgekrochen ist, wie z. B. aus den Strünken des Kopfkohles, in denen er im Herbste zuvor geboren wurde. — Dieselbe Lebensart führt der rotrüsselige Mauszahnrüßler (Baridius cuprirostris, Abbild. S. 165, Fig. 4) von lichtgrünem Metallglanz; jeine Larve frißt in den Strünken des Kopfkohles und Kohlrabis, erzeugt daselbst gallenartige Auswüchse und wird entschieden den jungen Kohlrabipflanzen gefährlich. Wenn wir nun bedenken, daß von dieser und voriger Gattung eine oder die andere Art gemeinsam eine junge Kohlpflanze bearbeiten,daß gewisse Erdflöhe die dritten im Bunde sein können, so leuchtet ein, daß sie alle zusammen dem Landwirte und Kohlgärtner das Leben sauer machen, selbst wenn jede einzelne Art für ihren Teil mit mäßigen Ansprüchen auftritt.