Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die echten Borkenkäfer (Bostrychus oder Tomicus) haben einen kugeligen Kopf und fünfgliederige Verbindung zwischen Fühlerschaft und dem runden, viergliederigen Knopfe, dessen erstes nacktes Glied die übrigen behaarten von oben her umschließt. Das Halsschild zieht sich vorn kappenartig, in gleichmäßiger Rundung über den Kopf weg und ist auf seiner vorderen Hälfte dicht und fein gehöckert. Die Flügeldecken pflegen an der Spitze gestutzt oder ausgehöhlt zu sein und an dem Seitenrande dieser Höhlung stärker
und schwächer gezahnt. Die breitgedrückten Schienen endlich charakterisieren sich durch gezähnelte Außenkante. Einer der für Fichten schädlichsten und größten (5,5 mm) heißt der gemeine Borkenkäfer, Buchdrucker oder achtzähnige Fichten-Borkenkäfer (Bostrychus typographus); er führt nämlich jederseits der tiefen Höhle an der Spitze seiner grob punktstreifigen Flügeldecken vier Zähne, deren dritter der stärkste ist, trägt sich rot⸗ oder pechbraun und zottig gelb behaart. Nach den ersten warmen Frühlingstagen sieht man einzelne Buchdrucker in der Nähe ihrer Winterquartiere ziemlich träge und geräuschlos umherfliegen, sich auch wieder verkriechen, wenn es kühler wird. Bis Mitte Mai pflegen sie aus der winterlichen Erstarrung alle erwacht zu sein und die Sorge um die Nachkommenschaft zu beginnen. Gefallen ihnen die Brutplätze, wo sie und vielleicht ihre Ahnen bis zum so und so vielten Gliede hinauf geboren worden sind, so steht dem Anfang nichts im Wege. Im entgegengesetzten Falle erheben sie sich hoch in die Luft, um, wie es scheint, passende Plätze aufzusuchen, und es ist keine Übertreibung, wenn man fie nach einem ihrer Entwickelung günstigen Jahre mit schwärmenden Bienen oder kleinen Wolken verglichen hat. Im Platze scheinen sie ziemlich wählerisch zu sein, altes Holz ist ihnen lieber als junges, liegendes, also von der Axt oder durch Windbruch gefälltes, lieber als stehendes; gewisse Lagen ziehen sie anderen vor und die Fichte (Pinus abies) jedem anderen Nadelholze. Ist die Stelle gefunden, so wird senkrecht durch die Rinde ein Loch gebohrt, an der Sohle dieser ein größerer Raum angelegt, in welchem die Begattung vor sich geht und von welchem nach oben und unten der lotrechte Muttergang seinen Anfang nimmt und mit Eiern belegt wird, wie früher angegeben ist. Die diesem entschlüpften Larven fressen rechts und links davon, sehr nahe bei einander die Nebengänge, alles so, wie es unsere Abbildung A mit Ausschluß der rechten Ecke vergegenwärtigt. Bald nach dem Eierlegen sterben die Weibchen in dem Baue selbst, oder sie schleppen sich noch mühsam heraus. Die vollkommen entwickelte Brut bleibt noch eine Zeitlang an der Geburtsstätte und frißt unregelmäßige, von Wurmmehl erfüllte und den ursprünglichen, regelmäßigen Bau sehr verunstaltende Gänge. Ist es spät im Jahre, so bleiben sie hier, um zu überwintern; sollte sie das schöne Wetter noch hervorlocken, so treiben sie sich im Freien umher und verkriechen sich nachher anderwärts. Zeitig im Jahre ausgekrochene Käfer verlassen in Gesellschaft, gern nach warmem Regen, gegen Mittag ihre Wiege, schwärmen und legen eine zweite Brut an, die unter den günstigsten Umständen noch zur vollen Entwickelung gelangt, in den meisten Fällen aber im Larven- oder Puppenzustande zu überwintern hat und nur dann ungefährdet bleibt, wenn die Borke gut aufsitzt und keine Nässe eindringen kann. Am meisten halten die Käfer aus; denn man hat beobachtet, daß sie zur rechten Zeit aus geflößtem Holze hervorkamen, welches über 3 Wochen eingefroren gelegen hatte. Larven und Puppen gehen schnell zu Grunde, wenn man sie durch Losreißen der Borke dem Einfluß der Sonnenstrahlen aussetzt. — Bei manchen Arten dieser Gattung unterscheiden sich beide Geschlechter wesentlich im Ansehen: dem Weibchen fehlt die Aushöhlung am Ende der Flügeldecken, oder diese sind sehr kurz, fast kugelig beim
Männchen (Bostrychus dispar), und worin sonst noch die Unterschiede bestehen. Interessanter sind die Verschiedenheiten in der Fraßweise; doch können wir diesen kleinen Wühlern nicht mehr Raum einräumen und bemerken nur, daß außer den Lot- und Wagegängen, welche die Weibchen anlegen, auch Sterngänge vorkommen, wie die rechte Ecke der Abbildung A auf S. 170 unvollkommen andeutet.
Die Splintkäfer (Eccoptogaster) unterscheiden sich leicht in der Seitenansicht von allen anderen, indem von den beiden ersten verwachsenen Ringen des Bauches beginnend, dieser ziemlich steil nach oben aufsteigt, wie der hier skizzierte Eccoptogaster destructor (Fig. 10) lehrt. Die Rückenansicht (Fig. 7) stellt den großen
Rüstersplintkäfer (E scolytus) dar, welcher in ähnlicher Weise in der Rüster lebt, wie die Bostrychen in Nadelbäumen; überhaupt vertritt diese Gruppe jene für die Laubhölzer.
Höchst sonderbar nehmen sich die Glieder der nächsten Familie, die Langkäfer (Brenthidae), aus. Infolge der Rüsselbildung lange mit den Rüsselkäfern vereinigt, hat man sie neuerdings wegen anderer, durchgreifender Eigenheiten von denselben getrennt und zu einer eignen Familie vereinigt. In keiner zweiten Käferfamilie herrscht das Streben aller Teile des Rumpfes, sich in die Länge auszudehnen, so allgemein vor, wie hier. Der wagerechte Kopf verdünnt sich nach vorn allmählich in einen Rüssel; bis zu der seitlichen Erweiterung, an welcher sich die Fühler anheften, gibt es meist keinen Absatz, keine Querfurche, keine andere Richtung, überhaupt keine Stelle, von der man sagen könnte, hier hört jener auf und fängt dieser an. Jenseits der Einlenkung der Fühler pflegt er vollkommen walzig zu sein, wenn nicht die Freßwerkzeuge bei den Männchen vieler Arten einen breitgedrückten Knopf, oder passender gesagt, die Flügel einer Kneipzange an seine Spitze setzten. Die Oberlippe fehlt, das Kinn ist überwiegend groß und verbirgt die Zunge und die Unterkiefer mit ihren Tastern. Die Länge des Rüssels ist bei den verschiedenen Arten und den beiden Geschlechtern derselben Art eine sehr verschiedene, und zwar beim Männchen immer beträchtlicher als beim Weibchen. Die 11, in seltenen Fällen (Uloceriden) nur 9 Glieder der ungebrochenen Fühler, nach vorn bisweilen allmählich verdickt, reihen sich wie Perlen auf einer Schnur aneinander; ihr erstes muß mit ganz besonderer Geschmeidigkeit im Rüssel sitzen, denn höchst überrascht sieht man sämtliche Fühler sich bewegen, wenn auf irgend eine Weise die Reihen der in einer Sammlung aufgestellten trockenen Tiere erschüttert werden. Am vordersten Mittelleibsringe, der immer länger als breit und durchschnittlich nicht schmäler als die Flügeldecken ist, verschmelzen die Seiten vollständig mit dem Rücken. Nicht genug, daß die Flügeldecken lang und schmal, seitlich gleichläufig sind, 1 gibt sich bei den Männchen mancher Arten ihr Drang nach Länge noch durch schwanzartige Anhängsel zu erkennen. Die Hinterbrust verlängert sich, mehr noch jedes der beiden ersten e verwachsenen Bauchglieder. Die Beine sind schlank, im Verhältnis zum 8 linealen Körper nicht eben lang zu nennen, die Hüften der vordersten flach kugelig, fast eingesenkt in eine hinten eingeschlossene Pfanne. Bemerkenswert dürfte noch die oft sehr ungleiche Einzelgröße bei einer und derselben Art sein. Die Langkäfer gehören in ihren durchschnittlich 600 Arten bis auf eine (Amorphocephalus coronatus) des südlichen Europa den übrigen Erdteilen an, Amerika nicht vorherrschend, wie man früher meinte, als die vielen asiatischen Arten noch unbekannt waren. Sie leben gesellig hinter Baumrinde, entfernen sich also wesentlich in dieser Beziehung von den Rüsselkäfern, schließen sich vielmehr den ö Holzfressern im weitesten Sinne des Wortes an. Die zwei ee e,SoneticeGro. bisher beschriebenen Larven weichen sehr von denen eines Rüsselkäfers ab, so daß man meint, es dürften sich Irrtümer eingeschlichen haben und dieselben keinem Langkäfer angehören. Der in Brasilien gemeine Brenthus Anchorago möge eine Vorstellung von den eben besprochenen Käfern geben. Bei ihm erreicht der Rüssel des Männchens eine bedeutendere Länge als bei jedem anderen seiner Gattungsgenossen. Die Grundfarbe ist ein dunkles Rotbraun,
welches auf den Flügeldecken durch zwei blutrote (gelbliche) Längsstreifen verdeckt wird. Dergleichen Zeichnungen, welche auch fleckenartig auftreten, finden sich bei vielen Familiengliedern.
Die Familie der Maulkäfer (Anthribini) verband man gleichfalls bisher mit den Rüsselkäfern; Lacordaire will fie aber davon getrennt wissen, und mit demselben Rechte, wie die vorigen. Auch hier verlängert sich der Kopf in einen etwas breiten, nicht langen, nie walzigen, nie von ihm durch eine Querlinie geschiedenen Rüssel. Der Unterkiefer ist zweilappig, die Lappen sind schmal, linienförmig, die fadenförmigen, spitz endenden Taster viergliederig, die der Lippe nur dreigliederig; der Oberkiefer tritt mehr oder weniger hervor, ist breit und gezahnt an der Wurzel. Die Oberlippe ist deutlich, vorn gerundet und bewimpert. Die nicht gebrochenen Fühler bestehen aus elf Gliedern, deren letzte eine lose gegliederte, manchmal infolge der Gestrecktheit verschwindende Keule bilden, und sind dem Rüssel an sehr verschiedenen Stellen in einer Seeittengrube eingelenkt. Bei manchen Männchen er: reichen sie eine bedeutende Länge, und vielleicht hierdurch, aber auch durch die Körperform, ist oft eine gewisse Ahnlichkeit mit den nachher zu betrachtenden Bockkäfern nicht zu verkennen. Ein Querkiel vorn an der Vorderbrust gibt in seinem Verlaufe, seiner Länge ꝛc. gute Gattungscharaktere ab. Die Hüften an den beiden ersten Paaren der Beine sind fast kugelig 5 N 5 und voneinander getrennt, die des letzten Paares be— e deutend breiter als lang, die Pfannen aller geschlossen, die Schienen an der Spitze gestutzt,nie mit End— Weißfleckigeralbinus), Männchen.MaulkäferVergrößert.(Anthribus sporen oder Haken versehen, und das dritte der vier Fußglieder allermeist im zweiten so versteckt, daß man an seiner Gegenwart zweifeln könnte; die Klauen tragen unten je einen Zahn. Den Hinterleib setzen vom Bauche her fünf ziemlich gleiche Glieder zusammen, deren letztes auf dem Rücken immer sichtbar bleibt. Die düstere Körperfarbe wird durch ein kurzes Haarkleid durchaus heller oder fleckenartig bunt. Die Maulkäfer finden sich an kranken Baumstämmen oder Schwämmen, viel seltener auf Blättern oder Blumen. Die meisten haben einen schwerfälligen Flug, einige dagegen zeigen sich in dieser Beziehung sehr beweglich, und ein paar können sogar springen. Man kennt erst sehr wenige Larven, die in ihrer äußeren Erscheinung von denen der Rüsselkäfer nicht abweichen und darauf schließen lassen, daß die meisten bohrend in Pflanzen leben. Die Familie breitet sich mit ihren reichlich 800 Arten, von denen sehr viele noch nicht beschrieben und benannt sind, über die Erde aus, bedeutend überwiegend in den von den Malayen bewohnten Teilen Asiens; Europa hat nur 7 Gattungen mit zusammen 19 Arten, unter denen der weißfleckige Maulkäfer (Anthribus albinus) zu den ausgezeichnetsten gehört. Seine Gestalt ersieht man aus obiger Abbildung; die hellen Zeichnungen auf dem rehbraunen Untergrunde sind schneeweiß, überdies noch der Kopf und Hinterleib samt dem letzten Brustringe, die wir hier nicht zu sehen bekommen. An der Wurzel des breiten, senkrechten Rüssels stehen etwas schief die nierenförmigen Augen, vor ihnen die fast fadenförmigen Fühler, welche beim Weibchen nur halbe Körperlänge erreichen, sich dafür aber mehr nach vorn verdicken. Der weite Abstand der Vorderhüften voneinander charakterisiert die Art noch im besonderen. Ich fand sie bisweilen an angegangenen Stämmen der Rotbuche, immer als Seltenheit. — Interessant werden die kleinen, unansehnlichen
Arten der Gattung Kurzfuß (Brachytarsus), welche in Europa und Amerika zu Hause sind. Man findet die Käfer auf Blumen, die Larven unter den braunen, halbkugeligen, bekanntlich über der jungen Brut als Schutz und Schirm zurückbleibenden Schildlaushäuten (Coccus) und meint, daß sie sich von den Eiern der Coccus-Arten ernähren, wenigstens ward dies von Brachytarsus scabrosus und B. varius beobachtet. Beides sind kleine, stumpf eiförmige Käfer mit breitem, an den Seiten scharfkantigem, kurzem Rüssel, der in einer schmalen, nach unten gebogenen Seitenfurche die schwachgekeulten Fühler von geringer Länge trägt.
Die jetzt zu besprechende Familie umfaßt 3— 4000 Arten der zum Teil stattlichsten vierzehigen Käfer, gleich schön in ihrer edlen, Kraft und Selbstvertrauen ausdrückenden Körperform wie in der Verteilung lebhafter Farben, Ausschmückung der nach allen Seiten beweglichen, ihnen den Charakter gebenden Fühler. Obschon sie friedlicher Natur sind, keine Räuber, sondern in den beiden der Nahrung bedürftigen Entwickelungsständen von Pflanzen leben, möchte ich sie mit den Adlern unter den Vögeln vergleichen, wenigstens einzelne Sippen unter ihnen, ob des schlanken, gefälligen und dabei doch kräftigen Baues, der drohenden Kinnbacken am hervorgestreckten, nicht so träumerisch, wie bei anderen, und unterwürfig schlapp herabhängenden oder gar versteckten Kopfe. Damit freilich stimmt der deutsche Name wenig, unter welchem man sie vereinigte, und den man in Betracht der Fühlhörner und der ganzen Seitenansicht des Kopfes doch nicht unpassend wählte, wenn man fie Böcke, Bockkäfer, Holzböcke (Capricornia oder Longicornia), Langhörner nannte. Will man sie mit einer anderen Familie ihrer Ordnung vergleichen, so wären es die Blatthörner, denen sie an Schönheit, Reichtum und Mannigfaltigkeit der Formen, an überwiegender Fülle in den Gleicherländern und in den scharf ausgeprägten j geschlechtlichen Unterschieden vieler Arten am nächsten stehen. Hier sind es aber nicht Auswüchse an Kopf und Halsschild, durch welche sich die Männchen hervorthun, sondern bedeutend stärkere Kinnbacken, längere Fühler, andere Bildung derselben, indem sie Sägeoder Kammzähne annehmen können, manchmal sogar gewedelt find, mannigfaltige Abänderungen an den Beinen, bisweilen andere Körperform und Färbung; am durchgreifendsten unterscheidet ein spitzerer oder hinten vorstreckbarer Hinterleib das Weibchen von seinem Männchen. Wie die vorangegangenen Vierzeher der Hauptsache nach ein rüsselartig ver⸗ \ längerter Kopf charakterisierte, so die Böcke lange, häufig den Körper übertreffende, borstige oder fadenförmige Fühler, in der Regel aus elf Gliedern zusammengesetzt, deren zweites sehr kurz ist. Die Kinnbacken laufen meist in einen scharfen Zahn aus, die ziemlich kurzen Taster in ein beil- oder spitz spindelförmiges Glied. Die gestreckten Flügeldecken verbergen den ganzen, aus fünf beweglichen Bauchringen zusammengesetzten Hinterleib; doch kommen auch Arten vor, wo sie ihn, wie bei den Kurzflüglern, seiner ganzen Länge nach frei lassen. Die Schienen aller Beine tragen Endsporen, und die Hüften der vordersten berühren sich nicht.