Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Afterböcke, Schmalböcke (Lepturini), bilden eine sehr bestimmt abgegrenzte Sippe in dieser Unterfamilie und sind leicht von den anderen zu unterscheiden durch den hinter den Augen verengerten, halsartig eingeschnürten Kopf, der sich nach vorn mehr oder weniger schnauzenartig verlängert, durch fast rundliche Augen, vor und zwischen denen
mehr oder weniger entfernt die kurzen Fühler stehen, und durch sehr genäherte, zapfenartig vortretende Vorderhüften. f Die meisten fliegen lebhaft im Sonnenschein umher und finden sich nicht nur auf Buschwerk, sondern an allerlei blühenden Kräutern, wie an den honigreichen Dolden, und andere nicht bloß im Walde, sondern auf Wiesen, Feldrainen und öfters in größeren Entfernungen von Holzgewächsen. Man hat die Arten vielen Gattungen einverleibt, die aber in ihren Merkmalen so ineinander übergehen, daß sie sich schwer voneinander unterscheiden lassen. Die Form und Oberflächenbeschaffenheit des Halsschildes, der Flügeldecken, die Breiten: verhältnisse letzterer zu ersterem und die Zartheit oder Grobheit der Augenfelder geben die wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale für die Gattungen ab. Die Larven ernähren sich von faulem Holze. |
Der gespornte Schmalbock (Strangalia armata, Fig. 1) mag zunächst den Formkreis dieser Sippe vergegenwärtigen. Der Körper ist schwarz, mit Ausnahme der
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- Gespornter Schmalbock (Strangalia armata) nebst Larve. 2) Veränderlicher Schmalbock (Toxotus meridianus),
oben Weibchen, unten Männchen. Alles in natürlicher Größe.
nur schwarz gefleckten drei ersten gelben Bauchringe; Fühler, Beine und Flügeldecken sind wachsgelb, die Fühler vom dritten Gliede an und die Füße schwarz geringelt, die Schienen schwarz bespitzt, die Hinterschenkel innenseits vorn schwarz gefleckt und die an der Spitze bogig nach innen ausgeschnittenen Flügeldecken mit vier schwarzen Zackenbinden gezeichnet, welche nicht immer so vollständig ausgeprägt zu sein brauchen wie bei unserer Abbildung, indem die beiden ersten sich bisweilen in Flecke auflösen.
Das Männchen unterscheidet sich vom kräftigeren Weibchen durch zwei Zähne am Innenrande der Hinterschienen. Die Larve findet sich in Birkenstämmen und anderem Holze, hat undeutliche Augen, aber deutliche Füßchen, einen sehr großen Kopf mit dreigliederigen Fühlern, Kopfschild und Oberlippe und läßt ihre sonstigen Merkmale an der beigegebenen Figur erkennen. Nach ihrer Verpuppung vergehen noch 3— 4 Wochen bis zum Erscheinen des Käfers. Derselbe ist nicht zu verwechseln mit dem auf den Flügeldecken beinahe ebenso gezeichneten, aber schwarzbeinigen, schwarzbäuchigen, nicht gelbfühlerigen vierbindigen Schmalbocke (Strangalia quadrifasciata), welcher auch im Körperbau etwas kräftiger und größer erscheint. — Die meisten anderen, kleineren Arten aus der nächsten Verwandtschaft sind mit gelbbraunen, einige mit blauen Flügeldecken versehen, andere durchaus schwarz oder schwarzbraun, meist aber matt und unscheinbar in ihren Farben.
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Die langbeinige und langschnauzige Gattung Toxotus gehört zu denen mit walzigem, vorn und hinten tief eingeschnürtem, seitlich in der Mitte und durch eine Längsfurche auch auf dem Rücken gehöckertem Halsschilde. Die fadenförmigen Fühler sind fast immer so lang wie der Körper, ihr drittes Glied viel länger als das vierte und die Flügeldecken wenigstens beim Männchen nach hinten wenig verschmälert. Die gemeinste Art für Deutschland ist der veränderliche Schmalbock (Toxotus meridianus; Abbild. S. 179, Fig. 2). Bei ihm ist das fünfte Fühlerglied noch einmal so lang als das vierte, und das dritte länger als das fünfte. An den Seiten des gestreckten, nach hinten schwach erweiterten Halsschildes sitzt je ein stumpfer Höcker, und die nach hinten beim Männchen stark, beim Weibchen nur mäßig verengerten Flügeldecken randen sich an der Spitze schwach bogig aus. Die Brust decken dichte silbergraue Haare. Der Käfer ist entweder ganz schwarz, oder es sind die Wurzeln der Fühlerglieder, die Beine und der Schulterrand der Flügeldecken rötlichgelb, oder die Wurzel der letzteren, auch ihre ganze Vorderhälfte sind rötlichgelb und nur der hintere Teil der Naht oder die Spitze schwärzlich, oder sie sind durchaus rötlich gelbbraun. Die Größe schwankt zwischen 13 und 22 mm. In den ersten Tagen des Juni fliegen an heiteren Tagen die Männchen lebhaft an Buschwerk und allerlei Blumen umher, stets bereit, sich fallen zu lassen, wenn man nach ihnen greift, ohne sicher zu fassen, während die Weibchen einzelner und träger zu sein pflegen. An einigen stattlichen Pflanzen der blühenden Sumpfwolfsmilch, welche ich zu dieser Zeit auf einer Wiese als vorzüglichen Fangplatz für das verschiedenartigste Insektenvolk antraf, waren die Männchen dieser Böcke sehr zahlreich vertreten und ungemein beweglich; an den Grashalmen, unter deren Ahren hingen vereinzelte Weibchen und schienen vollkommen teilnahmlos bei dem sonst so überaus regen Leben rings um sie. Die Schrotkäfer oder Zangenböcke (Rhagium) zeichnen sich durch ihren dicken, fast quadratischen Kopf und die kurzen, schnurförmigen, auf der Stirn einander genäherten Fühler aus. Die Augen find breit, nierenförmig, das Halsschild klein, vorn und hinten eingeschnürt, in der Mitte stark bedornt, das Schildchen schmal, spitz dreieckig, die Flügeldecken find flachgedrückt, die Beine lang, aber plump, die Vorderhüften kurz und dick, voneinander getrennt. Der kurzhörnige Nadelholzbock (-Rhagium indagator, Fig. 1) dürfte die gemeinste der vier deutschen Arten sein. Die Flügeldecken sind blaß
Larven und Puppenlager. 2 Zweibindiger Nadelholzbock gelbbraun, dicht mit weißlichem Filze (Rhagium bifasciatum). 1 Größe. bek leidet, W erhabene Längslinien auf jeder und zwei mehr oder minder regelmäßige, gemeinsame Querbinden nackt und schwärzlich gefärbt. Die Körpergestalt ergibt sich aus obiger Abbildung. In manchen Nadelholzrevieren gibtes selten einen toten Stamm der verschiedensten Stärke, welcher
hinter seiner Rinde nicht mehr oder weniger zahlreich mit Larven dieser Art versehen wäre und nach der Entrindung die unregelmäßigen Gänge zeigt. Nach gesunden Stämmen hat das legende Weibchen durchaus kein Verlangen, sondern nur nach solchen, die durch verschiedenes anderes bohrendes Ungeziefer schon so weit bearbeitet worden sind, daß sich die
Borke ohne große Mühe abschälen läßt. In derselben Weise und gleichfalls nur an Nadelbäumen lebt die seltene Art, der zweibindige Nadelholzbock (Rhagium bifasciatum; Abbild. S. 180, Fig. 2), während die beiden noch übrigen Arten tote Laubhölzer zu der Zeit ihres Larvenstandes bewohnen, weshalb sie sämtlich für den Forst ohne jegliche Bedeutung sind.
Der große Halbdeck-Bockkäfer (Necydalis major) hat vorzeiten den um die Naturwissenschaften verdienten Prediger Schäffer in nicht geringe Verlegenheit gesetzt, wie aus einem | Briefe an Réaumur hervorgeht. Der Käfer, wahrscheinlich aus einem Stücke Pflaumenholze ausgekrochen, war in dem Drechselzimmer von Schäffers Schwager auf: gefunden und Schäffer vorgelegt worden, um Sooo sein Gutachten über dieses sonderbare Wesen U |\ abzugeben. Er vergleicht es mit der großen Holz⸗ \ wespe, findet aber doch bei N. näherer Untersuchung NSS und Abbildung, daß es ein „Afterbock“ sein müsse. Beschreibung und Abbildungen wurden an DIE \ N 4 N Réaumur geschickt und, \ x \ „ am Schlusse des Briefes Su N N N bemerkt: „Haben aber Ew. ꝛc. diesen Insekten (es ist noch eine kleinere Art der heutigen Gattung Molorchus dabei) einen zweifelsohne eigentlicheren und besseren Namen schon bestimmt, so werde ich aufs künftige Dero Aussprüchen willigst folgen (Regenspurg den 14. März 1753).” Die Eigentümlichkeit der Art liegt in der Kürze der Flügeldecken, welche weder den schmalen, langen Hinterleib, noch die dünnhäutigen Hinterflügel bedecken können. Der ganze Käfer ist schwarz, goldhaarig, Fühler, Beine, Flügeldecken und die Wurzel des Hinterleibes sind rötlich gelbbraun, die Spitze der Hinterschenkel dunkler und die Fühler des Männchens nur an der Wurzel gelb. Dieser interessante Bockkäfer findet sich auf Buschwerk und an den Stämmen verwetterter Bäume; ich habe ihn an Eichen- und Kirschbäumen angetroffen, in deren mürbem Inneren, wie die Bohrlöcher bewiesen, die Larve sicher gelebt hatte; er ist entschieden nicht häufig und der stattlichste heimische Vertreter dieser besonders in Südamerika lebenden, aus wunderlichen Gestalten bestehenden Sippe.
Mehrere Bockkäfer leben als Larven in altem Holzwerke unserer Häuser und begegnen uns daher auch hier dann und wann die fertigen Käfer, zumal in älteren, holzreichen Gebäuden, ohne daß man sich Rechenschaft geben kann, wo dergleichen Erscheinungen herkommen. Am häufigsten dürfte dies von einer Art gelten, welche man darum den
Hausbock (Hylotrupes bajulus) genannt hat, ein kurzbeiniger, breitgedrückterund schmaler Käfer, welcher sich durch seine kurzen, fadenförmigen Fühler, das scheibenartige Halsschild, durch ein bogig ausgerandetes Mittelbrustbein und im weiblichen Geschlechte durch eine lang vorgestreckte kegelförmige Legröhre ausgezeichnet. Der Körper ist pechschwarz oder braun gefärbt und mit einem greisen Haarkleide überzogen, besonders auf dem Halsschilde, wo einige Unebenheiten dunkler hervortreten und unter Umständen eine gesichtsähnliche Zeichnung sehen ee eee \ allen. Die Größe schwankt auf . ges fällig zwischen 6,5 und 19,5 mm. —_ — WI Wenn dieser Käfer, manchmal noch mit dem Bohrmehle aus seinem Schlupfloche bedeckt, zum Vorschein gekommen ist, so scheint er sich über feine Umgebung zu wundern; denn eiligen Laufes, soweit seine kurzen Beine einen solchen gestatten, sucht er zu entweichen, ohne zu wissen wohin, und zeigt stets ein gewisses Behagen, wenn er ein geöffnetes Fenster erreicht hat. Das Weibchen fährt mit - = \ feiner langen Legröhre in die Risse
Der Hausbock (Hylotrupes bajulus) nebst Larve. Natürliche Größe. alten Holzwerkes jeglicher Art, und sehen wir Pfosten, Zaunpfähle, Fensterbekleidungen und anderes mit größeren Bohrlöchern besetzt, so können wir mit ziemlicher Sicherheit mindestens auf die Mitwirkung des Hausbockes rechnen. Seine Larve bewohnte vorzeiten die Seitenwände und den dünnen Boden eines Insektenkastens, der, außer Gebrauch, vorher mehrere Jahre auf dem Boden gestanden und nun seiner ursprünglichen Bestimmung wiedergegeben wurde. Das Schrapen der fressenden Larve und hier und da ausgeworfenes Bohrmehl verrieten die Gegenwart, die stellenweise zu Tage tretenden Gänge führten schließlich zum Sitze der Larve, welche selbst im sehr dünnen Holze die Außenwände meist zu schonen verstanden hatte. Sie ist vorn etwas plattgedrückt, ohne Zeichnungen und Eindrücke auf den Gliedern, und vollkommen fußlos.
Der veränderliche Scheibenbockkäfer (Callidium variabile; Abbild. S. 183,
Fig. 2) ist eine zweite Art von den in altem Holzwerke lebenden und daher uns in Häusern oder deren nächster Umgebung begegnenden Bockkäfern. Entschieden schlanker, langbeiniger und beweglicher als der vorige, steht er ihm doch in den Grundformen sehr nahe. Die den starken Augenausrandungen eingefügten Borstenfühler erreichen die Körperlänge und in ihrem dritten Gliede fast dreimal die Länge des zweiten; das Halsschild ist fast kreisrund, doch etwas breiter als lang, auf seiner Fläche durch vier undeutliche Höckerchen uneben, die walzigen Flügeldecken, nicht breiter als die Halsschildmitte, sind auf dem Rücken niedergedrückt und hinten einzeln stumpf gerundet. Die Mittelbrust ist zwischen den Mittelhüften stumpf dreieckig, nie bogig ausgerandet, die Schenkel sind gestielt. Der glänzende Käfer trägt sich entweder ganz schwarz und nur an den fein punktierten Flügeldecken stahlblau,
oder die Fühler, das Halsschild, auch nur seine Ränder und in größerer oder geringerer Ausdehnung die Beine sind rötlich, oder der Käfer ist gelbrot, die Flügeldecken sind gelbbraun, an den Spitzen samt der Brust schwarz. Die Länge beträgt 10—13 mm. Wie bei der vorigen Art, arbeitet auch hier die Larve breite, unregelmäßige, mit dem feinen Bohrmehle ausgefüllte Gänge. Der dritte im Bunde ist der häufiger im Harze, weniger in der Halleschen Gegend, unter denselben Verhältnissen vorkommende blaue Scheibenbock (Callidium violaceum,Fig. 1). Er ist untersetzter als der vorige und plumper, wird bis 16 mm lang, hat fadenförmige, kürzere Fühler, von gleichen Längenverhältnissen im zweiten und dritten Gliede wie der vorige, ein an den Seiten gleichmäßig gerundetes Halsschild, welches von den platten Flügeldecken an Breite etwas übertroffen wird, und schwächer verdickte Schenkelenden. Der ganze Käfer ist auf der Oberseite heller, auf der Unterseite
Widderkäfer (Clytus arietis). 4) Clytus arcuatus. 5) C. arvicola. 6) Kreuztragender Erdbock (Dorcadion crux). 7) Greiser Erdbock (D. fuliginator).
dunkler blau, sehr dicht runzelig punktiert, an Fühlern und Beinen vorherrschend schwarz. Infolge der Lebensweise ist diese Art sowie der Hausbock nach Nordamerika verschleppt worden und hat sich daselbst gleichfalls eingebürgert.
Ungemein zahlreich breitet die Gattung der Widderkäfer (Clytus) ihre Arten über die ganze Erde aus. Die langbeinigen, kurzfühlerigen Böcke, flink im Laufe und beim Sonnenschein stets bereit zum Fluge, sitzen gern auf blühenden Sträuchern und lassen sich meist an bunten, vorherrschend gelben Zeichnungen erkennen. Die borsten- oder fadenförmigen Fühler, stets kürzer als der Leib, öfters nur von dessen halber Länge, entspringen zwischen dem Augenausschnitte und einer senkrecht davor herablaufenden Stirnleiste am stark gerundeten Kopfe, welcher nicht tief genug im Halsschilde steckt, um mit dem Hinterrande der Augen dessen Vorderrand zu berühren; dasselbe ist kugelig oder quer eiförmig. Die Flügeldecken schwanken in der Form, kommen walzig, auch nach hinten verengert und flachgedrückt vor, die Schenkel häufig nach der Spitze keulenförmig angeschwollen, die hintersten auch verlängert. Eine der verbreitetsten deutschen Arten ist der gemeine