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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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mung, die dabei der widerstrebende Stiel annehmen muß, gewaltsam am Wickel herauf, wie der Schiffer ein viereckiges Segel aufzieht, und wickelt es so, daß der Hauptnerv des Blattes quer um den Wickel läuft; denn trotz der Krümmung des Stieles käme sonst das Blatt zu weit hinab zu stehen. Nochmals läßt er das ganze Blatt los, aber nur, um es wiederholt in derselben Weise aufzuwickeln, mehrmals, weil das Blatt immer noch sehr steif und widerspenstig ist, dies alles bei sehr verwegenen Stellungen seines Körpers. Zuletzt erkennt er die Unmöglichkeit, es zu bewältigen, verläßt es und wickelt wieder das vorderste Blättchen, das sich unterdessen abgerollt hatte. Ein neuer Versuch, das Weideblatt zu wickeln, scheiterte, nachdem die Arbeit schon sehr weit gediehen war. Solches um 12 Uhr, als wir den Käfer, unermüdlich das Geschäft stets wieder aufnehmend, verließen. „Bei unserer Rückkehr um 1 Uhr 10 Minuten war das Weideblatt untadelhaft gerollt. Der Käfer ging darauf hin und her, von Zeit zu Zeit die Beine am Körper reibend und sein Augenmerk auf ein benachbartes Blatt richtend, dessen Stiel er heranzuziehen suchte, aber wieder gehen ließ, um den Rand des zuletzt gerollten Blattes noch besser zu leimen und zu bügeln. Diesmal sah man den Leim sogar Faden ziehen, vielleicht weil eine sengende Hitze herrschte. Plötzlich, ohne jegliche Veranlassung und nach kurzer Vorbereitung mit den Flügeln, flog der Käfer auf einen anderen und auf einen weiteren Zweig und sodann auf größere Entfernung weg. Nach einer Minute flog er wieder an einem Blatte in der Nähe des Wickels an, umschwärmte den Ort, zeigte sich, nachdem wir ihn aus dem Auge verloren, nochmals auf einem Zweige in der Nähe des Wickels, flog zuletzt aber für immer weg.“ Um einen Begriff von der Geschicklichkeit, Kraft und Beharrlichkeit zu geben, mit denen dieser Käfer arbeitete, bemerkt Nördlinger ausdrücklich, daß fast während der ganzen Zeit ein ziemlich kräftiger Wind wehte, welcher das Wickeln der ohnedem so beweglichen und in ihrer Bewegung jo häufig umschlagenden Blätter der kanadischen Pappel aus: nehmend erschwerte und einen anderen Käfer hundertmal herabgestürzt hätte. Daß man zwei Käfer spielend und tändelnd um einen Wickel beobachtet hat, mag wohl sein; denn sie sind bei warmem Wetter sehr lebhaft; hieraus aber schließen zu wollen, daß auch das Männchen sich beim Wickeln beteilige und dem Weibchen helfe, scheint mir voreilig zu sein. Das eben ausführlich geschilderte Vorgehen bei dem Brutgeschäfte spricht hiergegen sowie die Erfahrung bei anderen Kerfen, deren eine große Menge, namentlich unter den Aderflüglern, noch weit kunstvollere Wohnungen für ihre Brut herrichten; es ist mir aber nicht ein Beispiel gegenwärtig, daß die faulen Männchen dabei irgend wie thätig wären, es sind nur die Weibchen, welche in dieser Beziehung unser Interesse in so hohem Maße in Anspruch nehmen und nicht selten rührende Beweise von mütterlicher Aufopferung und hingebender Uneigennützigkeit liefern, mahnende Vorbilder für manche Rabenmutter unter den Menschenkindern! Zur Vervollständigung der Entwickelungsgeschichte unserer Art sei noch hinzugefügt, daß die am 24. Juli untersuchten Wickel größtenteils mit schwarzen Kotfädchen erfüllt waren, aber keine Larven mehr enthielten, dieselben waren vielmehr durch ein rundes Schlupfloch heraus und 3 — 4 cm tief in die Erde gegangen, wo fie in einer ungefähr erbsengroßen, inwendig geglätteten Höhlung zu einer stark gekrümmten, stark beborsteten, schmutzig weißen Puppe mit braunen Augen werden. Am 8. August fanden sich beim Ausgraben der Erde die Puppen und keine Larven mehr, und schon am 13. August krochen die ersten Käfer aus. Der Larvenstand dauert sonach 4—5 Wochen und die ganze Entwickelung durchschnittlich 60 Tage. In jedem Wickel finden sich 4—6 Eier, nie aber eine Offnung, durch welche sie in den bereits fertigen Wickel gelangt wären, weil sie während der Anfertigung in

der angeführten Weise eingebracht werden. Man findet bisweilen angefangene Wickel, welche aus irgend einem Grunde nicht zur Vollendung gelangt sind. Bei nasser Witterung löst sich auch der eine und der andere wieder auf. Für gewöhnlich vertrocknen die meisten und bleiben noch über die Reife der Larve hinaus an der Mutterpflanze hängen, wodurch jene genötigt wird, sich herabfallen zu lassen; dann und wann werden aber die ganzen Wickel schon vorher vom Winde herabgeworfen. Diejenigen Käfer, welche man in schönen Herbsten zu sehen bekommt und wohl gar in Paarung antrifft, stammen entweder von den am frühesten gelegten Eiern oder wurden, obgleich jüngeren Ursprunges, durch das günstige Wetter aus ihren Geburtsstätten hervorgelockt, eine Erscheinung, welche auch bei anderen Rüsselkäfaern vorkommt. Vor Winters verkriechen fie sich wieder, ohne das jetzt nicht zeitgemäße Brutgeschäft weiter zu betreiben; denn zwei Generationen im Jahre, welche man früher wohl angenommen hat, würden gegen die Regel sein.

Der Pappelstecher (Rhynchites populi, Abbildung S. 152, Fig. 4) ist dem vorigen sehr ähnlich, aber etwas kleiner, auf den Flügeldecken weniger dicht punktiert und zweifarbig: oben kupferig, grün oder goldig, unten, am Rüssel und an den Beinen stahlblau. Er wickelt die Blätter der verschiedenen Pappelarten, sehr gern die der Zitterpappel, und verwendet zu dem zigarrenartigen Wickel nur ein Blatt. Wie ungleichmäßig seine Entwickelung ist, mag aus folgender Beobachtung erhellen: Von einer Anzahl Rollen, welche am 17. Juli eingetragen und auf feuchten Sand gelegt worden waren, kamen, und zwar aus dem Sande, in der ersten Dezemberhälfte im geheizten Zimmer einige Käfer zum Vorschein, während am 18. Dezember noch acht lebende, wie es schien, erwachsene Larven in den Wickeln aufgefunden wurden, in jedem nur eine Larve.

Der noch kleinere, kaum 4,5 mm lange, durchaus schwarze und sehr schwach behaarte schwarze Birkenstecher, Trichterwickler, Blattkräusler (Rhynchites betulae, Abbild. S. 152, Fig. 5) bearbeitet die Blätter der Birken, Ellern, Buchen, begnügt sich stets mit einem Blatte, verwendet sogar nur die vorderen zwei Drittel eines großen Ellernblattes. Das Verfahren weicht von dem bisher erwähnten wesentlich ab. Ungefähr in der kleineren, oberen Hälfte der Mittelrippe beginnend, nagt der Käfer in einer nach dem Blattstiele hin aufsteigenden Bogenlinie die Fläche auf der einen, wir wollen sagen auf der rechten, Seite durch, läßt die ihm begegnenden Seitenrippen unverletzt, in entsprechender Weise kommt dann die linke Seite an die Reihe; ist er auch mit dieser fertig, so schneidet er an der ersten Hälfte auch die Nebenrippen durch und löst so die eine Hälfte seines Wickels. An der äußersten Ecke wird die Oberhaut des Blattes etwas abgelöst, in diese Tasche ein Ei geschoben und nun gerollt, so daß die Ecke mit dem Eie in die Mitte des Wickels zu liegen kommt; die klebrige Oberfläche des Ellernblattes hält diesen leicht zusammen, wozu einige Kniffe mit den Freßzangen an den geeigneten Stellen noch beitragen. Die linke Seite wird nun gleichfalls durch Zerbeißen der Nebenrippen vollständig gelöst und über die erste Hälfte gerollt, bis die kleine Zigarre von der Mittelrippe des bedeutend gekürzten Blattes herabhängt. Bald erhält darin das Wickelkind Leben, arbeitet Gänge nach allen Richtungen, welche das völlige Absterben und Vertrocknen der Blattmasse noch beschleunigen. Bricht sie vom Winde los und fällt zur Erde, desto besser für die reife Larve; sie wartet aber schwerlich diese Zufälligkeit ab, sondern frißt sich, wenn ihre Zeit gekommen, durch, fällt zur Erde, sich aber nie zu Schaden, und verpuppt sich in deren Schoße.

Der Zweigabstecher, Stengelbohrer, Giebelstecher (Rhynchites conicus) ist durchaus tief blau, stellenweise grün schimmernd, an Beinen und Rüssel schwarz und überall mäßig dunkel behaart. Der Rüssel ist kürzer als Kopf und Halsschild zusammengenommen, letzteres auf seiner Oberfläche grob und mehr einzeln punktiert und wenig nach

hinten erweitert. Die Flügeldecken sind tief punktstreifig, auf den Zwischenräumen wieder punktiert, hinter der Mitte am breitesten. Länge bis zur Rüsselwurzel 3 mm.

Gleich den übrigen Arten treibt sich auch diese Art, nachdem sie aus der Erde gekrochen ist, im Mai und Juni auf den verschiedensten Laubhölzern, wie Vogelbeeren, Elsbeeren, Traubenkirschen, Weißdorn, ganz vorzüglich aber für unsere Obstbäume, Pflaumen, Kirschen, Birnen, Apfel, Aprikosen, schädlich werdend, umher. Weniger rührt der Nachteil von dem Befressen der jungen Knospen, besonders in den Baumschulen, her, als vielmehr aus der Art, wie das Weibchen sein Brutgeschäft betreibt. Es „sticht“ nämlich die zarten Triebspitzen ab, um ein oder einige Eier an das dadurch trocken werdende Mark zu legen, von welchem sich die künftige Larve ernährt. Hat das Weibchen eine ihm passend erscheinende Spitze gefunden, so nagt es leicht an der Innenseite des Stengels da, wo er abbrechen soll, begibt sich dann näher der Spitze des Schosses, frißt ein Loch bis auf das Mark, legt ein Ei darauf und schiebt es mit dem Rüssel bis auf den Grund des Loches. Dies alles nimmt etwa 1 Stunde in Anspruch. Hierauf kehrt die besorgte Mutter zu der ersten Stelle zurück, um den Trieb so weit abzunagen, daß er durch den leisesten Windstoß umbricht oder ohne weiteres herabfällt. Indem sich der Käfer bei dieser Arbeit öfter unterbricht, sich wieder nach der Spitze begibt und nachsieht, ob alles in Ordnung sei, verbraucht er abermals 1—1)⁰ Stunde Zeit. Ein kurzer Abstich enthält ein, ein längerer bis drei Eier, jedes in einer besonderen Grube. Nach 8 Tagen durchschnittlich bekommt dieses Ei Leben, und die Larve ernährt sich von dem nach und nach trockener werdenden Marke des Abstiches und verpuppt sich dann in der Erde.

Wo eine Anzahl von Weibchen auf die angegebene Weise an Obstbäumen ihr Brutgeschäft betreiben, richten sie nicht unbedeutenden Schaden an und man kann der Wiederholung desselben nur dadurch vorbeugen, daß man die Abstiche von den Bäumen oder am Boden sorgfältig sammelt und verbrennt, sobald man sie bemerkt, damit die in ihnen lebende Brut zerstört werde. |

In sehr ähnlicher Weile lebt die Larve des Blattrippenstechers (Rhynchites alliariae Gyll.), eines Käferchens, welches mit dem vorigen mehrfach verwechselt worden ist. Durch graue Behaarung an den Körperseiten, ein mehr walzenförmiges Halsschild, hinter der Mitte kaum erweiterte Flügeldecken, deren leistenartige Zwischenräume bei gewöhnlicher Vergrößerung keine Punktierung erkennen lassen, ist er vom vorigen unterschieden. Das Weibchen sticht in den Apfelbaumschulen die Blätter an der Unterseite da an, wo der Blattstiel in die Mittelrippe übergeht. Hierdurch biegt sich die Blattfläche gegen den Stiel unnatürlich nach unten, wird wegen mangelnder Ernährung bald trocken, samt ihrem Stiele hinfällig und als wichtiges Ernährungswerkzeug dem jungen Stämmchen entzogen. Ich habe meist zwei, aber auch nur eine oder bis vier Larven im Blattstiele oder im Grunde der Mittelrippe so eingekeilt angetroffen, daß man mit Hilfe einer Nadel vorsichtig zu Werke gehen muß, wenn man sie unverletzt herauslösen will. Die Verpuppung erfolgt in der Erde. Noch andere Arten leben als Larven in unreifen Früchten, und um auch von diesen ein Beispiel anzuführen, sei schließlich noch der hübsche Pflaumenbohrer (Rhynchites eupreus) erwähnt. Er ist ebenso groß wie der Pappelstecher, erzfarben, auf dem Rücken etwas lichter, schwach grau behaart, hat einen schlanken Rüssel, kräftige Punktstreifen auf den Flügeldecken und deren Zwischenräume gleichfalls punktiert; er nährt sich als Larre von jungen Pflaumen, Kirschen, Vogelbeeren, Elsbeeren (Sorbus torminalis). Haben die Pflaumen die Größe einer Mandel erreicht, so schneidet das Weibchen in Zeit von einer Stunde den Stiel halb durch, sucht an der Frucht eine passende Stelle zum Unterbringen eines Eies, bohrt ein flaches Loch, erweitert es etwas unter möglichster Schonung der Oberhaut,

legt das Ei hinein, schiebt es mit dem Rüssel zurecht und drückt die Oberhaut auf die Wunde; hierauf begibt es sich zurück an die halb durchfressene Stelle des Stieles, beißt die andere Hälfte durch, oder so weit, daß der leiseste Wind oder die eigne Schwere die Pflaume bald zum Falle bringt. Die ganze Arbeit nimmt gegen 3 Stunden Zeit in Anspruch. Nach durchschnittlich 14 Tagen belebt sich das Ei, die Larve zehrt am unreifen Fleische und ist in5—6 Wochen erwachsen. Die Verpuppung erfolgt in der Erde. Die einzelnen im Herbste zum Vorschein kommenden Käfer gehören zu den verfrüheten, zur Überwinterung sich wieder verkriechenden, die Mehrzahl kommt erst im nächsten Frühlinge aus der Erde hervor.

Der Haselnußrüßler (Balaninus nucum) und seine Gattungsgenossen sind diejenigen heimischen Arten, welche den längsten Rüssel aufzuweisen haben. Der Wurm in den 8 Haselnüssen ist ja allgemein bekannt, noch mehr r 0IN £ das Wurmloch, aus dem er entschlüpfte, um in e „ der Erde seine Verwandlung zu beftehen; denn wie jedermann weiß, findet sich in einer „wurmstichigen“ Nuß kein Tier mehr, sondern in dem zur Hälfte oder gänzlich ausgefressenen Kerne und den Kotkrümchen nur die Spur seiner früheren Anwesenheit und zerstörenden Thätigkeit. Das befruchtete Weibchen zwickt bis ins * Herz der halberwachsenen Haselnuß, um die "RM:7 25 2 Mitte des Juli oder auch früher, legt ein Ei WDX 7

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