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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Die drei genannten Arten stehen mit der sinnreichen Gewohnheit, ihren Larven ein Häuschen zu bauen, nicht vereinzelt da. Man kennt noch eine Anzahl anderer, darum Blattroller (Rhynchites) genannt, obschon nicht alle Gattungsgenossen das Rollen verstehen. Die Rhynchiten verbreiten sich mit Ausnahme Australiens über die ganze Erdoberfläche, vorzugsweise aber über die nördliche Halbkugel der Alten Welt. Sie sind alle zeichnungslose Käfer von durchschnittlich der Größe der vorigen, kommen auch kleiner vor und glänzen meist metallisch inBlau, Grün, Kupferrot, Bronzebraun. Ihr kegelförmiger Kopf bleibt ohne halsartige Verengerung, trägt die Augen vorn an der Wurzel des Rüssels, dieser tritt mehr oder weniger lang hervor, ist fadenförmig oder gedrungen, meist etwas gebogen und führt ungefähr in seiner Mitte die ungebrochenen, in eine dreigliederige, hinten durchblätterte Keule allmählich verdickten Fühler. Das Halsschild schnürt sich vorn und hinten ein, das Schildchen steht quer. Die Flügeldecken, immer breiter als jenes, sind kürzer oder länger, mäßig gewölbt und runden sich hinten in einer Weise ab, daß fast immer der Steiß sichtbar bleibt. Die zapfenförmigen Hüften der Vorderbeine berühren sich, nicht die kugeligen der übrigen. Die Käfer fliegen gern bei Sonnenschein und lassen sich mit eingezogenen Gliedmaßen wie tot niederfallen, wenn sie die Annäherung eines Menschen, die Erschütterung ihres Standortes oder sonst etwas bemerken, was sie in ihrer Ruhe stören könnte. Das Einfangen kann daher nur mit großer Vorsicht und Unterhalten der Hand oder eines anderen Gegenstandes erfolgen, wenn die andere sich zum Zufassen anschickt.

Der stahlblaue Rebenstecher, Zapfenwickler, Potzenstecher, Birkenfreund,

Drechsler, Pfeifenkäfer (Rhynchites betuleti, Abbildung S. 152, Fig. 3), ist blau, bisweilen goldgrün, glänzend und unbehaart; der Rüssel erreicht nicht die Länge von Kopf und Halsschild zusammengenommen, der Kopf ist zwischen den Augen flach ausgehöhlt, das

Halsschild so lang wie in der Mitte breit, dicht und fein punktiert wie die Flügeldecken, aber nicht runzelig, vorn schwach niedergedrückt, mit Andeutung einer Längsfurche, außerdem nur beim Männchen mit je einem nach vorn gerichteten, seitlichen Brustdorn versehen. Dieser Käfer wickelt an den verschiedensten Bäumen und Sträuchern oft mehrere Blätter in eine Rolle zusammen. Er erscheint im Mai und Juni, im Walde auf Buchen, Espen, Linden, mehreren Weidenarten und Birken, außerhalb desselben auf kanadischen Pappeln, Birnbäumen, Quitten und Weinstöcken. Darin, daß er die weichen, krautartigen Teile zur Nahrung aufsucht, junge Blätter zur Anfertigung der Brutrollen wählt, scheint der Grund seiner mannigfaltigen Aufenthaltsorte zu liegen. Indem er die jungen Schosse ansticht und dadurch das Abwelken der Spitze veranlaßt, kann er an Birnbäumen, ganz besonders

  1. Afterrüsselkäfer (Attelabus eurculionoides), 2) Hasel-Dickkopfkäfer (Apoderus coryli), 8) stahlblauer Rebenstecher (Rhynchites betuleti), 4) Pappelstecher (Rhynchites populi), 5) schwarzer Birkenstecher (Rhynchites betulae). Natürliche Größe.

aber auch am Weinstocke dann große Verwüstungen anrichten, wenn er in Menge vor: handen ist; auch schabt er, mit dem Rüssel vorgehend, schmale Streifchen von der Haut samt dem Blattgrün auf der Oberseite der Blätter ab und läßt nur die der Unterseite zurück, wenn er keine jungen Blätter mehr findet. Die zigarrenförmigen Brutwickel werden an den verschiedenen Pflanzen auf verschiedene Weise angefertigt, die kleineren Blätter der Buchen, Birnen, Weiden erfordern eine Mehrzahl, bei der Quitte, dem Weinstocke reicht eins aus; durch Anstechen des jungen Triebes, oder wo dieses nicht paßt, der Stiele von den einzelnen Blättern wird diesen der Saftzufluß genommen, sie fangen an zu welken und werden gefügig zum Wickeln. Wir können es uns nicht versagen, die interessante Beobachtung Nördlingers hier wiederzugeben: „Am 12. Juni (1856) Morgens 91/2 Uhr“, berichtet der Genannte, „bei warmem Sonnenschein, aber bewegter Luft, bemerkten wir einen Rebenstecher auf einer kanadischen Pappel an einem Seitenschosse; an solchen wickelt er nämlich besonders gern, weil die Blätter daran näher beisammenstehen und ihm vielleicht auch weniger rasch unter der Arbeit entwachsen. Es war ein weiblicher Käfer, denn j es fehlten ihm am Bruststücke die beiden Dornen, die neben häufig kleinerer Statur die N 5 Auszeichnung des Männchens sind. Der Käfer lief emsig auf mehreren Gipfelblättern #

Al umher, welche etwas welk herabhingen. Dies die Folge eines Bohrloches, welches er am *25 frühen Morgen oder schon tags zuvor am Schosse angebracht hatte, um diesem den zu⸗ Aei fließenden Saft abzuschneiden. Ohne Zweifel in derselben Absicht, und um den Schoß 1

1) Afterrüſſelkäfer (Attelabus eurculionoides), 2) Haſel-Dickkopfkäfer (Apoderus coryli), 8) ſtahlblauer Reben⸗ ſtecher (Rhynchites betuleti), 4) Pappelſtecher (Rhynchites populi), 5) ſchwarzer Birkenſtecher (Rhynchites betulae). Natürliche Größe.

nachher biegsamer zu machen, hatte er ihn in seiner ganzen Länge leicht, aber eng quer eingekerbt. „Der Schoß, soweit er durch das angeführte Abzapfen des Saftes zur Anfertigung einer Brutrolle bestimmt war, bestand aus einem ausgewachsenen, noch ziemlich frischen und steifen Blatte, einem unausgewachsenen von der Größe eines Espenblattes, bereits ziemlich welk, einem noch kleineren, etwa von der Größe eines persischen Syringablättchens, frisch und wie die weiteren zwei Blätteranfänge von vegetabilischem Safte überzogen, daher zum Rollen noch sehr wenig geeignet. Auf den Blättern einzeln da und dort finden sich kleine krümelige schwarze Exkremente. Ohne Zweifel, weil am meisten welk und bieg-sam, wurde das unausgewachsene Blatt von Espenlaubgröße der besondere Gegenstand seiner Aufmerksamkeit. Mit ihm wollte er offenbar die Brutrolle beginnen, denn er klammerte sich mit den Beinen daran fest und drückte, um es nachgiebiger zu machen, den Rüssel kräftig dagegen. So oft und an so vielen Stellen er es aber wiederholte, war auch immer noch nichts mit dem Blatte anzufangen. Daher besuchte er nun alle Blätter des Gipfels, vermutlich um sich zu überzeugen, daß auch mit ihnen der Anfang nicht gemacht werden könne. Wieder versuchte er vergeblich den Rand des oben bezeichneten Blattes einzurollen. Wir fürchteten, die Geduld gehe ihm aus. Doch nein! Der Käfer schreitet auf das kaum welkende, ausgewachsene Blatt und stärkt sich durch etwas abgeschabtes Blattgrün, kehrt aber bald zurück, um den früheren Wickelversuch zu wiederholen. Nochmals vergeblich! Ungeduldig verläßt er das Blatt. Er will auf ein benachbartes, geht aber dahin nicht, wie zuvor, auf dem Umwege über den Blattstiel, sondern legt sich verwegen, nur auf die Hinterbeine gestützt, mit dem ganzen Körper wagerecht hinaus, um das Blatt zu ergreifen. Auf diesem hält er, vielleicht durch unsere Nähe erschreckt, plötzlich still, streckt spähend seine Fühler unter spitzem Winkel in die Luft, kehrt aber bald wieder zu seinem unruhigen Wandel zurück. Mehrmals sticht er mit dem Rüssel in die Blattstiele, vielleicht um deren Abwelken und Biegsamkeit zu beschleunigen. Er sucht wieder das alte Blatt auf. Noch ist aber damit nichts anzufangen, so daß er auf das zunächst unterhalb der Bohrstelle stehende gesunde Blatt steigt, um abermals zu weiden. Beinahe ganz durch das Blatt frißt er das Grün auf der Oberseite weg, nicht, wie sonst, ein schmales Streifchen, sondern ein größeres, ziemlich rundes Plätzchen. — Da braust ein plumper Gartenlaubkäfer heran und würde das schöne Geschöpf herabgeworfen haben, hätten wir nicht den ungeschickten Stoß abgefangen. Der stutzende Käfer macht sich nicht viel daraus, wenigstens begibt er sich wieder auf seinen letzten Weideplatz, äst sich und ruht 5 Minuten aus. Sodann aber, nach wiederholtem Begang aller welkenden Blätter, kehrt er zum ursprünglichen Blatte zurück, an dem er schon so oft Kraft und Kunst umsonst versucht, und drückt die beginnende Falte an beiden Enden mit dem Rüssel an. Schon bildet sich eine Art Tute. Er kriecht in diese hinein, noch scheint er aber damit nicht zufrieden; denn er verläßt sie wieder, läuft hin und her und sticht ein paarmal in den Blattstiel. Jetzt aber klammert er sich mit allen Beinen auf der Falte fest, drückt mit dem Rüssel stark an und wiederholt dies mehrmals, bis auf einmal die Rolle entschiedenen Fortschritt macht, obgleich der Käfer immer und in diesem Augenblicke durch den Wind und die eigentümlich unstete Bewegung der Pappelblätter gehindert wird. In wenigen Minuten ist die Hälfte des Blattes zur Rolle geworden. Sogleich fährt er mit der anderen Hälfte fort; allein mitten im besten Zuge bricht er ab, ohne Zweifel überzeugt, daß er auf die angefangene Weise nicht zu Ende kommen werde, und fährt auf andere Weise fort. Deutlich konnte man bemerken, wie er hin und wieder den Rand der zweiten Blatthälfte durch eine kleberige, durch Reiben des Hinterteiles am Blattrande sich sparsam aus ersterem ergießende Flüssigkeit anklebte und durch Hin- und Herreiben mit dem Hinterteile befestigte, sozusagen festbügelte. Merkwürdig

anzusehen war, wie der Käfer das Blatt selbst auf der platten Fläche mit seinen Krallenhäkchen zu fassen und vermöge seiner kräftigen Beine herabzuziehen vermochte. „Nun hängt die erste Blattrolle da, aber noch hat sie Gipfel und Unebenheiten, die durch Andrücken des Rüssels und das geschilderte Anleimen beseitigt werden. Etwas unter dem Aufhängungspunkte des Wickels am Blattstiele beißt der Käfer ein tiefes Loch in die Rolle, wobei der lange Rüssel ganz verschwindet. Nachdem er wieder herausgezogen ist, kehrt sich der Käfer um, das Hinterteil auf das Bohrloch senkend, während Brust und noch mehr der Kopf hoch erhaben sind. Solches und die tief gesenkte Lage von Rüssel und Fühlern bekunden, daß etwas ganz Besonderes geschehe — das Ablegen eines Eies. Es dauerte etwa 8 Sekunden. Schnell kehrt sich darauf der Käfer um, berichtigt mit dem Rüssel die Lage des Eies in dem Bohrloche und schreitet sodann zu der Vergrößerung der Rolle, um welche das zunächst ältere Blatt gewickelt werden soll. Bedurfte es zuvor schon vieler Kraft, so bedarf es jetzt noch besonderer Intelligenz. Bald verschwindet der Käfer unter einem Blattlappen, bald steigt er außen auf und ab, und während man anfangs wenig Plan in diesem geschäftigen Überall und Nirgends zu erkennen glaubt, geht von einem gewissen Zeitpunkte an die Rolle des zweiten Blattes schnell von statten. Man sieht mit wahrem Vergnügen, wie sich der zweite Lappen des Blattes vollends anlegt, herangezogen durch die Beine des Käfers und mit dem Hinterleibe am Rande angeleimt und festgebügelt. Mit Sorgfalt und durch dieselben Mittel werden die etwas jähnenden Enden der Rolle geschlossen, etwa wie eine Geldrolle, wobei Beine und Rüssel die Finger, die kleberige Materie das Siegellack, Hinterteil aber Siegelstock und Bügeleisen in einem Stücke bilden. Um 11 Uhr war die nun aus zwei Blättern bestehende Rolle fertig. „Auf der Stelle suchte der fleißige Käfer das dritte nächst kleinere Blatt heranzu= bringen. Er windet es kräftig im Spiral um die Rolle, läßt aber plötzlich mit Laune nach, um einen kurzen Gang zu machen, und geht erst nachher wieder ans Geschäft, so zwar, daß in 6 Minuten das Blatt im Wickel ist. Jetzt nimmt der Käfer schnell eine verwegene, seiner früheren ähnliche Stellung an, bei der er fest mit dem Rücken an die Rolle gelehnt ist und von den Hinterbeinen gehalten wird. So ergreift er das fünfte kleine Blatt, zieht es heran und leimt es fest. Das Blättchen aber ist nicht welk, von der bekannten Feuchtigkeit der jüngsten Pappelblätter überzogen und läßt deshalb nach. Er ergreift daher das vorletzte, vierte Blättchen, streckt es kräftig in die Länge und biegt es. Zu seinem Verdrusse weicht auch dieses, wie das fünfte, so daß er sich entschließt, beide beiseite zu setzen und das Rollen des nächst großen frischen Blattes vorzubereiten, auf dem er bis jetzt bloß gefressen hatte. Vorher jedoch vergönnt er sich ein paar Minuten und thut sich abermals auf der Blattfläche gütlich. Jetzt schneidet er, mit dem Rüssel zwickend, auf 1 em Entfernung vom Schosse, mit dem Kopfe gegen diesen gerichtet, den Blattstiel großenteils durch. Die Richtung des Rüssels wechselt oft bei der Arbeit, die Fühler sind gesenkt und betasten den Stumpf des Blattstieles. Die Arbeit dauert volle 9 Minuten, worauf der Käfer in den langen Stielteil des bereits herabhängenden Blattes, wohl um ihn etwas zu lähmen, mehrmals leicht einbeißt. Man konnte denken, der Käfer werde es in diesem Zustande hängen lassen, bis es welk und leicht wickelbar sei. In der That kehrte er zum Wickel zurück, legte, wie früher, wieder ein Ei, verharrte aber nur sehr kurze Zeit in der oben geschilderten Stellung des Eierlegens. Ein erneuter Versuch, die Endblättchen zu rollen, hat keinen vollständigen Erfolg, das äußerste Blättchen ist noch nicht zu bewältigen. Schnell entschließt sich der Käfer, das zwar angezapfte, aber noch ganz frische und steife Weideblatt in Arbeit zu nehmen. Bewundernswert sind Kraft und Geschicklichkeit, mit denen er es herbeizieht. Da jedoch der herabhängende Teil des Blattstieles zu lang ist, würde das Blatt zu tief an den Wickel zu liegen kommen, er zieht es also trotz der Krüm⸗

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