Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Zur Verpuppung läßt sich die Larve herunterfallen, geht flach unter die Erde und fertigt ein loses Gespinst, inwelchem man bald nachher das weiße, bewegliche Püppchen finden kann, welches hinten in zwei Fleischspitzchen ausläuft. Nach 12—16 Tagen, mithin Anfang Juli, kommt der Käfer zum Vorschein. Ich trug am 3. Juni erwachsene Larven ein und erzielte schon am 27. Juni deren Käfer. Diese treiben sich auf Blüten umher, wie die überwinterten, pflanzen sich aber im laufenden Jahre nicht fort, sondern erst im nächsten.
Für den systematischen Käfersammler schließt sich den vorigen ein Labyrinth von Sippen und Familien an, welche ihm viel Mühe und Sehkraft kosten, wenn er die ähnlichen Arten mit Sicherheit unterscheiden will; denn es sind kleine, unscheinbare, zum Teil auch mühsam aufzufindende Tierchen. Für das „Tierleben“ mögen einige Arten folgen, welche zu Hause eine gewisse Rolle spielen und einer eifrigen Verfolgung dringend empfohlen werden können. Dieselben sind mit so und so vielen nächst Verwandten, in der Gesamtheit die Zahl 200 noch nicht füllend, zu einer Familie vereinigt worden, welche nach den größten unter ihnen den Namen der Speckkäfer (Dermestidae) erhalten hat.
Ein in seinen drei Hauptabschnitten nicht abgesetzter, also geschlossener, im übrigen verschieden gestalteter Körper, ein gesenkter, mehr oder weniger einziehbarer Kopf, der unterhalb zur Aufnahme der keulenförmigen, auf der Stirn eingefügten Fühler ausgehöhlt ist und meist ein Punktauge auf dem Scheitel trägt; zapfenförmig aus den Gelenkgruben heraustretende, sich an den Spitzen berührende, mindestens sehr nahe stehende Vorderhüften, walzenförmige, fast immer innen und hinten erweiterte Hinterhüften, durch deren Erweiterung eine Furche zur Aufnahme der Schenkel entsteht, eine Furche an letzteren für die Schiene, fünfzehige Füße und ein fünfgliederiger Bauch bilden die allen Familiengliedern gemeinsamen Merkmale. Auch im Betragen und in der Lebensweise herrscht unter ihnen große Übereinstimmung. Einmal besitzen sie alle in hohem Grade die Gabe der Verstellung;
denn mit angezogenen Beinen, eingelegten Fühlern und eingekniffenem Kopfe liegen sie die längste Weile wie tot da, wenn sie von außen her beunruhigt werden und Gefahr für ihre werte Person im Anzuge vermeinen. Anderseits zeichnen fie sich durch ihr Herumtreiberleben und die Gleichgültigkeit für die Wahl ihrer Gesellschaft und Umgebung aus, ob neben einem flüchtigen Schmetterlinge in duftender Blüte oder zwischen Finsterlingen und unsauberen Genossen in den Überresten eines stinkenden Aases wühlend, ob im faulen Holze eines alten Baumstammes oder im Winkel einer Speisekammer, ob in der Pelzeinfassung eines beiseite gesetzten Fußsackes oder in den Polstern unserer Sofas, oder im Leibe eines stattlichen Käfers, auf welchen der Sammler stolz sein zu dürfen glaubt, das alles ist ihnen gleichgültig, obschon der eine vorherrschend hier, der andere vorherrschend dort angetroffen wird. Weil die Nahrung der Käfer, mehr noch ihrer Larven (denn sie selbst sind genügsamer), in den vorzugsweise trockenen Teilen tierischer Stoffe aller Art besteht, finden sie sich auch überall, draußen im Freien, in unseren Behausungen, auf den Schiffen, in Fellen, Naturaliensammlungen ꝛc., reifen um die Welt und werden teilweise Weltbürger im vollsten Sinne des Wortes. Insofern fie ein mehr verborgenes Leben führen und ungestört sich in dieser Verborgenheit stark vermehren, so können fie unter Umständen empfindlichen Schaden an unserem Eigentum, namentlich an Pelzwerk, Polstern, wollenen Decken und Teppichen aller Art sowie namentlich an Naturaliensammlungen, anrichten.
Es gilt dies in erster Linie von ihren gefräßigen Larven. Dieselben zeichnen sich durch ein aufgerichtetes, dichtes Haarkleid aus, welches meist nach hinten stellenweise dichte Büschel bildet, auch sternartig sich ausbreiten kann, durch kurze, viergliederige Fühler, durch meist sechs Punktaugen jederseits und durch kurze, einklauige Beine. Bei der Verwandlung reißt die Haut längs des Rückens, und die Puppe benutzt dieselbe dann als eine schützende Hülle. Der Speckkäfer Dermestes lardarius, Fig. 6, 7, S. 76) wird unter seinen 47 Gattungsgenossen, die alle durchschnittlich 756 mm lang sind, leicht erkannt an der hellbraunen, quer über die Wurzel der Flügeldecken gehenden, mit einigen schwarzen Punkten gezeichneten Binde bei übrigens durchaus bräunlich schwarzer Färbung. In gleicher Breite ziehen die Flügeldecken nach hinten, runden sich ab, verbergen die Leibesspitze vollständig und stellen die fast walzige Gestalt des ganzen Körpers her, den vorzugsweise dicht an der Unterseite anliegende Haare bedecken. Hier lassen sich die Geschlechter leicht unterscheiden, indem sich das Männchen am 3. und 4. Bauchringe oder an letzterem allein durch eine. runde Grube auszeichnet. Die gestreckte, nach hinten verjüngte Larve wird beinahe noch einmal so lang wie der Käfer, ist am Bauche weiß und auf dem braunen Rücken mit ziemlich langen, braunen, nach hinten gerichteten Haaren besetzt, von denen die längsten am Hinterende einen Haarpinsel darstellen; am Grunde dieses richten sich auf dem Rücken des letzten Gliedes zwei nach hinten gebogene Hornhaken empor. Die sechs Beine und der ausstülpbare After ermöglichen ein gewandtes und rasches Fortkriechen, welches jedoch mehr einem ruckweise vor sich gehenden Hinrutschen gleicht. Man trifft die Larve vom Mai bis in den September, IEGERSEBeETREURBBr während welcher Zeit sie sich viermal häutet und ihre Anwesenheit durch die umherliegenden Bälge an solchen Stellen verrät, wo dieselben durch den Luftzug nicht weggeweht werden können, wie beispielsweise in Insektensammlungen. Schließlich wird die Larve träger, kürzer und haarloser, alles Anzeichen, daß sie ihrer Verwandlung nahe ist. Zu diesem Zwecke verbirgt sie sich an ihrem Aufenthaltsorte, so gut es gehen will, dann spaltet sich ihre Haut, wie bei den früheren Häutungen, in einem Längsrisse auf dem Rücken, und die Puppe wird sichtbar, bleibt jedoch mit dem größten Teile ihres Körpers in dieser Umhüllung stecken. Sie ist vorn weiß, hinten braunstreifig und sehr beweglich, wenn man sie
beunruhigt. Meist im September ist der Käfer entwickelt, sprengt die Haut und bleibt, wie früher die Puppe, lange Zeit in der nun doppelten Umhüllung sitzen. In wärmeren Räumen kommt er früher, in kälteren später zum Vorschein; im nächsten Frühjahre folgt die Paarung und das Eierlegen. Der Speckkäfer und seine Larve finden sich nicht bloß in Speisekammern, sondern überall, wo es tierische Überreste gibt, in den Häusern, auf Taubenschlägen, draußen im Freien unter Aas, an Pelzwaren und in Naturaliensammlungen. Mit wahrem Entsetzen gedenke ich eines Falles, welcher bei den geheimen Umtrieben dieser Gesellen daran mahnt, wie man auf seiner Hut sein müsse, um ihrem Zerstörungswerke sowenig wie möglich Vorschub zu leisten. Ein Kistchen, bis obenan mit aufeinander geschichteten Käfern aus Brasilien angefüllt und zugenagelt, hatte jahrelang unbeachtet gestanden, weil der Inhalt für wertlos erklärt worden war. Als es an ein gründliches Aufräumen ging, kam auch besagtes kubisches Kistchen an die Reihe. Sein Inhalt ließ einen Blick werfen auf gewisse Blattkäfer, Holzböcke, Rüßler und andere, welche in jenen gesegneten Ländern in unzähligen Mengen bei: sammen leben und ausnehmend gemein sein müssen; denn manche Arten zählten nach Hunderten, welche einst als Geschenk eines dort lebenden Händlers eingegangen waren. Nachdem mit einer gewissen Vorsicht, um die wenigen unzerbrochenen Stücke, für welche sich allenfalls noch eine Verwertung hätte finden lassen, herauszusuchen, die oberen Schichten abgeräumt und die untersten mehr und mehr bloßgelegt worden waren, schien mit einem Male Leben in die Jahre alten Leichen gekommen zu sein; denn Bewegung, und zwar sehr lebhafte Bewegung ließ sich sehen und hören. Welch ein Anblick! Eingebettet in braunen Staub und immer kleiner werdende Stücke der zerfallenen und zerfressenen Käfer, krabbelten Hunderte von Speckkäferlarven geschäftig durcheinander und schienen ihren Unmut darüber er: kennen geben zu wollen, daß man sie in ihrer sicheren, das Verjährungsrecht beanspruchenden Brutstätte gestört hatte. Glücklicherweise loderte helles Feuer im Ofen, dem die ganze Gesellschaft so schnell wie möglich übergeben wurde, damit nicht einer entkäme und an einer Stelle die scharfen Zähne hätte prüfen können, wo die Wirkungen entschieden viel empfindlicher hätten werden können. Die übrigen Dermesten, mäusegrau oder schwarz auf der Rückenseite, mehr oder weniger vollkommen kreideweiß durch dicht anliegende Behaarung auf der Unterseite gezeichnet, finden sich vorzugsweise im Freien unter Aas, wenn nicht — zwischen Naturalien, welche längere Seereisen zurückgelegt haben und unzureichend verpackt worden waren. Der zweifarbige
Hautkäfer (Dermestes bicolor), auf der Rückenseite einfarbig schwarz, unterseits und an den Beinen rötlichbraun, stellt sich nebst dem Speckkäfer bisweilen auf Taubenschlägen ein und vergreift sich als Larve sogar an den lebenden jungen Tauben, indem sie unter den Flügeln förmliche Gänge frißt und den Tod der Vögel herbeiführt, wie es sich beispielsweise 1878 zu Ballenstedt zutrug.
Eine eigentümliche Erscheinung, welche ihren Grund im Körperbau der Speckkäfer hat, fällt dem Sammler auf, der gewohnt ist, die von ihm getöteten Käfer, bevor sie vollkommen trocken sind, an der rechten Flügeldecke mit einer Nadel behufs der Aufstellung in seiner Sammlung zu durchstechen. Diese Zubereitung hat je nach der Härte der Deckschilde ihre größeren oder geringeren Schwierigkeiten und mißlingt bei den Dermesten dem weniger Geübten fast regelmäßig, nicht wegen zu großer Härte der Flügeldecken, sondern wegen ihrer größeren Widerstandsfähigkeit im Verhältnis zu den weichen und sehr nachgiebigen Verbindungshäuten aller festeren Teile. In der Regel gehen alle diese aus ihren Fugen, wenn man mit der Nadelspitze einen Druck auf die Flügeldecke ausübt. Diese ausnahmsweise Dehnbarkeit der Verbindungshaut zeigt sich auch beim Töten eines Dermesten in Weingeist; hier saugt sich der Körper so voll, daß Kopf, Vorderbrustring und der von
den Flügeldecken zusammengehaltene Rest weit auseinander treten und zwischen allen dreien eine weiße Haut gleich einem kurzen Darme heraustritt. Es sind einige wenige Käfer (Silphen, Mistkäfer der Gattung Aphodius), bei denen eine ähnliche Erscheinung beobachtet werden kann. Nur erst, wenn der Käfer gut ausgetrocknet ist, bekommen seine Chitinschilde einen festeren Zusammenhang untereinander, welcher durch den Druck der Nadel: spitze auf die Flügeldecke nicht aufgehoben wird, sondern die Durchbohrung jener ermöglichen.
Der Pelzkäfer (Attagenus pellio; s. untenstehende Abbildung, Fig. 8, 9) hat die Körperform des Speckkäfers, nur einen flacher gewölbten Rücken und bedeutend geringere Größe (4 mm im Durchschnitt). Er ist schwarzgrau und auf der Mitte einer jeden Flügeldecke mit einem silberweißen Haarpünktchen gezeichnet. Ein einfaches Auge auf dem Scheitel unterscheidet die ganze Gattung Attagenus von der vorigen, ein freier, d. h. von der
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1, 2) Kabinettkäfer (Anthrenus museorum, S. 77). 3—5) Dieb (Ptinus fur, S. 122). 6, 7) Speckkäfer (Dermestes lardarius, S. 74) 8, 9) Pelzkäfer (Attagenus pellio). Jede Art mit ihrer Larve; alle Figuren vergrößert.
nach vorn erweiterten Vorderbrust nicht verdeckter Mund und nahe beisammenstehende Mittelbeine zeichnen sie vor den anderen, mit einem Nebenauge versehenen Gattungen aus.
Der Pelzkäfer treibt sich im Freien umher und schlägt seine Sommerwohnung in den Blüten des Weißdorns, der Spirstauden, der Doldenpflanzen und anderer auf, wo er mit seinem guten Freunde, dem nachher zu besprechenden Kabinettkäfer, und manchem anderen Kerfe in bestem Einvernehmen lebt, sich bis zur Unkenntlichkeit mit den zarten Staubkörperchen überzieht, und fristet so ein vollkommen harmloses Dasein. Sicherer bemerken wir ihn in unseren Wohnräumen, wenn ihn die Frühjahrssonne aus seinen staubigen Ecken hervorlockt und zu Spaziergängen auf den Dielen oder zu einem Fluge nach den hellen Fensterscheiben auffordert, durch die er vermutlich die freie Gottesnatur zu erlangen wähnt. Er hat sich hierin freilich getäuscht, denn bei jedem Anfluge an die Scheibe stößt er sich an den Kopf, fällt rückwärts über und quält sich nun auf dem Fensterbrette ab, ehe er von der Rückenlage wieder auf die kurzen Beinchen gelangt. Um dies zu erreichen, stemmt er sich meist auf die wie zum Fluge aufgerichteten Flügeldecken und dreht den Körper hierhin und dorthin, bis er endlich das Übergewicht nach unten bekommt. Ohne Erbarmen ergreife
man ihn in dieser hilflosen Lage und zerdrüde ihn zwischen den Fingern, welche infolge seiner Saftlosigkeit kaum feucht werden, damit er möglichst ohne Nachkommen sterbe. Denn wenn er auch von geringer Bedeutung ist, so hat man sich doch vor seiner Larve wohl zu hüten. Diese ist ein schlimmer Gesell und rechtfertigt ihre schwierigere, wie des Käfers leichtere Verfolgung. Bei Aufarbeitung eines Schlafsofas, welches 17 Jahre lang treu gedient hatte und in seinen Eingeweiden viel Schweinsborsten enthielt, war der Sattler fast entsetzt über die vielen „Motten“, wie er meinte, in Wirklichkeit waren es aber die abgestreiften Bälge der Pelzkäferlarven, welche hoch aufgehäuft auf dem Holze der Seitenlehnen lagen und Zeugnis von den unerhörten Massen der hier geborenen Käfer ablegten. Das wieder zu benutzende Material mußte in einem angeheizten Backofen von der mutmaßlichen Brut gesäubert werden. In einer ausgestopften Landschildkröte der zoologischen Sammlung zu Halle, in deren hartem Körper man wahrlich nichts Genießbares hätte vermuten können, hauste jahrelang eine Gesellschaft dieser Zerstörer, von denen sich jedoch nie einer sehen ließ, sondern ein Kranz von „Wurmmehl“ zog sich von Zeit zu Zeit wie eine Bannlinie rings um den plumpen Körper des knochenbepanzerten Kriechtieres und verriet die Gegenwart der lebenden Einmieter. Erst nachdem die Schildkröte einige Stunden in einem geheizten Backofen zugebracht hatte und von neuem aufgearbeitet worden war, erfüllte sie vollkommen die Bedingungen eines regelrechten und ungezieferfreien Präparates, so einer öffentlichen Sammlung gebühren. Vor Zeiten wurde mir eine beiseite gesetzte Schnupftabaksdose und eine Zigarrenspitze, beide aus Horn und sehr stark benagt, nebst einer Anzahl in ihrer Nachbarschaft aufgefundener lebender Larven sowie deren Bälge übersandt, die gleichfalls der in Rede stehenden Art angehörten. Auch in Schwalbennestern ist die Larve aufgefunden worden. Die Larve hat große Ahnlichkeit mit der des Speckkäfers, aber geringere Größe im ausgewachsenen Zustande und keine Hornhaken an der verschmälerten Leibesspitze. Der große Kopf ist borstenhaarig, auch der Rücken mit gelbbraunen, kurzen und nach hinten gerichteten Haaren und das Ende mit einem losen Pinsel längerer Haare versehen. Sie zieht den vorderen Körperteil gern nach unten ein, rutscht stoßweise vorwärts, lebt und verpuppt sich ganz in der Weise der vorigen und auch um dieselbe Zeit, Ende August. Wenn sie die Wahl hat, so ernährt sie sich vorherrschend von Haaren und Wolle der Tierfelle, rohen und verarbeiteten, und wird durch dieselben in die menschlichen Behausungen gelockt, wo Pelzwerk, gepolsterte Geräte, wollene Teppiche um so sicherer Nistplätze bieten, je weniger ausgeklopft, gelüftet und gereinigt sie werden. Mai, Juni und Juli sind die Monate, in welchen die Larve am thätigsten, das Pelzwerk aber meist beiseite gebracht worden ist, weshalb wiederholtes Lüften und Ausklopfen desselben geboten erscheint!