Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Der rothalsige Aaskäfer (Silpha thoracica) ist eine von den beiden deutschen Arten, welche der schwarzen Uniform der übrigen nicht treu bleiben, indem das Halsschild eine lebhafte rote Farbe annimmt. Unser Bild: „Die Käfer in Wassersnot“ (S. 33) führt sie so weit kenntlich vor, daß auf ihren Platz nicht näher aufmerksam gemacht zu werden braucht.
Der vierpunktige Aaskäfer (Silpha quadripunctata) ist die zweite abweichend gefärbte, überdies auch abweichend lebende Art. Sie ist zwar am Körper schwarz, auf der Rückenseite jedoch nur auf der Scheibe des Halsschildes, am Schildchen und in vier runden Fleckchen der Flügeldecken, während die übrige Rückenfläche eine grünlich braungelbe Färbung hat. Die mir nicht bekannte Entwickelung dürfte von der anderer Arten nicht abweichen und an der Erde zu stande kommen, dem fertigen Käfer jedoch paßt das Umherlaufen auf Feldern und Wegen und das Verstecken unter Steinen, Erdschollen und faulenden Tieren nicht, er liebt einen romantischeren, einen luftigeren Aufenthalt, verlangt nach frischer, nicht nach abgestandener Fleischspeise. Daher besteigt er Buschwerk, vorherrschend
Eichen- und Buchenstangenholz, und sucht die von jenen Laubsorten lebenden Raupen auf, um fie zu verspeisen. Ich habe ihn dergleichen verzehren sehen und ihn alljährlich in ziemlicher Anzahl von Eichenstangen herabgeklopft, während der kleine Kletterlaufkäfer nur in manchen Jahren in seiner Gesellschaft herabstürzte. In dem Betragen beider, sobald sie unten angelangt sind, besteht ein wesentlicher Unterschied. Der Läufer, wie wir bereits wissen, bemüht sich, so schnell wie möglich unter der Bodendecke zu verschwinden, der Aaskäfer wendet eine seiner Gattung und vielen anderen Kerfen geläufige List an: er läßt den an sich schon hängenden Kopf noch mehr hängen, zieht die Beine an und bleibt regungslos auf dem Rücken liegen, kurzum, er stellt sich tot; doch ist es ihm weniger Ernst um zähe Durchführung dieser Rolle und möglicherweise die angegebene Stellung nur die Folge seines ersten Schreckens über den jähen Sturz; denn er bekommt meist sehr bald nachher wieder neues Leben und eilt davon.
An solchen Orten, wo sich Totengräber und Aaskäfer sehr behaglich fühlen, pflegt auch die Familie der Stutzkäfer (Histeridae) durch einige Arten vertreten zu sein. Es find gedrungene, breit gedrückte, ja bisweilen vollkommen platte Käfer, welche ein stark glänzender, außergewöhnlich harter Panzer umgibt. Der an sich kleine und schmale Kopf steckt tief im Halsschilde und läßt sich bei vielen von untenher in eine Art von Brustlatz zurückziehen, so daß er fast verschwindet; das nach hinten allmählich breiter werdende, an den Seiten gekantete Halsschild legt sich mit seinem Hinterrande dicht an die Wurzel der nur allmählich oder gar nicht nach der Mitte zu breiter werdenden Flügeldecken an, diese sind hinten mehr oder weniger gestutzt, immer den Steiß als eine dreieckige Chitinplatte mit gerundeter Spitze unbedeckt lassend, und von feinen Längsfurchen durchzogen, welche bei Unterscheidung der Arten gute Anhaltspunkte gewähren. Die kurzen, elfgliederigen Fühler nehmen vom langen Grundgliede an eine andere Richtung, sind mithin gekniet und endigen in einen dreigliederigen Knopf. Am Bauche unterscheidet man fünf Ringe, von denen der erste eine bedeutende Länge erreicht. Die Beine sind einziehbar und platt, d. h. sie können in einer Weise in flache Gruben der Körperunterseite angedrückt werden, daß ein ungeübtes Auge ihre Gegenwart kaum bemerkt; die vordersten haben an der Außenkante gezahnte, also zum Graben befähigende Schienen, die hintersten einen weiten Abstand unter sich, und alle tragen fadenförmige, fünfgliederige (selten viergliederige) Füße, welche sich in eine mehr oder weniger scharf markierte Rinne der Schiene einlegen lassen. Der Gang der Stutzkäfer ist infolge eines solchen Baues ein nur bedächtiger, der Gesamteindruck, den das ganze Wesen macht, ein an die Schildkröten unter den Kriechtieren mahnender; hierzu trägt die eigentümliche Gewohnheit bei, mitten in ihrem trägen Gange inne zu halten, zu „stutzen“, Beine und Kopf einzuziehen und die Scheintoten zu spielen, wenn ihnen irgend etwas Ungewöhnliches begegnet. An warmen Sommerabenden, seltener unter der strahlenden Mittagshitze, setzen sie auch ihre Flügel in Bewegung, um in bequemerer Weise größere Strecken zurückzulegen und, was der Hauptgrund sein dürfte, Nahrung zu suchen. Sie beschränken sich hinsichtlich dieser nicht bloß auf verwesende tierische Stoffe, sondern halten sich ebenso gern an pflanzliche, in der Auflösung begriffene; man findet sie daher zahlreich im Miste, in den schnell sich zersetzenden fleischigen Pilzen, gewisse Arten hinter Baumrinde und einige wenige in Ameisenhaufen. Außer Schwarz mit blauem oder violettem, oft sehr starkem Metallglanze kommt nur noch Rot in der Bekleidung der gegen 1200 Arten vor, welche sich über die ganze Erde ausbreiten, am spärlichsten in Afrika, Indien und Auftralien.
Die gestreckten, zwölfgliederigen Larven, außer am Kopfe nur noch am Vorderbrustringe hornig, schließen sich durch die gegliederten Anhänge am Ende und durch den
S. n. d. N.
[illegible artist signature] v. W. A.
Aasinsekten an einem Maulwurfe.
ausstülpbaren After zum Nachschieben den Larven der Staphylinen an. Die ungewöhnlich kurzen und zugleich dünnen Beine sind dem Außenrande nahe gerückt und laufen in eine fast borstenförmige Klaue aus. Am Kopfe fehlen Oberlippe und Punktaugen, dagegen nicht die dreigliederigen Fühler mit langem ersten und kurzem letzten, nach innen gekrümmtem Gliede. Die starken, in der Mitte gezahnten Kinnbacken krümmen sich sichelartig, und die freien Kinnladen tragen dreigliederige Taster; zweigliederige finden sich an der zungenlosen Unterlippe auf unter sich verwachsenen, an der Wurzel hornigen, an der Spitze fleischigen, frei vorstehenden Stämmen. Wegen der unmerklich kleinen Mundöffnung kann die Nahrung, die gewiß aus lebenden wie toten Tieren und verwesenden Pflanzenstoffen besteht, nur saugend aufgenommen werden.
Der Mist⸗Stutzkäfer (Hister fimetarius oder sinuatus) gehört zu denjenigen Familiengliedern, welche den Kopf in einen gerundeten Vorsprung der Vorderbrust zurückziehen können. Unter einem Stirnrande lenken die gebrochenen, in eine ovale, dreigliederige Keule endenden Fühler ein, und letztere kann in eine Grube am Vorderrande der Vorderbrust verborgen werden. Drohend ragen, schräg nach unten gerichtet, die in der Mitte gezahnten Kinnbacken weit hervor. Der Steiß fällt schräg nach hinten ab, und die hintersten Schienen bewehren an der Außenseite zwei Dornenreihen. Dies alles gilt von jedem Hister, die sich zahlreich über die ganze Erde ausbreiten. 8
Die genannte Art erkennt man an Mist⸗Stutzkäfer (Hister fimetarius) nebst Larve. einem kleinen, gerundeten Fortsatze am Natürliche Größe. Hinterrande der Vorderbrust, welcher | in eine Ausrandung der Mittelbrust paßt, an nur einem Seitenstreifen des Halsschildes, an der deutlich punktierten Vertiefung auf dem umgeschlagenen Seitenrande der Flügeldecken, welche auf dem Rücken drei ganze Streifen nach außen, einen in der Mitte aufhörenden neben der Naht haben und mit einem roten Flecken gezeichnet sind, dessen Form unsere Abbildung vergegenwärtigt. Der Mift-Stugfäfer lebt vorzugsweise auf trockenen, sandigen Triftenim Miste und begegnet uns wohl auch einmal auf einem Feldwege in schwerfälligem Marsche, häufiger jedoch breitgetreten, weil er der Fußsohle des unachtsamen Wanderers durch sein „Stutzen“ nicht parieren konnte.
Der zierliche, bloß 2,25 mm lange, glänzend rostgelbe Hetaerius ses quicornis oder quadratus, welcher mit einzelnen aufgerichteten Haaren besetzt ist, verdickte Seiten des Halsschildes und fein gestreifte Flügeldecken hat, lebt bei Ameisen, vorherrschend in den Kolonien der Waldameise (Formica rufa), entschieden aber unter anderen, weniger abhängigen Verhältnissen als die Keulenkäfer, da man ihn auch ohne Ameisen unter Steinen angetroffen hat, wo wahrscheinlich früher solche gehaust haben. Die Sammler, welche sich der sogenannten „Myrmekophilen“, d. h. derjenigen Käfer befleißigen, welche nur in Ameisennestern zu treffen sind, sieben die ganze Ameisenkolonie mit einem Drahtsiebe, durch welches die Ameisen nicht gehen, aus, tragen das Ausgesiebte in leinenen Säckchen heim, um dort die Ergebnisse ihrer Arbeit in aller Bequemlichkeit zu durchmustern, und wählen am passendsten die Monate März und April und die genannte Ameisenart zu dieser mühevollen und unbehaglichen Fangmethode, weil zu dieser Jahreszeit die Ameisen noch träge und weniger bissig sind. Von
Hister unterscheidet sich die genannte Gattung durch kurzen Fühlerschaft, eine walzige, scheinbar ungegliederte Keule und durch sehr breite Schienen mit einer nach außen offenen Rinne für die Füße. Die Saprinen (Saprinus) bilden neben den Histeren die artenreichste Gattung der ganzen Familie, teilen mit ihnen dieselbe geographische Verbreitung, dieselbe Körpertracht, haben aber mehr Glanz, und zwar entschieden metallischer Natur, in Blau, Grün, Violett, führen dieselbe Lebensweise, unterscheiden sich von ihnen jedoch wesentlich durch den Mangel des Brustlatzes, können aber trotzdem ihren Kopf einziehen. Eine mehr oder weniger starke Punktierung auf der ganzen Oberfläche des gedrungenen Körpers läßt einen gemeinsamen Flecken an der Wurzel der Flügeldecken unberührt.
Sehr zahlreich über ganz Amerika und Europa, zer: streut und vereinzelt über Afrika bis nach den australischen Inseln hin breiten sich gegen 800 Arten nur kleiner Käferchen aus, welche man zu der Familie der Glanzkäfer (Nitidulariae) zusammengefaßt hat. Sie wiederholen im verjüngten Maßstabe die Grundform der Stutzkäfer, aber weder die Härte noch die Farbeneinförmigkeit der Körperbedeckung. Die Flügeldecken sind meist etwas gekürzt, auch die Beine kurz, die vordersten und hintersten queren Hüften entspringend, die Füße fünfgliederig, nur ausnahmsweise am letzten Paare viergliederig, die ersten drei Glieder fast immer erweitert, die Fühler nicht gekniet und in einen drei- bis viergliederigen Knopf auslaufend. Der Unterkiefer wird größtenteils nur von einem Lappen gebildet. Diese Käferchen kommen unter den verschiedensten Ver— —| hältnissen, vereinzelt oder oft scharenweise vereinigt, vor; I € man findet sie auf allerlei Blumen, hinter Baumrinde, in den gärenden und dadurch schlammig werdenden Ausflüssen unserer Waldbäume (Eichen, Birken, Buchen), in Schwämmen, in tierischen Abfällen, ja, ich entsinne mich aus meiner Jugendzeit, daß in einer Mühle eine ihrer Arten (Nitidula 5 5 a bipustulata) massenhaft aus dem vorgesetzten Kaffeekuchen en e u fi b herausspaziert kam und dessen Genuß verleidete, obschon der Kirmesappetit mit zur Stelle gebracht worden war.
Der Raps⸗Glanzkäfer (Meligethes aeneus) fällt häufig durch seine beträchtliche Menge auf blühendem Raps, Rübsen und anderen Kreuzblümlern sowie später auf den Blüten der verschiedensten Sträucher in die Augen; der einzelne wird freilich leicht übersehen, denn er mißt nur 2,25 mm, sieht erzgrün aus und stellt ein kleines Viereck mit stumpfen Ecken dar, unten mit schmaler, nach hinten zugespitzter Vorderbrust. Die Schienen der Vorderbeine sind schmal, am Außenrande gleichmäßig sägeartig gezähnelt, die übrigen etwas breiter, von ihrer schräg abgeschnittenen Spitze bis über die Mitte des Außenrandes hinauf mit kurzen, feinen Börstchen dicht bewimpert.
Nach überstandenem Winterschlafe verläßt er das jetzt unwirtliche Versteck, sucht die genannten Pflanzen auf und ernährt sich von deren Knospen und Blüten, schwärmt im
Saprinen. Raps-Glanzkäfer. | de
warmen Sonnenschein lebhaft umher, und die Paarung erfolgt. 3 — 4 Tage nachher, besonders bei vollkommener Windstille, schiebt das Weibchen seine ausdehnbare Hinterleibsspitze in die Knospe und läßt ein länglichrundes, weißes Ei in deren Grunde zurück. In 8— 14 Tagen, je nach der wärmeren oder rauheren Witterung, entwickelt sich die Larve daraus und ernährt sich von den Blütenteilen im Inneren der Knospe, wenn sie diese noch vorfindet, oder von den bereits entwickelten und benagt, wenigstens in vorgerückterem Alter, die jungen Schoten, an welchen sie bedeutenderen Schaden anrichtet als der Käfer. In Zwischenräumen von 8 —10 Tagen besteht fie nach und nach drei Häutungen, deren letzte ihren Puppenzustand herbeiführt, und lebt mithin durchschnittlich einen Monat. Erwachsen ist sie höchstens 4,5 mm lang, ziemlich walzig von Gestalt, gelblichweiß von Farbe und einer Erdflohlarve sehr ähnlich. Sie besteht außer dem braunen oder schwärzlichen Kopfe aus 12 Gliedern, mit 6 kurzen Beinen vorn und warzenartigem Nachschieber hinten. Auf dem Rücken jedes Gliedes, das vollkommen bedeckte erste ausgenommen, bemerkt man je drei Hornfleckchen, von denen die mittelsten als kleinste den vorderen Gliedern fehlen, die äußeren länglich eiförmig und unter sich gleich groß sind. Der schmale Kopf hat jederseits drei einfache Augen, viergliederige Fühler und eine hornige Oberlippe. Die kräftigen Kinnbacken kehlen sich an der Kaufläche aus und endigen in einen spitzen Zahn. Es gehört kein geübter Forscherblick, sondern nur Aufmerksamkeit dazu, diese Larven in größerer Gesellschaft zwischen den oberen Blüten der Olsaaten zu entdecken, und man wird dann begreifen, daß die langen, weit herabreichenden kahlen Spitzen in den nachherigen Fruchtständen teilweise auf ihre Rechnung kommen.