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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Der gemeine Totengräber (Necrophorus vespillo) hat mit feinen vierzig und einigen Gattungsgenossen, von welchen die meisten in Europa und Nordamerika leben, folgende Merkmale gemein: Die vier letzten der zehn Fühlerglieder bilden einen kugeligen Knopf. Der große, hinten halsartig verengerte Kopf duckt sich zum Teil unter das fast kreisrunde, breitrandige Halsschild. Die gestutzten Flügeldecken lassen die drei letzten Leibesglieder frei. Die kräftigen Beine, deren hinterste aus queren, zusammenstoßenden Hüften entspringen, zeichnen sich durch an der Spitze stark erweiterte Schienen aus und bei den Männchen durch die Erweiterung der vier ersten Glieder an den Vorder- und Mittel-füßen. Die genannte Art charakterisieren gebogene Hinterschienen, ein e behaartes

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.

Halsschild, ein gelber Fühlerknopf, zwei orangenfarbene Binden der Flügeldecken und schwarze Grundfarbe. Bemerkt sei noch, daß sie einen abgesetzt schnarrenden Laut erzeugen kann, indem der Rücken des fünften Hinterleibsgliedes mit seinen zwei Leisten an den Hinterrändern der Flügeldecken gerieben wird. Wo ein Aas liegt, findet sich der Totengräber ein, wenn man ihn, das vorherrschend nächtliche Tier, auch sonst wenig zu sehen bekommt. Mit dem Gesumme einer Hornisse kommt er herbeigeflogen und gibt dabei den Flügeldecken eine charakteristische Stellung. Diese klappen sich nämlich von rechts und links in die Höhe, kehren die Innenseite nach außen und stehen, sich mit den Außenrändern berührend, dachartig über dem Rücken. Aus dem einen werden 2, 3, bis 6 Stück, welche sich dort zusammenfinden und zunächst die zu begrabende Leiche mustern sowie den Boden, welcher sich nicht immer zu einem Begräbnisplatze eignet. Finden die Käfer alles in Ordnung, so schieben sie sich in gehöriger Entfernung voneinander, um sich nicht in den Weg

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Heimische Totengräber nebst Larve vom gemeinen Totengräber (Necrophorus vespillo). Natürliche Größe.

zu kommen, unter jene, scharren die Erde mit den Beinen unter sich weg nach hinten, daß sie ringsherum einen Wall um die allmählich durch ihre Schwere einsinkende Maus, die wir beispielsweise annehmen wollen, bildet. Gerät die Arbeit irgendwo ins Stocken, bleibt ein Teil, wie das beinahe nicht anders möglich, gegen andere zurück, so erscheint dieser und jener Arbeiter an der Oberfläche, betrachtet sich, Kopf und Fühler bedächtig emporhebend, wie ein Sachverständiger von allen Seiten die widerspenstige Partie, und es währt nicht lange, so sieht man auch diese allgemach hinabsinken; denn die Kräfte aller vereinigten sich nun an diesem Punkte. Es ist kaum glaublich, in wie kurzer Zeit diese Tiere ihre Arbeit so fördern, daß bald die ganze Maus von der Oberfläche verschwunden ist, nur noch ein kleiner Erdhügel die Stelle andeutet, wo sie lag, und zuletzt auch dieser sich ebnet. In recht lockerem Boden versenken sie die Leichen selbst bis zu 30 em Tiefe. Der um die Botanik und Okonomie vielfach verdiente Gleditsch hat feiner Zeit diese Käferbegräbnisse lange und oft beobachtet und teilt uns mit, daß ihrer vier in 50 Tagen 2 Maulwürfe, 4 Frösche, 3 kleine Vögel, 2 Grashüpfer, die Eingeweide eines Fisches und 2 Stücke Rindsleber begruben. Wozu solche Rührigkeit, solche Eile? Den „unvernünftigen“ Geschöpfen sagt es der sogenannte Instinkt, jener Naturtrieb, der uns Wunder über Wunder erblicken läßt, wenn wir ihn in seinen verschiedenartigsten Außerungen betrachten. Daß indessen oft mehr als dieser Naturtrieb im Spiele sei und von Unvernunft bei diesen und anderen unbedeutenden Kerfen füglich nicht die Rede sein könne, beweist folgende Thatsache: Totengräber, denen man ein Aas schwebend über der Erde an einen

Heimiſche Totengräber nebſt Larve vom gemeinen Totengräber (Necrophorus vespillo). Natürliche Größe.

Faden hingehängt hatte, welcher an einem Stabe befestigt war, brachten diesen zu Falle, nachdem sie sich überzeugt hatten, daß sie auf gewöhnliche Weise am Aase nichts ausrichten konnten. Sie wissen, um zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage zurückzukommen, recht wohl, daß ihnen andere ihresgleichen, Aaskäfer verschiedener Gattungen, besonders auch große Schmeißfliegen zuvorkommen könnten, und um ihrer Brut in zärtlicher Fürsorge hinreichende Nahrung und bestes Gedeihen zu sichern, darum strengen sie ihre Kräfte über die Maßen an: denn nicht um sich einen Leckerbissen zu verwahren, wie der gesättigte Hund, welcher einen Knochen versteckt, begraben sie das Aas, sondern um ihre Cier daran zu legen. Als Fresser findet man fie mit zahlreichen Gesinnungs—, wenigstens Geschmacksgenossen: den bereits erwähnten Kurzflüglern, den weiterhin zu besprechenden Silphen, Speckläfern, Etugläfern und zwischen einem unheimlichen Gewimmel widerlicher Fliegenmaden unter größeren, unbegrabenen Asern, deren Knochen schließlich nur noch allein übrigbleiben. In unserem Bilde „Wirkungen vereinter Kräfte“ (S. 65) ist ein solcher Massenangriff auf einen toten Vogel in seinem ersten Beginnen dargestellt, im weiteren Verlaufe würde er sich aus ästhetischen Rücksichten für eine bildliche Darstellung nicht mehr eignen, und in dem Bilde „Aasinsekten“ (S. 70) findet sich eine Anzahl der bekanntesten Formen vereinigt. Es ward bisher vorausgesetzt, daß die Bodenverhältnisse für die Beerdigung sich eigneten, dies ist aber nicht immer der Fall. Steiniges, hartes Erdreich, ein Untergrund mit verfilzter Grasnarbe würden den angestrengtesten Arbeiten der kleinen Minierer Hohn sprechen. Sie sehen dies bald ein und wählen auf diese Weise gebettete Leichen für ihre eigne Ernährung und nicht für ihre Brut, haben aber auch in solchen Fällen weitere Beweise für ihre geistige Befähigung abgelegt. Man hat beobachtet, wie sie durch Unterkriechen und Zerren von außen nach ein und derselben Richtung hin den kleinen toten Körper eine Strecke fortbewegt haben, bis er auf einer benachbarten, ihren Zwecken entsprechenden Unterlage angelangt war. | Jst endlich mit größeren oder geringeren Hindernissen, immer aber mit dem Auf-gebote aller Kräfte, die Beerdigung bewerkstelligt, so erfolgt die Paarung, und das Weibchen verschwindet wieder in der Erde, wo es unter Umständen 5—6 Tage unsichtbar bleibt. Kommt es dann wieder hervor, so pflegt es kaum mehr kenntlich zu fein, weil es über und über von kleinen, achtbeinigen, rötlichgelben Milben (Gammasus coleopterorum) bewohnt wird. Es hat sein Geschick erfüllt, auf ihm nimmt nun ein anderes Geschöpf Platz und erfreut sich in seiner Weise der Annehmlichkeiten des kurzen Daseins. Wollen wir aber selbst sehen, wie unser beweglicher Käfer mit seinen orangenen Binden und der goldigen Halskrause zu stande kam, so wird es Zeit, eine unsaubere Arbeit vorzunehmen und die Maus, die er mühsam versenkte, wieder zu Tage zu fördern, in ein Glas mit der nötigen Erde, und zwar so zu bringen, daß sie zum Teil an die Wand des Gefäßes zu liegen kommt, um gesehen werden zu können; denn nach weniger als 14 Tagen kriechen die Larven aus den Eiern. Die weitere Beobachtung derselben, wie sie sich unter schlangenartigen Windungen ihres Körpers im Kote wälzen und an den damit innig verbundenen Erdklümpchen wie die Hunde an einem Knochen herumzausen, bietet zu wenig des Asthetischen, um eine weitere Ausführung zu gestatten. In kurzer Zeit und nach mehrmaligen Häutungen haben sie ihre vollkommene Größe erreicht, in der wir eine Larve dargestellt haben. Ihre Grundfarbe ist schmutzig weiß, die sechs schwachen, einklauigen Beine, der Kopf mit viergliederigen Fühlern und den mäßigen Kinnbacken sind gelblichbraun, ebenso die kronenförmigen Rückenschilde, welche an den Vorderrändern der Glieder aufsitzen und beim Fortkriechen mit ihren Spitzen zum Stützen und Anstemmen dienen. Vom Kopfe sei nur noch bemerkt, daß hier eine Oberlippe vorhanden ist und die sechs 5 53

Nebenaugen jederseits dadurch in zwei Gruppen zerfallen, daß sich die beiden unteren weiter von den übrigen entfernen. Zur Verpuppung geht die Larve etwas tiefer in die Erde, höhlt und leimt dieselbe aus und wird zu einer anfangs weißen, nachher gelben und weiter und weiter dunkelnden Puppe, je näher sie der Entwickelung zum Totengräber entgegenreift. Obschon dieselbe rasch genug vorschreitet, um zwei Bruten im Jahre zu ermöglichen, so dürften solche doch nicht vorkommen.

In gleicher Weise gestaltet sich das Leben der anderen, meist auch rotbebänderten Arten. Ganz schwarz und nur ausnahmsweise mit einem roten Flecken an der Spitze der Flügeldecken gezeichnet ist der bis 26 mm messende Necrophorus humator mit gelbem Fühlerknopfe und der deutsche Totengräber (N. germanus) die größte in Europa lebende Art; er erscheint höchstens an den Außenrändern der Flügeldecken bisweilen rötlich gefärbt und abgebildet auf der Tafel „Wirkungen vereinter Kräfte“ (S. 65) in der linken Ecke.

Die Gattung der Aaskäfer (Silpha) im engeren Sinne, welche der ganzen Familie den Namen gegeben hat, zeichnet sich durch einen platter gedrückten Körper von eiförmigen Umrissen aus, indem der Hinterrand des mehr oder weniger halbkreisförmigen, den senkrechten und zugespitzten Kopf von obenher deckenden Halsschildes sich eng an die ebenso breiten, nach hinten gemeinsam sich abrundenden Flügeldecken anschließt. Dieselben bedecken die Leibesspitze vollständig, falls sie nicht besonders herausgestreckt wird, was den Weibchen vorzugsweise eigen zu sein scheint. Die elfgliederigen Fühler verdicken sich allmählich nach der Spitze hin zu einer drei- bis fünfgliederigen Keule. Ein horniger Haken bewehrt die Innenseite des Unterkiefers, und die Taster desselben sind wie bei den Totengräbern länger als die Lippentaster.

Die 67 bekannten Arten find mit wenigen Ausnahmen ganz schwarz und infolge ihrer Ernährungsweise vorherrschend an den Boden gefesselt; sie bewohnen außer Australien alle Erdteile. Der schwarzglänzende Aaskäfer (Silpha atrata) gehört zu den verbreitetsten und insofern zu den interessanteren Arten, als seine Larve bisweilen den Zuckerrübenfeldern höchst nachteilig geworden ist. Der Käfer findet sich den ganzen Sommer hindurch auf Ackern, Wegen, unter Steinen, Erdschollen, am liebsten freilich unter einer Tierleiche, ist elliptisch im Umrisse und durchaus glänzend schwarz; der senkrecht nach unten gerichtete Kopf wird, wie bei allen seinesgleichen, von obenher durch das grob punktierte Halsschild bedeckt. Dieses bildet einen reichlichen Halbkreis mit aufgeworfenem Rande, außer an der Hinterseite, greift mit dieser etwas über die Wurzeln der Flügeldecken über und übertrifft dieselben ein wenig an Breite. Die Flügeldecken sind an dem Außenrande stark aufgebogen, hinten gerundet, so zwar, daß sie sich an der Naht kaum merklich verkürzen. Über die Fläche einer jeden laufen drei stumpfe Längskiele in gleichen Abständen unter sich und mit der ebenso leistenartig erhabenen Naht. Die Zwischenräume sind runzelig grob punktiert. Kurz beborstete Schienen und fünf Fußglieder kennzeichnen die Beine, filzige Sohlen außerdem die Vorderfüße der Männchen. Bei Beachtung dieses Laufpasses wird man die in Rede stehende Art nicht wohl mit zwei sehr ähnlichen (Silpha laevigata und reticulata) verwechseln können. |

Die oben schwarze, am Bauche lichte Larve besteht aus zwölf Schilden, welche vom Kopfe nach der Mitte hin an Breite wachsen, dann aber sich allmählich stark verschmälern; die bedeutende Breite in der Mitte entsteht durch die lappig erweiterten Seitenränder der Schilde, die in derselben Weise sich bei anderen Silphenlarven nicht zu wiederholen braucht. Das Endglied trägt an der Spitze zwei fleischige Anhänge. Die über sie hinausgehende Fortsetzung ist der ausstülpbare After, welcher beim Kriechen zum Nachschieben dient. Am versteckten Kopfe bemerkt man dreigliederige, ziemlich lange Fühler und hinter ihrer Wurzel

vier, weiter unten noch zwei Nebenaugen. Für gewöhnlich hält sich die Larve, wie diejenigen der übrigen Arten, verborgen unter toten Tieren und wächst unter mehrmaligen Häutungen schnell heran, kommt aber vorübergehend in so großer Menge vor, daß ihr die gewöhnliche Nahrung mangeln würde und sie merkwürdigerweise pflanzenfressend wird und in den ersten Blättern der jungen Rübenpflanzen einen Ersatz sucht. In Gegenden, wo der Rübenbau zu gunsten der Zuckerfabriken große Flächen einnimmt, hat man die sonst versteckte Larve in so großen Mengen frei und dem Sonnenlichte ausgesetzt an den jungen Pflanzen gefunden, daß diese durch dieselben eine schwarze Farbe annahmen und schließlich durch ihren Zahn so ziemlich vollständig verschwanden. Bei ihrer großen Gefräßigkeit wächst die Larve schnell, häutet sich dabei viermal und kriecht vollständig weiß aus ihrer alten Haut, aber schon eine Stunde später hat sie auf dem Rücken ihre frühere schwarze Farbe wieder angenommen. Sie ist sehr beweglich und sucht sich zu verbergen, sobald sie bemerkt, daß sie verfolgt wird. Wenn sie erwachsen ist, gräbt sie sich ziemlich tief in die Erde ein, fertigt eine Höhlung und wird zu einer weißen, fragezeichenförmig gekrümmten Puppe, welche durch ihr großes Halsschild und den darunter versteckten Kopf ihre Silphennatur nicht verleugnet. Nach etwa 10 Tagen Ruhe kommt der Käfer zum Vorschein. Dieser, welcher möglichenfalls zwei Bruten im Jahre haben kann, überwintert im vollkommenen Zustande. Das große Wasser Anfang April 1865 schwemmte bei uns die in Rede stehende Art und die Silpha obscura in überaus großen Mengen lebend an. Nach dem Erwachen im ersten Frühjahre erfolgt die Paarung und gleich darauf das Eierlegen unter moderndes Laub oder unter die oberste Erdschicht, wozu der Hinterleib wie eine Legröhre weit vorgestreckt werden kann. Das Geschäft nimmt längere Zeit in Anspruch, daher kriechen die Larven zu verschiedenen Zeiten aus; daraus folgt weiter, daß man im Sommer Larve und Käfer gleichzeitig antreffen kann.

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