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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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sich die Spitze auf und wird zu einem etwas gekrümmten Hörnchen. In 4—5 Stunden, nachdem hier und da noch etwas nachgebessert wurde, ist das Werk vollendet und schaukelt, ein kleiner Nachen von eigentümlicher Gestalt, auf der Wasserfläche zwischen den Blättern der Pflanzen. Wird er durch unsanfte Bewegungen der Wellen umgestürzt, jo richtet er sich sogleich wieder auf, mit dem schlauchartigen Ende nach oben, infolge des Gesetzes der Schwere; denn hinten liegen die Eier, im vorderen Teile befindet sich die Luft. Diese ovalen Eigehäuse werden manchmal durch anhaftende Pflanzenteilchen zur Unkenntlichkeit entstellt. Nach 16— 18 Tagen schlüpfen die Lärvchen aus, bleiben jedoch noch einige Zeit in ihrer gemeinsamen Wiege, wie man meint, bis nach der ersten Häutung. Da sich weder die Eischalen noch diese Häute in dem dann am Deckel geöffneten Gehäuse vorfinden, müssen dieselben samt dem lockeren Gewebe, welches den inneren Nestraum noch ausfüllte, von den Larven aufgezehrt worden sein. Über die Ernährungsweise der Larven, welche ich leider selbst nicht beobachtet habe, sind verschiedene und möglicherweise unrichtige Ansichten laut geworden, und ist dadurch wieder einmal der Beweis geliefert, daß das Leben der ge: meinsten und verbreitetsten Kerfe oft gerade am wenigsten der näheren und sorgfältigen Aufmerksamkeit gewürdigt worden ist. Die einen meinen, unsere Larve nehme in der Jugend Pflanzenkost zu sich und würde erst nach mehreren Häutungen zum gierigen Raubtiere. Die anderen sprechen ihr diese Natur ausschließlich zu und bezeichnen die verjchie-denen Wasserschnecken als ihre Lieblingsspeise, sie zerbreche die Schale vom Rücken her und verzehre das Tier in aller Gemächlichkeit. Die Nahrung, mag dieselbe nun aus Fleisch oder aus Pflanzenkost bestehen, wird nicht mit dem Kinnbacken ausgesogen, sondern zwischen ihnen und der Stirn (eine Oberlippe fehlt) liegt die sehr feine Offnung der Speiseröhre. Wenn man die Larve ergreift, oder der Schnabel eines Wasservogels auf sie trifft, so stellt sie sich tot: nach beiden Enden hin hängt ihr Körper wie ein hohler, schlaffer Balg. Will diese List nicht helfen, so trübt sie durch einen schwarzen, stinkenden Saft, welcher dem After entquillt, ihre nächste Umgebung und schützt sich hierdurch öfter vor Verfolgungen. Die Larve liebt die Stellung, welche unsere Abbildung wiedergibt; zu ihrer näheren Erläuterung sei noch hinzugefügt, daß am platten Kopfe keine Punktaugen stehen, die beiden Stäbchen vor den Kinnbacken die auf der Stirn eingelenkten dreigliederigen Fühler darstellen, die kräftigen Kinnbacken in der Mitte mit einem Zahne versehen sind, der freie Unterkiefer sehr lang stielartig mit seinem Stamme hervorragt, an der Spitze nach außen in einen dreigliederigen Taster, nach innen in ein Dörnchen, als Andeutung der Lade, ausläuft. Die kurzen Beine tragen je eine Klaue und das spitze Endglied des Leibes unten ein Paar fadenartige Anhänge. Die rauhe Haut des Körpers ist schwärzlich gefärbt, am dunkelsten auf dem Rücken. Die erwachsene Larve verläßt das Wasser, bereitet in dessen Nähe, also in feuchter Erde, eine Höhlung, in welcher sie zur Puppe wird, von der sich keine weitere Besonderheit berichten läßt. Gegen Ende des Sommers kriecht der Käfer aus, der an seiner Geburtsstätte die nötige Erhärtung und seine Ausfärbung abwartet, ehe er das Wasser aufsucht.

In der Gesellschaft der eben beschriebenen Art, aber seltener, findet sich eine zweite, der schwarze Kolben-Wasserkäfer (Hydrophilus aterrimus); seine Fühler find durchaus rostrot gefärbt, die Flügeldecken nicht gezahnt, der Bauch erscheint nur gewölbt, nicht gekielt, und der Brustkiel vorn ohne Furche.

Der viel gemeinere laufkäferartige Kolben-Wasserkäfer (Hydrous caraboides) stellt die vorigen im kleinen dar (er mißt 17,5 mm) und unterscheidet fi) von der Gattung Hydrophilus und anderen durch den bedeutend schmäleren, leistenartigen Brustkiel, dessen hintere Spitze nicht über die Hüften hinausreicht. Das Weibchen birgt seine Eier

in ein ähnliches Gespinst, benutzt dazu aber ein schmales Blatt, welches es zusammenspinnt und nachher mit jenem kleinen Maste versieht. Die Larve zeichnet sich durch gewimperte Seitenzipfel an den Gliedern, also durch Tracheenkiemen, und durch zwei Hornhaken am Endgliede aus; eine noch nicht erwachsene und den Käfer sehen wir in Figur 7 und 6 des Dyticidenbildes (S. 50) dargestellt. Noch eine größere Anzahl von den 500 und einigen 70 Arten dieser Familie leben als unscheinbare, von den Systematikern verschiedenen Gattungen zugeteilte Wesen im Wasser, wo sie weniger schwimmen, als auf dem schlammigen Boden oder an den Wasserpflanzen umherkriechen; einige gedrungenere und höher gewölbte Formen (unter anderen Scaphidium) find dem Wasser untreu geworden und haben die Natur der Mistkäfer angenommen.

Die mehr als 4000 bis jetzt bekannten auf der ganzen Erdoberfläche, am zahlreichsten aber über ganz Europa verbreiteten Arten der sogenannten Kurzflügler, Moderkäfer (Staphylinidae oder Brachelytra) unterscheiden sich durch das in ihrem Namen ausgesprochene Merkmal von anderen Käfern nicht schwer, bieten aber im übrigen die größte Mannigfaltigkeit in Körpertracht, Lebensweise und Bildung einzelner, für andere Familien sonst sehr charakteristischer Teile. Obschon der Mehrzahl unter ihnen fünfgliederige Füße zukommen, so fehlt es doch nicht an Arten mit nur vier oder gar nur drei Gliedern. Die Fühler stimmen zwar alle in der gestreckten Form überein und sind in der Regel fadenförmig. Obschon der Körper linienförmig und im allgemeinen langgestreckt genannt werden muß, so finden sich doch Gestalten, bei denen am rechteckigen vorderen Teile der Hinterleib wie ein walziger Schwanz ansitzt, Gestalten von spindelförmigem Umrisse, andere, die an die langhalsigen Laufkäfer mahnen, neben vollkommen walzigen vollkommen plattgedrückte. Eine fast zeichnungslose, düstere oder schmutziggelbe Färbung verleiht den meisten heimischen neben der geringen Größe ein unscheinbares Ansehen, während gewisse ausländische Arten ein lebhafter Metallglanz etwas mehr auszeichnet.

Die meisten leben am Erdboden, und zwar gesellig unter faulenden Stoffen, viele im Miste, an Aas, in holzigen Schwämmen und schnell vergänglichen Pilzen, unter Baumrinde, Steinen oder an sandigen Stellen in Gemeinschaft vieler Laufkäfer, mit denen zusammenfie dann bei plötzlichen Überschwemmungen das Los der Schiffbrüchigen teilen und in Lagen versetzt werden, die wir bei der allgemeinen Schilderung früher andeuteten und durch das Bild „Käfer in Wassersnot“ (S. 33) zu veranschaulichen suchten. Gewisse Arten bewohnen Ameisenkolonien und leben ausschließlich in diesen (z. B. Lomechusa), einige wenige finden kein Wohlgefallen an den feuchten, Moder und Verwesung aus-hauchenden Aufenthaltsorten und scheinen einen ästhetischeren Sinn zu beweisen, indem sie sich auf Blumen umhertreiben und deren Saft lecken. Im Sonnenschein werden die meisten sehr lebendig und fliegen gern umher, die größeren Arten auch an schönen Sommerabenden. Ihre Nahrung besteht aus verwesenden Stoffen des Pflanzen- und Tierreiches sowie aus lebenden Tieren. Einzelne Gattungen und Arten bieten das bei Käfern höchst seltene Auftreten von einem oder zwei Nebenaugen auf dem Scheitel, und noch merkwürdiger ist die von Schiödte gemachte Beobachtung vom Lebendiggebären einiger Südamerikaner der Gattungen Spirachtha und Corotoca.

Die Larven der Staphylinen gleichen darum den vollkommenen Insekten mehr als andere, weil diese infolge ihrer kurzen, leicht zu übersehenden Flügeldecken und des gestreckten Körperbaues selbst etwas Larvenähnliches an sich haben. Bei den wenigen, die man kennt, sind vier⸗ bis fünfgliederige Fühler, 1—6 Punktaugen jederseits, kurze fünfgliederige, in

eine Kralle auslaufende Beine und zwei gegliederte Griffel am Hinterleibsende, dessen After als Nachschieber heraustreten kann, als Kennzeichen zu vermerken. Die der größeren Arten gehen anderen Larven nach und lassen sich mit Fleisch füttern, wenn man sie erziehen will. Die Verpuppung erfolgt an dem Aufenthaltsorte der Larve in einer Erdhöhle, und die Puppe bedarf nur wenige Wochen der Ruhe, um dem Käfer sein Dasein zu schenken. Nach dem Gesagten ist es nicht möglich, sowohl nur annähernd einen Überblick über die Familie zu geben, als auch ein allgemeines Interesse für Vertreter der zahlreichen Gattungen voraussetzen; wir begnügen uns daher mit wenigen, durch bunte Farben, besondere Größe auffällige oder durch ihre allgemeine Verbreitung allerwärts anzutreffende Arten, welche unsere Abbildung vorführt.

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  1. Stinkender Moderkäfer (Oeypus olens). 2) Kurzhaariger Staphyline (Staphylinus pubescens). 3) Erzfarbener Mistlieb (Philonthus aeneus). 4) Roter Pilzkurzflügler (Oxiporus rufus). 5) Ufer-Moderkäfer (Paederus riparius). 6) Goldstreifiger Moderkäfer (Staphylinus caesareus). 3, 4, 5 schwach vergrößert.

Der goldstreifige Moderkäfer (Staphylinus caesareus, Fig. 6) mit dem rotflügeligen (S. erythropterus) häufig verwechselt, ist im wesentlichen schwarz gefärbt, an dem Kopfe und dem Halsschilde erzgrün, die Fühler, die behaarten Beine und die Flügeldecken sind braunrot, die lichten Fleckenreihen auf dem Hinterleibe und der helle Kragensaum am Halsschilde entstehen durch goldgelbe, anliegende Seidenhaare. Der goldgelbe Hinterrand des Halsschildes und die kräftigere Körpergestalt unterscheiden ihn von dem etwas schlankeren, vorher genannten Doppelgänger.

Der goldstreifige Moderkäfer kommt vorwiegend in Wäldern vor, wo er sich in der Bodendecke umhertreibt, nach meinen Erfahrungen jedoch auch in der Weise der Kletterlaufkäfer lebt; denn ich habe ihn an Stellen, wo er häufig anzutreffen war, von Eichen: stangenholz geklopft. Obgleich ich ihn hier nicht habe fressen sehen, da ich meine Aufmerksamkeit auf andere Dinge gerichtet hatte, so möchte ich doch glauben, daß erdort der Nahrung nachspürte, und diese nicht bloß in faulenden Stoffen besteht, wie von verschiedenen Seiten behauptet worden ist. Es spricht hierfür auch der Umstand, daß Bouché mehrere Larven mit frischem Fleische aufzog. Unsere Art wie die verwandten größeren trifft man bisweilen bei warmer Witterung suchend auf den Wegen umherspazieren, und zwar in einer befremdenden, höchst anmutigen Körperstellung. Sie haben nämlich ihren unbedeckten, ungemein beweglichen Hinterleib hoch erhoben und halten ihn in einem nach vorn offenen Bogen über dem Mittelleibe aufrecht. Dieses pfauenartige Gebaren scheint

1) Stinkender Moderkäfer (Oeypus olens). 2) Kurzhaariger Staphyline (Staphylinus pubescens). 3) Erzfar⸗

eine besondere Erregtheit anzudeuten, mindestens ein Wohlbehagen, wie die flinken, kecken Wendungen des jetzt entschieden drehbareren Körpers beweisen dürften.

Der kurzhaarige Staphyline (Staphylinus pubescens, Fig. 2 des Bildes S. 60) deutet die eben erwähnte Stellung nur schwach an. Er ist in der Grundfarbe rostbraun, auf Halsschild und Flügeldecken am dunkelsten, am Kopfschilde am hellsten, schillert jedoch durch die den ganzen Körper dicht bedeckenden Seidenhaare in den verschiedensten Farben, an Bauch und Hinterbrust vorherrschend silbergrau, während der Rücken durch schwarze Samtfleckchen uneben erscheint.

Der stinkende Moderkäfer (Ocypus olens, Fig. 1), eines der größten und massigsten Familienglieder, ist mit Ausnahme der rostbraunen Fühlerspitze durchaus schwarz, durch Filzbehaarung matt, überdies geflügelt, während eine andere, allerdings schlankere Art derselben Gattung der Flügel entbehrt. Er hält sich vorherrschend und nur vereinzelt in Wäldern auf. Die einander sehr genäherten Mittelhüften bilden den einzigen Unterschied zwischen dieser und der vorigen Gattung.

Der erzfarbene Mistlieb (Philonthus aeneus, Fig. 3) gehört einer aus 100 europäischen, sehr schwer unterscheidbaren Arten zusammengesetzten Gattung an, welche alle wesentlichen Merkmale mit den beiden vorangehenden gemein hat und sich nur durch eine ungeteilte, vorn abgerundete Zunge von ihnen unterscheidet. Die nirgends seltenen Philonthus-Arten halten sich allerwärts an feuchten, moderreichen Stellen des Erdbodens auf, nicht gerade mit Vorliebe im Miste, wie ihr wissenschaftlicher Name glauben lassen könnte. N Von den beiden bunten Arten auf dem Hutpilze in unserer Abbildung gehört der unterste, der rote Pilzkurzflügler (Oxyporus rufus, Fig. 4), entschieden zu den angenehmeren Erscheinungen aus dieser Familie. Die glänzend schwarze Grundfarbe des Käfers wird auf dem Halsschilde, an je einem großen Schulterflecke der Flügeldecken und an dem Hinterleibe, mit Ausschluß seiner schwarzen Spitze, durch lebhaftes Rot ersetzt. Auch die Beine, mit Ausschluß der schwarzen Wurzel, die Wurzel der keulenförmigen Fühler und die Mundteile, mit Ausschluß der Kinnbacken, sind rot. Diese letzteren stehen in Sichelform lang und drohend, beim Schlusse sich kreuzend, hervor, und das halbmondförmige Endglied der Lippentaster bildet den wesentlichen Gattungscharakter und das Unterscheidungsmerkmal von den drei vorhergehenden. Die Art lebt in fleischigen und holzigen Pilzen und gehört keineswegs zu den Seltenheiten.

Während bei allen bisherigen Kurzflüglern und zahlreichen ungenannten hinter den Vorderhüften das Luftloch des ersten Brustringes sichtbar ist, falls bei einem zusammengetrockneten Käfer sich dieser nicht zu sehr nach unten neigt, wird es bei der letzten, hier zu besprechenden Art und vielen anderen von dem umgebogenen Chitinrande des Halsschildes bedeckt.

Der Ufer-Moderkäfer (Paederus riparius, Fig. 5) ist rot, nur am Kopfe samt den Fühlerspitzen, an den Knieen, den beiden hintersten Brustringen und an der Schwanzspitze schwarz, an den grobpunktierten Flügeldecken blau. Dieser Käfer hält sich gern an Rändern fließender und stehender Gewässer auf, kriecht auch an dem dort wachsenden Buschwerke in die Höhe und findet sich meist in kleineren Gesellschaften vereinigt. Die Gattung ist in etwa 80 Arten bekannt, von denen 13 in Europa heimisch sind.

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