Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Fig. 9) vergegenwärtigt. Dieser Käfer gehört zu den Berühmtheiten des Mannsfelder Salzsees, oder vielmehr der in seiner unmittelbaren Nähe befindlichen Wasserlöcher, kommt sonst nur wieder im Süden Europas (Frankreich, Schweiz, Kiew) und an denjenigen Stellen des Adriatischen Meeres vor, welche sich für den Aufenthalt von Schwimmkäfern eignen. Um auch der Wassertreter mit schmalen, nicht verlängerten Hinterhüften zu gedenken, sei der Onemidotus caesus erwähnt, über dessen Körperbildung viel Abweichendes von den vorigen zu berichten wäre; der an einer Wasserpflanze in unserem Bilde (S. 50, Fig. 10) emporkriechende kann einen ungefähren Begriff davon geben. Die größte Breite erlangt der Käfer von einer Schulterecke zur anderen, das kurze, hinten in einen Mittelzahn ausgezogene Halsschild verengert sich nach vorn mit geradlinigem Seitenrande, und durch das Vorquellen der Augen tritt abermalige Verbreiterung ein. Die nur zehngliederigen, der Stirn eingelenkten Fühler und die bedeutendere Länge des letzten, kegelförmigen Kiefertastergliedes im Vergleich zum vorletzten begründen weitere Merkmale. Alle Beine sind schlank, besonders die Füße. Die stark gewölbten Flügeldecken, an deren Grunde ein Schildchen nicht bemerkt wird, durchziehen Reihen grober Punkte, welche nach hinten
allmählich verschwinden, ein gemeinschaftlicher dunkler Fleck und meist einige kleinere auf der Scheibe decken ihren blaßgelben Grund als einzige e von dieser Körperfärbung.
Mehr als die eben besprochenen Schwimmkäfer müssen die Taumel⸗, Dreh- oder Wirbelkäfer (Gyrinus) die Aufmerksamkeit desjenigen auf sich lenken, welcher nur einige Minuten beobachtend an Gewässern der vorher bezeichneten Art verweilt; denn die stahlblauen, im Glanze der Sonne förmlich leuchtenden Käferchen können seinen Blicken unmöglich entgehen. Er könnte leicht auf den Gedanken kommen, daß es kein lustigeres, glücklicheres Geschöpf gäbe. Jetzt gruppiert sich die kleine Gesellschaft auf einem Punkte, jeder fährt hin und her, der eine beschreibt einen größeren Kreis, der zweite folgt, ein dritter vollendet den Bogen in der entgegengesetzten Richtung, ein vierter zeichnet andere Kurven oder Spiralen, und so kommen sie im wechselnden Spiele bald einander näher oder ferner. Bei diesen höchst gewandt ausgeführten Bewegungen, wie sie in seiner Weise der geschulteste Schlittschuhläufer nicht besser ausführt, steht das Wasser unter dem einzelnen fast still, nur, wo mehrere bei einander sind, bilden sich embryonische Wellen. Jetzt plumpt ein schwerfälliger Frosch in ihrer Nähe in das Wasser oder es wird auf andere Weise beunruhigt, da, wie die Strahlen des Blitzes, fahren die kleinen Schwimmer auseinander, und es dauert eine geraume Zeit, ehe sie sich wieder zum alten Spiele vereinigen. So beim Sonnenschein oder bei warmer, schwüler Luft ohne denselben; an rauhen, unfreundlichen Tagen bemerkt man keine Spur von den Taumelkäfern, deren ewigen Freudentaumel man wahrscheinlich mit diesem Namen hat bezeichnen wollen; fie halten sich ver: borgen am Rande zwischen den Blättern der Pflanzen oder auf dem Grunde des Gewässers. Um ihr Betragen in diesem Falle zu beobachten, eignet sich ihr natürlicher Aufenthalt wenig, hierzu bedarf es ihrer Gefangennahme. In dieser Beziehung hat von Malinowski einige interessante Beobachtungen veröffentlicht, welchen die folgenden Mitteilungen entnommen sind. Eine zahlreiche Gesellschaft des Gyrinus strigipennis war aus einem Badehause in der Donau geschöpft und in ein Glas mit Wasser gesetzt worden. Als einige Tage nachher verschiedene Stücke toter Käfer auf dem Wasser umherschwammen und dadurch die Vermutung nahe gelegt ward, daß sie sich aus Mangel an Nahrung anfressen, wurde ein Stückchen frisches Fleisch indas Wasser geworfen. Kaum war dasselbe auf dem Boden des Gefäßes angelangt, als eine Anzahl Käfer sich mit den Köpfen in dasselbe einwühlte. Sie hielten sich jedoch bei dieser Behandlungsweise, trotz des fleißigen Wasserwechsels, nicht gut, das Obenaufschwimmen zerstückelter Käfer hörte nicht auf, und nicht lange, so waren sie sämtlich abgestorben. Eine zweite Gesellschaft wurde ohne Fleisch mit Schilfwurzeln eingekerkert, und diese befand sich bei dieser Verpflegung merklich behaglicher; nur einmal erschien ein toter Käfer auf der Wasserfläche, jedoch unangegriffen von seiten der übrigen. Wenn der Wirbelkäfer taucht, versorgt er sich mit Lebensluft, welche er als Silberperle an der Leibesspitze mit sich hinabnimmt. Diese Luftblase wird entschieden durch irgend einen Fettüberzug vom Wasser getrennt; denn sie läßt sich breitdrücken, spitzt sich zu und haftet fo fest an der Hinterleibsspitze, daß es von Malinowski nach verschiedenen vergeblichen Versuchen nur einmal gelang, sie mittels eines Stäbchens zu entfernen. Augenblicklich wurde sie jedoch durch eine neue ersetzt. Unter Wasser setzt sich der Käfer an eine Pflanze, hält sich besonders mit den Mittelbeinen an derselben fest, streckt die langen Vorderbeine wiederholt vorwärts, wie der zum Schwimmen sich anschickende Mensch seine Arme, streicht mit ihnen auch über den Kopf und den vorderen Rückenteil, wie dies andere Insekten gleichfalls thun, wenn man von ihnen sagt, daß sie sich „putzen“.
Außerdem werden die Vorderbeine zum Emporklettern an einer Wasserpflanze oder zum bloßen Festhalten an einer solchen benutzt, wenn der Käfer zur Abwechselung den übrigen Körper in der Schwebe zu halten beliebt. Sitzt er in vollkommener Ruhe, so spielen nur die Taster hin und her, und Bewegungen in seiner nächsten Nachbarschaft stören ihn so leicht nicht. Gleich den Schwimmkäfern können auch die Taumelkäfer fliegen, weil sie ohne dies Vermögen unter Umständen zu Grunde gehen würden. Ehe sie auffliegen, kriechen sie an einer Pflanze empor, bewegen, die Flügeldecken lüftend, den Hinterleib lebhaft aufund abwärts, bis sie zuletzt, mit den Beinen loslassend, sich schwirrend in die Luft erheben.
Sehen wir uns jetzt einen der gemeinsten, z. B.den tauchenden Drehkäfer (Gyrinus mergus), etwas näher an, um die Eigentümlichkeiten der Gattung kennen zu lernen. Wir erblicken dasselbe Oval, wie es die vorigen zeigen, doch am Bauche mehr platt gedrückt und rückwärts gewölbter, die Flügeldecken hinten gestutzt und den Steiß unbedeckt lassend. Die Vorderbeine, aus freien, kegelförmigen Hüften entspringend, haben sich armartig verlängert, die hinteren, deren Hüften fest mit dem Brustbeine verwachsen, Schienen und Füße je ein rhombisches Blatt darstellend, sind zu förmlichen Flossen geworden. Die Fühler, obschon zusammengesetzt aus elf Gliedern, deren letztes so lang ist, wie die sieben vorhergehenden zusammengenommen, erscheinen doch als bloße Stumpfe. Höchst eigentümlich sind die Augen gebildet, indem jedes von einem breiten Querstreifen in eine obere und in eine untere Partie geteilt wird, so daß der Käfer, wenn er umherschwimmt, gleichzeitig unten in das Wasser, oben in die Luft, wahrscheinlich aber nicht in gerader Richtung mit dem Wasserspiegel schauen kann. Die Taster sind kurz, er an der Lippe drei⸗, am Unterkiefer viergliederig. Dieser unterscheidet ae e Drehsich wesentlich von der Kinnlade der Lauf- und Schwimmkäfer, indem die käfer (Gyrinus mergus). äußere Lade die Form eines dünnen Stachels annimmt, bei anderen 9 Familiengliedern gänzlich verkümmert, mithin niemals Tasterform zeigt. Der Hinterleib wird vom Bauche her nur aus sechs Gliedern zusammengesetzt, deren drei vorderste auch hier verwachsen, das letzte zusammengedrückt und gerundet, in einigen anderen Fällen dagegen kegelförmig ist. Zur Charakteristik der in Rede stehenden Art sei noch hinzugefügt, daß am sehr stark stahlblau glänzenden Körper der untergeschlagene Rand der Flügeldecken und des Halsschildes sowie die Beine rostrot und die zarten Punktstreifen jener in der Nähe der Naht noch feiner als die übrigen sind. Die Gattung ist reich an zum Teile schwer zu unterscheidenden Arten, deren einige gleichzeitig in Deutschland und Nordamerika vorkommen. Von der einen (Gyrinus natator) ist schon 1770 durch Modeer die Larve bekannt geworden. Dieselbe ist außerordentlich gestreckt und schmal, der Kopf fast viereckig und größer als jeder der folgenden drei Körperringe, welche zusammen sechs zweiklauige, mäßig lange Beine tragen. Ihnen schließen sich acht schmälere Hinterleibsringe an, von denen die sieben ersten an jeder Seite einen fadenförmigen, gewimperten Anhang, ungefähr von der Länge eines Beines, aufweisen, die Tracheenkiemen, der letzte ihrer zwei. Auf diese Weise bekommt die Larve eine entfernte Ahnlichkeit mit einer Bandassel. Mit ihren Kieferzangen saugt sie die Beute nach Art der Schwimmkäferlarven aus und fertigt, wenn sie zur Verpuppung reif ist, an einer Wasserpflanze oder sonst wo in der Nähe des Wassers ein nach beiden Enden hin zugespitztes Gehäuse von pergamentartiger Beschaffenheit. Die Verpuppung erfolgt, wie es scheint, nach Überwinterung der Larven, denn den Sommer über treiben die Käfer ihr Wesen, Anfang August werden die Eier gelegt, und durchschnittlich bedarf die Puppe einen Monat zu ihrer Entwickelung. Genauere Beobachtungen über die Entwickelungsgeschichte dieser interessanten Käferchen sind noch wünschenswert.
Die Familie der Taumelkäfer (Gyrinidae) ist über den größten Teil der Erde verbreitet, aber nur mit zwei Gattungen in Europa vertreten; sie beschränkt sich auf 100 und einige 20 Arten, deren einige in heißen Erdstrichen die stattliche Länge von 17,5 mm erreichen, also unseren mittelgroßen Schwimmkäfern gleichkommen.
Noch eine dritte Reihe von Käfern, schlechtweg als Wasserkäfer (Hydrophilidae oder Palpicornia) bezeichnet, kommt zur Bevölkerung jener Lachen, in und auf denen sich Schwimm- und Wirbelkäfer tummeln. Es find Kerfe, die in den Körperumrissen von
TERASID NEN N ieBEE 1 —— — —
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Larve. Männchen. Weibchen mit Eigehäuse.
Pech schwarzer Kolben-Wasserkäfer (Hydrophilus piceus). Natürliche Größe.
den vorigen nicht abweichen, wohl aber in der Bildung der Mundteile und der Fühler, so daß sie in einem Systeme, welches gerade auf diese Teile Gewicht legt, unmöglich mit den vorhergehenden verbunden werden konnten. Die hierher gehörigen Käfer stimmen unter sich überein durch eine meist breite, lappenförmige äußere Lade der Unterkiefer und deren sehr gestreckte, fadenförmige Taster, welche die Länge der Fühler erreichen oder noch übertreffen, weshalb man sie für diese halten könnte, wie auch der Name Palpicornia, „Tasterhörnige“, andeuten soll. Die kurzen Fühlerglieder, deren erstes gestreckt ist, während die letzten eine durchbrochene Keule bilden, schwanken in ihrer Anzahl zwischen 6 und 9, ebenso finden in der Menge der Bauchringe (4—7) und in der Bildung der Fußglieder Unterschiede statt. f
Der pechschwarze Kolben-Wasserkäfer (Hydrophilus piceus) und seine Gattungsgenossen, welche sich fast über die ganze Erde ausbreiten, bilden die Riesen. der Familie, und in dem ovalen, unten mehr oder weniger gekielten, oben ziemlich stark gewölbten Körper eine gedrungene, plumpe Masse, wie sie in dieser Form unter den Käfern
nicht wiederkehrt. Die neungliederigen Fühler beginnen mit einem gebogenen rostroten Grundgliede und schließen mit den vier letzten in einer braunen Blätterkeule. Wie bei den Dyticiden verbreitern sich auch hier die Füße der vier hinteren Beine ruderartig und bewimpern ihre Innenseite mit Borsten, das erste Glied ist nur klein und erscheint an der Außenseite wie ein bloßes Anhängsel, während das zweite alle anderen an Länge übertrifft; hierin beruht der eine Charakter der ganzen Gattung. Das Männchen kann man vom Weibchen leicht an dem breitgedrückten, beilförmigen letzten Gliede der Vorderfüße unterscheiden. Ein zweiter, hier sehr schön ausgeprägter Charakter der Gattung besteht darin, daß Mittel- und Hinterbrustbein einen gemeinsamen, bei unjerer Art flach gedrückten und vorn stark gefurchten Kiel bilden, welcher sich in Form einer scharfen Lanzenspitze über die Hinterhüften hinaus erstreckt. Außerdem erhebt sich hier der Bauch zu einem ziemlich starken Mittelkiele. Die längsriefigen, dadurch nach der Spitze hin etwas gerippten Flügeldecken laufen an der Naht in ein feines Zähnchen aus; von den Zwischenräumen ist einer um den anderen punktiert. Der glänzende, grünlich pechschwarze Käfer lebt in stehenden und fließenden Gewässern. Ich habe ihn hier bei Frühjahrsüberschwemmungen der Saale vorherrschend auf davon betroffenen Wiesen gefangen und manchmal von einer nicht ganz wieder zu beseitigenden Schmutzschicht überzogen gefunden. Interessant gestalten sich einige Verhältnisse in der inneren Organisation des Tieres. Eine bedeutend große, äußerst dünnhäutige, ballonartige Luftröhrenblase auf der Grenze von Mittel- und Hinterleib ist neben den übrigen sehr zahlreichen Ausdehnungen der Luftröhren geeignet, eine beträchtliche Menge Luft in den Körper aufzunehmen und zugleich als Schwimmblase zu dienen. Auch der Darmkanal, welcher dem der pflanzenfressenden Blätterhörner gleicht und ein langes, dünnes, in allen seinen Teilen gleichförmig gebildetes Rohr darstellt, weicht wesentlich von dem der anderen Wasserkäfer ab und weist auf Pflanzenkost hin, welche vorzugsweise in der filzigen Alge zu bestehen scheint, durch welche manche Lachen gänzlich zu versumpfen pflegen; wenigstens befand sich eine mit dieser Kost ernährte Gesellschaft dieser Käfer in der Gefangenschaft lange Zeit sehr wohl, und die sich zu Boden setzenden wurstartigen Exkremente ließen den Algenfilz nicht verkennen.
Im April sorgt das befruchtete Weibchen durch Ablegen der Eier für Nachkommenschaft, hält aber dabei ein Verfahren ein, welches wohl wert ist, etwas näher beleuchtet zu werden, weil es schwerlich bei einem anderen Käfer, der nicht zur nächsten Verwandtschaft gehört, wieder vorkommt. Es legt sich an der Oberfläche des Wassers auf den Rücken unter dem schwimmenden Blatte einer Pflanze, welches es mit den Vorderbeinen an seinen Bauch drückt. Aus vier Röhren, von denen zwei länger aus dem Hinterleibe heraustreten als die anderen, fließen weißliche Fäden, die durch Hin- und Herbewegen der Leibesspitze zu einem den ganzen Bauch des Tieres überziehenden Gespinste sich vereinigen. Ist dieses fertig, so kehrt sich der LI Käfer um, das Gespinst auf den Rücken nehmend, und fertigt eine zweite Geöffnetes Gehäuse des Platte, welche mit der ersten an den Seiten zusammengeheftet wird. Hydrophilus piceus mit Schließlich steckt er mit dem Hinterleibe in einem vorn offenen Sacke. Cern. Vergrößert Denselben füllt er von hinten her mit Eierreihen und rückt in dem Maße aus demselben heraus, als jene sich mehren, bis endlich das Säckchen gefüllt ist und die Hinterleibsspitze herausschlüpft. Jetzt faßt er die Ränder mit den Hinterbeinen, spinnt Faden an Faden, bis die Offnung immer enger wird und einen etwas wulstigen Saum bekommt. Darauf zieht er Fäden querüber auf und ab und vollendet den Schluß wie mit einem Deckel. Auf diesen Deckel wird noch eine Spitze gesetzt, die Fäden fließen von unten nach oben und wieder zurück von da nach unten, und indem die folgenden immer länger werden, türmt