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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Die Pselaphiden (Pselaphidae), winzige, manche interessante Seite darbietende Käferchen, die unter Moos, feuchtem Laube, Baumrinde, Steinen und — zwischen Ameisen ver: borgen leben, bilden eine besondere Familie, welche sich den Staphylinen eng anschließt, weil

auch bei ihnen die Flügeldecken viel zu kurz sind, um den Hinterleib in seiner größeren Ausdehnung bedecken zu können; trotzdem wird zwischen ihnen und jenen eine Verwechselung unmöglich. Die Pselaphiden, gedrungen in ihrer Körperform, meist am breitesten gegen die Spitze des Hinterleibes hin, besitzen durchaus nicht die Fähigkeit, diesen emporzurichten oder irgendwie zu bewegen, worin die Staphylinen Meister sind, denn die fünf Ringe, welche ihn zusammensetzen, sind fest miteinander verwachsen. Dafür entschädigen sie sich durch die stetige Bewegung ihrer in der Regel keulenförmigen, perlschnurartigen Fühler und der ein- bis viergliederigen Kiefertaster, welche den meisten lang aus dem Munde heraushängen. Im Gegensatze dazu bleiben die ein- bis zweigliederigen Lippentaster sehr kurz. Von den beiden häutigen Lappen des Unterkiefers wird der äußere bedeutend größer als der innere. An den Füßen zählt man höchstens drei Glieder, und diese manchmal kaum, eine oder zwei Klauen am letzten. Des Abends fliegen diejenigen Arten umher, deren Dasein nicht an die Ameisen geknüpft ist; das sommerliche Hochwasser spült sie unfreiwillig mit anderen Leidensgefährten zu Hunderten aus ihren Verstecken und treibt sie an sandige Ufer, wo der Sammler von den sonst mühsam zu erlangenden Tierchen unter günstigen Verhältnissen reiche Ernte halten kann. |

Die Larven kennt man noch nicht, Käfer dagegen aus allen Erdteilen, mit Ausschluß Asiens, wo sie jedenfalls von den Sammlern bisher übersehen worden sind, da man in den außereuropäischen Ländern immer zuerst nach den größeren, augenfälligeren Formen greift, als nach jo unscheinbaren versteckten, durchschnittlich nur 2,25 mm messenden Käferchen.

Der gelbe Keulenkäfer (Claviger testaceus, jetzt foveolatus genannt), der hier in starker Vergrößerung abgebildet ist (S. 63), gehört zu den wenigen, sehr hilflosen Arten, deren Lebensweise entschieden das höchste Interesse bietet. Die Körperumrisse des Keulenkäfers finden sich auch bei den übrigen Familiengliedern wieder; zu seiner besonderen Charakteristik gehören: der Mangel der Augen, faltenartige Hinterecken der zusammengewachsenen Flügeldecken, an denen ein Haarbüschel steht, und eine tiefe Grube auf dem Rücken der Hinterleibswurzel. An den einklauigen Füßen sind die beiden ersten Glieder so kurz, daß man sie lange übersehen hat. Der Hinterleib glänzt am meisten, weil ihm nur an der Spitze die Behaarung des übrigen Körpers zukommt, erscheint fast kugelig, hat an den Seiten einen feinen Rand und läßt nur am Bauche die fünf ihn zusammensetzenden Ringe erkennen. Das Männchen unterscheidet man vom Weibchen durch einen kleineren Zahn an der Innenseite von Schenkel und Schienen der Mittelbeine.

Der Keulenkäfer lebt unter Steinen in den Nestern der gelben Ameisen, die ihn wie ihre eignen Puppen erfassen und in das Innere des Baues tragen, wenn dieser durch Aufheben des Steines in seiner Oberfläche erschlossen und die Hausordnung der Tiere gestört wird. Es deutet dieser Zug auf ein inniges Verhältnis zwischen beiden hin, und sorgfältige Beobachtungen haben ein solches auch in anderen Beziehungen bestätigt. Wir verdanken dieselben dem Herrn P. W. J. Müller, weiland Pastor zu Wassersleben bei Wernigerode. Der genannte, durch die eben erwähnte Erscheinung im höchsten Grade erstaunt, nahm Käfer, Ameisen, deren Brut von verschiedenem Alter und Erde aus dem Neste nebst Moosstengeln in geräumigen Fläschchen mit heim. Schon am nächsten Tage hatten sich die Gefangenen häuslich eingerichtet und wurden nun mit Hilfe einer Lupe eifrig und so gründlich beobachtet, daß alles, was im folgenden mitgeteilt werden soll, zu oft gesehen worden ist, um auf Irrtum und Täuschung beruhen zu können. Lassen wir den Beobachter selbst berichten: „Die Ameisen verrichteten unbesorgt ihre gewohnten Geschäfte; einige ordneten und beleckten die Brut, andere besserten am Neste und trugen Erde hin und her; andere ruhten aus, indem sie ohne alle Bewegung still und fast stundenlang auf einer Stelle verweilten; andere suchten sich zu reinigen und zu putzen. Dies letzte Geschäft

verrichtete jede Ameise an sich selbst, jo weit es ihr möglich war, dann aber ließ sie sich (gerade wie es von den Bienen in ihren Stöcken zu geschehen pflegt) von einer anderen an den Körperteilen reinigen, die fie mit Mund und Füßen selbst nicht zu erreichen vermochte. Die Keulenkäfer liefen indes entweder zutraulich und unbesorgt zwischen den Ameisen umher, oder sie saßen in den Gängen, die meist an den Wänden des Glases entlang führten, ruhig und in einer Weise, welche andeutete, daß alles mit ihren gewohnten Verhältnissen vollkommen übereinstimmte. Indem ich nun den Bewegungen meiner Gefangenen einige Zeit hindurch unverrückt mit den Augen gefolgt war, wurde ich mit einem Male zu meiner größten Verwunderung gewahr, daß, so oft eine Ameise einem Keulenkäfer begegnete, sie ihn mit den Fühlern sanft betastete und liebkoste und ihn, während er dies mit seinen Fühlern erwi-derte, mit sichtlicher Begierde auf dem Rücken beleckte. Die Stellen, wo dies geschah, waren jedesmal zuerst die am äußeren Hinterwinkel der Flügeldecken emporstehenden gelben Haarbüschel. Die Ameise öffnete ihre großen Kinnbacken sehr weit und sog alsdann vermittelst der übrigen Mundteile den ganz davon umschlossenen Haarbüschel mehrere Male mit großer Heftigkeit aus, beleckte dann noch die ganze Vorderfläche des Rückens, be⸗ e N sonders dessen Grube. Dieses * f SS N Verfahren wurde ungefähr a aller 8&—10 Minuten, bald von dieser, bald von jener Ameise, ja oft mehrmals hintereinander an dem nämlichen Käfer wiederholt, vorausgesetzt, daß er mehreren Ameisen begegnete, doch ward er im letzten Falle nach kurzer Gelber Keulenkäfer (ClavigerStark vergrößert.testaceus), von Ameisen geliebkost. Untersuchung sogleich freigelassen.“ Wie auf den Zweigen der Bäume die Blattläuse anderen Ameisen ihren Honigsaft reichen und darum von ihnen so eifrig aufgesucht und im höchsten Grade freundschaftlich behandelt werden, so bieten die Keulenkäfer dieser das Buschwerk nicht ersteigenden Art einen Leckerbissen in einer aus den Haaren ausgeschwitzten Feuchtigkeit; aber jene sind dafür auch erkenntlich. Es kommt noch besser. Hören wir weiter: „Um meine Gefangenen nicht verhungern zu lassen und möglichst lange beobachten zu können, mußte ich natürlich daran denken, ihnen irgend ein angemessenes Futter zu reichen. In dieser Absicht befeuchtete ich die Wände des Glases nahe dem Boden sowie einige Moosstengel mittels eines Haarpinsels mit reinem Wasser, mit durch Wasser verdünntem Honig und legte außerdem noch einige Zuckerkrümchen und Stückchen zeitiger Kirschen an andere Stellen, damit jeder nach Belieben das ihm Dienlichste wählen könne. Eine Ameise nach der anderen, wie sie in ihrem Laufe an eine befeuchtete Stelle kam, hielt an und leckte begierig, und bald waren ihrer mehrere versammelt. Einige Keulenkäfer kamen zu eben diesen Stellen, gingen aber über dieselben hinweg, ohne den geringsten Anteil zu nehmen. Jetzt brachen einige gesättigte Ameisen auf, standen auf dem Wege still, wenn ihnen diese oder jene Ameise begegnete, welche die Speise noch nicht gefunden hatte, fütterten die hungerigen und gingen weiter, um dasselbe mit der unten im Glase befindlichen Brut zu thun. Ich war schon darauf bedacht, für die Keulenkäfer eine andere Nahrung zu ersinnen, weil sie die vorhandene nicht berührten, als ich einen derselben einer vollgesogenen Ameise begegnen und hierauf beide still stehen sah. Ich verdoppelte meine Aufmerksamkeit, und nun bot sich meinen

Gelber Keulenkäfer (Claviger testaceus), von Ameiſen geliebkoſt. Stark vergrößert.

Blicken ein ebenso seltsames wie unerwartetes Schauspiel dar. Ich nahm deutlich wahr, wie der Keulenkäfer aus dem Munde der Ameise gefüttert wurde. Kaum konnte ich mich von der Wirklichkeit des Geschehenen überzeugen und fing schon wieder an zu zweifeln, ob ich auch recht gesehen haben möchte, als sich unmittelbar an drei, vier und mehr Stellen dieselbe Beobachtung bestätigte. Einige dieser Fütterungen wurden unmittelbar an der Wand des Fläschchens vorgenommen, so daß ich durch eine viel stärker vergrößernde Linse den ganzen Hergang aufs deutlichste beobachten konnte. Jedesmal, wenn eine gesättigte Ameise einem noch hungernden Käfer begegnete, lenkte dieser, gerade als wenn er, die Speise witternd, Futter von ihr begehrte, Kopf und Fühler aufwärts, nach dem Munde jener hin, und nun blieben sie beide still stehen. Nach vorhergegangenem gegenseitigen Berühren und Streicheln mit den Fühlern, Kopf gegen Kopf gewendet, öffnete der Käfer den Mund, ein gleiches that die Ameise und gab aus ihren weit hervorgestreckten inneren Mundteilen jenem von der soeben genossenen Nahrung, welche er gierig einsog. Beide reinigten alsdann ihre inneren Mundteile durch wiederholtes Ausstrecken und Einziehen derselben und setzten ihren begonnenen Weg weiter fort. Eine solche Fütterung dauerte gewöhnlich 8—12 Sekunden, nach welcher Zeit die Ameise in der Regel die Haarbüschel des Käfers auf die oben angegebene Weise abzulecken pflegte. Auf diese Art wurden alle in meinem Gläschen befindlichen Keulenkäfer jeden Tag mehrere Male, so oft ich ihnen frisches Futter und Wasser gab, welches letztere den Ameisen eins der wichtigsten Bedürfnisse ist, regelmäßig gefüttert, und nie sah ich einen Käfer etwas von der in dem Fläschchen befindlichen Nahrung: Honig, Zucker und Obst, anrühren, ausgenommen, daß sie zuzeiten die an der inneren Wand des Glases niedergeschlagenen Wasserdünste ableckten. „So groß auch immer die Liebe und Fürsorge der Ameisen gegen ihre Brut ist, gegen die Keulenkäfer scheint ihre Zärtlichkeit nicht minder groß zu sein. Es ist in der That rührend, zu sehen, wie sie dieselben auch dann, wenn keine Nahrung in ihren Haarbüscheln vorhanden ist, öfter im Vorbeilaufen mit den Fühlern streicheln; wie sie mit immer gleicher Zärtlichkeit und Bereitwilligkeit jeden ihnen begegnenden hungerigen füttern, noch ehe sie ihre Brut versorgt haben; wie sie dieselben geduldig über sich hinlaufen lassen, manchmal sogar mit ihnen spielen, indem sie den einen oder den anderen, der ihnen begegnet, mit ihren Zangen auf dem Rücken fassen, eine gute Strecke forttragen und dann niedersetzen. Anderseits ist das zutrauliche Wesen der Käfer gegen die Ameisen nicht minder bewundernswürdig. Man glaubt nicht verschiedene Insektengattungen, sondern Glieder ein und derselben Familie vor sich zu sehen, oder eigentlich in den Keulenkäfern die Kinder zu erblicken, die sorglos und zutraulich in den Wohnungen der Eltern leben, von ihnen Nahrung und Pflege erhalten und sie ohne Umstände dann allemal darum ansprechen, wenn das Bedürfnis sie dazu treibt, auch ihnen Gegendienste zu leisten versuchen, soweit sie es vermögen. So sah ich beispielsweise, daß ein Keulenkäfer eine stillsitzende, ruhende, gleichsam schlafende Ameise reinigte, indem er bald von den Seiten her, bald auf ihr sitzend, mit seinem Munde ihr den Rücken und Hinterleib abbürstete und beinahe eine halbe Viertelstunde mit diesem Geschäfte zubrachte.“

Interessant ist auch noch die Beobachtung, daß eine zweite Art derselben Käfergattung, welche bei einer anderen Ameisenart genau in derselben Weise lebt, von den gelben Ameisen ebenso behandelt wird, wie die ihnen eigentümliche Art, obgleich die Ameisen selbst sich bekriegen. Beim Einsammeln beider Arten wurden nämlich aus Versehen Käfer und 6—8 dazu gehörige Ameisen jener Art zu den hier besprochenen gethan. Sofort fielen die gelben Ameisen über die fremden her, töteten sie nach und nach, verschonten aber ihre Keulenkäfer und fütterten fie gleich den ihrigen. Mehrere späterhin absichtlich vorgenommene Versetzungen der beiden Arten (Claviger foveolatus und

WIRKUNGEN VEREINTER KRÄFTE.

longicornis) aus einem Fläschchen in ein anderes zu fremden Ameisen bestätigten bie: selbe Beobachtung. Wunderbar! Die Keulenkäfer sind einzig und allein auf gewisse Ameisenarten angewiesen, welche letzteren sie aus ihnen angeborenem Triebe und weil die Anwesenheit derselben ihnen zugleich einen Genuß darbietet, als ihre Pfleglinge lieben, schützen, ernähren. Die Käfer, durch den Mangel der Augen und Flügel hilfloser als andere, können nirgends anders als in Ameisennestern leben, wo sie sich fortpflanzen und sterben, ohne fie je ver: lassen zu haben. Wer hätte solche Proben aufopfernder Freundschaft und Liebe verborgen unter Steinen gesucht? Daß die Larve unseres Keulenkäfers sechsbeinig sein müsse, geht aus der Abbildung eines Puppenbalges hervor, welchen unser Gewährsmann aufgefunden hat. Derselbe steckt nämlich, wie wir dies auch bei anderen Käfern beobachten können, mit seiner Leibesspitze in der bei der Verpuppung abgestreiften Larvenhaut, und an dieser bemerkt man noch die Rückstände von vier Beinchen.

Von der Familie der Aaskäfer (Silphidae oder Silphales) läßt sich wegen der Verschiedenheiten des Körperbaues in einer allgemeinen Schilderung nur aussagen, daß die gewöhnlich elfgliederigen Fühler gegen die Spitze hin allmählich dicker werden oder daselbst einen scharf abgesetzten Endknopf tragen, daß die Zunge zweilappig ist und die Flügeldecken meist bis zur Hinterleibsspitze reichen. Durch die frei heraustretenden, kegelförmigen Hüften der vier vorderen Beine und durch die sechs frei beweglichen Bauchringe unterscheiden sich die Aaskäfer von allen anderen fünfzehigen Käfern mit keulenförmigen Fühlhörnern. Sie finden sich sämtlich an Tierleichen ein, sei es, um selbst davon zu zehren, sei es, um ihre Eier an dieselben zu legen, und besitzen als Aasfreunde die nichts weniger als liebenswürdige Eigenschaft, einen stinkenden Saft aus dem After oder dem Maule oder aus beiden zugleich von sich zu geben, wenn man sie anfaßt. In Ermangelung jener Leckerbissen gehen sie auch faulenden Pflanzenstoffen nach oder greifen lebende Insekten Ran, ihresgleichen nicht verschonend. Ihre Bewegungen find flink, und ihr Geruchssinn ist entschieden sehr entwickelt; denn aus weiter Ferne kommen sie, durch denselben geleitet, dahin geflogen, wo ein toter Vogel, ein verendetes Kaninchen, ein Maulwurf, ein Fischlein u. a. ihren Verwesungsprozeß beginnen. Man kennt gegen 500 Arten, welche überall auf der Erde verteilt, in den kalten und gemäßigten Gürteln aber mit vier Zehnteln ihrer Artenzahl vertreten sind. Die Larven stimmen in der Lebensweise unter sich und mit den Käfern überein, aber nicht, wie sich bei der Verschiedenheit dieser erwarten läßt, in den äußeren Formen; darum werden wir auf sie bei den vorzuführenden Gattungen zurückkommen.

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