Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Ein dritter im Bunde ist der Kabinettkäfer (Anthrenus museorum, ©. 76, Fig. 1, 2), ein kleiner runder Käfer, unten grau durch Behaarung, oben dunkelbraun mit drei undeutlichen, aus graugelben Härchen gebildeten, daher häufig stellenweise abgeriebenen Binden über den Decken. Seine Fühler sind achtgliederig, die beiden letzten Glieder in einen Knopf verdickt. Der Kopf kann vollständig von der Vorderbrust aufgenommen werden, so daß nur die Oberlippe frei bleibt, und die Vorderbrust zum Teile in die quere, gespaltene Mittelbrust. Auch hier steht ein Punktauge auf dem Scheitel. Dieses 2,25 mm lange Tierchen findet sich gleichfalls, wie schon bemerkt, auf Blumen und in unseren Behausungen, hier vorzugsweise in den Insektensammlungen, die nicht sehr sorgfältig vor seiner Zudringlichkeit bewahrt und nicht häufig genug nachgesehen werden. Der Käfer möchte noch zu ertragen sein, aber seine etwas breitgedrückte, braun behaarte, durch einen langen, abgestutzten Haarbüschel geschwänzte Larve ist ein böser Gesell. Wegen ihrer anfänglichen Winzigkeit ist sie
einesteils schwer zu entdecken, andernteils wird es ihr leicht möglich, in die feinsten Fugen und Ritze einzudringen und in Räumen zu erscheinen, welche man für vollkommen ver: schlossen hielt. Mögen die Insektenkasten noch so gut verwahrt sein, dann und wann zeigt sich doch ein solcher Feind, sei es nun, daß er als Ei mit einer anrüchigen Insektenleiche eingeschleppt wurde, sei es, daß er sich sonstwie einzuschleichen wußte, und die Verheerungen, die eine einzige dieser gefräßigen Larven hier anrichten kann, weiß derjenige am besten zu beurteilen, dem das Leid zugefügt worden ist. In der Regel lebt sie im Inneren des Tieres, spaziert aber auch mit ausnehmender Gewandtheit auf dessen Oberfläche umher, so daß an allen Teilen der Fraß zu erkennen ist. Im ersteren Falle verrät ein braunes Staubhäufchen unter dem bewohnten Insekt, im anderen das Lockerwerden der Beine, Fühler und sonstigen Teile sowie deren teilweises Herabfallen die Gegenwart des Feindes, der bisweilen seine Beute spurlos von der Nadel verschwinden läßt. Starke Erschütterung, wie Anklopfen des Kastens auf eine Tischkante, bringt den Verborgenen leicht hervor; mäßige, den Tieren der Sammlung bei gehöriger Vorsicht nicht nachteilige Hitze tötet ihn. Auch in dem Pelze der ausgestopften Säugetiere fressen die Larven platzweise die Haare weg, zernagen die Schäfte der Federn, die Haut um die Nasenlöcher und an den Beinen der Vögel und führen sich ebenso auf, wie die vorher erwähnten. Faßt man eine derselben in der Mitte ihres Leibes mit einer Pinzette, um sich ihrer zu bemächtigen, so gewährt die jo geängstete einen eigentümlichen und überraschenden Anblick: der Schwanzbüschel bläht sich ungemein auf, und jederseits an seiner Wurzel treten drei äußerst zarte, durchsichtige Haarfächer hervor. Man findet die Larve beinahe das ganze Jahr, was auf eine sehr ungleichmäßige Entwickelung oder mehrere Bruten im Jahre schließen läßt; im Mai oder mit Beginn des Juni erfolgt nach mehrmaligen Häutungen die Verpuppung in der letzten Larvenhaut. Die Zeiträume, welche zwischen je zweien von diesen liegen, haben sich merkwürdig ungleich erwiesen; denn man hat Unterschiede von 4— 16 Wochen beobachtet. Die vielen Bälge, welche ich bisweilen neben einem einzigen toten Käfer in einem gut schließenden Insektenkasten gefunden habe, scheinen auf eine größere Menge von Häutungen hinzudeuten, als man sonst anzunehmen gewohnt ist; ob dem so ist, muß sorgfältiger Beobachtung vorbehalten bleiben. Der ausgeschlüpfte Käfer teilt die Gewohnheit mit seinen Verwandten, wochenlang in den schützenden Häuten sitzen zu bleiben.
Am Schlusse der Familie sei noch eines durch sein anliegendes Haarkleid graugelben Käferchens gedacht, welches in Körpertracht und hinsichtlich der übrigen Merkmale mit der Gattung Dermestes übereinstimmt, am zweiten und dritten Fußgliede jedoch lappenartige Anhänge, an der Wurzel der Klauen je einen Zahn trägt und nur die Größe des Pelzkäfers erlangt. Es hat in unseren Zimmern nichts zu suchen, sondern treibt sich auf den verschiedensten Blumen umher, unbeachtet von allen denen, welche eben keiner Insektenliebhaberei ergeben sind; Byturus tomentosus nennen es die Käferkundigen. Anders verhält es sich mit seiner Larve, der gestreckten, auf dem letzten Gliede mit zwei auf: stehenden Hornhäkchen versehenen, welche in allem den schon öfter erwähnten Familiencharakter trägt, nur kein merkliches Haarkleid, wie die drei vorhergehenden, überdies auch einen verwöhnteren Geschmack zeigt. Sie bewohnt nämlich, dem Gärtner als „Himbeer— f made“ geltend, die genannten Früchte bis zu der Zeit ihrer Reife und kann in für sie f günstigen Jahren den Genuß dieser so beliebten Früchte allen eklen Personen sehr ver— 5 leiden. Vorherrschend bewohnt sie die Waldbeeren, verläßt sie aber, wenn man die Früchte vor dem Verbrauche einige Zeit einwässert.
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Von der längeren Reihe der Familien, welche die Systematiker folgen lassen, ehe wieder bekanntere Größen an die Reihe kommen, sei nur mit wenigen Worten der Fugenoder Pillenkäfer, und zwar der namengebenden Gattung Byrrhus gedacht, weil sie die mehr aufgetriebenen, zu „Pillen“ gewordenen Stutzkäfer in etwas veränderter Form, veränderter Ernährungsart, sonst aber mit denselben Gewohnheiten, namentlich mit meisterhafter Verstellungskunst wiederholen. Wenn die eiförmigen, hoch gewölbten Käfer, nur den kleineren Formen sich anreihend, ihre Gliedmaßen eingezogen haben, so wird es sehr schwer, die Anwesenheit solcher überhaupt zu erkennen. Die platten Beine, von welchen die vorderen aus eingesenkten walzigen oder eiförmigen, und die hintersten aus queren und einander stark genäherten Hüften entspringen, schließen so dicht an den Körper an, die Schienen passen so gut mit ihrem Innenrande in eine Furche der Schenkel, die fünfgliederigen Füße so schön zwischen die Schienen und den Leib, daß man einige Nähte, aber keine Beine zu bemerken glaubt. Dazu kommt, daß der Kopf seiner ganzen Ausdehnung nach in das Halsschild eingelassen ist, so daß nur Stirn und Gesicht nach vorn die senkrechte Körperbegrenzung ausmachen und deshalb von oben her nichts von ihnen sichtbar wird. Die schwach keulenförmigen Fühler können sich unter den Seitenrand des Halsschildes verstecken. Die beiden Laden der Unterkiefer sind unbewehrt. Am Bauche unterscheidet man fünf Ringe, deren drei erste indes verwachsen. Die durch Samthaar meist braun gefärbten Pillenkäfer ernähren sich nur von Pflanzenstoffen, von Moos und dürrem Gekrümel; denn man findet fie oft in größeren Gesellschaften an sonnen verbrannten Berghängen, unter Steinen, aber auch in den Gebirgen hoch oben, wo die Temperatur eine stets niedere zu sein pflegt; in unsicherem Gange kriechen sie im Sommer langsam auf Triften umher, scheinen indes lieber die Nacht abzuwarten, um zu fliegen. Weil sie sonst die Erdoberfläche nie verlassen, so fehlen gewisse Arten niemals unter den angeschwemmten Käfern, welche die ausgetretenen Gewässer im Frühjahre mit sich führen.
Die Larven der Pillenkäfer, soweit man sie kennt, sind walzig, etwas eingekrümmt und auf dem Rücken mit harten Schilden bedeckt, am vollkommensten auf den drei vordersten Ringen, von denen der erste so lang wie die beiden folgenden zusammen ist, auf den übrigen sind die Schilde etwas weicher und halbkreisförmig. Nächst dem ersten ist das vorletzte und letzte Glied am längsten, dieses außerdem mit zwei Anhängseln versehen, welche neben den sechs einklauigen kurzen Beinen der Fortbewegung dienen. Der senkrecht gestellte Kopf trägt jederseits in einer runden Grube zwei Punktaugen, zweigliederige Fühler, fast dreieckige Kinnbacken; diese treffen mit ihrer Schneide aufeinander, sind hinten ausgehöhlt, um der mit ungegliederten Lappen und mit viergliederigen Tastern versehenen Kinnlade Raum zu geben; die Taster der zungenlosen Unterlippe bestehen aus nur zwei Gliedern. Die Larven finden sich in der Erde unter Rasen, verpuppen sich hier und werden vor Winters zum Käfer. f Die 133 Arten, aus welchen die ganze Familie besteht, verbreiten sich nur über Europa und Nordamerika und kommen im Gebirge zahlreicher vor als in der Ebene.
Der gemeine Hirschkäfer, Feuerschröter (Lucanus cervus; s. die Tafel bei S. 80), war schon den Alten seinem Aussehen nach bekannt, denn Plinius sagt an einer Stelle (11, 28, 34) seiner Naturgeschichte: „Die Käfer (er braucht dafür den Ausdruck Scarabaei) haben über ihren schwachen Flügeln eine harte Decke, aber keiner hat einen Stachel. Dagegen gibt es eine große Art, welche Hörner trägt, an deren Spitzen zweizinkige Gabeln stehen, welche sich nach Belieben schließen und kneipen können. Man hängt sie Kindern
als ein Heilmittel an den Hals. Nigidius nennt sie Lucanus.“ Moufet, welcher in seinem „Insectorum sive Minimorum Animalium theatrum“! mit großem Fleiße alles gesammelt hat, was bis zu seiner Zeit über Insekten bekannt geworden ist, und von einer großen Menge den damaligen Verhältnissen entsprechende, meist kenntliche Holzschnitte lieferte, bildet auch das Männchen des Hirschkäfers ab, glaubt aber, dasselbe für ein Weibchen erklären zu müssen, weil Aristoteles behaupte, daß bei den Insekten die Männchen immer kleiner als die Weibchen seien. Ihm gelten daher die Männchen kleinerer Formen für die Weibchen. Jetzt weiß es jeder Knabe, welcher einige Käfer kennt und in einer mit Eichen bestandenen Gegend lebt, wo der Hirschkäfer vorkommt, daß die Geweihträger die Männchen, die nur mit kurzen, in der gewöhnlichen Form gebildeten Kinnbacken versehenen Käfer die Weibchen find. Die jüngsten Beobachtungen auch an anderen Hirschkäferarten haben gelehrt, daß je nach der spärlicheren oder reichlicheren Ernährung der Larven die Käfer kleiner oder größer ausfallen, und daß namentlich bei den Männchen die geweihartigen Kinnbacken der kleineren Käfer durch geringere Entwickelung dem ganzen Käfer ein verändertes Ansehen verleihen im Vergleiche zu einem vollwüchsigen. Man hat daher bei den einzelnen Arten mittlere und kleinere Formen unterschieden, ohne dafür besondere Namen zu erteilen, wie früher, wo bei der gemeinen Art eine Abart als Lucanus capreolus oder hircus unterschieden wurde. Ein großer Zahn vor der Mitte und eine zweizinkige Spitze der männlichen Kinnbacken, die einem queren Kopfe entspringen, welcher breiter als das Halsschild ist, ein dünner Fühlerschaft, 4— 6 unbewegliche Kammzähne an der Geißel (hier die erstere Anzahl), abwärts gebogene Oberlippe, tief ausgeschnittene Zunge an der Innenseite des Kinnes und eine unbewehrte innere Lade des Unterkiefers charakterisieren neben der gestreckten Körperform die Gattung Lucanus. Unsere Art ist mattschwarz, die Flügeldecken und Geweihe glänzen kastanienbraun. Sie vergegenwärtigt einen der größten und massigsten Käfer Europas, welcher von der Oberlippe bis zu der gerundeten Deckschildspitze 52 mm messen kann, eine Länge, die durch die geweihförmigen Kinnbacken noch einen Zuwachs in gerader Richtung von 22 mm erhält. Ein Weibchen von 43 mm Länge hat eine schon recht stattliche Größe. Im Juni findet sich dieser Käfer in Eichenwäldern, wo an schönen Abenden die Männchen mit starkem Gesumme und in aufrechter Haltung um die Kronen der Bäume fliegen, während die Weibchen sich immer mehr versteckt halten. Bei Tage balgen sie sich bisweilen unter dürrem Laube an der Erde und verraten durch das Rascheln jenes ihre Gegenwart, oder sitzen an blutenden Stämmen, um Saft zu saugen. Chop gibt in der „Gartenlaube“ einen anziehenden Bericht über ihr Betragen bei diesen Gelagen, welcher gleichzeitig einen Beleg für ihr vorübergehendes massenhaftes Auftreten liefert. Unter dem kühlenden Schatten einer altersschwachen Eiche eines Gartens in Sondershausen hatte sich der Berichterstatter an einem besonders warmen Nachmittage zu Ende Juni 1863 niedergelassen, als ein eigentümliches Geräusch über ihm seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Ein leises, in kurzen Zwischenräumen wiederkehrendes Knacken oder Knirschen ließ sich vernehmen, als ob kleine, dürre Zweige zerbrochen würden. Kurz darauf viel ein schwärzlicher Gegenstand vom Baume in das
1 Man meint, das genannte Buch sei ursprünglich von Konrad Gesner verfaßt, aus dessen Nachlasse, der in Joachim Camerarius' Hände gekommen war, Thomas Penn alle auf Entomologie bezüglichen Handschriften kaufte und dieselben mit Ed. Wottons sich darauf beziehenden Sammlungen vereinigte. Penn starb vor der Herausgabe, und Moufet setzte sein Unternehmen fort, bis auch ihn der Tod überraschte. So lag die Handschrift 30 Jahre lang, bis fie auf Veranlassung der königlichen Alademie 1634 in einem haarsträubenden Latein herausgegeben wurde. Der letzten Angabe widerspricht der Titel, und in der Vorrede sagt Mayerne, die Erben hätten aus Mangel an Vermögen und eines Herausgebers die Handschrift liegen gelassen; außerdem erwähnt Moufet, daß er über 150 Figuren und ganze Abschnitte hinzugefügt habe.
HIRSCHKÄFER UND HELDBOCK.
Gebüsch unter ihm. Dieser Gegenstand ergab sich als einen Hirschkäfer, der, als er nach längerem Suchen gefunden war, im Begriffe stand, an der rauhen Rinde wieder emporzukriechen. Da das Geräusch nicht aufhörte und sich der Blick des kurzsichtigen Beobachters nach oben wandte, bot sich ihm in einer Höhe von reichlich 4,5 m am Stamme eine eigentümlich braune Masse dar. Im Verlaufe einer halben Stunde waren nach und nach elf Hirschkäfer beiderlei Geschlechtes herabgefallen, und weil der knirschende Laut noch immer sich vernehmen ließ, holte Chop eine Leiter herbei, um die auffällige Erscheinung näher zu untersuchen. Jetzt bot sich ihm ein seltsames Bild.