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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Auf einer Fläche von etwa 82 qem war von der alten Borke Saft herabgeflossen. Zu diesem leckeren Mahle hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft von Kerfen zu Gaste geladen. Große Ameisen kletterten geschäftig auf und nieder, genäschige Fliegen aller Art saßen in gedrängten Haufen beisammen, und auch die Hornisse schwärmte grimmig summend um den Stamm. Die augenfälligsten Gäste aber, sowohl nach der Zahl als nach ihrer sonstigen Beschaffenheit, waren unzweifelhaft die Hirschkäfer. Es wurden deren 24 Stück gezählt, die bereits gefangenen nicht eingerechnet. Sie spielten augenscheinlich die wichtigste Rolle bei diesem Gastmahle und schienen trotz der süßen Speise nicht besonders guter Laune zu sein; denn selbst die kühnen Hornissen scheuten sich, den plumpen Gesellen und deren gewaltigen Zangen zu nahe zu kommen, und hielten sich in respektvoller Entfernung. Um so wütendere Kämpfe fochten die Käfer untereinander aus, und zwar rangen mindestens zwei Dritteile derselben zusammen. Da auch die Weibchen mit ihren kurzen, kräftigen Zangen sich zornig verbissen hatten, so lag der Grund wohl nicht in der Eifersucht, sondern in dem wenig idealen Futterneide. Besonders interessant waren die Kämpfe der Männchen. Die geweihartigen Kiefern bis an das Ende schief übereinander geschoben, so daß sie über das Halsschild des Gegners hinwegragten und die Köpfe selbst sich dicht berührten, zum Teil hoch aufgebäumt, rangen sie erbittert miteinander, bis den einen der Streiter die Kräfte verließen und er zur Erde hinabstürzte. Hin und wieder gelang es auch einem geschickteren Fechter, seinen Gegner um den Leib zu fassen, mit dem Kopfe hoch aufgerichtet ließ er ihn dann einige Zeit in der Luft zappeln und schließlich in die Tiefe stürzen. Das Knirschen rührte von dem Schließen der Kiefern her; von den gebogenen Seitenwulsten des Kopfschildes in die mittlere Einbiegung abgleitend, verursachten sie jenes vernehmbare Knacken. Indes sah sich der Kampf grimmiger an, als er in Wirklichkeit war; denn Verwundungen wurden nicht beobachtet, außer einem leichten Bisse in einem Kiefer. Die Annäherung des Beobachters ward nicht beachtet: die Kämpfer stritten weiter, die Sieger leckten gierig. Nur wenn der Atem sie unmittelbar berührte, zeigten sie sich beunruhigt. Dagegen wirkte das leiseste Geräusch, wie das Knacken eines Zweiges, sofort auf die ganze Gesellschaft. Sie richteten sich sämtlich rasch und hoch auf und schienen eine Weile zu lauschen. Ahnliches geschah, wenn einer der Gefallenen von unten heraufsteigend sich wieder näherte; auch in diesem Falle richteten sich die Männchen auf und gingen dem Gegner etwa eine Spanne lang mit weit geöffneten Kiefern kampfgierig entgegen. Gegen Abend summte allmählich der größte Teil der Käfer davon, vereinzelter und schwächer tönte aber noch das Knacken von oben herab, als der Beobachter abends 8 Uhr den Garten verließ. Entschieden ernstlicherer Natur, als die eben geschilderten, sind die Kämpfe der Männchen um ein Weibchen, wie die tiefen Eindrücke oder sogar Durchbohrungen der Flügeldecken, am Kopfe oder an dem Geweihe einzelner Männchen beweisen. Wie versessen die Männchen auf ein Weibchen sind, wurde Haaber bei Prag gewahr, indem er ein Weibchen anband und in der Zeit von 11-12/ Uhr 75 herbeigeflogene Männchen, sämtlich der kleineren Form angehörig, einfing. Die nächtlichen Umflüge sind gleichbedeutend mit den

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 6

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82 Erste Ordnung: Käfer; dreizehnte Familie: Kammhornkäfer.

Hochzeitsfeierlichkeiten. Ende des genannten oder in den ersten Tagen des folgenden Monates ist die kurze Schwärmzeit vorüber, die Paarung hat des Nachts stattgefunden, die Weibchen haben darauf ihre Eier in das faulende Holz altersschwacher Eichbäume abgelegt, und die von Ameisen oder Vögeln ausgefressenen harten Überreste der männlichen Leichen liegen zerstreut umher und legen Zeugnis davon ab, daß hier Hirschkäfer gelebt haben. Es kann sogar vorkommen, und ist von mir einige Male beobachtet worden, daß die nach der Paarung matten Männchen, noch ehe sie verendet sind, von den räuberischen Ameisen bei lebendigem Leibe an- und ausgefressen werden und ihren harten Vorderkörper, des weichen Hinterleibes beraubt, auf den langen Beinen noch eine Zeitlang mühsam dahinschleppen, eine seltsame Behausung für einzelne Ameisen. Weibliche Leichen findet man darum nur selten, weil die wenigsten aus der Brutstätte wieder hervorkommen, und weil die Weibchen viel seltener als die etwa sechsmal häufigeren Männchen sind.

Die aus den rundlichen, 2,25 mm langen Eiern geschlüpften Larven wachsen sehr langsam, indem sie sich von dem faulen Eichenholze ernähren (in Italien kommen sie auch in jungen Weiden vor), und erreichen erst im vierten (fünften?) Jahre eine Länge von 105 mm bei der Dicke eines Fingers. Ihrer äußeren Erscheinung nach gleicht die Larve denen ihrer Familiengenossen. Sie trägt am hornigen Kopfe viergliederige Fühler, deren letztes Glied sehr kurz ist, eine stumpfzahnige Kaufläche an den Kinnbacken, zwei Laden an dem Unterkiefer, welche sich zuspitzen und an der Innenseite bewimpert sind. Die vorderen drei Körperringe, welche sich wegen der Querfalten wenigstens auf der Rückenseite unvollkommen voneinander abgrenzen, tragen sechs kräftig entwickelte, einklauige Beine von gelber Farbe, der des Kopfes; nur die hornigen Mundteile find schwarz. Den Alten find die Larven ohne Zweifel auch Thon bekannt gewesen; denn Plinius erzählt: „Die großen Holzwürmer, welche man in hohlen Eichen findet und Cossi nennt, werden als Leckerbissen betrachtet und sogar mit Mehl gemästet.“ Sie müssen als Nahrungsmittel lange in Gebrauch gewesen sein; denn Hieronymus sagt: „Im Pontus und in Phrygien gewähren dicke, fette Würmer, die weiß, mit schwärzlichem Kopfe ausgestattet sind und sich im faulen Holze erzeugen, bedeutende Einkünfte und gelten für eine sehr leckere Speise.“ Die erwachsene Larve fertigt ein faustgroßes, festes Gehäuse aus den faulen Holzspänen oder tief unten im Stamme aus Erde, welches sie inwendig gut ausglättet. Ein Vierteljahr etwa vergeht, bis sie hier zu einer Puppe und diese zu einem Käfer geworden ist. Derselbe bleibt zunächst in seiner Wiege; ist es ein Männchen, die langen Kinnbacken nach dem Bauche hin gebogen, und kommt, vollkommen erhärtet und ausgefärbt, im fünften (sechsten?) Jahre Ende Juni zum Vorschein, um kaum 4 Wochen lang sich seines geflügelten Daseins zu erfreuen. So lange ungefähr kann man ihn auch in der Gefangenschaft erhalten, wenn man ihn mit Zuckerwasser (oder süßen Beeren) ernährt.“

Die Mitteilungen Chops lassen auf große Mengen von Hirschkäfern in der Gegend von Sondershausen im Jahre 1863 schließen. Büttner gedenkt eines Hirschkäferschwarmes, welcher in der Ostsee ertrank und bei Libau angeschwemmt worden ist. Cornelius berichtet von der auffallenden Häufigkeit, in welcher die Hirschkäfer 1867 auf einer beschränkten Ortlichteit bei Elberfeld geschwärmt haben, und knüpft daran die Vermutung, daß aller fünf Jahre dergleichen wiederkehren dürfte, und somit die von Rösel angenommene Entwickelungszeit von sechs Jahren um ein Jahr herabgesetzt werden müsse. Der oben erwähnte Haaber meint diese Vermutung bestätigen zu müssen, da er 1862 und dann wieder 1867 in der Gegend von Prag die Hirschkäfer in auffälligen Mengen beobachtet hat. Hier wie bei Elberfeld gedeihen dieselben in alten Eichenstubben, welche ihrer Vermehrung besonders günstig zu sein scheinen. Es wäre wohl von Interesse, auch für andere Gegenden

auf das „Hirschkäferflugjahr“ acht zu haben. Der Käfer breitet sich über das ganze mittlere und nördliche Europa bis in das angrenzende Asien hinein aus und fehlt natürlich nur in den eichenlosen Gegenden.

Die Linnésche Gattung Lucanus, neuerdings in zahlreiche weitere Gattungen zerlegt, hat Vertreter in allen Erdteilen, die meisten in Asien, nächstdem in Südamerika (34), die wenigsten in Europa aufzuweisen, trägt den Charakter unseres gemeinen Hirschkäfers, insofern die Kinnbacken der Männchen vor denen der Weibchen mehr oder weniger geweihartig entwickelt sind. Um Lucanus gruppieren sich noch mehrere andere Gattungen mit nur wenigen europäischen Vertretern, bei denen dieses Kennzeichen nicht zutrifft, wohl aber die Bildung der Fühler und des Kinnes übereinstimmt und sie in ihrer Gesamtheit zu der Gruppe der Hirschkäfer (Lucanidae) im weiteren Sinne vereinigt hat. Ihr Kinn ist nämlich vorn niemals ausgeschnitten, sondern trägt an seiner Innenfläche, seltener an der Spitze, die häutige oder lederartige, lang vorstreckbare Zunge, mit welcher diese Käfer nur Saft als Nahrungsmittel auflecken.

Bei einer zweiten Gruppe, den Zuckerkäfern (Passalidae), ist das Kinn vorn ausgeschnitten und in diesem Ausschnitte mit der hornigen, vorn dreizähnigen Zunge versehen. Die Zuckerkäfer, wesentlich in der Gattung Passalus vertreten, wiederholen ungefähr die Körperform, welche uns bereits auf S. 44 bei den Fingerkäfern (Scarites) begegnet ist. Das gestielte Halsschild ist hier quer rechteckig, hinten nicht, eher vorn etwas verengert, der Körper bei den meisten platter gedrückt, so daß besonders die stark gerieften Flügeldecken in ihrer Scheibe eine vollkommene Ebene darstellen. Am Kopfe, schmäler als das Halsschild, fallen Höcker, Unebenheiten und ein zackiger, oft sehr unsymmetrischer Vorderrand auf, die Fühlergeißel, noch einmal so lang wie der Schaft, wird durch dichte Borsten rauh und läuft in den 3—6 letzten Gliedern je nach den verschiedenen Arten zu Kamm: zähnen aus. Den Oberkiefer, welcher meist Kopfeslänge erreicht, charakterisiert in der Mitte ein beweglich eingelenkter Zahn. Alle Arten, welche sich auf 175 belaufen, von denen beinahe Sechssiebentel auf Amerika allein, nicht eine auf Europa kommen, glänzen stark und sehen schwarz oder lichtbraun aus. Ihre Larven leben, wie die der Lucaniden, im Holze absterbender Bäume, sind glatt, nicht querfaltig, haben zweigliederige Fühler und ein nur mangelhaft entwickeltes drittes Fußpaar.

Die beiden Gruppen der Lucaniden und Passaliden bilden zusammen eine neuerdings von der folgenden abgetrennte Familie, die der Kammhornkäfer (Pectinicornia), und zwar unter folgenden gemeinsamen Merkmalen: die gebrochenen, zehngliederigen Fühler find an ihren 3—7 letzten Gliedern zahnartig erweitert und bilden in ihrer Unbeweglichkeit gegeneinander einen Kamm. Von den beiden Laden des Unterkiefers nimmt die innere sehr allgemein, die äußere nur ausnahmsweise Hakenform an. Der gestreckte, aus fünf fast gleichen Ringen zusammengesetzte Hinterleib wird vollständig von den Flügeldecken gedeckt. Die Hüften aller Beine stehen quer, höchstens nehmen bei einigen die der Mittel beine eine mehr kugelige Gestalt an, Füße und Klauen sind immer einfach, ein zweiborstiges Anhängsel zwischen letzteren bildet aber eine sogenannte Afterklaue. Der Käferkatalog von v. Harold und Gemminger führt 529 Arten als Mitglieder der ganzen Familie auf.

Die Blatthörner, Blatthornkäfer (Lamellicoirnia, Scarabaeidae) bilden die sich unmittelbar anschließende Familie, von der man ungefähr 6600 Arten kennt, welche

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sich über alle Erdteile ausbreiten, am wenigsten in Australien, am stärksten in Afrika vertreten sind; in Europa leben davon 385. Abgesehen von diesem Reichtum, mit welchem, wie sich erwarten läßt, große Mannigfaltigkeit in der äußeren Erscheinung verbunden ist, zeichnet sich die Familie vor allen anderen durch die Größe und Schönheit der Formen wie durch Farbenpracht aus; denn sie enthält die Riesen unter den Käfern. Ferner finden wir in keiner Familie einen so gewaltigen Unterschied zwischen den zwei Geschlechtern einer und derselben Art, wie hier. Die Männchen weichen nicht nur durch Auswüchse am Kopfe oder an dem Halsschilde, oder an beiden zugleich, sondern in einzelnen Fällen in Farbe und Skulptur so wesentlich von dem anderen Geschlechte ab, daß man Bedenken tragen könnte, sie für zusammengehörig anzuerkennen, und merkwürdigerweise prägen sich diese Unterschiede am schärfsten aus bei den größten Arten, mindern sich und verschwinden fast gänzlich, je kleiner dieselben werden. Dieses Gesetz gilt nicht allein für die verschiedenen Arten, sondern auch für die verschiedenen Einzelwesen einer und derselben Art. Wie bei den Hirschkäfern, so kommen auch hier, besonders bei den riesigeren Blatthörnern, durch Verkümmerung der Larven kleinere, unentwickeltere Formen vor; gehören diese dem männlichen Geschlechte an, so werden sie insofern ihren Weibchen ähnlicher, als die Hörner, Zapfen, Leisten, Gabeln oder welcher Art sonst der sie auszeichnende Schmuck an den vorderen Körperteilen sein möge, mehr oder weniger zurücktreten und bisweilen eben nur noch angedeutet sind. Bei allen diesen Unterschieden stimmen diese Tausende von Käfern in dem Baue ihrer mittellangen Fühler überein. An jedes der 3—7 letzten, sehr kurzen Glieder setzt sich ein dünnes Blättchen, beim Männchen häufig länger als beim Weibchen, als nach vorn gerichteter Anhang an, und jedes schmiegt sich in der Ruhe dicht an das benachbarte. Auf solche Weise entsteht die sogenannte Blätterkeule. Sobald der Käfer sich zum Fluge anschickt, überhaupt lebendiger in seinen Bewegungen wird, spreizen sich jene Blättchen wie ein Fächer auseinander, und hierin liegt der wesentliche Unterschied zwischen den Blatthorn- und Kammhornkäfern. Sodann stehen die Augen zur Seite des Kopfes, werden vom Wangenrande mehr oder weniger durchsetzt, die Beine, besonders die vorderen, erweisen sich zum Graben geschickt, indem ihre Schienen breit und nach außen gezahnt sind, die Schenkel sind dick und kräftig, die Hüften walzig. Die Füße bestehen immer aus 5 Gliedern, weichen jedoch in der Klauenbildung vielfach voneinander ab. Infolge dieses Baues sind sie alle unbeholfene, sperrbeinige Fußgänger, viele von ihnen geschickte Gräber, die meisten trotz des schwerfälligen Körpers bei kräftiger Entwickelung ihrer Flügel gewandte und ausdauernde Flieger.

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