Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
vollgesogene Tiere zweiter Altersstufe und natürlich wieder von anderem Ansehen, welches nicht nur nach der Menge des aufgenommenen Blutes und dem Stande des Verdauungsprozesses, sondern selbst nach dem Wohntier abändert, findet man nicht selten, den Leib schwerfällig nachziehend, frei umherkriechend, häufiger jedoch festgesogen an Menschen und allerlei Säugetieren, besonders Hunden und Eichhörnchen, bei welch letzteren sie die Ränder der Augenlider und die Lippen am liebsten zum Ansaugen zu wählen scheinen. Die letzte Häutung, der Übergang zur Geschlechtsreife, erfolgt während der Nacht und konnte daher von Pagenstecher trotz aller Bemühungen nicht beobachtet werden.
Auf der letzten Altersstufe tritt nun zu den beiden, von der Leere oder Füllung des Darmes bedingten, auch schon den früheren Stufen eignen Formverschiedenheiten noch die des Geschlechts hinzu, indem das Männchen, welches man nie angeschwollen gesehen hat, ein anderes Aussehen darbietet, als das nüchterne und als das wohlgenährte Weibchen. Bei ihm (Fig. 6 ©. 736) wird fast der ganze Rücken von einer glänzend pechbraunen, etwas behaarten und punktgrubigen Platte bedeckt, die über die Hälfte länger ist als die des Weibchens, und die Bauchjeite zeigt Querleisten zwischen der Ge „ schlechts- und Afteröffnung; überdies unterscheidet es ein bedeutend kürzerer Rüssel vom Weibchen. Mir scheint der gerandete
Holzbod (Ixodes marginalis) Hahns, welchen man hier und da abgebildet findet, eben nur das Männchen der gemeinen Art zu sein. Das Weibchen (Fig. d) hat ein gerundetes, nach vorn etwas verengertes Rückenschild, welches den größten Teil des Leibes frei; und dehnbar läßt. Vollgesogen hat es die Geftalt von Fig. e und 5 57 f und eine vom Weiß durch das Fleischrote bis zu Braun übergehende Violettroter Holzbock Färbung. In dieser Form ist das Tier von je am meiften. aufge⸗ Gxodes reduvius) Der: fallen. Man findet die gemeine Hundszecke in beiden Geschlechtern. und im nüchternen Zustande frei schwärmend, aber bemüht, sich irgend einem Tiere oder dem Menschen anzusetzen, das Weibchen, um sich hier zu mästen, das Männchen, um sich mit jenem zu paaren. Ein erwachsenes Weibchen erreicht an einem Hunde in 9 Tagen, bei entsprechender Breite, die Länge von 11 mm und wird jo elastisch, daß es beim Herabfallen auf den Boden wie ein Gummiball in die Höhe springt. Seine Farbe pflegt am Hunde eine mit Fettglanz verbundene steingraue zu sein. Obgleich sich die Zecke unter günstigen Umständen schnell entwickelt, so wird sie doch durch ihre Lebensart zu längerem Fasten verurteilt und auf diese Weise ihre Lebensdauer durchschnittlich auf die Zeit vom Mai bis Oktober ausgedehnt.
Der violettrote Holzbock (Ixodes reduvius) welcher von Hahn in der beigegebenen Figur abgebildet und von einigen Schriftstellern mit dem vorigen verwechselt wird, lebt ganz in derselben Weise, ist aber meiner Ansicht nach gewiß davon verschieden. Ich besitze mehrere Stücke, welche ich mit kärglich genährten Weibchen der vorigen Art frei schwärmend eingesammelt habe. Das ganze Tier ist rot, an dem größeren Rückenschild und den Beinen stellenweise wie mit weißlichem Reife bedeckt und am dunkleren, vom Schilde frei gelassenen Teile in der angegebenen Art gezeichnet. Diese Zecke soll sich vorzugsweise an Schafen, aber auch an Hunden, besonders Jagdhunden, und Rindern finden.
Zecken von ähnlicher Gestalt und Größe, meist aber bunter von Farbe, besonders in verschiedenen Tinten rot mit lichteren oder dunkleren Zeichnungen, leben sehr zahlreich im südlichen Amerika und in anderen heißen Ländern, unterscheiden sich aber wesentlich von unseren heimischen Holzböcken dadurch, daß sie etwa in der Mitte der Schildseite in einer seichten Ausbuchtung als einen lichten, matten Punkt erscheinende Augen tragen. Koch vereinigte die zahlreichen Arten unter dem Gattungsnamen Amblyomma und gibt als
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Kennzeichen für das Weibchen einen fast einfarbigen, dehnbaren Leibesteil, aber ein mit weißem oder gelbem Schmelze bedecktes und dabei dunkelfarbiges Rückenschild an. Dahin gehört unter anderen die amerikanische Waldlaus (Amblyomma americanum), welche, den volkstümlichen Namen „Nigua, Tigua, Pique“ nach zu schließen, vielfach mit dem Sandfloh verwechselt worden zu sein scheint, eine der gemeinsten und bekanntesten Zecken Amerikas ist und nach Art unserer Holzböcke Menschen und Tiere plagt und namentlich den Pferden in der Weichengegend viele Schmerzen verursacht; diese lassen sich die Quälgeister daher gern von den Hühnern ablesen. Die 2,25—3 mm messende Zecke ist kurz eiförmig im Umrisse, schmutzig rotbraun von Farbe, auf der Oberfläche sehr fein punktiert und von einer Furche ringsum eingefaßt. Das Weibchen hat eine hellgelbe Schildchenspitze, welche dem Männchen fehlt. Gewiß gehören auch die beiden Arten hierher, welche Bates in der Nähe von Villa Nova in Nieder-Amazonien so zahlreich antraf. Die höher gelegenen und trockeneren Länderstriche jener Gegend sind überall sandig, und hohe grobe Gräser bilden den Saum der breiten Wege, die man durch das junge Holz geschlagen hat. Diese Stellen wimmeln von Carapätos, häßlichen Zecken, welche auf den Spitzen des Grases sitzen und sich an die Kleider der Vorbeigehenden anhängen. Bates gebrauchte täglich eine volle Stunde, um diese lästigen Tiere von seinem Körper abzulesen, wenn er von einem Ausflug zurückgekehrt war. Er unterscheidet zwei Arten, die jedoch beide in einem kurzen, dicken Rüssel und einer hornigen Körperbedeckung wie in der Lebensweise übereinstimmen. Sie setzen sich auf die Haut, versenken ihren Rüssel in dieselbe, um Blut zu saugen, und verwandeln dadurch ihren platten Körper in einen kugelrunden, jedoch gebrauchen sie mehrere Tage dazu, bis sie sich vollgesogen haben. Man fühlt weder Schmerz noch Jucken, bekommt aber durch das unvorsichtige Loslassen derselben schmerzhafte Geschwüre, weil dann der Rüssel stecken bleibt. Um sie zum Loslassen zu bewegen, betupft man sie gewöhnlich mit Tabaksaft. Sie klammern sich nicht mit den Beinen an das Fleisch fest. Beim Herumkriechen an den Grashalmen und Blättern brauchen sie nur das vorderste ihrer Fußpaare, während die übrigen ausgestreckt und immer bereit gehalten werden, ein vorbeistreifendes Opfer zu erfassen. Die kleinere Art ist gelblich und so zahlreich vorhanden, daß sie sich nicht selten dutzendweise dem Wanderer anhängt. Wenn sie sich vollgesogen hat, erreicht sie ungefähr die Größe eines Schrotkornes Nr. 8. Die größere findet sich seltener und wird so groß wie eine Erbse. Aus diesen Mitteilungen geht zur Genüge hervor, daß sich die amerikanischen Zecken durch ihre Lebensweise in nichts von unseren heimischen unterscheiden. Wieder andere, meist afrikanische, kleinasiatische, darunter aber auch einige südeuropäische Arten zeichnen sich durch glänzende, halbkugelig heraustretende Augen und eine große, dreieckige Chitinplatte für die ritzenförmigen Luftlöcher aus und sind zu der Gattung Hyalomma vereinigt worden, während noch andere durch kürzere und von der eben beschriebenen Form etwas abweichend gebildete Mundteile weitere Trennungen nötig gemacht haben.
Durch eine schildartige, nach vorn schwach verschmälerte Rückenfläche und durch einen der Bauchseite angehefteten kurzen Rüssel weichen die Saumzecken (Argas) wesentlich von den bisher besprochenen Holzböcken ab. Es gibt nur wenige Arten, von denen die so—⸗ genannte Giftwanze von Miana, „Malleh“, oder die persische Saumzecke (Argas persicus) durch fabelhafte Reiseberichte eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Nach Abzug aller in solchen Fällen vorkommenden, schon mehrfach zur Sprache gebrachten Übertreibungen bleibt als Wahrheit von dem Betragen dieser Zecke übrig, daß fie in Persien und auch in Agypten (von da liegen mir wenigstens Stücke vor) mehr oder weniger
zahlreich in den Wänden der menschlichen Wohnungen lebt und ganz nach Art der Bettwanze des Nachts die Schläfer überfällt, um sich an deren Blut zu sättigen, wobei sie eine schmerzhafte Wunde zurückläßt, am Morgen aber stets spurlos verschwunden ist. Wer sich eine Vorstellung von der Wanzenplage bei uns zu Lande machen kann, dem wird die Angabe des jüngeren Kotzebue in seiner „Reise durch Persien“ nicht unwahrscheinlich klingen, daß durch dieses Ungeziefer die ganze Einwohnerschaft aus einzelnen Dörfern vertrieben worden sei. Wenn dagegen Berichte aus Miana, wo die europäischen Gesandtschaften zu übernachten pflegten, erzählen, daß dasselbe Tier, „die Giftwanze von Miana“, nur die Fremden aufsuche und 24 Stunden nach ihrem Bisse Todesfälle eingetreten seien, so kommt wohl im letzteren Falle das dort herrschende, für Ausländer so gefährliche Faulfieber, aber nicht der Stich der Saumzecke in Betracht. Die gefürchtete Zecke hat ein etwas unheimliches Ansehen, durch welches ich wenigstens, vielleicht wegen der grubig-körnigen Oberfläche des sehr platten, in den Umrissen birnförmigen Körpers, an die häßliche Wabenkröte erinnert werde. Die ganze Rückenfläche des braunroten Körpers ist dicht mit weißen, runden Grübchen be- ı setzt, von welchen die punktför-⸗ | migen, besonders am Rande und an der hinteren Körperhälfte in Längsreihen, etwas größere, vorzugsweise der vorderen Rükkenfläche zufallende, mehr in Querreihen geordnet auftreten,
sofern überhaupt Dal e Ord⸗ Muschelförmige Saumzecke (Argas reflexus), von der Rücken- und nung die Rede sein kann. Die Bauchseite. Stark vergrößert. Augen fehlen. In dieser Beziehung sowie in Rücksicht auf Bildung der Beine und des Rüssels hat die genannte Art die größte Ahnlichkeit mit einer zweiten, welche als deutsche eine nähere Berücksichtigung verdient. |
Die muschelförmige Saumzecke (Argas reflexus), welche unsere Abbildung von der Rücken⸗ und Bauchseite vergegenwärtigt, scheint in sehr ähnlicher Weise wie die persische „Giftwanze“ zu leben. Sie hält sich in den menschlichen Wohnungen auf, am Tage versteckt inMauerritzen, und nährt sich bei Nacht vom Blute der Tauben, vorzugsweise der jungen, welche nicht selten davon zu Grunde gehen. So berichtet Latreille über diese Milbe und unabhängig von ihm ein zweiter französischer Schriftsteller, Hermann, welcher fie in seinem „Mémoire aptérologique“ (Straßburg 1808) Rhynchoprion columbae nennt und seine Verwunderung darüber ausspricht, daß fie niemand erwähnt, da fie sein Vater doch schon seit 30 Jahren als lästigen Parasiten der Tauben kenne. Bis dahin wird Frankreich und Italien als das Vaterland der muschelförmigen Saumzecke angegeben und von anderer Seite (Herrich-Schäffer) die Vermutung ausgesprochen, daß sie auch in Deutschland vorkommen könne. Diese Vermutung hat sich denn auch nach und nach für verschiedene Gegenden unseres Vaterlandes bestätigt und zwar unter höchst interessanten Nebenumständen. Zu Camen in Westfalen fand sich die Zecke, nach dem Berichte des Dr. Boschulte, zu Anfang des Jahres 1859 (und auch schon in den vorangegangenen Jahren) im oberen Teile eines massiven Hauses und zwar an den tapezierten Wänden verschiedener Zimmer, vorzugsweise einer Schlafkammer, welche den mittleren Teil eines 47**
gleichfalls massiven Turmes einnahm und mittels eines Fensters bis 1857 in naher Verbindung mit einem Taubenschlage gestanden hatte. Dem weiteren Berichte zufolge saß die Zecke an den Wänden der bezeichneten Räume, jo daß man zu jeder Tages- und Jahreszeit ohne große Mühe eine oder die andere sammeln konnte, und der Umstand, daß man Zecken von den verschiedensten Größen antraf, spricht für die gedeihliche Fortpflanzung derselben, obschon nur wenige Bewohner im Hause beisammen waren, keine Tauben in Verbindung mit demselben mehr standen und angeblich alle bemerkten Stücke getötet wurden. Eine Zecke, welche sich in der Fläche der hohlen Hand nahe dem Daumen festgesogen hatte, blieb ungefähr 27 Minuten sitzen, nahm in merklich regelmäßigen Zügen Nahrung zu sich und ließ, nachdem sie die Dicke einer kleinen Bohne erlangt hatte, freiwillig los. Im Jahre 1863 lieferte der Prediger zu Friedeburg an der Saale zwei lebende Saumzecken an das Zoologische Museum in Halle ab und durch seinen Bericht abermals den Beweis, in wie naher Beziehung die genannte Saumzecke zu den Tauben steht. Bis zum Jahre 1859 war unter dem Zimmer, in welchem sich das Ungeziefer zeigte, eine Thorfahrt, und an deren Wänden waren Taubenhöhlen gewesen. Seitdem hatte man die Thoreinfahrt in eine Stube umgewandelt und die darüberliegenden Räume zu Schlafstätten für die Kinder eingerichtet. Hier zeigten sich nun die Zecken, vereinzelt auch im unteren Zimmer. Bei Tage ließ sich nie eine blicken, weder am Körper noch an den Kleidern oder in den Betten, sondern nur des Abends an den Wänden oder an der Decke. Bei jeder Annäherung des Lichtes saßen sie fest und wurden bei der Berührung wie leblos. In diesem Betragen fand man auch das einzige Mittel, sie zu bekämpfen. Vor dem Zubettegehen wurde nämlich an den Wänden umhergeleuchtet und verbrannt, so viel sich ihrer zeigten, einige wenige, aber auch bis 18 an jedem Abend. Es sei hierbei an das früher erwähnte Mittel erinnert, sich vor den Angriffen der Bettwanzen zu schützen, welches auch in Persien gegen die dortigen Saumzecken empfohlen wird: in einem erleuchteten Zimmer zu schlafen. Nie war zu ermitteln, woher die Zecken kamen, nie eine vollgesogene zu treffen, nie eine besonders kleine, denn fie hatten durchschnittlich alle die Größe zwischen 4,5 und 6,5 mm. Die meisten Verwundungen, welche sie den schlafenden Kindern beibrachten, fanden sich an den Händen und Füßen, was darauf hindeutet, daß sie die Bettwärme nicht mit der Vorliebe unserer Wanzen aufsuchen. Die Verletzung erscheint als ein unbedeutend rotes Pünktchen ohne Hof, veranlaßt aber ein heftiges Jucken, weniger an dem Punkte selbst, als im Verlaufe der Adern. So bewirkt z. B. ein Stich zwischen den Fingern ein Jucken am ganzen Arme bis zur Schulter hinauf, ein Stich am Fuße bis zum Kreuze und Rücken hin. Durch Kratzen wird der Reiz immer heftiger und weiter verbreitet und die Umgebung der Adern entzündet, besonders bei Kindern, welche bereits mit merklicher Entzündung das Bett verlassen. Bei einem 4 — 5jährigen Mädchen traten an Hand, Handgelenk und Unterarm sogar blasige Anschwellungen hervor, gleich den Folgen von Brandwunden. Das Jucken hält unter Um: ständen 8 Tage lang an. Nach alledem dürften die Wirkungen der muschelförmigen Saumzecke für unseren gemäßigten Himmelsstrich kaum geringer sein als die der persischen für den heißeren. Im Jahre 1873 bemerkte ich an einer spanischen Wand in Eisleben eine ungemein große muschelförmige Saumzecke und erfuhr auf mein Befragen, daß diese Wand auf einem Gange ihren Aufbewahrungsort habe, unter welchem zahlreiche Taubenhöhlen angebracht waren. Außer der bereits erwähnten großen Lichtscheu sei auch einer an Trotz erinnernden Bewegungslosigkeit als auffallender Eigentümlichkeit dieser merkwürdigen Zecken gedacht. Minutenlang liegen fie da, jo daß man fie für tot halten könnte, und in Weingeist geworfen, rühren sie kein Glied bis zu ihrem Verenden, während doch sonst jedes andere Wesen seinen Körper fast verrenkt, um dem Tode durch Ertränkung zu entrinnen. Weiter sollen sie nach Chilianis Beobachtungen 26 Monate hungern können.