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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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oder weiter nach hinten meist zwischen dem dritten und vierten Beinpaar an den Seiten des Körpers. Die Geschlechtsöffnung befindet sich bei beiden Geschlechtern an der Bauchseite vor der Afteröffnung und rückt bei den Männchen manchmal bis zur Nähe des Rüssels vor. Die Milben pflanzen sich durch Eier fort, sofern diese (bei wenigen Oribatiden) nicht schon im Mutterleib zur Entwickelung gelangen. Die diesen entschlüpften Jungen häuten sich mehrere Male und weichen anfänglich nicht nur in der äußeren Gestalt, sondern oft auch in der Lebensweise von den Geschlechtstieren ab, besonders fehlt ihnen noch das spätere zweite Paar der Beine. Dieser Larvenstand, der bei manchen, namentlich den Wassermilben, verschiedene Formen, so auch eine puppenähnliche annehmen kann, und die Verschiedenheiten, welche öfter zwischen Männchen und Weibchen einer und derselben Art vorkommen, haben eine Menge von vermeintlichen Arten und Namen für dieselben geschaffen, so daß eine geraume Zeit vergehen wird, ehe der entstandene Wirrwarr in der alten Linnéschen Gattung Acarus gelöst fein wird.

Fassen wir alles Gesagte in eine allgemeine Charakteristik zusammen, so würde dieselbe dahin lauten: daß die Milben Spinnentiere mit beißenden oder saugenden Mundteilen, ungegliedertem Leibe und beinförmigem zweiten Kieferpaar find, welche meist == „„ 6252 durch Luftröhren atmen und durch unvolle = kommene Verwandlung zur Geschlechtsreife gelangen. | Die neueren Bearbeiter, welche sich noch nicht über ein System geeinigt haben, nehmen meist zwei Unterordnungen an: 1) Milben, welche durch Luftröhren atmen, Tracheata, 2) Milben, welche dieselben entbehren, Atracheata. Zu ersteren, als den vollkommener entwickelten gehören die zuerst hier zur Sprache gebrachten Familien. Die gemeine Samtmilbe, Kochenillmilbe, N das Samtkänkerchen (Trombidium holosericeum,Ka ele

J.) ist eine scharlachrote Milbe von etwas über 2,25 MM und auf einem Blatte in natürlicher Größe.

Länge, welche vom ersten Frühjahr bis gegen den August hin, namentlich nach Regen, an allerlei Pflanzen, von denen sie sich auch ernährt, sichtbar wird. Der fast birnförmige, weiche Körper ist hoch gewölbt und faltig. Der Rüssel besteht aus zwei sehr kleinen, klauenförmigen, von der Unterlippe fast ganz eingehüllten Kieferfühlern; neben diesen stehen die fünfgliederigen, schwach keulenförmigen Kiefertaster und über ihnen bewegliche gestielte Augen. Die Füße enden in zwei Krallen mit Haftlappen. Pagenstecher hat die Anatomie und die Entwickelung dieses interessanten Tierchens auf das ausführlichste bekannt gemacht, über letztere nur noch kurz folgendes: Die Ende Mai näher untersuchten Kochenillmilben ergeben sich als mit Eiern angefüllte Weibchen. Jene werden im Juni und Juli an Pflanzen, Steinen, auf der Erde in größern Partien vereinigt abgelegt, sehen anfangs orangegelb aus, werden aber bald braun und lederartig und zerfallen beim Ausschlüpfen der Jungen in zwei Hälften. Diese sind fast kugelig, mit nur sechs kurzen Beinen versehen und haben sich als die Ernte-Grasmilbe (Leptus autumnalis), die Rouget der Franzosen, zu erkennen gegeben. Als winzige rote Pünktchen hängen sie in großen Mengen an Grasstengeln, Getreidehalmen und gelangen so an die Körper von Hunden, anderer Warmblüter, vielleicht auch an Insekten, denn an solchen finden sich ungemein ähnliche Milbenlarven, wie auch an den Körper der mit der Getreideernte beschäftigten Arbeiter. Hier beißen sie sich ein, gleich den Zecken, und erzeugen heftiges

, Ka ele

Jucken, welches sich bis zu fieberhaften Erscheinungen steigern kann. Einreiben mit Baumöl oder noch sicherer mit Steinöl befreit von diesem lästigen Geziefer.

Von einer größeren Art, dem Trombidium fuliginosum, ist gleichfalls die sechsbeinige Larvenform bekannt und als Schmarotzer auf den verschiedensten Insekten, namentlich aber am Weberknecht, befunden worden. In heißen Ländern kommen bis 11 mm große Arten von ganz ähnlicher Körpertracht vor; so lebt in Guinea und Surinam die Färbermilbe, T. tinctorium, welche eine sehr brauchbare rote Farbe liefert.

Einen höchst überraschenden Anblick gewähren bisweilen die Aste, besonders aber die Stämme alter Linden, wenn sie von oben bis unten auf der Sonnenseite mit einem wie Eis glitzernden Gespinstüberzug versehen sind. Bei genauerer Betrachtung findet man Millionen gelber Milben unter diesem Sekdengewebe, welche daselbst zu überwintern beschlossen haben. Sie waren schon im Sommer vorhanden, saßen damals aber an der Unterseite der Blätter unter einem Gespinstüberzug, ernährten sich von deren Saft und lassen sich hier auf allen Entwickelungsstufen antreffen. Die Milbenspinne (Tetranychus telarius oder tiliarum oder socius), um welche es sich hier handelt, ist kaum 1,12 mm lang, orangefarben, an den Seiten des eirunden Leibes mit je einem rostgelben Fleckchen gezeichnet und fein behaart. Die Kieferfühler sind nadelförmig und stechen, die Kiefertaster kurz, mit dicken Klauen versehen. Die beiden vordersten Paare der Beine stehen von den hinteren Paaren weit ab; auch sind am vorderen Rückenteil zwei Augelchen vorhanden. Schon Linné wußte, daß diese Milbe den Treibhauspflanzen gefährlich werden kann, wie sie noch heutigestags von den Gärtnern als rote Spinne gefürchtet wird.

Diese und noch andere Arten mit klauen- oder nadelförmig endenden Kieferfühlern und zwei dicht beisammen stehenden Luftlöchern am Grunde jener nähren sich im vollkommenen Zustande von Pflanzenstoffen, viele als Larven schmarotzend bei Gliedertieren oder Warmblütern, und find zu der Familie der Lauf-, Land- oder Pflanzenmilben (Trombidiidae) zusammengefaßt worden.

Die Wassermilben (Hydrachnidae, richtiger Hydrarachnidae) stimmen hinsichtlich der Stigmenlage und der Bildung ihrer Kieferfühler mit den vorigen überein, haben aber fünfgliederige Taster und leben im Wasser, stehendem und fließendem. Ihre Lebensgeschichte ist reich an seltsamen Erscheinungen. So kommen beispielsweise mehrere Arten vor, bei denen die beiden Geschlechter in sehr verschiedenen Formen auftreten: während die Weibchen der herrschenden Kugelform treu bleiben, endigen die Männchen in einem schwanzartigen Fortsatz. Dabei zeigen alle die bereits erwähnten Hauptmerkmale nebst siebengliederigen, von vorn nach hinten am Körper an Länge zunehmenden Beinen mit eingelenkten, also beweglichen Schwimmborsten und zwei Krallen am Ende.

Nach der oft sehr sonderbaren Begattung legt das Weibchen der einen seine Eier in angebohrte Pflanzenstengel, der anderen an die Unterseite von Blättern, wo sie durch Gallerte vereinigt werden. Da, wo ein Weibchen sein Geschäft zu Ende geführt hat, fährt nicht selten ein zweites und drittes gleicher Art fort, wodurch weitverbreitete Überzüge an den Blättern zu stande kommen. Nach einigen Wochen schlüpfen die Jungen aus, nur sechsbeinig und mit einem besonders entwickelten Saugrüssel versehen, welchen sie in den Körper eines Mitbewohners ihres Wassertümpels einbohren, um als Schmarotzer an einem Käfer, einer Wanze ꝛc. oder deren Larven zu beginnen. Wenn jedoch ihre Zeit gekommen, verlassen sie den Wirt, häuten sich, wobei die Beine kürzer werden, gehen auf den Boden ihres Wasserloches und ruhen hier als Puppen. Endlich reißt die Haut zum letzten Male,

und die nun achtbeinige Milbe, deren Mundteile auf das gehörige Maß zurückgebildet find, schwimmt davon. Einige scheinen sich späterhin nochmals festzusetzen und den scheinbaren Puppenstand zu wiederholen, bis mit nochmaliger Häutung die Geschlechtsreife eintritt.

C. J. Neuman, der Bearbeiter der schwedischen Wassermilben (1880), beschreibt einige 70 Arten und verteilt dieselben auf 20 Gattungen, deren wichtigster hier gedacht sein mag. Der Name Hydrachna, Weihermilbe, ist denjenigen geblieben, welche jederseits zwei getrennte Augen, einen langen Rüssel und scherenförmige Kiefertaster, an den Beinen des hochgewölbten Körpers überdies Schwimmborsten besitzen. Die kugelige Weihermilbe (H. globosa Degeers) ist rot, kurzbeinig und 4—5 mm lang, ihre roten, fast birnförmigen Larven finden sich, oft mit denen der zweiten Art, H. geographica Mull, untermischt an den großen Schwimmkäfern, namentlich aber an den beiden Wasserskorpionwanzen Nepa cinerea und Ranatra linearis und wurden in früheren Zeiten für Eier, später als selbständige Milbengattung Achlysia angesprochen. Bei der Gattung Atax schmelzen jederseits die beiden Augen in eins zusammen, find die Oberkiefertaster nicht scherenförmig, das erste Beinpaar am stärksten und oft auch samt dem zweiten mit auf Höckern stehenden Borsten bewehrt, überdies vier getrennte Hüftplatten vorhanden. Die Arten leben in grö— ßeren Seen teils immer, teils nur im Larvenstand an den Kiemen der Najaden schmarotzend, wie beispielsweise die hier abgebildete stachelfüßige Wassermilbe, A. spinipes Mäll.; fie ist nur 1 mm lang, schmutzig rot gefärbt, ein weniger lebhafter Schwimmer, der gern mit ausgebreite- Stachelfüßige Wassermilbe (Atax spinipes) ten Beinen nahe der Oberfläche ruht. Eine zweite don der ere He Art, die dickbeinige Wassermilbe (A. crassipes Müll.), ist wenig größer, blässer in der Färbung, auf dem Rücken dunkel gefleckt und am Körperende gestutzt. Die artenreichste Gattung, Nesaea (20 Europäer), ist der vorigen nahe verwandt, hat keine Borsten an den vorderen Beinen, welche alle vier von vorn nach hinten an Länge zunehmen, die hinteren mit Schwimmhaaren ausgerüstet. Von den prächtig gefärbten Arten sei nur der scharlachroten Wassermilbe (N. coccinea Koch) gedacht. Sie ist schwarzfleckig, hochgewölbt, eiförmig, am Hinterrande beiderseits mit einem Eindruck versehen, fait 3 mm lang; die Taster sind dicker als das erste Bein: paar und lang. | Die bisher besprochenen Milbenfamilien wurden von Kramer zu der Gruppe Prostig-mata vereinigt.

Die Horn milben (Oribatidae), eine aus ungefähr 70 bekannten Arten und 12 Gattungen bestehende Familie, sind die einzigen, von denen man bisher keine Schmarotzer kennen gelernt hat, indem sie sich vorherrschend von verwesenden Pflanzenstoffen ernähren und in der Erde oder in feuchtem Moose gefunden werden. Nur von der Hoplophora arctata Rile wird behauptet, daß fie der Reblaus nachgehe. Die Familiengenossen zeichnen sich durch auffallend harte Oberhaut, scherenförmige Kieferfühler und eine Abgrenzung zwischen Kopfbruststück und Hinterleib aus. Die Luftlöcher stehen oben auf der Seite des vorderen Körperabschnittes, von je einem langen Borstenhaar überragt. Von der einen wird behauptet, daß die Weibchen lebendig gebären, von anderen, daß dies nur im Sommer

geschehe, von noch anderen, daß dies gar nicht vorkomme, sondern daß die Eier sich erst im Körper der abgestorbenen Mutter entwickelten.

Die Tiermilben (Gamasidae) haben die Luftlöcher zwischen dem dritten und vierten Hüftenpaare, stechende oder scherenförmige Kieferfühler, aus ziemlich gleichlangen Gliedern zusammengesetzte und vorgestreckte Kiefertaster, haarige Beine, die vorherrschend von gleicher Länge und Bildung, außer den Krallen noch mit einer Haftscheibe am Ende versehen sind; die Augen fehlen ihnen. Diese kleinen Milben bewohnen als Schmarotzer, mindestens als sechsbeinige Larven, andere Tiere und fallen auf mehreren unter der Erdoberfläche lebenden Insekten, auf Vögeln und Fledermäusen vorzugsweise in die Augen. Sie sitzen nicht wie die bald näher zu betrachtenden Zecken an einer Stelle während ihres Schmarotzerlebens fest, sondern laufen an den Wohn: tieren mit großer Gewandtheit umher, dabei die Taster fortwährend bewegend und wohl auch mit den Vorderbeinen tastend. Eine der häufigsten Arten ist die ge: meine Käfermilbe (Gamasus coleoptratorum), 1) Gemeine Käfermilbe (Gamasus coleoptratorum), stark vergrößert; 2) am ein ziemlich hartes, rotgelbes

Bauche eines Mistkäfers in natürlicher Größe.

Tierchen von durchschnittlich 1,12 mm Länge, welches man oft in großen Mengen an Totengräbern, Mistkäfern, Hummeln und anderen den ganzen Bauch der gequälten Insekten einnehmen sieht, besonders wenn diese längere Zeit in der Erde verweilt haben. Kirby erzählt, daß nach Beobachtungen anderer die von den Milben geplagten Hummeln in einen Ameisenhaufen gingen, daselbst kratzten und stampften, damit die Ameisen hervorkämen, über die Milben herfielen, dieselben fortschleppten und auf diese Weise die Hummel von ihren Quälgeistern befreiten. Möglicherweise ist dieser Hergang einmal beobachtet worden, eine ermattete Hummel hat in der Nähe eines Ameisennestes oder auf demselben gesessen und die Bewohner desselben haben sich über die Milben erbarmt, aber eine Gewohnheit der Hummeln, sich der Ameisen in dieser Hinsicht zu bedienen, darf schwerlich davon abgeleitet werden. Die Milbe verläßt ihren Wirt, wenn er tot ist, lebte in ihrem Jugendalter zweifelsohne in feuchter Erde und kroch erst später an einen Käfer, eine Hummel oder Biene, die in ihre unmittelbare Nähe kamen. Die Gestalt der Käfermilbe läßt sich aus unserer Abbildung ersehen, es sei nur noch darauf aufmerksam gemacht, daß die Vorderbeine am längsten, die nächsten am dicksten sind, daß durch einen Quereindruck der Hinterleib vom Kopfbruststück abgeschieden und daß die große Borste auf der Schulter beweglich ist. Es kommen noch andere Arten mit diesem letzteren Merkmal vor, während den meisten übrigen die bewegliche Schulterborste fehlt. Ganz ähnliche Milben habe ich tot und meist mit der Hinterleibsspitze durch einen kurzen Faden anhängend bei außereuropäischen Käfern unserer Sammlungen gefunden und besitze eine Fliege (der Gattung Cyrtoneura), welche mit Ausnahme des Kopfes, der Beine und der Flügel, jedoch auch an der Wurzel dieser, so dicht über und über mit einer

1) Gemeine Käfermilbe (Gamasus coleoptratorum), ſtark vergrößert; 2) am Bauche eines Miſtkäfers in natürlicher Größe.
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