Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Neuerdings hat man den Linneéschen Beinamen tarantula der Apulischen Tarantel zum Gattungsnamen erhoben und unter demselben alle Wolfsspinnen zusammengefaßt, welche in folgenden Merkmalen übereinstimmen: die vordere Kopffläche fällt steil ab und trägt verhältnismäßig hoch oben auf einer Querschwiele die vier vordersten, fast unter sich gleichen und kleinen Augen. Die Stellung aller gleicht sehr der der vorigen Gattung, nur mit dem Unterschiede, daß die hintersten einander und den vorderen beiden großen Augen etwas näher stehen als dort. Die Füße tragen eine ungezahnte Vorkralle. Meist drei helle Längsbänder auf dem Vorderleibe, dunkle, oft verwischte, einander folgende Mondfleckchen oder ein kegel- oder spindelförmiger, dunkler Längsfleck statt ihrer zwischen den ftaubig verdunkelten Seiten des Hinterleibes sowie oft ein schwarzer Bauch und meist unten am
Schienbein dunkle Halbringe bilden die charakteristischen Zeichnungen. Das Weibchen befestigt sein kleines, kugelrundes Eiersäckchen an den Spinnwarzen. Die Taranteln lieben trockene, sonnige Stellen. Die hier abgebildete Art: die Apulische Tarantel (Tarantula Apuliae, höchstwahrscheinlich Aranea tarantula Linnés), lebt nicht nur in Apulien, häufig um Neapel und Tarent, sondern auch in anderen Teilen Italiens, in Spanien und Portugal, mißt im weiblichen Geschlecht bis 37 mm, ist rehfarben, auf dem Hinterleib mit einigen schwarzen, rötlichweiß eingefaßten Querstrichen und am Bauche mit einer schwarzen Mittelbinde gezeichnet. Die lichten Stellen des schwarzen Vorderleibes haben gleichfalls eine rötliche Färbung. Diese Spinne gräbt sich an sonnigen, unbebauten Hängen ein Loch in die Erde, welches etwa 30 em tief senkrecht verläuft und nach einer kurzen Wendung in gleicher Länge sich allmählich weiter nach unten senkt. Der Tunneleingang wird durch einen Wall verwebten Grases und trockener Blätter verdeckt. Am Tage verläßt die Spinne so leicht ihr Nest nicht, sondern nur nach Sonnenuntergang legt sie sich am Eingang auf die Lauer, und mit anbrechender Nacht schweift sie in der nächsten Umgebung nach Beute umher; hat fie ein Insekt er: hascht, so schleppt sie es heim, verzehrt es in Ruhe und wirft die ungenießbaren Teile heraus, welche manchmal den Eingang umsäumen. Mehrere Schrift: steller erzählen, daß sich die Spinnen auch am Tage hervorlocken lassen, wenn man mit einem Rohrhalm in das Loch hineinblase in einer das Sum— \
men der Biene nachahmenden Männchen der Apulischen Tarantel (Tarantula Apuliae). Natürl. Größe. Weise, was die apulischen Landleute sehr gut verstehen. Vom Oktober bis zum Frühjahr findet man die Wohnung der Tarantel zum Schutze gegen die rauhe Jahreszeit mit einem Ballen von allerlei trockenen und durch Gespinstfäden verbundenen Pflanzenteilen verstopft. Die Eier schlüpfen im August und September aus; die Jungen besteigen abwechselnd den Rücken der Mutter und krabbeln daselbst umher und nehmen samt der alten Spinne während des Winters keine Nahrung zu sich. An einer solchen, welche im Februar ganz abgezehrt aufgefunden wurde, saßen nicht weniger als 291 Junge. Im wesentlichen zeigt mithin die gefürchtete Tarantel dieselben Erscheinungen wie die vielen Gattungsgenossen in jenen Gegenden, im mittleren und nördlichen Europa, und ist dem Menschen so wenig gefährlich wie diese.
Derselben Familie, wenn auch anderen Gattungen, gehört sicher ein Teil der abenteuerlichen Spinnen an, von denen uns Reisende in heißen Ländern erzählen, und die durch hornartige Höcker, blasige Auftreibungen, Auswüchse, Erweiterungen der Beine so unkenntlich geworden sind, daß ein scharfes Auge dazu gehört, um sie für Spinnen zu erklären. Die Tiere suchen auch aus ihrem maskierten Wesen die möglichsten Vorteile zu ziehen: als unförmliche Klumpen zusammengekauert, liegen sie in einem Astwinkel, in einer Spalte der Rinde oder an einem ähnlichen Orte auf der Lauer, bis die Beute arglos in
ihren Bereich kommt. Dann aber überrascht ihre Beweglichkeit und Gewandtheit um so mehr, als der formlose Klumpen nichts weniger als ein lebendiges Wesen vermuten ließ.
Der Mangel der Kralle an den weiblichen Tastern und der Vorklaue an den Füßen, deren wahre Klauen schlank und kurz gekämmt, die äußeren bisweilen sogar zahnlos und mit Büscheln federartiger Haare versehen sind, das Springvermögen und die eigentümlichen Größenverhältnisse der Augen charakterisieren die letzte Familie, welche man unter dem Namen der Spring- oder Tigerspinnen (Saltigradae, Attidae) zusammengefaßt hat. Die vier Augen der vorderen Reihe, besonders die beiden mittelsten, sind sehr groß, die äußeren Vorderaugen und die hintersten Scheitelaugen in Größe und mit wenig Ausnahmen (Salticus) auch in den gegenseitigen Abständen einander gleich, während sich die fast geradlinig zwischen jenen stehenden Seitenaugen durch besondere Kleinheit auszeichnen. Die Beine sind stark und erreichen ihre bedeutendste Länge im hintersten Paare. Die mehr kleinen, nicht sela 8 5 ren ten zierlich bunt gezeichneten X | Spinnen bauen an Pflanzen oder Steinen ein seidenes Nest in Gestalt eines eiförmigen oder runden Sackes, in welchem die Weibchen ihre Eier aufbewahren. Schon in den ersten Verchen1 aaallg. u neeee Jide g gan,,Frühlingstageneeerscheint an wänden, Fenstern 2c. die Harlekins-Hüpfspinne (Salticus [Epiblemum] scenicus). Suchend spaziert fie hin und her, nach einer Fliege, einem Mücklein ausschauend. Hat fie ein Opfer erspäht, so schleicht sie unter Umständen noch etwas näher heran und sitzt demselben mit einem Sprunge, dabei einen ihr Herabfallen sichernden Faden hinter sich ziehend, auf dem Rücken. Ein, zwei Bisse machen die überraschte Fliege schnell widerstandsunfähig; nun steigt die Spinne herunter, hält jene vor sich und saugt sie aus, wobei sie, vorsichtig jeder ihr nahenden Störung ausweichend, sich bald rechts, bald links wendet, ein Stück fortläuft, je nachdem es die Verhältnisse ihr gebieten. Die Bewegungen dieser Spinnen haben teilweise etwas höchst Komisches; und wer ihnen einige Aufmerksamkeit schenkt, wird Schlauheit und einen förmlichen Angriffsplan, um sich einer Mücke zu bemächtigen, kaum verkennen. So kann beispielsweise die hölzerne Handhabe einer Freitreppe, eines Geländers den Schauplatz für das Treiben der Spinne abgeben. An der Sonnenseite setzen sich Fliegen und andere Insekten gern an, auf der entgegengesetzten Seite lauert aber schon eine Hüpfspinne, als wenn sie es wüßte, daß für sie hier ein guter Fangplatz sei. Von ihrem Standpunkt kriecht sie über die Handhabe hinweg, um gerade oben über der Fliege, die sie jenseits weiß, zu erscheinen und vom höheren Standpunkt aus auf sie den Sprung zu unternehmen. Sie hat aber die Richtung verfehlt, kommt vor oder hinter dem Schlachtopfer auf der Höhe an; unvermerkt stiehlt sie sich wieder hinab, sucht den Fehler gut zu machen und erscheint jetzt, genau der Fliege gegenüber, abermals auf der Oberseite der Handhabe. Die Fliege wandelt aber sorglos ihren Pfad und beginnt soeben von neuem damit. In gleichem Ab: stand marschiert die Spinne neben ihr, dreht sich wie jene, und man sollte meinen, beide
würden von einem Willen beseelt. Auch fliegt jene einmal auf und läßt sich hinter der Spinne wieder nieder. Mit Blitzesschnelle kehrt sich diese gleichfalls um, damit sie ihr Opfer nicht aus den Augen verliere. Bei solchem Gebaren, solcher Ausdauer kommt endlich auch meist der richtige Augenblick, in welchem der. Sprung mit unfehlbarem Erfolge ausgeführt werden kann.
Im Mai und Juni haben die nur 5,16 mm langen Männchen reife Taster, welche samt den Klauenfühlern auffällig weit vorragen. Das hübsche Tierchen ändert in den Zeichnungen etwas ab; für gewöhnlich ist der ovale, nach hinten verschmälerte Vorderleib auf schwarzem Grunde durch Härchen in einem breiten Seitenstreifen, in dem Gesicht bis hinter die Vorderaugen und dahinter in einem Gabelfleck, welcher sich auch kreuzförmig erweitern kann, rein weiß gezeichnet. Der lang eiförmige, auf dem Rücken samtbraun oder schwarz erglänzende Hinterleib führt vier weiße Bogenzeichnungen, deren beide mittlere unterbrochen sind und eher Schrägstreifen gleichen, nicht selten außerdem kleine gelbliche Winkelzeichnungen zwischen ihnen. Am Bauche herrscht die grauweiße, an der weißhaarigen Brust die schwarze, an den mitten auf den Schenkeln weiß beschuppten Beinen eine bräun: liche Farbe vor. Das Weibchen übertrifft das Männchen um 2,25 mm in der Körperlänge. Weil die Ferse des ersten Beinpaares unten stachellos bleibt, ist unsere Art als Gattung Epiblemum neuerdings abgeschieden.
Man hat neuerdings die frühere Gattung Salticus nach feinen Unterschieden, welche vorherrschend die Augenstellung betreffen, in mehrere geteilt und nur den wenigen Arten den Namen belassen, bei denen das von den Augen begrenzte Rückenfeld länger als breit ist, während es bei den meisten anderen unserer heimatlichen Tigerspinnen, wie auch aus der beigegebenen Abbildung ersichtlich, ein quergestelltes Rechteck bildet. Wenn bei unserer Art und einigen nächst verwandten die vorderen Mittelaugen kaum um ein Viertel ihres Durchmessers über dem Rande der niedrigen Stirn stehen, so beträgt die Entfernung kaum die Hälfte des Durchmessers bei Attus, genau die Hälfte bei Dendryphantes und drei Viertel oder darüber bei der Gattung Euophrys. — Durch besondere Schönheit ihrer Arten zeichnet sich die im südlichen und seltener schon im mittleren Europa vertretene Gattung Eresus aus, welche man an dem gedrungenen Körperbau, dem fast viereckigen Hinterleib, an den kurzen, dicken Beinen und der von der bisherigen wesentlich abweichenden Augenstellung erkennt, indem nämlich die äußeren Augen der vordersten Reihe weit von der mittleren wegrücken und nebst den beiden sehr nahe zusammengetretenen der folgenden Reihe die bedeutendste Größe erlangen. Die fast 10 mm messende karminrote Springspinne (Eresus cinaberinus oder quatuorguttatus) gehört zu den schönsten Spinnen Eu: ropas. Sie ist samtschwarz, auf dem Rücken des Hinterleibes brennend karminrot und mit vier schwarzen, in ein Quadrat gestellten Punkten gezeichnet, die vorderen Beine sind weiß geringelt, die hinteren bis zur Mitte scharlachrot. Obgleich Italien nebst den übrigen südlichen Ländern als das Vaterland dieses schönen Tierchens angegeben wird, hat es H. Morin mehrmals auf dem Oberhausberg bei Passau unter Steinen gefangen, habe ich dasselbe auch bei Halle gefunden und aus der Nachbarschaft erhalten, und zwar unter Verhältnissen, welche darauf hinweisen, daß es die sonnigen Porphyrfelsen der Saalufer bewohnt. — Bedeutend größere Springspinnen von der Körpertracht unserer heimischen Arten, aber auch beinahe wie Ameisen gestaltete, kommen zahlreich in den heißen Ländern beider Erdhälften vor.
Dritte Ordnung.
Die Milben (Acarina).
So ziemlich der übrige Rest der Spinnentiere ist dem Namen nach als Milben und Zecken zwar allgemein, jedoch nur in sehr vereinzelten Formen seiner äußeren Erscheinung nach gekannt und selbst von den wissenschaftlichen Forschern in Hinsicht auf die Lebensweise zur Zeit noch ungemein lückenhaft beobachtet worden, so daß sich gerade hier ein ebenso schwieriges, wie nach den bisherigen Entdeckungen höchst interessantes Gebiet erschließt, welchem wir an dieser Stelle nicht hinreichende Würdigung angedeihen lassen können. Die Milben bilden eine überaus reiche, in ihren Gestalten sehr mannigfache und in ihren Lebensverhältnissen bedeutungsvolle Welt meist mikroskopischer Spinnentiere. Nur wenige von ihnen erreichen eine solche Größe, daß fie von dem ungeübten Auge als Einzelwesen bemerkt werden; viele erscheinen jedoch durch das Zusammenleben ungeheurer Mengen als formlose, sich bewegende Klumpen, als staubiger Überzug der verschiedensten Pflanzenstoffe, zumal solcher, welche als Nahrungsmittel oder zu gewerblichen Zwecken aufgespeichert werden. Es sei nur an die Käsemilbe und daran erinnert, daß der weiße Überzug der gebackenen Pflaumen nicht immer aus Zucker, sondern manchmal aus Millionen von winzigen Milben besteht. Verdienen sie darum schon mit Recht unsere volle Aufmerksamkeit, so noch in weit höherem Maße wenigstens alle diejenigen, welche als Schmarotzer an Menschen und Tieren leben und nicht selten die Veranlassung zu schmerzhaften und Ekel erregenden Krankheiten werden.
Abgesehen von der geringeren Größe, unterscheiden sich die Milben von den eigentlichen Spinnen dem äußeren Ansehen nach leicht durch den ungegliederten Körper. Ihr Kopfbruststück verschmilzt mit dem Hinterleib vollkommen, wenn nicht in einigen Fällen eine Querfurche auf dem Rücken die gegenseitige Begrenzung andeutet. Am vorderen Rückenende stehen zwei, seltener vier einfache Augen, häufig fehlen dieselben aber auch gänzlich. Der den Körper vorn mehr oder weniger überragende, für einen Kopf gelten könnende Abschnitt, der sogenannte „Schnabel“, sind die Mundteile. Je nach der Lebensweise sind dieselben verschiedenartig gebildet, zum Beißen oder Stechen und Saugen. Die Kieferfühler kommen in drei verschiedenen Formen vor, als Klauen, Scheren oder als stilettartige, einziehbare Stechborsten, welche sich in einem von der Unterlippe gebildeten Saugrüssel bewegen. Die Kiefertaster können klauen- oder scherenförmig sein. Die meist wohlentwickelten Beine laufen vorherrschend in zwei Klauen aus, zwischen welchen Haftlappen oder auch gestielte Saugnäpfe vorkommen können. — Der Darm der Milben verläuft vom Munde in gerader Richtung nach der auf der Bauchseite nach vorn gerückten Afteröffnung, tritt jedoch bei den wenigsten Arten als kurzes einfaches Rohr auf, sondern in den meisten Fällen entsendet der Magen jederseits drei blinddarmartige Ausstülpungen, welche durch Teilung und Richtung mancherlei Verschiedenheiten zeigen. Da, wo besondere Atmungswerkzeuge vorhanden sind, pflegen sie sich büschelförmig von dem in das Luftloch mündenden Hauptstamm auszubreiten und nicht weiter zu verästeln. Die Zahl der Luftlöcher beschränkt sich auf zwei, deren Lage sehr verschieden sein kann: dicht beisammen an der Wurzel der Außenfühler