Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die übrigen zahlreichen, auf mehrere Gattungen verteilten Sackspinnen leben meist versteckt unter Steinen, Moos, in Mauerritzen, Felsspalten und hinter Rindenstücken altersschwacher Bäume. Hier besonders fallen den Hemdenknöpfen ähnliche, in der Mitte etwas gewölbte, ringsum flach gerandete, weißseidene Körperchen auf; es sind die platt an die Innenseite der Rinde oder an den entrindeten Stamm, aber auch an zusammengerollte Blätter angeklebten Eiernestchen mehrerer Arten dieser Sippe. Als eine der gemeinsten findet sich an den genannten Verstecken in unseren Gärten, nicht selten auch in Häusern, die
Atlasspinne (Clubiona holoserica). Sie fertigt einen Sack, gleich ausgezeichnet durch Feinheit, Silberglanz und Durchsichtigkeit, schlüpft aus dessen Offnung scheu und erschreckt, wenn eine unerwartete Störung kommt, beispielsweise ein Unbefugter das Rindenstück losreißt, hinter welchem sie sich sicher fühlte, und bringt in dem Bereiche jenes ihre knopfförmigen Eiernestchen an. Zur Paarungszeit halten sich beide Geschlechter in einem Sacke auf, der durch eine gesponnene Scheidewand in zwei Wohnungen, ein oberes und
Atlasspinne. Kellerspinne. LT.
unteres Stockwerk, geteilt worden ist. Gegen Ende Juni legt das Weibchen 50— 60 Eier, und so lebhaft es vorher war, so bereit, davonzulaufen und sich zur Erde zu stürzen, wenn es gestört wurde, so wenig läßt es sich jetzt dazu bestimmen, die Keime seiner Nachkommenschaft zu verlassen, sondern es zieht sich bei herannahender Gefahr höchstens in den Hintergrund seiner Wohnung zurück, verläßt sie aber nicht. Zu anderen Zeiten schweifen die Atlasspinnen gern umher und suchen mit Vorliebe die Nester anderer Spinnen auf, um deren Eier zu fressen. Ein gelblichweißes, die hornbraune Grundfarbe des lang ovalen Kopfbruststückes, die rotbraune des ebenso gestalteten Hinterleibes bedeckendes Schuppenkleid, grünlichweiße und durchscheinende, an der Spitze schwärzliche Beine und schwarze Mundteile machen unsere im weiblichen Geschlechte 6,5—11 mm, im männlichen höchstens 8:s mm messende Art kenntlich. Die Gattung aber charakterisieren acht weit voneinander stehende Augen, deren vordere Reihe fast eine gerade, die hintere eine schwach nach hinten gebogene Linie bildet, mit bedeutend weiter voneinander gerückten Augen; die Seitenaugen stehen um Augenbreite voneinander ab. Die Spinnwarzen haben gleiche Länge, die Füße
Kellerspinne (Segestria senoculata), Männchen und Weibchen; in der Mitte die Augenstellung von vorn. Alles vergrößert.
keine Vorklaue, die Unterlippe eine fast linienförmige Gestalt und die Kieferfühler in der Mitte eine starke Einschnürung.
Die Röhrenspinnen (Dysteridae) weben unter Steinen, in Ritzen, Rohrstengeln ꝛc. Röhren von dichter Seide und zeichnen sich durch nur sechs Augen, einen walzigen, auf kurzen, aber starken Beinen ruhenden Körper und eine einzähnige Vorklaue aus, die weiblichen Taster überdies durch eine ungezähnte Kralle. Sie bilden die dritte Sippe der Sackspinnen (Tubitelariae, Drassidae), welche Nester in den bereits vorgeführten Formen. bauen, acht, in selteneren Fällen nur sechs, meist in zwei Reihen gestellte Augen und nicht immer mit Vorklaue versehene Beine haben, von denen die beiden mittleren Paare stets die kürzeren sind. Die Glieder dieser, neuerdings von Simon um 40, die Mittelmeerländer bewohnende Arten vermehrten Sippe erkennt man leicht an den angeführten Merkmalen, besonders an den sechs Augen, welche bei der Gattung Segestria von fast gleicher Größe zu vier in einer kaum nach hinten gebogenen Reihe vorn stehen, während die beiden oberen die weiter nach außen gerückten Seitenaugen bilden, welche von ihren anderen Nachbarn nicht weiter wegrücken als diese von den Stirnaugen; bei Dysdera dagegen ordnen fie sich jo, daß man zwei größere Stirnaugen, zwei etwas näher gerückte, bedeutend kleinere Scheitelaugen und jederseits mitten zwischen ihnen ein Seitenauge unterscheiden kann, welches natürlich weiter nach der Seite rückt und die Größe eines Stirnauges hat. Eine der verbreitetsten und gemeinsten
Arten ist die Kellerspinne (Segestria senoculata), die unter Steinen, Baumrinde, Moos, in Mauerlöchern und Strohdächern lebt, und zwar in einer mäßig langen, weißen,
beiderseits offenen Röhre, an deren Mündung sie mehrere Fäden nach allen Richtungen zieht, als Stein des Anstoßes für herannahende Insekten. Am Eingang dieser Röhre hält sie Wacht, die sechs vorderen Beine nach vorn gerichtet und dem Körper angedrückt. Das in den Fangfäden erscheinende Schlachtopfer wird sogleich erfaßt und nach hinten in die Röhre mitgenommen. Die Spinne zeigt sich in ihren Angriffen kühn und gewandt: denn sie wagt sich an Kerfe, die ihr an Größe und Kraft überlegen sind, und nimmt es selbst mit einer Wespe auf, die von den meisten anderen Spinnen gefürchtet wird. Mitte Sommers kriechen die Jungen aus dem ziemlich kugeligen Eiersäckchen aus und halten sich anfangs im Neste der Mutter auf. Die fast 10—11 mm messende Kellerspinne zeichnet sich durch einen gestreckten Körper aus. Der langeiförmige, pechbraun glänzende Vorderleib ist fast doppelt so lang wie breit, vorn und hinten abgestutzt, den walzigen, bräunlichgelben Hinterleib ziert ein Haarkleid und auf dem Rücken eine dunkelbraune Zeichnung, bestehend aus einer Längsreihe von 6 oder 7 nach hinten kleiner werdenden Flecken, welche ein Mittelstreifen miteinander verbindet. Die Seiten, der Bauch und die Brust erscheinen durch dunkelbraune Fleckchen gesprenkelt, die Schienen und Fersen mit zwei, die Spitzen der Schenkel mit einem schwarzen Ringe umgürtet. Diese Art fand Walfenaer sehr unempfindlich gegen die Kälte, denn er traf im Januar 1830 eine Spinne in bereits sehr lebhaften Bewegungen hinter Baumrinde an, obgleich der Wärmemesser seit 8 Tagen 14 Grad unter Null zeigte. Derselbe behauptet übrigens auch, daß hier, wie bei der Wasserspinne, das Männchen größer sei als das Weibchen, was von anderen Seiten nicht bestätigt wird. — Zur nächsten Verwandtschaft gehört eine auf Cuba unter Steinen lebende, als Nops Guana-bacoae beschriebene Spinne, welche durch das Vorhandensein von nur zwei Augen eine merkwürdige Abweichung vom Urbilde der Spinnen liefert.
Eine beträchtliche Anzahl von Spinnen, die besonders in Nordamerika und Europa leben, ohne den übrigen Erdteilen gänzlich zu fehlen, zeichnen sich durch ihr Betragen und den meist plattgedrückten Körper vor allen anderen aus. Sie sind als Krabbenspinnen (Laterigradae, Thomisidae) zu einer Familie vereinigt worden und darum so genannt, weil sie eine nicht zu verkennende Ahnlichkeit mit den kurz geschwänzten Krebsen, den Krabben, haben; dieselben strecken nämlich ihre Beine, von denen die beiden hintersten Paare gegen die vorderen an Länge auffallend zurückbleiben, weit von sich, drücken sie samt dem flachen Leibe fest an ihre Unterlage an und gleiten mit gleicher Leichtigkeit vor-, rückund seitwärts dahin, wie es ihnen eben passen will. Man trifft sie an Baumstämmen, Blättern, besonders aber an fleißig besuchten Blumen an, wo sie auf Beute lauern. Sie schleichen gern gegen den Kopf des zum Opfer ausersehenen Insektes, packen ihn hinten im Genick und lähmen oder töten jenes durch ihren Biß. Oft prallen sie erst zurück, um die Wirkungen ihres Anfalles abzuwarten, und schreiten dann zum Aussaugen, wenn jene die gewünschten waren. Gewöhnlich ziehen sie nur einzelne Fäden, um sich an denselben herabzulassen oder sonst ihre Wege zu regeln. Zu der Zeit des Eierlegens wohnen manche Arten zwischen zusammengezogenen Blättern, in Blütenständen der Dolden, der Schafgarbe und anderer Pflanzen, die sie inwendig mit einem mehr oder weniger dichten Gewebe auskleiden, andere suchen sich wieder andere geschützte Plätzchen unter Steinen oder hinter Baumrinde, um ihre platten oder runden Eiersäckchen daselbst abzulegen und mit der gewohnten mütterlichen Zärtlichkeit zu bewachen. Die an Baumstämmen lauernden Krabben: spinnen unterscheiden sich hinsichtlich der Körperfärbung kaum von diesen, und die grünliche Krabbenspinne (Thomisus oder Sparassus virescens), von weißgrüner
Farbe, drückt sich fest in den Blütenstrauß der Schafgarbe, so daß die harmlos ab- und zufliegenden Insekten in vielen Fällen keine Ahnung von dem Verderben haben können.
Die acht Augen der Krabbenspinnen stehen vorherrschend in zwei Bogenlinien, welche einen nach hinten offenen Halbmond einschließen. Nach der wenig veränderten Stellung dieser, nach dem gegenseitigen Größenverhältnis der Beine, nach dem Vorhandensein oder Mangel der Vorklaue und im letzteren Falle, ob federartige Haarbüschel an der Unterseite der Fußspitzen vorkommen oder nicht, sowie endlich nach der Gestaltung des Hinterleibes hat man die Krabbenspinnen neuerdings auf zahlreiche Gattungen und Untergattungen verteilt, von denen Thomisus obenan steht. Statt aller sei hier der umherschweifenden
Krabbenspinne (Thomisus oder Xysticus viaticus) gedacht, die wegen ihrer Färbung und Zeichnung, welche hier wie bei anderen Arten nicht beständig sind, von den verschiedenen Schriftstellern immer wieder für eine andere Art gehalten und daher mit vielen
Umherschweifende Krabbenspinne (Thomisus viaticus), im Hintergrunde Fäden schießend und an ihnen fliegend; im Vordergrunde Männchen, Weibchen und Augenstellung von der Hinteransicht. Alles vergrößert.
Namen belegt worden ist. Sie trägt sich gelblichbraun, in einer Gabelzeichnung und an jedem Seitenrande des Vorderleibes am hellsten; eine lichtere, von vorn nach hinten allmählich erweiterte, jederseits dreimal ausgezackte Zeichnung läuft über den Rücken des Hinterleibes, dessen weißliche Seiten von braunen, hinter dem Rückenfelde bogenförmig nach oben gerichteten Schrägstrichen durchzogen werden. Die gelben Beine tragen beim Weibchen alle oberwärts braune Flecke und Punkte, besonders die vorderen, beim Männchen sind die vier vorderen von der Wurzel bis zu den Knieen rostbraun oder schwärzlich, dann gelb und ungefleckt wie die folgenden; das Männchen, kaum 4,5 mm lang, ist im allgemeinen dunkler und greller gezeichnet als das reichlich 7 mm messende, im Hinterleibe bedeutend breitere Weibchen. Den Beinen, von denen das vorderste Paar am längsten, das dritte am kürzesten ist, jedoch bis zur Schienenspitze des zweiten Paares reicht, fehlt eine Vorklaue, wie auch jedes Federhaarbüschel statt ihrer; die Zähne der Fußkrallen sind gekrümmt, die der Tasterkralle in Mehrzahl vorhanden; die vorderen Augen bilden einen kaum bemerkbaren Bogen und die vier mittelsten, zugleich auch kleinsten, ein Quadrat. Die umherschweifende Krabbenspinne findet sich von Schweden an durch ganz Europa bis nach Agypten und ist wegen der nicht eben langen Beine in ihren Bewegungen eher träge als lebhaft zu nennen. Sie hält sich gern zwischen Blättern auf, welche sie mit einigen losen Fäden umspinnt und im Mai oder Anfang Juni auch zum Ablegen der Eier benutzt. Diese werden vom Weibchen in ein pralles, abgerundetes Säckchen eingeschlossen und mit solchem Eifer bewacht, daß es
sich selbst durch Berührung nicht wegtreiben läßt. Die Entwickelung der Jungen scheint sehr ungleichmäßig von statten zu gehen. Im Herbst sieht man sie in verschiedenen Größen und unter denjenigen, welche an Fäden die Luft durchschiffen.
Die Erscheinung der Herbstfäden, des fliegenden Sommers, der Marienfäden (fils de la Vierge), ist längst bekannt, aber vielfach falsch beurteilt worden. Tausend und abermals tausend Fäden glänzen in der herbstlichen Sonne wie Silber und Edelsteine über den Stoppelfeldern und Wiesen, in Gebüsch und Hecken, hängen als lange Fahnen an Bäumen und anderen hervorragenden Gegenständen, und ziehen in weißen Flocken durch die unbewegte Luft, sich scharf gegen den tiefblauen Himmel abgrenzend. Nur besonders schöne Witterung bringt diese Erscheinung mit sich, und ist sie einmal eingetreten, so darf man mit ziemlicher Gewißheit auf Dauer der ersteren rechnen. Darum hat man diese Anzeigen einiger im vorgerückten Alter des Jahres erscheinenden, in gewisser Hinsicht den Sommer an Anmut übertreffenden Tage nicht unpassend und ohne anzüglich sein zu wollen auch „Altenweibersommer“ genannt. Daß jene Fäden von Spinnen herrühren, weiß jedes Kind, und niemand wird sie mehr für Ausdünstungen von Pflanzen halten, wie in vergangenen, weniger aufgeklärten Zeiten geschehen ist. Wie aber kommt es, wird man mit Recht fragen, daß gerade zu dieser späten Jahreszeit die Spinnen in so auffälliger Weise alles bespinnen und warum nicht früher, warum nicht dann, wenn man in allen Winkeln, zwischen Gebüsch und Gras den verschiedenartigen Spinnenweben begegnet? Dem aufmerksamen Beobachter kann nicht entgehen, daß jene Nester ganz anderer Natur sind als die Herbstfäden. Jene, mögen sie eine Form haben, welche sie wollen, stammen von den als ansässig bezeichneten Spinnen und dienen als Fangnetze für deren Nahrung. Die in Rede stehenden Herbstfäden bezeichnen nur die Straße, welche das Heer der Spinnen und Spinnchen wanderte, und haben keineswegs den Zweck, Insekten zu fangen, weil die Verfertiger derselben überhaupt nur umherschweifen und keine Nester bauen. Diese Spinnen fallen jetzt erst auf, weil sie zu dieser Zeit so weit herangewachsen sind, um sich mehr zu zerstreuen und nun allmählich ihre Winterquartiere aufzusuchen, und machen sich nur bei schönem Wetter durch ihre Fäden bemerklich, weil keine der ganzen Ordnung bei ungünstigem Wetter spinnt. War der Sommer für ihre Entwickelung besonders geeignet, so werden sie im Oktober, welcher immer noch einige warme und sonnige Tage zu bringen pflegt, auch vorzugsweise auffallen, denn sie sind in größeren Mengen vorhanden als in anderen Jahren, deren Witterung ihr Gedeihen weniger förderte.