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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Hinterleib und fuhr mit diesem hin und her, bis ein Samentröpflein, kleiner als der Knopf einer feinen Insektennadel, auf dem Rande des Steges sichtbar wurde. Hierauf begab es sich unter den Steg und tupfte abwechselnd mit den beiden Kolben der Taster (Samenüberträger) auf das Tröpfchen, bis die an den Enden jener befindlichen Häkchen es aufgenommen hatten. Merkwürdig war hierbei die Sicherheit, mit der es das Tröpfchen immer traf, ohne es bei seiner Stellung sehen zu können. Der Hinterleib befand sich während des ganzen Herganges in einiger Bewegung, die jedoch keineswegs die Aufregung verriet, mit welcher nachher, Brust gegen Brust und Bauch gegen Bauch gewendet, die Haken in die Scheide des Weibchens eingeführt werden. Ehe es jedoch hierzu kommt, finden bisweilen heftige Kämpfe auf Leben und Tod zwischen zwei Männchen statt. Im Juni legt das Weibchen gegen 100 Eier in ein flach gewölbtes Nest unter Baumrinde oder in einen geschützten Winkel anderer Beschaffenheit, überspinnt dasselbe mit lockeren

Nestchen ablagernd, vergrößert. 4) Weberknecht (Opilio parietinus). Natürliche Größe.

Fäden und bewacht es mit der den Spinnen eignen Mutterliebe. Im Juli schlüpfen die Jungen aus. Die in Rede stehende Art gleicht in ihrer Körpertracht ungefähr der auf Seite 706 abgebildeten Strickerspinne, ist aber kleiner, nur reichlich 5—7 mm lang und setzt in der Ruhe ihre Beine nicht in der jener eigentümlichen Weise. Der Vorderleib ist braun, an den Seiten dunkler gerändert, der Hinterleib auf weißem Grunde mit einem länglichen, braunen, dunkler und gekerbt eingefaßten Schilde verziert, am Bauche dunkelbraun und viermal weiß gefleckt. Die gelblichen Beine sind an Schenkel und Schienen und an den Hinterfüßen doppelt, an den Enden der Kniee und übrigen Fußglieder einfach schwarzbraun geringelt. Stirn- und Seitenaugen, alle gleich groß, bilden, zu zwei und zwei einander genähert, eine sanft nach vorn gebogene Linie, während die etwas größeren, im Vergleich zu den Stirnaugen entfernter voneinander stehenden Scheitelaugen mit den hintersten Seitenaugen beinahe in gerader Linie stehen.

Die bekränzte Webspinne (Theridium redimitum) gehört zu den kleineren, höchstens 5,16 mm langen, feisten Spinnchen, welche sich an allerlei niederen Pflanzen oder Buschwerk aufhalten, mit einigen unregelmäßig gezogenen Fäden ein paar Blätter zufammen-spinnen, um hier zu erhaschen, was an kleinem Geziefer hängen bleibt. In der abgebildeten Weise befestigt die Mutter das kugelrunde, bläuliche Eiersäckchen an ein Blatt und hält daneben Wache, bis die Jungen ausgeschlüpft sind, und die wenigen Tage nachher, während welcher sie noch beisammen bleiben. Das Männchen bewohnt in der Paarungszeit mit dem

Neſtchen ablagernd, vergrößert. 4) Weberknecht (Opilio parietinus). Natürliche Größe.

Weibchen friedlich ein und dasselbe Nest. Diese zierliche Spinne ändert ungemein in Färbung und Zeichnung ab und hat daher mehrere Namen bekommen. In zarter Jugend ist sie fast weiß und durchscheinend, mit Ausnahme des schwarzgefleckten Hinterleibsrückens, aber Ende Juni, im Juli und August findet man an derselben Stelle durchaus blaßgelbe Spinnen (Theridium lineatum) oder solche, die auf dem Hinterleib mit einem rosenroten Kreise (T. redimitum) oder einem ovalen Flecke statt des kreisförmigen (T. ovatum) verziert sind, oder endlich auch solche, bei denen die rote Zeichnung nicht vollständig, sondern durch einen grünen Schein ergänzt ist. Überdies kommen Männchen mit einem roten, von zwei gelben Querlinien geteilten Eifleck auf dem Rücken des Hinterleibes vor. Abgesehen von diesen Verschiedenheiten erscheinen bei der gelblichweißen Grundfarbe des Körpers die Ränder des Vorderleibes nebst einer Mittellinie, 6 Paare runder Pünktchen auf dem Hinterleib, die Spitzen der Taster und der Schienbeine schwarz; auf der gelben Brust stehen wie auf dem Rücken drei schwarze Streifen und um den After vier weiße Pünktchen auf schwarzem Grunde. Die Stellung der Augen erinnert an die der Kreuzspinne, mit dem Unterschiede, daß die vier gleichen mittleren die Ecken eines Quadrats bilden. Alle Theridien verraten in ihren Bewegungen mehr Trägheit als die meisten anderen Spinnen und lassen sich leicht ergreifen. Von den zahlreichen Familiengenossen sei nur noch der berüchtigten Malmignatte (Latrodectus tredecimguttatus) des südlichen Europa gedacht. Die zierliche Spinne wurde seit 1786 in Toscana allgemeiner bekannt und vorzüglich im August wegen ihres „giftigen“ Bisses gefürchtet. In Spanien fiel sie erst seit 1830 auf, weil sie damals in Katalonien in großer Menge erschien, 1833 abermals und dann wieder 1841, merkwürdigerweise in denselben Jahren, welche sich durch Heuschreckenfraß ein trauriges Andenken gestiftet hatten. Entschieden ist auch das, was Pallas (1778) über die Solpuge, Galeodes araneoides, berichtet, auf die Malmignatte zu beziehen, welche in Rußland vorkommt und bei den Kirgisen Kara Kurt, d. h. schwarzer Wolf, in anderen Gegenden auch „schwarze Witwe“ genannt wird, eine Bezeichnung, welche auf ein gelb aussehendes Tier, wie der Galeodes, schwerlich Anwendung finden kann. Daß die Malmignatte in allen ihren Teilen, selbst inden Beinen und den unentwidelten Eiern giftig ist, hat Kobert durch angestellte Versuche nachgewiesen. Im Jahre 1839 wurden von dieser Spinne an der unteren Wolga 7000 Rinder getötet; in manchen Gegenden gehen 33 Prozent aller Kamele daran zu Grunde. Ebenso liegen aus Spanien, Italien und Rußland Nachrichten vor über Todesfälle von Menschen infolge des Bisses der Malmignatte. Der gemeine Mann jener Gegenden gibt bald diese, bald jene Spinne für die Malmignatte aus. Diejenige, welche unter den Forschern als solche gilt, ist 13 mm lang, pechschwarz gefärbt und am kugeligen, nach hinten etwas zugespitzten Hinterleib mit 13 blutroten Flecken von verschiedener Größe und Gestalt gezeichnet, von denen zwei dem Bauche angehören. Die unter sich gleichen Augen des kleinen Vorderleibes stehen in zwei geraden Linien, die äußeren dem Rande sehr nahe und die Stirnaugen einander näher als die Scheitelaugen. Die Malmignatte hält sich zwischen Steinen oder in Vertiefungen des Erdbodens auf, über welche sie einzelne Fangfäden ausspannt, und stürzt in ungezügelter Kühnheit über die sich darin verwickelnden Kerfe her, welche infolge des schnell wirkenden Giftes leicht bewältigt werden, selbst wenn sie die Spinne an Größe bedeutend übertreffen. Es gilt dies besonders von den Heuschrecken, deren sie viele vertilgt. Das Weibchen umspinnt seine zahlreichen, oft mehr als 200 Eier mit einem kugeligen, nach der einen Seite etwas spitz ausgezogenen, sehr festen Gehäuse von hellkaffeebrauner Farbe und 13 mm Durchmesser. Die Eier find nicht aneinander ge klebt, aber auch nicht frei, sondern durch unsichtbare Fäden verbunden; denn wenn man an einem derselben zieht, so folgen andere gleich den Perlen auf einer Schnur nach. Totti

meint, daß ein Weibchen drei Gehäuse bereite, das erste mit 400, das letzte mit 100 Eiern, so daß sich die Gesamtzahl dieser auf mehr als 700 beliefe, was allerdings ein Beweis von großer Fruchtbarkeit sein würde, über welche man sich el) bei reichlicher Heuschreckenkost eben nicht zu wundern brauche.

Die in den Winkeln von Ställen, Scheunen, Kirchen und überhaupt von allen nicht öfter dem Werke der Reinigung unterworfenen Räumlichkeiten der Häuser ausgespannten dreieckigen Spinnengewebe, welche meist von darin abgelagertem Staube schwarz aussehen, kennt jedermann zur Genüge. Die verschiedenen Namen, wie Hausspinne, Fensterspinne, Winkelspinne (Tegenaria domestica), welche ihre Erbauerin führt, deuten

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Hausspinne (Tegenaria domestica): a Männchen und darunter in Vergrößerung die Augenftellung in der Vorderansicht

b Weibchen. Beide in natürlicher Größe.

auf deren Aufenthalt hin. Sie breitet sich nicht nur über ganz Europa, sondern auch über das nördliche Afrika aus, überwintert bei uns im Jugendalter und ist durchschnittlich im Juni, das Männchen bei einer Länge von 11 mm, das Weibchen von 17—19,5 mm, er= wachsen. Die ockergelbe Grundfarbe des Körpers erscheint durch braune Zeichnungen gescheckt. Am Vorderleibe sind der Rand und ein Mittelstreifen des durch einen Quereindruck vom Rücken abgeschiedenen Kopfteiles, Strahlenlinien und jederseits drei Mondflecke auf diesem dunkler, am Hinterleib eine Mittellinie rostrot oder braungelb, eine Fleckenreihe jederseits daneben gelb, und dicht gedrängte Schrägstriche an den Seiten braun. Die ockergelben Beine, deren drittes Paar kürzer als die fast gleich langen übrigen ist, sind mit gezackten, dunkeln Ringen geziert. Daß die oberen Spinnwarzen wie zwei Schwänzchen den ovalen Hinterleib überragen, und wie die Augen sich gruppieren, erhellt aus der obigen Abbildung. Will die Spinne ihr Nest anlegen, jo drückt fie das Spinnfeld ihres Leibes ein paar Zoll von der Ecke entfernt gegen die Wand, spaziert im Winkel nach der anderen Wand und befestigt hier etwa in demselben Abstande den straff angezogenen Faden; er wird als der äußerste und wichtigste verdoppelt und verdreifacht, und durch fortwährendes Hin- und Hergehen auf den Fäden entstehen dicht daneben bis nach dem Winkel hin gleichlaufende, immer kürzer werdende, die alle in derselben Weise wie der erste an den beiden Wänden ihre Anheftungspunkte erhalten. Zu diesem „Zettel“ fügt die Spinne durch Querfäden den

Hausſpinne (Tegenaria domestica): a Männchen und darunter in Vergrößerung die Augenftellung in der Vorderanſicht b Weibchen. Beide in natürlicher Größe.

„Einschlag“, und das in der Mitte etwas eingesenkte Fangnetz ist fertig, aber der ganze Bau noch nicht vollendet. Für sich selbst webt fie nun noch hinten im Winkel ein beider: seits offenes Rohr, an welchem wie an einem kurzen Stiele der zuerst angelegte dreieckige Zipfel sitzt. Da sie am liebsten solche Stellen wählt, wo Löcher und Risse in der Mauer vorkommen, so mündet das Rohr in eine solche Vertiefung, in welche sich die Spinne bei herannahender Gefahr zurückzieht. Vorn in dieser Röhre lauert sie auf die Beute, ergreift sofort die ins Netz geratene Fliege oder Mücke, schleppt fie mit sich und verzehrt fie gemächlich in ihrem Hinterhalt.

Es wurde bereits oben bemerkt, daß jede Spinne mit ihrem Spinnstoff sparsam sein müsse, weil seine Erzeugung von ihrer Ernährung abhängt und eine verhungerte weniger besitzt als eine feiste, wohlgenährte; darum wird sie also auch nicht arbeiten, wenn Sturm und Regen ihre Arbeit sofort wieder zerstören könnten und unnütz erscheinen ließen. Hieraus folgt weiter, daß ihr die Natur ein feines Vorgefühl für das Wetter verliehen haben müsse. Daher hat man die Spinnen als Wetterpropheten bezeichnet und nach ihrer Thätigkeit oder Ruhe, ihrem Hervorkommen oder Zurückziehen und ihrer Stellung im Neste überhaupt, nach der größeren oder geringeren Menge der Grundfäden bei Anlage desselben, nach dem Baue neuer oder der Vergrößerung schon fertiger Gewebe und dergleichen besondere Regeln für die mutmaßliche Witterung aufgestellt. Jedenfalls sind die Spinnen gegen Anderung im Gleichgewicht der Luft, gegen Anderungen in den Strömungen derselben empfindlich und zeigen diesen Wechsel, mit welchem sich sehr häufig auch das Wetter ändert, auf 6—8 Stunden vor dem wirklichen Eintritt an. Vorzugsweise haben sich die angestellten Beobachtungen auf die Kreuzspinne und die eben besprochene Art bezogen. Zerreißt die Kreuzspinne die Grundfäden ihres Rades nach einer bestimmten Richtung hin und verbirgt sich dann, kriechen die Hausspinnen oder Trichterspinnen ꝛc. tief in ihre Röhre und drehen die Hinterleibsspitze nach einer bestimmten Seite: dann ist auf bald eintretenden heftigen Wind aus jener Gegend zu rechnen. Befestigt erstere aber die Fäden des Rahmens wieder und nimmt eine wartende Stellung ein, kommen letztere mit vorwärts gerichtetem Kopfende zum Eingang der Röhre und strecken die Beine, wie zum Fange gerüstet, daraus hervor: so kann man die Rückkehr des Ruhestandes in der Atmosphäre annehmen. Von mancher Seite war den Spinnen eine zu übertriebene Prophetengabe beigelegt worden, weshalb man sie ihnen von anderer Seite gänzlich absprach. Da geschah es im Jahre 1794, daß sich ihr alter Ruhm, der schon verloren zu gehen schien, durch folgenden Vorfall von neuem befestigte. Der Führer der französischen Revolutionsarmee, Pichegru, war der Überzeugung, daß gegen das unter Wasser gesetzte Holland nichts auszurichten sei, und bereits im Begriffe, unverrichteter Sache umzukehren. In dieser bedenklichen Lage ließ ihm der von den Holländern gefangen gehaltene Generaladjutant Duatremere d'Jsjonval aus dem Gefängnis zu Utrecht die Nachricht zukommen, daß die Spinnen ihm eine binnen 10 Tagen sicher eintretende Kälte prophezeiten. Pichegru harrte aus, die Kälte trat ein, und unaufhaltsam drang die Armee auf dem Eise nach Amsterdam vor. Der befreite Verkündiger der wichtigen Kundgebungen seitens der Spinnen aber wurde im Triumph nach Paris geführt.

Entschieden war es eine Hausspinne oder eine ihr verwandte Art, welche der unglüd-liche Christian II. von Dänemark im Kerker zähmte, wie sie umgekehrt nicht wenig dazu beitrug, die Leidenschaften des Tyrannen zu zügeln. Sie kannte seine Stimme und kam stets herbei, wenn er fie lockte und etwas für fie hatte. Wer ist nun wohl verabscheuungswürdiger, diese Spinne, welche einem Unglücklichen noch einiges Vergnügen bereiten kann, oder der Kerkermeister, von welchem berichtet wird, daß er sie getötet habe, nachdem er ihre Freundschaft mit dem Gefangenen entdeckt hatte? Als der König alt und schwach geworden war und nichts mehr als den Tod wünschte, behandelte man ihn schonender. Oft

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