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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Der Bau ist fertig, und wenngleich die Strahlen nicht wie mit dem Zirkel abgemessen erscheinen, und die Kreise auch noch in anderer Hinsicht als durch die stumpfen Verbindungsecken mit jenen von der mathematischen Genauigkeit der Zirkellinie abweichen, so ist er doch nicht minder bewunderungswürdig und ein redender Zeuge von dem außergewöhnlichen

Kunsttriebe der Baumeisterin. Wenn nicht „Baumeister“ gesagt wurde, so geschah dies nur, weil die Spinne gemeint ist, gleichviel, ob Männchen oder Weibchen; denn dieser Bau gilt nicht der Brutpflege, die nur dem letzteren anheimfallen würde, sondern der Erhaltung des eignen Lebens, woran hier ein für allemal erinnert sein mag. Mitten in ihrem Gewebe, welches vorzugsweise nach einem sanften Regen in einem Tage oder in einer Nacht vollendet zu werden pflegt, sitzt nun die Kreuzspinne mit nach unten gerichtetem Kopfe; paßt es ihr besser, so hat sie sich an dem einen Ende desselben unter einem Blatte oder an einem sonst geschützten Plätzchen häuslich niedergelassen, welches aber stets durch einige straffe Fäden, gleichsam den Telegraphendrähten, welche sie durch jede Erschütterung die Ankunft einer Beute sofort wissen lassen, mit dem Mittelpunkt in Verbindung steht. Jetzt zucken sie, weil eine Fliege so unglücklich war, gegen das Netz anzurennen und sich bei ihrem Zappeln nach Freiheit immer mehr zu verwickeln. Die in ihrer Ruhe hierdurch gern sich stören lassende Spinne stürzt aus ihrem Hinterhalt hervor, aber stoßweise, weil sie immer vorsichtig, nie blind in ihrem Eifer zu Werke geht, und gelangt schnell bis zur Mitte. Von hier begibt sie sich nach der Stelle, wo die Fliege gewaltig strampelt und summt, aber schon anfängt zu ermatten, und versetzt ihr einen Biß, welcher sie schnell zu vollkommener Ruhe bringt. Je nach den Umständen verfährt sie in verschiedener Weise. Bei starkem Hunger geht sie sofort an die Mahlzeit, oder sie legt ein breites Band von Fäden um die Fliege und läßt sie, gleich einem Püppchen, zunächst hängen, oder sie beißt diesen eingewickelten Leckerbissen ab, trägt ihn in ihren Winkel, um ihn daselbst in aller Muße zu verspeisen, d. h. zusammenzukauen und mit Speichel vermischt aufzusaugen. Daher finden sich in den Auswürfen Chitinstückchen von einer Größe, welche den Durchgang durch den Schlund gestattet. Man hat auch beobachtet, daß die Spinne, wenn sie eine Wespe oder ein anderes ihr nicht zusagendes Wesen in ihrem Netze gewahr wird, diesem durch Abbeißen einiger Fäden selbst zum Entkommen verhilft. Sehr kleine Mückchen, welche manchmal in großen Mengen das Netz über und über dunkel färben und die klebende Kraft desselben bedeutend verringern, liefern ihr nicht nur zu wenig Nährstoff, sondern nötigen sie sogar, den Bau zu verlassen und einen anderen anzulegen. Sie hat keine dienstbaren Geister wie einige westindische Kreuzspinnen, in deren Nestern Darwin häufig kleinere Spinnchen antraf, von denen er vermutet, daß sie sich von denjenigen Gefangenen ernähren, welche der Eigentümerin des Baues zu unansehnlich erscheinen. Daß die Kreuzspinne ein zerrissenes Netz ausbessere, wird von dem einen Beobachter behauptet, vom anderen geleugnet; es geschieht sicher, wenn die Spinne wegen reichlichen Anfluges von Insekten keine Veranlassung hat, den alten Standort zu verlassen.

Die Verschiedenheit im Betragen der Kreuzspinne bei der Anlage eines Nestrahmens, bei der Behandlung der Beute und deren Genuß, erstreckt sich auch auf die Art, wie sie einer Gefahr begegnet. Das gewöhnliche Mittel, derselben zu entgehen, besteht im Herablassen an einem Faden, an welchem sie in der Luft hängen bleibt, wenn sie dies für ausreichend hält, oder auf die Erde fällt und sich hier tot stellt, um nachher wieder ruhig hinauf zu klettern. Ich habe auch schon bemerkt, daß sie an einem breiten Bande zur Erde fällt und schleunigst davon läuft. Dieses letztere Mittel scheint sie besonders dann anzuwenden, wenn die Störung vollkommen unerwartet kam, wenn beispielsweise ein kräftiger Stoß an den Ast erfolgt, auf welchem sie sorglos in ihrem Hinterhalt ruhte. Höchst wahrscheinlich gehört auch zu ihren Sicherungsmitteln das sonderbare Benehmen, wenn sie mitten im Neste sitzt. Was Darwin bei einer brasilischen Spinne beobachtete, können wir auch bei unserer Kreuzspinne sehen: fest sitzen bleibend, fängt sie an zu schwingen und versetzt dadurch das ganze Gewebe in eine so heftig zitternde Bewegung von vorn nach hinten, daß ihr Körper dem Auge des Beobachters fast entschwindet.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 45

Im Herbste sind die Kreuzspinnen, unter denen in einer spinnenreichen Gegend auf 10—15 Weibchen ein Männchen gerechnet werden kann, erwachsen und zur Begattung geneigt. Ratzeburg war am 15. September Zeuge dieses Herganges und berichtet über denselben im wesentlichen Folgendes. Es war bei schönem Wetter um die Mittagsstunde, als auf einem Holzplatz im Walde ein Spinnenpärchen sein Spiel begann; das Weibchen kam von Zeit zu Zeit aus der Mitte seines Gewebes langsam herab, dem Männchen entgegen, welches ehrerbietig an dem einen Ende des Netzes wartete und sich nie nach dem Mittelpunkt hinwagte. Dann hing sich das Weibchen mit dem Rücken nach unten, den Kopf nach vorn gerichtet und zog die Beine an den Leib, als wenn es tot wäre. Das Männchen that sogleich einige Schritte vorwärts, und zwar mit herabhängendem Rücken, also in der Lage, in welcher sich auch das Weibchen befand, und betastete und umfaßte dieses von unten her mit seinen langen Beinen. Nachdem dieses Spiel, offenbar eine Liebkosung, etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, sprang das Männchen dem Weibchen plötzlich auf die Brust, wobei natürlich sein Rücken wieder nach oben kam, hielt seinen Hinterleib hoch empor und griff mit den Tasterspitzen in die weibliche Scheide. Nachdem dies fast eine halbe Minute gedauert haben mochte, sprang es herunter und zog sich vollkommen zurück, während das Weibchen sich langsam wieder nach seiner Warte inmitten des Netzes begab. Eine Viertelstunde später nahm es seine frühere Stellung wieder ein, und sofort war auch das Männchen wieder bei ihm. Das Betasten nahm seinen Anfang wie vorher, auch that das Männchen abermals einige Sprünge nach der Brust des Weibchens, prallte aber jedesmal wieder zurück. Nachdem das Spiel wohl eine Stunde getrieben worden war, ging das Weibchen auf seinen früheren n 2 Standpunkt zurück und das Männchen in sein be⸗ Mündenderuche dnl bel ne nachbartes Nest, wo es am Nachmittag und auch

Augenstellung von hintenher gesehen. noch am anderen Morgen müßig hing. Ratzeburg nennt es ein „fremdes“ Nest, weil er fälschlich annimmt, daß das Männchen nicht baue, sondern sich „ledig umhertreibe“. Menges Bericht über den gleichen Gegenstand weicht in Nebenumständen wieder etwas von dem oben gegebenen ab, so daß also auch in dem Begattungsakte wie in dem übrigen Betragen keine feste Regel zu gelten scheint. Im Spätherbst werden die gelben Eier mit ihrem festen Säckchen an einem geschützten Orte zur Überwinterung aufgehängt, und der Hinterleib des Weibchens fällt darauf in dem Maße zusammen, daß man es kaum wieder erkennt. Ehe der Winter kommt, ist es hingewelkt. Die unter Baumrinde oder Moss fortlebenden ge: meinen Kreuzspinnen, die sich nur selten finden, gehören unerwachsenen Spätlingen an.

Von Epeira gibt es noch hübsche und ebenso große Arten in Europa, andere, meist kleinere, sind neuerdings unter anderen Gattungen untergebracht, welche sich durch wenig abweichende Stellung der Augen und andere Merkmale unterscheiden.

Die gestreckte Strickerspinne (Tetragnatha extensa) zeichnet sich unter den Radspinnen durch manche Eigentümlichkeit aus, von denen der langgestreckte Hinterleib, die sehr langen Beine, deren beide vordersten Paare in der Ruhe ebenso gerade nach vorn

ausgestreckt und nebeneinander gelegt werden wie die beiden letzten nach hinten, sowie die weit vorgestreckten Kieferfühler am meisten auffallen. Die unter sich gleichen acht Augen stehen in zwei geraden Reihen je zwei und zwei hintereinander und in gleichen Abständen. Die im ausgewachsenen Zustande 15— 19,5 mm lange Spinne ist an den Beinen und am Vorderleib rötlichgelb, am Hinterleib meist gelblichweiß, an den Seiten silberweiß gefärbt und oben mit einem rotbraunen, von dunkleren, eingekerbten Rändern umschlossenen, blattartigen Rückenfelde verziert. Sie fertigt zwischen Rohrstengeln, Binsen oder Gräsern, an Sümpfen, Lachen, überhaupt an feuchten Stellen ein senkrechtes Rad, in dessen Mitte oder Nähe, an einen Binsenhalm platt angedrückt und in der oben abgebildeten Stellung, sie auf Beute lauert. Will man sie ergreifen, so läuft sie mit Blitzesschnelle davon und versteckt sich unter Blättern. Gleiche Raschheit, gepaart mit Kühnheit, zeigt sie beim Erfassen

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Zangenartige Dornspinne (Gasteracantha arcuata). Natürliche Größe.

der Beute, welche sie nie einspinnt. Um die Mitte des Sommers sind die Strickerspinnen erwachsen. Bei der Begattung befindet sich das kleinere Männchen mit abgewandter Hinterleibsspitze unter dem Weibchen, welches die seinige etwas nach unten biegt; Brust gegen Brust gewendet führt jenes seine gestreckten Tasterspitzen in die Bauchspalte, verrät aber keine Furcht vor dem Weibchen, im Gegenteil eine gewisse Zudringlichkeit. Die Eier werden in ein halbkugeliges Nestchen gelegt, in flockiges Gewebe eingehüllt, an einen Stengel gehängt und entlassen noch im Laufe des Jahres die Jungen. Diese fliegen mitunter an Herbstfäden durch die Luft und verkriechen sich mit Beginn des Winters gern in die Röhren der Schilfstoppeln. Unsere Art wurde auch auf Sumatra gesammelt.

In den wärmeren Gegenden beider Erdhälften, auch noch in Ohio, leben zahlreiche Arten höchst eigentümlicher Radspinnen, von welchen die der Gattung Gasteracantha (Dornleiber) die verbreitetsten sein möchten. Ihr Hinterleib, mehr breit als lang, erscheint nämlich von oben als gedrückte, mit gereihten Narbeneindrücken versehene Chitinplatte, welche nicht selten durch kürzere oder längere Stacheln am Rande einen bedrohlichen Anstrich bekommt. Die Beine sind verhältnismäßig kurz und die Augen im wesentlichen so gestellt wie bei unserer Kreuzspinne, nur mit dem Unterschiede, daß nicht die Stirn-, sondern die Scheitelaugen etwas weiter auseinander treten. Je nach den Umrissen und der Bewehrung des Hinterleibes kommen die verschiedensten Gestalten zum Vorschein, von denen 45*

Zangenartige Dornſpinne (Gasteracantha arcuata). Natürliche Größe.

die umstehend abgebildete zangenartige Dornspinne (Gasteracantha arcuata) noch nicht zu den sonderbarsten gehört. Ihre Form bedarf keiner weiteren Erörterung, bemerkt sei nur, daß das Spinnfeld als stumpfer Zapfen mitten an der Unterseite des querwulstigen Bauches hervortritt, und daß die langen, zangenartig gekrümmten Mitteldornen bei den verschiedenen Einzelwesen nicht denselben Grad der Krümmung erreichen, wie bei dem um: stehend abgebildeten. Das hübsche Tier ist hell blutrot gefärbt, am vorderen, behaarten Körperteil und am Spinnzapfen glänzend schwarz, während die Narbenflecke auf dem Hinterleibsrücken und die sechs Dornen, deren erstes und letztes Paar als kurze Stachelspitzen auftreten, mit ihrer gleichfalls schwarzen Färbung einen eigentümlichen Schimmer in Rot verbinden. Die Art lebt auf Java und scheint daselbst sehr gemein zu sein, wenigstens befanden sich unter einer Sendung, welche vor Jahren das zoologische Museum zu Halle von dort erhielt, zahlreiche Stücke. eR7i 5

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Die Webspinnen im engeren Sinne (Theridiidae) fertigen im Gebüsch oder zwischen 3- Gras entweder ein wagerechtes, deckenartiges Gewebe, dessen Fäden ohne bestimmte Ordnung nach allen Seiten hin laufen, ein Nest, unter welchem zur Paarungszeit Männchen E und Weibchen gesellig, außerhalb dieser aber einzeln wohnen, oder ziehen einzelne Fäden nach Länge und Breite, Höhe und Tiefe, dergleichen auch bloß hinter sich her, wenn sie laufen, Awia ohne ein eigentliches Nest zu spinnen (Pachygnatha). Diejenigen aber, welche reichlicher weben, legen bisweilen unter dem Baldachin noch ein kleines, wagerechtes Radnetz an, daneben e im Sommer wohl auch noch ein glockenförmiges Brutnetz, in welchem das Weibchen ein oder einige Eierhäufchen bewacht. Alle diese Spinnen pflegen, den Rücken nach unten gewandt, mit den Beinen an ihrem Netze zu hängen und in dieser Stellung auf Beute zu r lauern, jo daß also der eben gebrauchte Ausdruck, „sie wohnen unter ihrem Neste“, voll: kommen gerechtfertigt erscheint. Von den acht ungleichen Augen stehen die vier mittleren in einem Quadrat, aber die Stirnaugen näher bei einander als die Scheitelaugen, während das Seitenpaar sich fast berührt. Der Hinterleib ist bei den meisten hochgewölbt, beinahe kugelförmig, das vorderste Paar der langen und dünnen Beine immer das längste, ihm schließt sich das vierte, diesem das zweite und endlich das dritte als kürzestes an.

Die Berg-Webspinne oder Baldachinspinne (Linyphia montana) lebt sowohl r in ebenen als in bergigen Gegenden und legt ihr Netz in Gärten an Bretterzäunen oder alten Häusern, in hohlen Weiden,im Walde lieber zwischen Heidekraut oder anderem niederen Gestrüpp als im Gebüsch an. Es besteht aus einer wagerecht ausgebreiteten Decke, über welcher sich zahlreiche schräge Fangfäden nach allen Richtungen ausspannen; unter ersterer pflegt die Spinne zu sitzen, d. h. mit dem Rücken nach unten zu hängen, und sich in einen Zaunwinkel oder an einen Pflanzenstengel zurückzuziehen, wenn sie beunruhigt wird. Hat sich nun ein Insekt in den Fäden verwickelt und gelangt am Ende derselben auf die dichtere Decke, so stürzt die Spinne unter derselben hervor und fällt über die Beute her, verfolgt sie aber nicht bis über die Grenzen der Wohnung hinaus, falls dieser das Entweichen glücken sollte. Die erhaschte Beute wird ausgesogen, nicht zerkaut. An günstigen Fangplätzen breiten sich oft zahlreiche Nester über eine Fläche aus oder liegen in Stockwerken übereinander und gewähren, vom Morgentau beperlt, einen prächtigen Anblick. Gerade bei dieser Art wurde die Begattung von älteren und neueren Forschern wiederholt beobachtet und von Menge die Vorbereitung dazu seitens des Männchens geschildert. Es war am 14. Mai 1856, als ein solches über den Baldachin eben ein kleines dreieckiges Gewebe, einem Stege vergleichbar, angefertigt hatte. Auf diesen Steg legte es sich mit dem

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