Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
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erzählte er dann mit Thränen der Rührung von der Freundschaft seiner Spinne, von dem Troste, welchen ihre Nähe ihm gebracht, von ihrer Anhänglichkeit und Klugheit und von dem verzweiflungsvollen Schmerze, den der gefühllose Kerkermeister durch ihre Tötung über ihn gebracht habe. Man hat die Gewebe und besonders die leicht zugänglichen der Hausspinnen auch zu medizinischen Zwecken benutzt. Werden dieselben auf einem Rohrstuhl oder Drahtsieb gründlich ausgeklopft und vom Staube gereinigt, mit einem Wiegemesser fein zerschnitten, mit Butter vermengt auf Brot gestrichen und in bestimmten Zwischenzeiten genossen, so sollen sie treffliche Dienste gegen Wechselfieber leisten. Bekannter ist die blutstillende Wirkung der auf Wunden gelegten, natürlich gleichfalls erst vom Staube befreiten Spinnengewebe. Auch hat man versucht, sie gleich den Seidenfäden zu verarbeiten; jedoch wird dieser Rohstoff, welcher von einem Raubtier stammt, nie in solchen Mengen zu beschaffen sein, um Vorteil aus dem Industriezweig erzielen zu können.
Die gemeine Labyrinthspinne (Agelena labyrinthica) vertritt für offene Waldplätze, Wiesen und sonnige Bergabhänge, die mit niederen Pflanzen und Gestrüpp bewachsen sind, in ihrer Lebensweise die Hausspinne. Sie ist noch etwas kräftiger gebaut als diese (13—22 mm lang), von derselben Gestalt, am graugelben Vorderleib mit zwei schwarzbraunen Längsstreifen gezeichnet, die nach den Seitenaugen hin spitz auslaufen. Über den grau und schwarz gemischten Hinterleib zieht ein Mittelstreifen graurötlicher Haare, welcher in einen orangenen Fleck über den heraustretenden Spinnwarzen endet, und an welchen sich seitlich 5—6 von Punkten ausgehende, geschwungene, schräg nach vorn gerichtete Streifen von gleichfalls graurötlicher Behaarung anschließen. Die Hüften und Schenkel sind gelb, die übrigen Glieder der Beine rotgelb, an den Spitzen rotbraun, sonst ungefleckt. Die ziemlich gleich großen Augen ordnen sich wie bei der vorigen Art, nur treten die Scheitelaugen weiter zurück und näher aneinander, fast so nahe wie die Stirnaugen. Weil das Endglied der oberen Spinnwarzen fast doppelt so lang wie das voraufgehende Glied und emporgerichtet ist, so erscheint das Schwänzchen sehr entwickelt. Das Endglied der männlichen Taster ist kurz und dick, nicht länger als das dritte Glied, während es bei Tegenaria beinahe anderthalbmal länger ist. Die Spinne legt unter Kräutern und niedrigem Buschwerk, an freien und sonnigen Stellen, wie bereits erwähnt, ein wagerechtes Gewebe als Hängematte an und läßt es in eine walzige, beiderseits offene, mehrfach gekrümmte Röhre, welche ihre Warte bildet, auslaufen. Dieselbe wird von oben her mit trockenen Blättern verwebt, um einigen Schutz gegen Regen und die brennenden Sonnenstrahlen zu gewähren. Bei schönem Wetter durchläuft die Labyrinthspinne öfters die Grenzen ihres Baues, dessen weiter Rand durch mehr als 30 em lange Fäden mit der Umgebung verbunden ist. Sie zeigt sich inihren Bewegungen ungemein flink und gierig nach Beute. Ihr Nest verläßt sie so leicht nicht, sondern flickt es immer wieder aus, sobald es an einer Stelle Schaden erlitten hat. Im Juli und August erfolgt die Paarung und zwar in derjenigen Röhre, in welcher sich das Weibchen aufhält. Dieses legt hierauf eine verhältnismäßig geringe Anzahl (60— 70) großer Eier in einen aus mehreren Schichten bestehenden Schlauch, dessen Außenseite mit Erdklümpchen und Pflanzenüberresten aus der Umgebung verwebt ist. Derselbe wird in der Nähe des Nestes aufgehängt und von der Mutter sorgsam überwacht. — Die Spinne hat eine weite Verbreitung; denn man findet sie in England, Schweden, Deutschland, Frankreich, Ungarn und sicher auch in Rußland. In ersterem Lande soll nach Listers Beobachtungen die Begattung schon im Mai erfolgen und die junge Brut, durch dichte Fäden geschützt, in Mauerlöchern und hinter Baumrinde überwintern, während nach den in Frankreich und Deutschland angestellten Beobachtungen sich die Eier in dieser Lage befinden.
Die beiden genannten und noch einige verwandte Gattungen hat man unter dem gemeinsamen Erkennungszeichen, daß die Afterklaue mit 8—5 Zähnen bewehrt ist, als Sippe der Trichterspinnen (Agelenidae) in der Familie der Sackspinnen zusammengefaßt. Eine zweite Sippe derselben Familie bilden die Sackspinnen (Drassidae) im engeren Sinne des Wortes. Ihr Vorder- und Hinterleib sind walzig oder länglich eiförmig, die neu Beine kurz, den Füßen fehlt meist die Afterklaue, die walzigen Spinnwarzen sind entweder gleichgroß, oder die unteren treten weiter heraus, die acht Augen verteilen sich in verschiedener Weise oben auf dem Bruststücke, an dem sich der Kopf viel undeutlicher absondert als bei den vorhergehenden Arten.
Kein einziges Glied der ganzen Sippe bietet durch seine Lebensweise jo viele interessante Eigentümlichkeiten, wie die gemeine Wasserspinne (Argyroneta aquatica), ein in seiner äußeren Erscheinung nichts weniger als ausgezeichnetes Tier. Weil bei ihr
Gemeine Wasserspinne (Argyroneta aquatica), etwas vergrößert, und zwei Nester derselben.
noch eine mehrzähnige Vorklaue an den Füßen vorhanden und der hochgewölbte Vorderteil, der schon vorher in ungenauer Ausdrucksweise als Kopf bezeichnet wurde, von dem übrigen Rücken durch eine Querfurche getrennt ist, hat man sie auch wohl mit den Trichterspinnen vereinigt; in Ansehung der übrigen Merkmale aber paßt sie besser hierher. Gegen die bei den meisten übrigen Spinnen geltende Regel übertrifft das kräftigere, 15 mm messende Männchen das reichlich 12 mm lange Weibchen. Von den 8 unter sich gleichgroßen Augen stehen die 4 vorderen in einem flachen, nach vorn gerichteten, die übrigen in einem nach hinten gewölbten Bogen, welche sich beide, außer in der Richtung, noch dadurch unterscheiden, daß im vorderen die einzelnen Augen nur etwa um die halbe Länge ihres Durchmessers, im hinteren dagegen reichlich um den ganzen Durchmesser voneinander abstehen, während die Mittelaugen auf einer polsterartigen Erhöhung, die Seitenaugen auf einem schiefen Hügelchen ruhen. Die beiden, dem kleinen Kolben voraufgehenden walzigen Glieder der männlichen Taster erreichen mehr als die doppelte Länge im Vergleiche zu ihrer Breite. Bei beiden Geschlechtern zieht der fast nackte, roströtliche Vorderleib an den Seiten und hinten in Braun, um die Stirn in Schwarzbraun und ist vorn durch drei schwarze Längslinien, auf dem Rücken durch gleichfarbige Strahlen gezeichnet. Den olivenbraunen Hinterleib überzieht ein zarter Reif weißgrauer Samthaare, auf dem zwei Reihen eingedrückter Punkte in die Augen fallen. Dergleichen finden sich nicht selten
auch bei anderen Spinnen und markieren die Anheftungsstellen für ebenso viele mitten durch den Leib bis nach dem Bauche gehende Muskelfäden. Die Beine endlich sind mit Ausschluß der lichteren Schenkel und Hüften olivenbraun.
Die eben beschriebene Spinne lebt fast beständig im Wasser und atmet durch Lungensäcke und Luftröhren zugleich, durch diese im Vorderleib, wie es scheint, durch jene in der hinteren Körperhälfte. Die Luftröhren entspringen aus kurzen, hinter den Lungen gelegenen Stämmen pinselförmig und verzweigen sich nicht wieder. Im äußeren Ansehen leicht mit anderen Spinnenarten (Clubiona atrox, Drassus brunneus, sericeus und anderen) zu verwechseln, unterscheidet sich die Wasserspinne durch ihre Lebensweise doch wesentlich von diesen allen. Sie wählt stehende oder nur sanft dahinfließende Gewässer, welche reich an Milben und kleinen Insekten, an Meerlinsen und verschiedenen anderen Wasserpflanzen sind, zu ihrem Aufenthaltsort, schwimmt hier umher, baut hier ihr Nest und begattet sich auch daselbst. Sie kann indes auf kürzere Zeit außerhalb ihres Elementes leben; denn Geoffroy sah, wie eine und die andere bei Verfolgung des Raubes herauskam, den ergriffenen aber mit sich hinab nahm, und Walfenaer beobachtete bei einer Gelegenheit eine Häutung über dem Wasser. Die schwimmende Spinne bietet einen überraschenden Anblick, indem eine dünne Luftschicht ihren Hinterleib umgibt, welche wie eine Quecksilberblase (daher die „Silberumflossene“) erglänzt und die Gegenwart der ihrer Kleinheit wegen sonst zu übersehenden jungen Tierchen verrät. Diese Luftschicht wird nicht bloß von dem Samtüberzuge, welcher das Naßwerden der Haut verhindert, fest gehalten, sondern überdies noch durch eine Art Firnis vom umgebenden Wasser getrennt. Bemerkt man Wasserspinnen ohne dieses silberne Luftkleid, so kann man darauf rechnen, daß sie krank sind. | Wenn unsere kleine Taucherin ein Nest bauen will, jo kommt sie an die Oberfläche des Wassers und reckt, auf dem Kopfe stehend oder den Bauch nach oben gerichtet, die Spitze ihres Hinterleibes aus jenem hervor und in die Luft, breitet die Spinnwarzen auseinander und huscht schnell wieder in das Wasser. Auf diese Weise nimmt sie unabhängig von dem Silberkleide des Hinterleibes eine kleinere oder größere, der Leibesspitze anhängende Luftblase mit sich hinab. Mit ihr schwimmt sie an den Pflanzenstengel, welchen sie sich vorher als passendes Plätzchen für ihre Wohnung auserkoren hatte, und heftet dort die Blase an. Dies kann natürlich nur mittels des Spinnstoffes geschehen, welcher aus den Warzen als eine Art von Firnis hervordringt, mit den Hinterfüßen geordnet wird und die Luft der Blase vom Wasser abschließt, weil diese sonst ohne weiteres wieder nach oben perlen würde. Hierauf wiederholt sie ihr erstes Verfahren, holt sich eine zweite Luftblase, welche unten am Stengel durch die zweckmäßige Vergrößerung des sie haltenden Fadennetzes mit der ersten vereinigt wird, und fährt fort, bis allmählich die kleine Taucherglocke mit ihrer Offnung nach unten etwa in der Größe einer Walnuß fertig ist. Ver: schiedene Fäden müssen natürlich während des Wachstums derselben ihr den nötigen Halt geben, und andere, um den Eingang nach allen Richtungen ausgezogene, dienen als Fallstricke für die heranschwimmende Beute. Wollten die Spinnen nur auf diese warten, so müßten sie wohl manchmal hungern, daher schwimmen sie auch danach aus und halten sich weniger an eine bestimmte Gewohnheit als ihre in der Luft Netze auswerfenden Brüder. Haben sie ein Schlachtopfer erfaßt, so kriechen sie damit am ersten besten Stengel in die Höhe und verspeisen es in der Luft, oder thun ein gleiches in ihrer Taucherglocke, auch hängen sie es hier als Vorrat an einem Faden auf, wenn der Hunger vorläufig gestillt ist. In der Gefangenschaft befestigen die Spinnen ihre Glocke auch an die Wände des Gefäßes, ja de Troisvilles beobachtete mehrmals, daß, wenn man ihnen keine Pflanzen mit in ihr Gefängnis gab, sie kreuzweise Fäden durch das Wasser zogen und
mitten daran ihr Nest befestigten. Dasselbe sieht unter allen Umständen aber nicht wie ein Gewebe, sondern wie eine weiße, dichte und überfirnißte Masse aus.
Zur Zeit der Paarung, welche im Frühjahr und September erfolgt, erscheint das Luftkleid weniger regelmäßig, entweder bleibt ein rautenförmiger Rückenfleck frei davon, oder an einzelnen Stellen, wie an Brust, Bauch und Hinterleibsspitze, häuft sich die Luft mehr an. Das Männchen baut dann in der Nähe des Weibchens ebenfalls eine Glocke von etwas geringerer Größe und verbindet dieselbe durch einen verdeckten Gang mit der des Weibchens. Lignac beobachtete, aber nur im Frühling, bisweilen drei miteinander verbundene Nester, die sich ebenso schnell wieder trennen können, wie sie sich vereinigten, wenn die Spinnen in Streit geraten; denn in dieser Zeit sind sie sehr erregt, und es entwickeln sich Kämpfe um das Eindringen in das eine oder andere Nest. Hat sich aber erst ein Pärchen geeinigt, so hält es sich auch in Frieden und Freundschaft zusammen. Das Weibchen legt seine Eier in eine Luftblase, welche es dann weiter umspinnt, und heftet dieses etwas abgeplattet kugelige Nestchen an eine Wasserpflanze, dasselbe nicht aus den Augen lassend, oder hängt es in seiner Glocke auf. Letzteres beobachtete de Troisvilles am 15. April; am 3. Juni schlüpften die jungen Spinnen aus, welche emporstiegen, um Luft zu schöpfen. Mehrere bereiteten sich kleine Glocken an einer Pflanze, welche sie in ihrem Behälter vorfanden, gingen aber nichtsdestoweniger in ihrer Geburtsstätte aus und ein. Einige von ihnen fielen über die Leiche einer Libellenlarve her und zausten daran wie Hunde an einem Stücke Fleisch. Am fünften Tage wechselten sie ihre Haut, und die Bälge schwammen in Menge auf dem Wasser umher.
Aber auch zum Winteraufenthalt dienen die Glocken. Degeer fing im September eine männliche Spinne ein und erhielt fie 4 Monate lang in einem mit Wasser gefüllten Gefäße. Sie baute sich eine sehr dünne Glocke von der Größe eines halben Tauben-eies, welche sie durch unregelmäßige Fäden an die Wand des Gefäßes befestigte. Mitten in dieser lufterfüllten Taucherglocke saß die Spinne, den Kopf nach oben gerichtet und die Beine an den Körper angezogen. Am 15. Dezember fand sich die untere Offnung verschlossen und die Spinne unbeweglich in ihrer Luftblase. Durch Drücken zerriß dieselbe und die Luft perlte daraus hervor. Hierauf verließ die Spinne ihre gestörte Wohnung. Degeer reichte ihr eine Wasserassel, die sie sogleich ergriff und aussog. Nachdem sie 3 Monate gefastet hatte, zeigte sie sich noch lebenslustig und vorzugsweise zum Schmausen bereit. Im Freien überwintert die Wasserspinne sehr gern in einem leeren Schneckenhause, dessen Mündung sie durch ein künstliches Gewebe verschließt. Unsere Art scheint mehr dem mittleren und nördlichen Europa anzugehören und ist schon im nördlichen Frankreich selten; im Süden kommt sie nicht vor. ö