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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Wenn es mithin feststeht, daß die Herbstfäden die Wege kennzeichnen, welche jene umherschweifenden Spinnen zurücklegen und zwar jetzt weniger, um Nahrung aufzusuchen, als um sich mehr zu vereinzeln, oder teilweise, um die feuchteren Aufenthaltsorte mit höher gelegenen und trockeneren für den Winteraufenthalt zu vertauschen, so kann man auch noch einen Schritt weiter gehen und diesen Tieren oder einigen Arten von ihnen den bei manchen Kerfen bereits kennen gelernten Wandertrieb zusprechen. Als Raubtiere können sie um so weniger in gedrängten Scharen bei einander bleiben, wie ihre ansässigen Schwestern, die Rad⸗, Trichter-, Röhrenspinnen und wie die Nesterbauer noch alle heißen mögen, welche doch immer eine Häuslichkeit haben, durch die sie an einen bestimmten Ort gebunden sind. Da den Spinnen aber die Flügel der wandernden Insekten fehlen, die Reise zu Fuß wenig fördern würde, so benutzen sie in sehr sinnreicher Weise ihre Fäden, um mit diesen durch die Luft zu segeln. Wie aber fangen sie das an? Man schenke ihnen nur einige Aufmerksamkeit, und man wird bald ihre Schlauheit durchschauen. Alle die Erde überragenden Gegenstände, Prellsteine an den Straßen, Pfähle, die sich leicht übersehen lassen, aber auch Zweigspitzen von Buschwerk und Bäumen wimmeln zur Zeit der Herbstfäden von verschiedenen Spinnen, welche den sich herumtreibenden Arten angehören und noch nicht völlig

Luftreisen der Spinnen. al

erwachsen find. Während des Umherlaufens werden immer einige Fäden gesponnen, welche an dem Untergrunde haften und der Spinne zum Anhalten dienen. Hat sie nun das Verlangen, eine Luftfahrt anzutreten, so heftet sie an einer Stelle einen Faden fest und geht in einer geringen Seitenwendung, die Hinterleibsspitze hoch emporgerichtet, wenig vorwärts, dem Luftzug entgegen, und stellt sich dann, die Beine steif ausgestreckt und möglichst hochgehalten, fest. Der ausfließende Faden bildet eine Schlinge, welche sich flatternd in dem Maße verlängert, als der Luftzug ihn gespannt erhält. So scheint also die Spinne den Faden auszuschießen. Ist er 2— 3 m lang, so beißt ihn die Spinne am festgeklebten Ende ab, läßt mit den Füßen los, zieht dieselben an, und langsam gleitet der Faden dahin, geführt von einer leisen Luftströmung, die stets vorhanden ist und von der Spinne mit ihrem feinen Gefühl für ihre Zwecke benutzt wird. Vielleicht geht die Reise nicht weit, indem der Faden irgendwo hängen bleibt und die Gestrandete nötigt, wieder festen Fuß zu fassen. Bisweilen führt die Fahrt aber auch weiter; Darwin sah, 60 Seemeilen vom Lande entfernt, auf dem Schiffe Tausende von kleinen rötlichen Spinnen in dieser Weise ankommen, und Lister beobachtete ihre Flüge wiederholt hoch über sich von der höchsten Stelle des York-Münsters. Um jedoch nicht zu ewiger Luftreise verdammt zu sein, hat die Spinne ein sehr einfaches Mittel, zur Erde herabzukommen: sie braucht nämlich nur an ihrem Faden hinaufzuklettern und ihn dabei mit den Beinen zu einem weißen Flöckchen aufzuwickeln, so kommt er allmählich, gleich dem Fallschirme eines Luftschiffers, auf die Erde zurück. Die Flocken fallen bisweilen in überraschenden Mengen aus der Luft herab, und in sehr vielen Fällen wird man eine Spinne darin auffinden, in anderen auch nicht; denn der eben geschilderte Vorgang gelingt in jo und jo vielen Fällen nicht, namentlich bei Vor: handensein einer sehr großen Menge von Spinnen; die Fäden vereinigen sich, bilden nach und nach den Schneeflocken ähnliche Knäuel, werden vom Winde abgerissen und in der Luft umhergeführt. Das Ausschießen der Fäden in der angegebenen Weise ist sehr wohl begreiflich, nur darf man es sich nicht so vorstellen, als wenn die Spinne einen Faden aufs Geratewohl in die Luft hinausspritzt. So zauberhaft am Morgen, wenn dicke Tautropfen darin erglänzen, jenes Flormeer erscheint, welches Stoppel-, Brachfelder und Wiesen über: strömt, so lästig kann es auf letzteren in solchen Gegenden werden, wo man erst spät an das Mähen des Grumts geht; denn dieses wird dadurch allmählich von Feuchtigkeit durchdrungen, so daß es den Tag über nicht trocknen kann. Hierdurch werden die sonst im Dienste des Landwirtes stehenden Spinnen, dessen Feldfrüchte sie von manchem schädlichen Insekt befreien, stellenweise recht lästig. Im Frühjahr, wenn die Spinnen ihre Winterquartiere verlassen, wiederholt sich diese Erscheinung als „Mädchensommer“, aber in weit beschränkterem Maße und zwar nicht nur bei uns zu Lande, sondern auch in Paraguay, wo es Rengger beobachtet hat, und gewiß auch anderwärts.

Mehr Luftschiffer als die Krabbenspinnen liefert die Familie der Wolfsspinnen (Citigradae, Lycosidae), welche gleichzeitig durch die ansehnliche Größe einzelner ihrer kräftigsten Arten für unsere gemäßigten Gegenden die Buschspinnen der Gleicherländer vertritt. Die Wolfsspinnen, um die neuerdings vielfach aufgelöste Gattung Lycosa sich scharend, sind auf der ganzen Erde verbreitet und durch ihre äußere Erscheinung, ihre Größe, die Schnelligkeit ihres Laufes, welche die langen Beine bedingen, die Wildheit ihrer Bewegungen, das plötzliche und unerwartete Hervorstürzen unter einem aufgehobenen Steine oder aus einem anderen Schlupfwinkel, in welchem sie gestört wurden, mehr als die meisten anderen Spinnen dazu angethan, ein Vorurteil und einen geheimen Abscheu gegen das

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 46

ganze Spinnenvolk zu erwecken. Fritsch erwähnt gelegentlich eine nicht näher bezeichnete Art aus Südafrika, deren Hinterleib die Größe einer starken Haselnuß und deren mittlere Beine eine Spannweite von etwa 157 mm erreichen. Die Gefahr, von ihr gebissen zu werden, sei größer als bei den Buschspinnen, weil fie sich als wenig erfreulicher Stubengenosse gern in Häusern einfinde. Es sei selbst für den Naturfreund kein eben angenehmes Gefühl, wenn er des Abends ruhig im Zimmer sitze und, sich nach einem eigentümlichen Rascheln umwendend, ein solches Ungetüm an den steifen Vorhängen herabspazieren sehe. Viele Wolfsspinnen leben in Erdlöchern, deren Wände sie mit einem Gespinst austapezieren. Die einen tragen ihr Eiersäckchen am Bauche mit sich umher oder sitzen wie brütend über ihm; andere hängen dasselbe, zierlichen Früchten vergleichbar, an Kiefernadeln oder niedere Pflanzen in der Weise, wie die nebenstehende Abbildung vergegenwärtigt; noch andere thun dies in ähnlicher Weise, aber das Nestchen erscheint weniger regelmäßig und durch anhaftenden Lehm oder Sand nicht in so glänzend weißer Farbe. Einige recht augenfällige Merkmale lassen die Wolfsspinne als solche erkennen. Der Vorderleib verschmälert sich stark nach vorn und erhebt sich längs seiner Mitte in Form eines stumpfen Kieles. Die Augen stehen in drei Reihen, vier kleine vorn

lauernd.; 3) Gerandete FaJagd spinnesieh.(Dolomedes fimbriata), auf dem Linie,Ra zweiubedeutend2 5 Begrößereenda-hinter und einander genähert, die beiden letzten, gleichfalls großen, noch weiter nach hinten und weit auseinander gerückt. Von den schlanken Beinen übertrifft das letzte Paar alle anderen an Länge, aber alle laufen in die gewöhnlich gebildeten zwei Hauptkrallen und in eine meist ungezahnte Vorkralle aus, nur einer Gattung (Zora) fehlt diese gänzlich. Eine mehrzähnige Klaue bewehrt die weiblichen Taster.

Manche Wolfsspinnen halten sich mit Vorliebe an feuchten und sumpfigen Stellen auf und laufen bei Verfolgung ihrer Beute bisweilen auch eine Strecke auf dem Wasser entlang, ohne jedoch zu tauchen; dahin gehört unter anderen die gerandete Jagdspinne (Dolomedes fimbriata, Fig. 3). Sie ist auf der Oberseite des Körpers olivenbraun, an beiden Hälften desselben breit gelb oder weiß umsäumt. Nicht selten unterscheidet man auf der Mitte des Hinterleibes vier Längsreihen silberweißer Punkte, deren beide äußere, aus sieben Punkten bestehend, über die ganze Länge gehen, während die inneren sich auf 3—4 undeutliche Punkte der hinteren Hälfte beschränken. Die Brust ist gelb, braun gerandet, der Bauch grau und schwarz gestreift. Die gelblichen Beine tragen schwarze Punkte und Stachelhaare. Schon im Juni treiben sich die Jungen oft in großen Mengen an den verschiedenen Pflanzen sumpfiger Gegenden umher. Das befruchtete Weibchen, welches bisweilen die bedeutende Länge von 26 mm erreicht, während das Männchen nur 11 mm mißt, hängt das kugelrunde, von lockerem und weißem Gespinst gebildete Eiersäckchen an einen Halm und hält Wache dabei. Der Gattung Dolomedes kommen zwei lange und krumme Zähne an der Afterklaue zu; die vier kleinen vorderen Augen stehen etwas hoch an der schräg abgedachten Kopffläche, und die vier hinteren, sehr großen bilden ein kurzes Trapez, dessen

lauernd. 3) Gerandete Jagd ſpinne (Dolomedes fimbriata), auf dem ; Fa sieh. ; Jagd ſpinne (Do Fa sieh.

Hinterecken doppelt so weit auseinander stehen wie die vorderen. Ein heller Seitenrand des dunkleren, samtartigen Grundes gehört zu der charakteristischen Zeichnung des Vorder- und Hinterleibes sämtlicher Gattungsgenossen. |

Die Arten, welche eine ungezahnte Afterklaue, einen sehr schmalen und vorn hoch ab: gedachten Kopf haben, die Augen in der Art geordnet und eine Körperzeichnung tragen, wie die folgende Abbildung beide vorführt, hat man neuerdings unter dem Gattungsnamen Pardosa zusammengefaßt. Die verbreitetste von allen ist die Gartenluchsspinne, die Sackspinne (Pardosa [Lycosa] saccata), welche im Jugendalter zu den kühnen Luftschiffern und mit Beginn des nächsten Jahres zu den ersten Gliederfüßern gehört, welche, aus der Wintererstarrung erwacht, an sonnigen Stellen zum Vorschein kommen. Die Paarung muß zeitig erfolgen, denn schon in der zweiten Hälfte des Mai, wenn der Winter nicht ungewöhnlich lange anhielt, sieht man die Weibchen mit ihrem etwas plattgedrückten Eier: sack am Bauche zwischen dürrem Laub umherlaufen. Die ausgeschlüpften Jungen halten sich längere Zeit in demselben auf, frie-chen auch auf dem Leibe der Mutter o

umher. Als ich einst mehrere dieser Spinnen in Weingeist geworfen hatte, war ich nicht wenig erstaunt, eine große Anzahl junger in der Flasche zu finden, welche sich im Todeskampf aus dem Eiersack herausgearbeitet haben mochten. Die in Rede stehende Art ist höchstens 6,5 mm lang, braungrau von Farbe und hat einen gelblichen Längsfleck auf dem Rücken des Vorderleibes, einen schwarzen Gabelfleck am Grunde sowie zwei Reihen schwarzer Flecke auf dem Rücken des Hinterleibes und bräunlichgelbe, schwarz geringelte Beine. Es gibt mehrere, sehr ähnliche und ebenso lebende Arten (Pardosa montana, arenaria und andere), welche ohne umständliche Beschreibung nicht leicht unterschieden werden können und darum von den Schriftstellern öfters mit obigem Namen belegt worden sind, ohne ihn in der That zu verdienen. Diese Sackspinnen leben an feuchten und trockenen, sonnigen Stellen, und ich wage nicht zu entscheiden, ob man nach dem Aufenthalt einen einigermaßen sicheren Schluß auf die bestimmte Art ziehen könne, glaube vielmehr, daß sie alle mehr oder weniger untermischt vorkommen.

Es dürfte schwerlich über den giftigen Biß irgend einer Spinne mehr Geschrei erhoben, mehr Unwahres verbreitet worden sein als über den der Tarantel, einer Spinne, oder richtiger gesagt, mehrerer zur alten Gattung Lycosa gehörenden Arten. Der Name ist dem Italienischen entlehnt, wo man unter Tarantola ursprünglich eine giftige Spinne (auch Solofizzi genannt) begreift, welche vorzugsweise bei Tarent (Taranto) lebt, und deren Biß die wunderlichsten Erscheinungen zugeschrieben worden sind. Ulysses Aldrovandi, welcher in seiner Naturgeschichte der Insekten (1602) alles gesammelt hat, was bis dahin auch über die Spinnen geschrieben worden war, verbreitet sich ausführlich über die Wirkungen des Tarantelstiches und die Mittel, ihn zu heilen. Nach ihm gibt es kaum ein menschliches Gebaren, so kindisch und albern es auch sein möge, welches man nicht der Wirkung dieses Bisses zugeschrieben hätte; denn er sagt unter anderem von den Gestochenen, „Tarantulati“: die einen fingen fortwährend, die anderen lachen, weinen, jammern; die einen verfallen in Schlafsucht, die anderen in Schlaflosigkeit; die meisten 46*

Gartenluchsspinne (Pardosa saccata), Weibchen mit dem Eiersack, Augenstellung von der Hinteransicht. Alles vergrößert.

leiden an Erbrechen, einige tanzen, andere schwitzen, noch andere bekommen Zittern oder Herzpochen, und andere werden von anderen Beschwerden befallen, zu denen auch gehört, daß sie den Anblick der schwarzen und blauen Farbe nicht ertragen können, während die rote und grüne sie erfreut. Um die „Tarantulati“ zu heilen, spielt man ihnen auf irgend einem Instrument zwei Melodien vor, die „Pastorale“ und die „Tarantola“, Tänze, welche aufs sorgfältigste in den verschiedenen Werken über diesen Gegenstand aufgezeichnet sind. Darauf fängt der Kranke an zu tanzen, bis heftiger Schweiß ausbricht und völlige Erschöpfung ihn zu Boden wirft. Man bringt ihn zu Bett, läßt ihn ausschlafen, und nach dem Erwachen ist er geheilt, weiß aber nichts von alledem, was mit ihm vorgegangen ist. Es treten indes auch Rückfälle ein, welche sich 20, 30 Jahre, ja mitunter während der ganzen Lebenszeit wiederholen. Man behauptet weiter, daß der Biß während der Hundstage am gefährlichsten sei, von der einen Spinne mehr schade als von der anderen, daß die gefährliche Spinne von Apulien keine schädlichen Bisse austeilen könne, wenn man sie nach Rom oder noch nördlicher bringe. Solche und ähnliche Thorheiten wurden bis in dieses Jahrhundert hinein nicht nur von der Volksmenge, sondern auch von einzelnen grundgelehrten Arzten für wahr gehalten, hatten aber den Vorteil, daß mehr und mehr verständige Leute sich um das fabelhafte Tier bekümmerten und die Wirkungen seines Bisses auf das richtige Maß zurückführten. Ein polnischer Edelmann, von Borch, vermochte gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts einen Neapolitaner gegen ein Geschenk, sich in seiner Gegenwart in den Finger beißen zu lassen. Die Hand entzündete sich zwar, die Finger schwollen an und juckten empfindlich, aber der Kranke war bald wieder völlig hergestellt. Leon Dufour und später Joseph Erker bestätigen nach an sich selbst gemachten Versuchen die Unschädlichkeit des Tarantelbisses. Die Auffassung des auf den Sommer fallenden Taranteltanzes, il carnavaletto delle donne (kleine Frauenfastnacht), über welchen die Nachrichten bis zu dem 15. Jahrhundert zurückreichen, wird eine wesentlich andere, wenn man die Geschichte des „Sommertanzes im Mittelalter“ weiter verfolgt und erfährt, daß Dänemark, Schweden, England, Frankreich und Deutschland ganz ähnliche Erscheinungen aufzuweisen haben wie die Tarantola der Italiener. Alle Tanzzüge da-maliger Zeiten werden von einem Johannistanz übertroffen, der mit dem Tarantelstich nichts gemein hat und 1374 am Rhein, an der Mosel und in den Niederlanden fein Unwesen trieb. Jung und Alt, Männer und Frauen wurden von der Krankheit ergriffen, verließen Haus und Hof und zogen tanzend von Stadt zu Stadt. Aachen, Köln, Metz, Maastricht, Lüttich und andere Orte werden namhaft gemacht, wo man auf den Straßen, in den Kirchen und an anderen geweihten Plätzen mit wilden, rasenden Sätzen tanzte, bis man vor Erschöpfung niederfiel. Zucht und Sitten kamen bei dieser wilden Raserei vollkommen in Vergessenheit. Unter dem Namen des St. Veitstanzes trat diese Tanzseuche anderwärts, und nach und nach an Ausdehnung verlierend, in späteren Zeiten, und zwar teilweise mit Wallfahrten in Verbindung, immer wieder einmal auf.

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