Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Vogelspinne ist pechschwarz, rußbraun oder fuchsrot behaart und kupferig rot befilzt an den erweiterten und flaͤ chgedrückten Endgliedern ihrer Beine. Als Charakter der artenreichen, neuerdings vielfach gespaltenen Gattung Mygale gelten die fast gleich
großen, in Form dicht zusammengestellten acht Augen, die derben, lang und dicht behaarten Beine, deren vorderstes Paar oft fast so lang wie das längste hinterste ist, und beim Männchen die weit hervortretenden, schraubenförmig gewundenen Samenüberträger sowie zwei gekrümmte Endhaken am zweiten Schienengliede des vordersten Beinpaares.
Die Gattung Mygale nebst wenigen anderen hat vier Lungensäcke, also auch vier Luftlöcher an der Bauchwurzel, nur vier Spinnwarzen, von denen zwei sehr klein sind, und vorgestreckte Kieferfühler, deren Klauenglied sich nach unten, nicht nach innen gegen das Grundglied umschlägt; sie bildet daher mit diesen zusammen im Gegensatze zu dem übrigen Heere der Spinnen, bei denen nur zwei Lungensäcke vorkommen, die Gruppe der Vierlungler (Tetrapneumones), aus welcher die sogenannten Minierspinnen (Oteniza) mit wenigen Arten in Europa, aber nur in dessen Süden, vertreten sind. Man erkennt diese außer am Gruppencharakter an den gegen die Spitze verdünnten Füßen,
Sauvages' Minierspinne (Cteniza fodiens) in ihrer Röhre a Augenstellung, stark vergrößert, b Deckel von der Innenansicht, e Eier. Natürliche Größe.
an einer Stachelreihe unterwärts der Kieferfühler und an dem ovalen, hinten abgerundeten Rückenschilde, dessen mittlere Vertiefung, „Rückengrube“, U-förmig erscheint; die Augen stehen ungefähr ebenso wie bei der Buschspinne.
Sauvages' Minierspinne (Cteniza fodiens), welche wir in ihrem eigentümlichen, aber verkürzten und von der Seite geöffneten Bau hier erblicken, hat einen rotbraunen, fast nackten Körper und ungefähr das Ansehen einer Kellerspinne. Die beiden Schwänzchen an der Hinterleibsspitze, welche sich bei manchen Spinnen wieder finden, stellen die zwei oben erwähnten tasterartigen, keine Fäden enthaltenden Spinnwarzen dar; Figur a gibt Gestalt, gegenseitige Größe und Lage der Augen in der Vorderansicht an. Diese Minierspinne lebt vorzugsweise auf Corsica und sucht sich ihren Aufenthalt an einem steilen Abhang, welcher aus bindender Erde ohne Steine und ohne Graswuchs besteht, das Ansammeln des Regenwassers also nicht gestattet. Hier gräbt sie in wagerechter Richtung einen bis 63 em langen Gang, weit genug, um sich mit Bequemlichkeit darin bewegen zu können, und tapeziert ihn mit Seidengewebe aus, damit er nicht zusammenfalle. Ihre größte Kunst bewährt sie aber am Eingang dieser Röhre, welchen sie durch einen kreisrunden, eingefalzten Deckel verschließt. Dieser, von außen Erde, von innen ein zierliches Seidengewebe, steht an der Oberseite wie durch eine Angel mit der Röhre in Verbindung und fällt durch seine eigne Schwere zu, wenn er geöffnet worden ist. Was soll diese Thür, welche sich äußerlich von der Umgebung nicht unterscheidet und bei ihrem Verschluß die Gegenwart eines solchen Baues gar nicht ahnen läßt? Sauvages lernte ihre Bedeutung kennen. Er hatte eine solche Thür entdeckt und wollte sie mittels einer Nadel öffnen, fand aber zu seiner nicht geringen Verwunderung merklichen Widerstand. Eine Spalte ließ ihn im Inneren eine Spinne erkennen, welche, auf dem Rücken liegend, sich mit allen Kräften gegen die Wände der Röhre stemmte und mit einigen Beinen den Deckelfesthielt. Die schwarzen Pünktchen am Rande der Thür, welche unsere Abbildung in Figur b zeigt, geben die feinen Löcher im Gewebe an, welche zu diesem Zwecke in
demselben angebracht sind. Als nach abwechselndem Auf- und Zugehen der Thür sich die Spinne endlich für besiegt erklären mußte, flüchtete sie in den Hintergrund ihrer Wohnung. So oft aber wieder Bewegungen mit der Thür vorgenommen wurden, sprang sie hervor, um sie von neuem festzuhalten. Endlich grub Sauvages den vorderen Teil der Röhre mit dem Messer aus, während dessen die Spinne nicht von dem Deckel zurückwich. Ab: gesehen von den nächtlichen Raubzügen auf Beute verläßt sie ihre Wohnung nicht, welche ihr durch den Verschluß Sicherheit gegen feindliche Angriffe gewährt. Im Grunde desselben finden sich auch die Eier und später die Jungen während ihrer ersten Lebenszeit, beide sorgsam von der Mutter bewacht. An das Tageslicht gebracht, besonders den Strahlen der Sonne ausgesetzt, erschlafft die Minierspinne bald und erscheint wie gelähmt. — Im südlichen Europa kommen noch einige andere Gattungsgenossen vor, aber auch weiter nördlich und in Deutschland verbreitet, wenn auch selten, ein Glied dieser Familie in der pechbraunen Mordspinne (Atypus piceus) oder Sulzerspinne (A. Sulzeri), einer 17,5 mm messenden, durch ein fast viereckiges Kopfbruststück, sehr lange Kieferklauen und zwei Schwänzchen an der Leibesspitze ausgezeichneten Erdbewohnerin. Ich fand vor Jahren, als ich bei Halle im Herbst unter einem verkommenen Eichenbüschchen nach Insekten im Winterlager suchte, ihr Nest. Das darmartige Gespinst ging in senkrechter Richtung in dem lockeren, von Mäusen durchwühlten Erdreiche hinab, maß 34 em in der Länge und fast 22 mm in seinem stärksten Querdurchmesser, welcher sich nicht durchaus gleich blieb. Von außen war dieses Rohr natürlich rauh durch anhaftende Erdkrümchen, im Inneren dagegen außerordentlich fein und dicht seidenartig gewebt. Die Spinne selbst ist mir noch nicht zu Gesicht gekommen.
Von einer zweiten Art, A. affinis Eichuwb., stellte Enock fest, daß 1 / Jahr zwischen der Paarung und der Auswanderung der Jungen aus dem Neste liegen. Das Weibchen wenigstens häutet sich noch, nachdem es ausgewachsen ist, und lebt mehrere Jahre.
Alle jetzt folgenden Spinnen, welche durch nur zwei Lungensäcke und zum Teil dabei noch durch Luftröhren atmen (Dipneumones), überdies die Klauenfühler nach innen umschlagen, lassen fi nach ihrer Lebensweise zunächst als Ansässige (Sedentariae) und Um herschweifende (Vagabundae) unterscheiden. Die ersteren bauen Nester oder ziehen wenigstens Fäden, in oder neben denen sie auf Beute lauern, die letzteren fertigen kein Gewebe und erhaschen ihre Nahrung laufend oder springend. Jene teilt man nach der Verschiedenheit ihrer Netze wieder in mehrere Familien.
Die Radspinnen (Orbitelariae, Epeiridae) verfertigen senkrechte Nester, welche gleich einem Rade von Strahlen gestützt und dazwischen von Fäden in sich einschließenden Kreisen oder Schneckenlinien ausgefüllt werden. Neben diesem Fangnetz oder in seiner Mitte warten sie in Geduld, bis ein heranfliegender Kerf darin hängen bleibt. Im Spätsommer oder Herbst haben die meisten mit der letzten Häutung ihre Reife erlangt; die Weibchen bringen ihre Eiersäckchen, welche gewöhnlich in gelbe, etwas wollige Flocken äußerlich ein-gewickelt sind, an einen geschützten Ort und gehen vor Eintritt des Winters zu Grunde. Die Radspinnen sehen alle mit acht Augen, von denen die vier mittelsten und zugleich größten entweder in einem Quadrat oder die Stirnaugen etwas weiter auseinander stehen als die Scheitelaugen; die vier übrigen sondern sich als je ein Paar oft fast zur Berührung gelangende, schräg gestellte Seitenaugen in weiterer Entfernung ab. Das erste Paar der ziemlich dicken Beine übertrifft alle übrigen an Länge, dann folgt in dieser Beziehung das
zweite. Das Weibchen zeichnet sich mit Ausnahme einer Gattung (Tetragnatha) durch einen dicken, fast kugeligen Hinterleib und eine mehrzähnige Tasterklaue aus.
Alle diese Verhältnisse kann, weil hinreichend gekannt und zugänglich, am besten die gemeine Kreuzspinne (Epeira diadema, s. Fig. 1 u. 2, S. 694 und untenstehende Abbild.) veranschaulichen. Die lichten, ein Kreuz darstellenden Fleckchen auf dem heller oder dunkler braunen, mit mehr oderweniger Grau gemischten Untergrunde des feisten und glänzenden Hinterleibsrückens haben ihren Namen veranlaßt. Außerdem finden sich noch andere Flecke und Punkte von meist rein weißer Färbung, welche ein dreieckiges Feld umgrenzen. Auf dem Rücken des Vorderleibes verkürzt sich jederseits ein gebogener, in der Mitte ein gerader Streifen, alle drei von braunschwarzer Färbung. Beim bedeutend kleineren, nur 11 mm messenden Männchen erscheinen die Schienen des zweiten Beinpaares verdickt. Alle Arten der in Europa stark vertretenen Gattung Epeira tragen die Augen in der hier abgebildeten Weise, die Paare jedoch in gleicher Größe, was der Holzschnitt weniger getreu wiedergibt; das dritte Beinpaar erreicht mehr als die halbe Länge des ersten, und beim Männchen hat der kurze und breite Samenüberträger eine napfförmige Gestalt. Die Epeiren spinnen aus sechs Warzen mit sehr zahlreichen Röhren; das vorderste Paar jener ist stumpfkegelförmig von Gestalt, das hinterste etwas kürzer und mit dem Siebe nach innen gerichtet, das dreieckige mittlere von den Seiten zusammengedrückt und gleichfalls mit dem Siebteil schräg nach innen geneigt. er
Die gemeine Kreuzspinne lebt in Gärten, Gebüfchen, Vorhölzern und lichten Nadelwaldungen des größten Teiles von Europa und hält sich meist 31—157 cm über der Erde, am liebsten in der Nähe von Gräben, Sümpfen, Seen und überhaupt an solchen Orten auf, welche einen reichen Zuspruch a Weibchen der gemeinen Kreuz: von Fliegen und Mücken erwarten lassen. Anfang Mai schlü— 191 0un in mei da 5 pfen die Jungen aus den Eiern und bleiben ungefähr 8 Tage größert. lang als sich auflösender und wieder bildender Knäuel noch beisammen, bis die erste Häutung erfolgt ist. Zunächst sind sie an Kopf und Beinen halb durchsichtig und weiß, am hinteren Körperteil zeichnungslos rötlichgelb; die Augen sind von rötlichen Ringen umgeben, die Füße fein behaart. Mit den verschiedenen Häutungen kommen allmählich die Zeichnungen zum Vorschein, welche die erwachsenen Spinnen zu den schönsten unserer Gegenden machen. Sobald sich die jungen Kreuzspinnen zerstreut haben, spinnt jede ihr Nestchen, das freilich infolge seiner Kleinheit weniger in die Augen fällt als die 31 em und mehr im Durchmesser haltenden Räder der erwachsenen Spinnen in späterer Jahreszeit. Die Auswahl des Ortes, an welchem die Ansiedelung erfolgen soll, scheint der Spinne einige Sorge zu bereiten, denn sie läuft lange an den Gegenständen hin und her, ehe sie mit dem Werke beginnt, und in der That bedarf es auch einer gewissen Überlegung, weil sie hier anders zu Werke gehen muß als dort, bevor der Rahmen für das ganze Gewebe, die äußeren Fäden, im Viereck oder Dreieck ausgespannt find. An einem höheren Punkte wird sie durch Aufdrücken ihrer Hinterleibsspitze in den weitaus meisten Fällen den künftigen Faden befestigen und, sich herablassend, durch die Schwere ihres Körpers einen Faden in der Richtung nach unten ziehen, die jedoch durchaus nicht die lotrechte zu sein braucht, sondern durch Schwingungen des Körpers in ziemlich schräge verwandelt werden kann. An dem von ihr ausersehenen, also gegen den Anfangspunkt stets tiefer gelegenen wird der straff angespannte Faden befestigt. Von besonderer Wichtigkeit ist der oberste Querfaden; um ihn wie ein straffes Seil anzuspannen zwischen zwei, vielleicht 94 em voneinander entfernten
Kiefernstämme oder in der Ecke einer alten, nicht gangbaren Thür, muß die Spinne auf zwei sehr verschiedenen Wegen zu ihrem Zwecke zu gelangen suchen. Im letzteren Falle ist der zweite Endpunkt für die Anheftung des Fadens zu Fuße zu erreichen, im ersteren durch einen großen Umweg vielleicht auch, doch dabei würde der Faden eine viel zu große Länge bekommen. Es ist bekannt, daß gewisse Spinnen Fäden aus den Spinnwarzen ausschießen und dann an ihnen fortfliegen; ob nicht die Kreuzspinne einen solchen- gleichfalls ausschießen und abwarten kann, bis er sich mit seinem losen Ende an einen entfernten Gegenstand anhängt? Kirby teilt einen interessanten Versuch mit, welchen er anstellte, um in dieser Hinsicht Gewißheit zu erlangen. Er setzte nämlich eine Kreuzspinne an einen etwa 1,30 m langen Stock und diesen mitten in ein Gefäß mit Wasser. Die Spinne kroch, einen Faden hinter sich ziehend, am Stocke hinab, als sie aber mit den Vorderfüßen das Wasser fühlte, kehrte sie um und kletterte an dem Faden wieder in die Höhe. Dies wiederholte sie die verschiedensten Male und ermüdete dadurch den Beobachter, so daß er sie auf einige Stunden verließ. Bei seiner Rückkehr fand er sie nicht mehr am Stocke, wohl aber von dessen Spitze einen Faden nach einem etwa 21 cm entfernt stehenden Schranke gezogen, welcher der Entwichenen als Brücke gedient hatte. Kirby fand auch die Spinne selbst auf und verurteilte sie dazu, ihm ihr Kunststück vorzumachen. Sie ward abermals auf den Stock gesetzt, nachdem die Brücke abgebrochen worden war. Anfangs wiederholte sie ihr langweiliges Ab- und Aufkriechen, ließ sich aber zuletzt an zwei Fäden nieder, die sie mit den Hinterfüßen auseinander hielt, riß, unten angekommen, den einen los und ließ ihn flattern. Kirby, welcher es nicht dem Zufall anheim geben wollte, bis dieser lose Faden irgendwo anhaften würde, fing sein Ende mit einem festen Gegenstand (Pinsel) auf, wickelte ihn einigemal um denselben und zog ihn straff an. Die Spinne, welche indessen wieder am Kopfe des Stockes angelangt war, untersuchte den Faden mit ihren Beinen und da sie das Seil hinreichend sicher fand, kroch sie auf ihm fort, dasselbe durch neue, anklebende Fäden verstärkend, und kam glücklich am Pinsel an. Noch ein anderes Mittel, einen entfernten Gegenstand zu erreichen, besteht darin, daß sich die Spinne an einem Faden aufhängt, zu schwingen anfängt und dies so lange fortsetzt, bis sie jenen mit den Füßen erfaßt. Wenn ein Faden noch nicht die gewünschte Spannung hat, läßt sich durch seitliche, kürzere Fäden leicht nachhelfen. Angenommen, der Rahmen sei auf die eine oder andere Weise glücklich angelegt, so zieht die Spinne, an ihm hinlaufend und den Faden abhaltend, einen Durchmesser, begibt sich nach dessen Mitte und zieht, immer wieder dahin zurückkehrend, die Strahlen nach allen Seiten, den letzten als Weg für die Anlage des nächsten benutzend. Die Verbindung aller durch Kreise bleibt nun als leichteste Arbeit noch übrig. Abermals vom Mittelpunkt ausgehend, fertigt sie unter kreisförmigen Umläufen einen Faden, legt ihn mit den Kämmen ihrer Hinterfüße zurecht, klebt ihn an einen Strahl nach dem anderen an, bis sie den weitesten und letzten Umgang gehalten hat. Das Mittelfeld enthält ungefähr in einer Ausdehnung desjenigen Raumes, den die Spinne mit ausgestreckten Beinen einnehmen kann, trockene Seidenfäden von gleicher Beschaffenheit mit den bisher verwendeten, weiterhin aber nehmen dieselben einen anderen Charakter an, indem sie nämlich durch ungemein feine und zahlreiche Knötchen, welche ihnen anhängen, klebrig werden, damit die anfliegenden Kerfe mit Beinen und Flügeln leichter hängen bleiben, wie der Vogel an der ausgelegten Leimrute. Ein Netz von 36— 39 em Durchmesser enthält nach ungefähren Berechnungen 120,000 solcher Knötchen.