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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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seinen Platz. Möchten doch alle Erzieher und Erzieherinnen in diesem Sinne wirken, und die aus Albernheit und Unkenntnis nervenüberreizten Naturen, welche beim Anblick einer Raupe, eines Maikäfers ꝛc. in Krämpfe fallen wollen, würden seltener sein, als sie heutigestags leider noch sind! |

Trotz ihrer rauhen und abstoßenden Außenseite, trotz einiger unangenehmer Eigen: schaften, mit denen sie jedoch den Menschen keineswegs zu nahe treten, bieten die Spinnen nicht weniger im Körperbau, als in ihren Lebenseinrichtungen des Interessanten genug, um sie der Beobachtung wert und den übrigen Gliederfüßern ebenbürtig erscheinen zu lassen, was selbst schon von den Alten anerkannt worden ist. Nach einer griechischen Sage hatte Arachne, die Tochter des Purpurfärbers Idmon, von Pallas-Athene die Kunst des Webens erlernt und sich erkühnt, ihrer göttlichen Lehrmeisterin einen Wettstreit anzubieten. Umsonst mahnte die Göttin in Gestalt einer alten Frau davon ab. Der Wettstreit begann, und Arachne fertigte ein kunstreiches Gewebe, welches die Liebesgeschichten der Götter darstellte. Athene, hierüber erzürnt, zerriß das Gewebe, und Arachne in ihrer Verzweiflung erhing sich. Die Göttin gab ihr zwar das Leben zurück, aber in der Gestalt — der Spinne, damit sie nach Belieben hängen könne. König Salomo empfahl seinen Hofleuten die Spinne als ein Vorbild des Fleißes, des Kunstsinnes, der Klugheit, Enthaltsamkeit und Tugend. Auch Aristoteles, der älteste Naturforscher, schenkte den Spinnen seine Aufmerksamkeit und erzählt von ihrer Entstehung, Ernährung, Paarung, ihren Geweben und Feinden. Es sei ein Zeichen von Trübsinn, Weichlichkeit und Schwäche, schrieb Moufet im Jahre 1634, die Spinne zu verabscheuen, und eine nicht geringe Geisteskrankheit, ihre schönen Werke zu verachten und vor dem Anblick einer so geschickten Weberin zu schaudern.

Der äußere Bau ist so weit bekannt, daß jedermann beim Anblick der acht Beine, des in einen Vorder- und Hinterleib zerlegten, nicht weiter gegliederten Körpers eine Spinne vor sich zu haben gewiß ist. Auf der Oberseite des Kopfbruststückes stehen gleich gefaßten Perlen die einfachen Augen. Man hat auf ihre Anzahl, gegenseitige Stellung, Entfernung, Größe und Richtung genau zu achten, wenn man die vielen Gattungen unterscheiden will. Die Zahl der Augen beträgt bei den meisten Spinnen acht, es kommen jedoch auch sechs, in seltenen Fällen zwei und bei einigen Höhlenbewohnern (Anthrobia mammuthica, Stelita taenaria, Hadites tegenarioides) gar keine vor. Die Kieferfühler bestehen aus einem kräftigen, an der Innenseite gefurchten Grundglied und einem klauenförmigen, einschlagbaren Endglied, welches gleich dem Giftzahn der Schlangen durchbohrt ist. Zwei Giftdrüsen in Form länglicher Blindschläuche (siehe Fig. 6, S. 694) ergießen beim Bisse mit jenen Klauen eine scharfe Flüssigkeit in die Wunde. Die Kiefertaster bestehen aus sechs Gliedern und bilden in ihrem Grundteil, wie bei den Skorpionen, den Unterkiefer selbst. An diesen Tastern kommt die eine Eigentümlichkeit der ganzen Ordnung zur Entwickelung. Beim Weibchen enden sie stets in eine gezahnte oder ungezahnte Kralle, nur sehr selten beim Männchen, wo sich das Endglied vielmehr allmählich kolbenartig verdickt und mit einer halb durchsichtigen Flüssigkeit im Inneren erfüllt. Nach der vorletzten Häutung entstehen hier die verschieden geftalteten Übertragungswerkzeuge des Samens und treten nach der letzten durch Spaltung der äußeren Haut zu Tage. An dieser Umwandlung nimmt das vorhergehende Glied durch Ansatz von Borsten, Stacheln, Zähnchen und anderen hornigen Gebilden mehr oder weniger Teil. Welche Bewandtnis es mit dem eben genannten Werkzeug hat, wird gleich gezeigt werden. Das nächste Kieferpaar endigt wie die eigentlichen Beine in zwei kammartig gezahnte Klauen, nimmt auch im übrigen vollkommen die Gestalt jener und Teilung in sieben Glieder an, so daß man es als Beine bezeichnet und den Spinnen ohne weiteres acht Bewegungswerkzeuge zuspricht. Wie sich aus Figur 7 ergibt, steht am Grunde der beiden großen noch eine ebenso gebildete kleinere,

die sogenannte Vor- oder Afterklaue; welche nur gewissen Spinnen fehlt. Am Grunde des durch ein kurzes Stielchen mit der vorderen Körperhälfte zusammenhängenden Hinterleibes befinden sich zwischen den Luftlöchern für die Lungensäcke die Geschlechtsöffnungen, welche bei den Weibchen als Querspalte die queren Luftlöcher miteinander zu verbinden pflegen. Unmittelbar vor dem etwas röhrenförmigen After tritt in dem wunderbaren Spinnwerkzeug die zweite Eigentümlichkeit der ganzen Ordnung auf. In sehr mannigfaltig geformten, zwischen den Eingeweiden verschiedenartig gelagerten Drüsen, deren es nach von Siebold fünferlei gibt, entwickelt sich eine Flüssigkeit, welche unter Zutritt der Luft zu einem zähen, trockenen oder klebrigen Faden, wohl auch zu einer Art von Firnis erhärtet,

Kreuzspinne (Epeira diadema): 1) Weibchen, 2) Männchen, 3) einzelnes Spinnröhrchen, 4) Spinnwarzen, 5) Kiefer: klauen und Augen, 6) aufgeschnittener linker Kieferfühler, um den Eintritt in die Giftdrüse zu zeigen, 7) äußere Spitze eines Fußes. 3—7 stark vergrößert.

in ähnlicher Weise wie der aus der Unterlippe der Schmetterlingsraupen heraustretende Seidenfaden. Hier kommt aber der Spinnstoff aus zahlreichen mikroskopischen Löcherchen, mit denen die sogenannten Spinnwarzen (Fig. 4) wie ein Sieb übersät sind. Meist finden sich sechs solcher Warzen und zwar paarweise, zwei vorn, zwei hinten und die beiden letzten seitwärts, aber auch weniger an Zahl und verschieden an Gestalt vor; durch die Muskelkraft können fie vor- und rückwärts, ein- und auswärts gewendet, hervorgepreßt und ein: gezogen werden. Bei manchen Spinnen gibt es ein Paar mehrgliederige, wie Schwänzchen über die Leibesspitze hinausstehende Spinnwarzen, welche wahrscheinlich bei der Anordnung der Fäden eine Rolle spielen, aber selbst keine von sich geben. Die wahren, eigentlichen, kegelförmigen oder cylindrischen Spinnwarzen bestehen aus einem größeren unteren, von einem Hornring umfaßten und behaarten Teile und einer etwas gewölbten Oberfläche, die wie eine Bürste mit einer großen Menge eigentümlich geformter Spitzen, den Spinnborsten oder Spinnröhren, besetzt sind. Dieselben stehen häufig in sich einschließenden Ringen oder auch unregelmäßig, die größeren mehr vereinzelt, und bilden die Ausgänge für die Spinndrüsen, „das Sieb“. Wie sie in Weite und Anordnung abwechseln, so auch

Kreuzſpinne (Epeira diadema): 1) Weibchen, 2) Männchen, 3) einzelnes Spinnröhrchen, 4) Spinnwarzen, 5) Kiefer: klauen und Augen, 6) aufgeſchnittener linker Kieferfühler, um den Eintritt in die Giftdrüſe zu zeigen, 7) äußere Spitze eines Fußes. 3—7 ſtark vergrößert.

in der Anzahl nicht nur bei den verschiedenen Spinnenarten, sondern auch an den verschiedenen Warzen einer und derselben Art. Man findet in den Büchern nach Neaumurs Berechnung, welche sich auf die irrige Annahme der Gleichheit aller Warzen gründet, die Anzahl viel zu hoch angegeben. Nach Blackwalls Untersuchungen erreicht sie bei Kreuzspinnen in ungefähr 1000 ihre größte Summe; Tegenaria hat nur 400, Pardosa saccata nicht volle 300, Segestria senoculata kaum 100, und manche kleinere Art noch weniger. Auch darf man nicht meinen, daß bei Bereitung eines Fadens stets alle Spinnröhren in Thätigkeit sind; die Spinne hat es vielmehr in ihrer Gewalt, einzelne oder mehrere derselben wirken zu lassen, je nachdem der Faden diesem oder jenem Zwecke dient.

Die Chitinbedeckung des Spinnenkörpers zeigt sehr verschiedene Härtengrade, bei unseren heimischen Arten im allgemeinen mehr Weichheit als bei manchen ausländischen, unter welchen sehr hartschalige vorkommen; immer aber sind die Rückenplatte und das Brustbein nächst den Klauen das Festeste am ganzen Körper. Ein dünnes oder dichtes Kleid längerer und borstiger oder kürzerer, samtartiger Haare, bisweilen auch Stacheln, bedecken die Oberfläche und tragen oft nicht wenig zum abschreckenden Aussehen der Spinne bei. Die durchschnittlich düsteren, jedoch auch nicht selten lichteren und bunten Farben und Zeichnungen eignen sich wenig zu Unterscheidungsmerkmalen, weil sie bei einer und derselben Art, besonders je nach dem Alter, sehr unbeständig auftreten.

Was den inneren Bau anlangt, so sei nur in der Kürze noch folgendes bemerkt. Über dem Schlunde liegt das aus zwei Nervenknoten verschmolzene Hauptganglion, welches Fäden nach den Augen und Kieferfühlern entsendet. Das Bauchmark besteht aus vier Knoten, welche die übrigen Gliedmaßen versorgen und zwei größere Fäden nach dem Hinterleib abgeben, die sich um Eingeweide, Geschlechtsteile und Atemwerkzeuge ausbreiten. Diese letzteren gestalten sich mannigfaltiger als man ursprünglich annahm, und bei den verschiedenen Arten immer wieder anders, so daß eine Einteilung in Lungenspinnen und Tracheenspinnen, wie sie Latreille anfangs vorschlug, unhaltbar geworden ist. In den meisten Fällen finden sich neben den Lungen auch noch Luftröhren, weshalb man geneigt ist, jene als besondere Umgestaltungen dieser anzusehen und mit dem Namen der „Fächertracheen“ zu bezeichnen. Dieselben öffnen sich vorn am Bauche in zwei schrägen Schlitzen, deren Vorderrand wulstig verdickt ist. Beide Fächertracheen sind durch ein Band verbunden, an welches sich Muskeln ansetzen. Die Buschspinnen haben noch ein zweites Lungenpaar, deren Ausgänge hinter dem ersten Paare liegen, während bei allen übrigen Spinnen außer dem ersten Paare noch Luftröhren vorkommen, welche entweder ohne Verästelungen bis in die äußersten Enden des Körpers, in die Beine, Kiefer, Taster, Muskeln büschelartig einlaufen, oder baumartig verästelt bei den Thomisiden, und sich in zwei getrennten Luftlöchern, häufiger jedoch in einer gemeinsamen Querspalte, vor den Spinnwarzen nach außen öffnen. Als von Kerfen jeglicher Art lebende Raubtiere können die Spinnen so wenig wie andere Räuber gesellig verkehren, sondern müssen sich vereinzeln und unter Umständen einander bekriegen. Livingstone fand zwar in Südafrika eine Art in zahlreicher Gesellschaft und ihre Nester in so bedeutender Menge beisammen, daß das Gespinst einen Baumstamm, oder die Zweige einer Hecke vollkommen unsichtbar machte. Auch Darwin erzählt von einer großen, schwarzen Kreuzspinne mit rubinroten Flecken auf dem Rücken, welche in bedeutender Anzahl nahe bei Santa FE Bajada in den La Plata-Staaten gesellig lebe, indem sie, wie alle Kreuzspinnen, ihr Nest senkrecht baue, in einer Entfernung von etwa 63 cm eine zweite das ihrige ꝛc., aber alle dasselbe an gewisse gemeinsame Fäden von großer Länge anlegen. Auf diese Weise fand Darwin die Spitzen einiger großen Gebüsche von ihren vereinigten Netzen umgeben und konnte dabei seine Verwunderung über

dieses, von Spinnen nicht zu erwartende freundnachbarliche Beisammensein nicht unterdrücken. Wenn man indessen bedenkt, daß in jenen an Kerfen reichen Gegenden die Spinnen auch bei engerem Zusammenwohnen vor dem Hungertod gesichert sind, und daß sich bei uns zu Lande an günstigen Stellen die Nester anderer Arten bisweilen auch sehr anhäufen, so braucht in dieser Erscheinung noch nicht einmal eine Ausnahme von der neidischen Spinnennatur erkannt zu werden.

Die Spinne gehört zu den armen Webern und arbeitet wie diese, um sich den Lebensunterhalt zu erwerben, muß aber mit dem Rohstoff sparsam zu Werke gehen, weil dieser ihr bei guter Kost reichlich, bei kärglicher nur sehr sparsam zufließt und der Faden, der einmal aus dem Leibe heraus ist, nicht wieder in denselben zurückgezogen werden kann. Manchmal möchte es zwar so scheinen, wenn sie nämlich an einem Faden in die Höhe klettert, und dieser dabei immer kürzer wird, allein sie wickelt ihn nur auf und nimmt ihn an den Beinen mit sich fort. Wie von den verschiedenen Wespen eine jede die Baukunst in anderer Weise betreibt, so und noch weit mehr gehen die Spinnen in Bezug auf ihre Webereien auseinander. Die einen, wie die allbekannte Kreuzspinne, fertigen ein Rad, die anderen, wie die gemeine Hausspinne, dichtere Gewebe, noch andere Röhren, Säcke ꝛc. an, und man hat ihnen hiernach Namen wie Rad-, Veit, Sad-, Röhrenspinnen und andere beigelegt. Neben solchen Spinnen gibt es aber zahlreiche andere, welche gar keine Fallstricke auswerfen, um ihre Beute damit zu fangen, sondern frei an geeigneten Ortlichkeiten derselben auflauern und gewissermaßen in ehrlicherem Räuberhandwerk durch Nachlaufen oder im Sprunge ihr Schlachtopfer erhaschen. Eine andere Anwendung, welche die Spinnen von ihrem Spinnvermögen machen, besteht darin, daß sie sich an den Fäden herablassen und sie somit als Mittel zu einer Ortsveränderung verwerten; ja, manche Arten fliegen an ihnen an schönen Herbsttagen weit fort durch die Luft, wovon später noch einige Worte. Alle aber ohne Ausnahme, sofern sie Weibchen sind, verwenden den Spinnstoff zum Schutze der Eier, weil fie, die sonst grausamen Geschöpfe, in der Mutter liebe den zärtlichsten Kerfen nicht nur nicht nachstehen, sondern in dieser Hinsicht als wahres Muster aufgestellt werden können. Menge, welcher das Eierlegen in zwei Fällen genauer beobachtete, schildert es der Hauptsache nach in folgender Weise. Wenn eine Mutter fühlt, daß ihre Zeit gekommen ist, so bereitet sie ein halbrundes Nestchen aus Fäden, entweder frei liegend, wie die Laufspinnen, oder an dem Gewebe, oder an einem anderen ihr geeignet erscheinenden Orte. Wenn das Nestchen fertig ist, legt sie sich mit dem Hinterleib über dasselbe, und alsbald dringen die Eier aus der Scheidenöffnung am Grunde jenes wie in einem Gusse hervor, ein rundliches Häuflein bildend. Nach wenigen Augenblicken der Ruhe zieht sie einige Fäden, doch merkt man den unsicheren Bewegungen hierbei an, daß es noch nicht in ihrer Absicht liegt, die schützende Decke über das Ganze zu weben, daß sie vielmehr noch andere wichtige Dinge vorhabe. Plötzlich legt sie den Bauch wieder über die Eier und überschüttet sie aus der Scheidenspalte mit einer klaren Flüssigkeit, welche sogleich von den Eiern aufgesogen wird, ohne das Gewebe zu benetzen. Der Körperinhalt der Eier hat sich hierdurch auf einmal so vergrößert, daß dieselben nicht mehr Platz im Leibe der Mutter haben würden. Menge ist der Ansicht, daß die Flüssigkeit aus den um diese Zeit stark ausgedehnten Samentaschen komme, mit dem männlichen Samen vermischt sei und auf diese Weise erst die eigentliche Befruchtung bewirkt werde. Zunächst bleibt die Spinne regungslos und abgemattet über den Eiern liegen, dann aber schließt sie durch ein Gespinst das Nestchen vollständig. Diese schützende Hülle ist nur einfach, aber sehr dicht bei den Laufspinnen, besteht aus zwei in der Mitte lose zusammenhängenden Halbkugeln und wird, durch einige Fädchen unterhalb des Leibes befestigt, von der Mutter mit umhergetragen; nur wenige graben eine Erdhöhlung, in welcher sie bis

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