Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Der Darm der Skorpione, um auch der inneren Organisation flüchtig zu gedenken, stellt ein einfaches, ziemlich walziges Rohr dar, welches an der Spitze des vorletzten Schwanzknotens nach außen mündet. Das achtkammerige Rückengefäß bildet ein wahres Herz, welches nicht nur aus seinem vorderen und hinteren Ende, sondern auch beiderseits starke Adern (Arterienstämme) nach den Hinterleibsorganen, besonders aber nach den Atmungswerkzeugen abgibt, und welchem das aus dem Körper zurücklaufende Blut durch besondere Adern (Venen) wieder zugeführt wird. Es findet mithin ein völliger Kreislauf statt, in einer Vollkommenheit wie bei keinen anderen Gliederfüßern, und ein damit verbundenes Atmen durch Lungen. Dieselben bestehen aus vier Paaren dünnhäutiger Säcke, deren Außenseiten dicht aneinander liegende Falten, die sogenannten Lungenplatten, bilden. Auf den großen Nervenknoten im Kopfbruststück, welcher Taster und Beine mit Nervenästen versorgt, folgen noch sieben kleinere, von denen die vier letzten dem Schwanzteil angehören. — Die weiblichen Fortpflanzungswerkzeuge liegen als drei enge, durch Querröhren verbundene Längsschläuche im Hinterleib und dienen nicht nur den aneinander gereihten Eiern, sondern auch den Jungen zur Entwickelungsstätte. Es gebären nämlich, wie schon Aristoteles wußte, die Skorpione lebendig. In den ersten Wochen scharen sich die weichhäutigen und blonden Jungen um die Mutter, ohne daß man sie sich ernähren sieht. Jene magert immer mehr ab und stirbt, sobald sich diese in größerer Selbständigkeit zerstreuen. Es gewährt einen ganz eigentümlichen Anblick, eine Mutter an allen ihren Körperteilen von ihrer zahlreichen Familie (20— 50) in den verschiedensten Stellungen besetzt zu sehen, und das friedliche Beisammensein von Tieren zu beobachten, deren innerster Natur im übrigen jede Geselligkeit widerstrebt.
Man hat die verschiedensten Versuche angestellt, um die Zwischenräume zwischen den Häutungen und die Lebensdauer der Skorpione zu ermitteln, aber immer erfolglos, weil sie sich in der Gefangenschaft mit der Zeit trotz reichlichen Futters nicht wohl befinden. Füßly hatte einige schweizerische Skorpione, die er ihres dicken Leibes wegen für befruchtete Weibchen hielt, sorgfältig gepflegt. Vier Monate hatte er vergeblich gewartet, als er zu Anfang des August das eine über und über mit weißen, an der Schwanzspitze und um die Augen etwas bräunlichen jungen Skorpionen, etwa 20 an der Zahl, besetzt fand, die bis auf die hellere Farbe und die geringere Größe der Mutter vollkommen gleich gebildet waren. Sie saßen fest an ihr, die einen erschienen bald auf dem Rücken, bald wieder am Bauche, und nie sah er einen losgehen, so munter sie umherkrochen; vielleicht eine Wirkung der Kämme. Ungefähr 12 Tage nach ihrer Geburt häuteten sie sich zum ersten Male und bekamen eine etwas dunklere Farbe, fingen nun an, die Mutter zu verlassen und sich überall im Glase zu zerstreuen, in welchem bei mulmigem Holze die Familie gefangen gehalten wurde. Die Alte starb alsbald sehr abgemagert; ebenso ging es einer anderen, die nur vier Kinder geboren hatte, obgleich sie reichlich mit Kellerasseln versorgt wurde, bei welchem Futter sie sich 6 Monate lang sehr wohl befunden hatte. Die jungen Tiere blieben munter, ihre Zahl verminderte sich aber, wahrscheinlich durch gegenseitiges Auffressen, obwohl ihnen andere Nahrung nicht fehlte. Es ließen sich keine abgestreiften Häute entdecken. Nach 8 Monaten war keins über die Hälfte größer geworden, die Farbe noch eben dieselbe, nur an den Scheren mehr in Rot verwandelt. Daß die Skorpione sehr langsam wachsen und für einen Gliederfüßer ziemlich lange leben, geht aus diesen und anderen Versuchen zur Genüge hervor.
Die Skorpione unterscheiden sich äußerlich durch die gestrecktere oder gedrungene Form der Scheren, durch die Schlankheit oder Dicke des Schwanzes und durch die hellere oder dunklere Farbe des glätteren oder rauheren Körpers. Obgleich die bisher bekannt gewordenen Arten die Zahl 100 noch nicht erreichen, wurden sie doch schon früher von
Ehrenberg in mehrere Gattungen zerlegt, von denen Scorpio die sechsäugigen, Buthus die achtäugigen, Centrurus die Arten mit 10 und Androctonus die mit 12 Augen umfassen. Einige dieser Gattungen zerfallen nach der gegenseitigen Stellung der Seitenaugen oder dem Vorhandensein oder Mangel der Kiele auf dem Schwanzknoten in einige Untergattungen. Peters („Berliner Monatsberichte“ 1861), auf die Unbeständigkeit der Augenzahl hinweisend, versuchte eine neue Einteilung unter Berücksichtigung des Brustbeines und der Kieferfühler und stellte hiernach vier Gruppen auf. Die erste (Telegonini) umfaßt alle diejenigen Skorpione, deren Brustbein eine linienförmige Sichel bildet. Dasselbe biegt sich ein, trägt in seiner Vertiefung die Deckplatten der Geschlechtsöffnung, so daß diese unmittelbar an die Wurzel des zweiten Fußpaares zu stoßen und Teile des Brustbeines gänzlich zu fehlen scheinen. Beide Finger der Kieferfühlerscheren find nur mit je einer einzigen Reihe von Zähnen bewehrt und die sehr kleinen Seitenaugen, ihrer 2 oder 3 jeder: seits, auf eine Erhebung zusammengedrängt. Die nur in Amerika und Neuholland lebenden Arten, welche sich außerdem durch eine fast glatte und glänzende Körperoberfläche auszeichnen, sind den älteren Schriftstellern nicht bekannt gewesen. Es gehört unter anderen der verschiedenfarbige Skorpion (Telegonus versicolor Kochs) aus Brasilien hierher, ein glänzend schwarz- und gelbscheckiges Tierchen von nur 28 mm Länge mit einem sehr dicken Schwanze, dessen Spitze sowie die Finger der Hände eine mehr rote Färbung annehmen. Zu der zweiten Gruppe (Scorpionini) gehören die bei weitem zahlreichsten, auf zwölf Gattungen verteilten Arten. Ein großes, vier- oder fünfeckiges Brustbein, eine Zahnreihe an jedem Finger der Kieferfühler, 2 oder 3 Hauptseitenaugen, 1 oder 2 Nebenseitenaugen bilden die allen gemeinsamen Merkmale. Bei einigen amerikanischen Arten sind die Hände der Scherentaster spindelförmig, nicht breiter als hoch, das Brustbein doppelt so breit als lang, die Hauptseitenaugen zu zweien, die Nebenseitenaugen einfach oder paarweise vorhanden. Sie bilden die Gattung Vaejovis, von der Koch drei Arten beschreibt. Bei allen übrigen erscheinen die Hände der Tasterscheren breiter als hoch. Eine Anzahl von Arten hat nur zwei Hauptseitenaugen, wie der längst bekannte, dunkelbraune, am Bauche gelbe
Mohren-Skorpion (Brotheas maurus). Er mißt nur 52 mm, gleicht in der Schwanzbildung der auf S. 684 abgebildeten Art, unterscheidet sich aber, abgesehen von den bereits angegebenen Gruppenmerkmalen, durch dickere Hände der Scheren. Die Scheitelaugen vor der Mitte des Kopfbruststückes, während fie bei dem sehr ähnlichen Felsenskorpion hinter ihr sitzen. —Auch der Hausskorpion, karpathische Skorpion (Scorpio carpathicus Linnés oder 8. europaeus Latreilles), nebst einer Art vom Himalaja (Scorpiops Hardwicki) und eine von Neuholland (Urodacus hollandiae) gehören hierher. Der Hausskorpion mißt nur 35 mm, ist rotbraun, an den Beinen, der Schwanzspitze und unten gelb gefärbt und verbreitet sich über das ganze südliche Europa bis zu den Tiroler Alpen und Karpathen als nördliche Grenzen. Alle übrigen haben drei Hauptseitenaugen. Ich erwähne außer dem größten aller, dem schwarzen, 13 bis fast 16 cm messenden, in Afrika, Ostindien und den benachbarten Inseln lebenden Felsenskorpion (Scorpio afer) nur noch den Capenser Skorpion (Opistophthalmus capensis), der wie alle seine Landsleute für sehr giftig gilt. Er erreicht ziemlich 8 em Länge, ist matt rötlichgelb, vorn bis zu den auffällig weit zurückgerückten Scheitelaugen sowie auf dem breiten Hinterteile der Hände lebhafter und reiner gefärbt. Die Stirn ist vorn breit rinnenförmig ausgehöhlt, jo daß der Vorderrand in der Mitte ausschweift, an den Seiten stumpf gerundet erscheint. Seine Oberfläche ist auf der lebhaft rot gefärbten Mitte glatt und glänzend, zwischen ihr und den Seiten sehr rauh und dunkel durch schwarze warzige Hervorragungen, wie die Kanten der Arme, der Hände und deren Finger. Mitten auf dem Rücken jedes
Hinterleibsgliedes macht sich vom zweiten ab je eine abgebrochene Erhöhung bemerklich, während die Hinterränder etwas leistenartig emporstehen. An der Unterseite des knotigen Schwanzes erheben sich vom zweiten Gliede an außer je einer Seitenleiste drei dergleichen längs der Mitte. Alle Glieder, besonders aber die Scheren tragen lange Zottenhaare. Diese Art, durch die weit hinten stehenden Scheitelaugen und die schön roten, von schwarzen Linien durchzogenen, stark behaarten Hände besonders auffällig, wird sehr ausführlich von Herbst beschrieben. Merkwürdigerweise paßt die Beschreibung in allen Einzelheiten auf drei Stücke der Universitätssammlung zu Halle, welche Burmeister aus Brasilien mitgebracht hat.
Die dritte Gruppe (Centrurini) vereinigt folgende Merkmale: ein kleines dreieckiges Brustbein von bedeutenderer Länge im Vergleiche zu seiner Breite, dessen Seitenränder sich nach vorn nähern und dessen Hinterrand ungeteilt ist, zwei Reihen von Zähnen am beweglichen, nur eine Reihe am unbeweglichen Finger der Kieferfühler, ein gerader Vorderrand des Kopfbruststückes, ein Dorn unter der Wurzel des Giftstachels, je drei größere Hauptseitenaugen, eins oder zwei daneben und spindelförmige Hände der Scherentaster. Hierher gehört unter anderen der sehr schlanke amerikanische Skorpion (Centrurus X americanus). Er ist in allen seinen Gliedmaßen dünn, auf graugelbem Grunde schön schwarzscheckig und etwa 37 mm lang. Von dunklerer Farbe und kräftigerem Bau, aber gleichfalls sehr schlank, erscheint der bis 105 mm messende Hottentotten—
Skorpion (Centrurus hottentottus).
Der auf ©. 684 vorgeführte Feldskorpion (Buthus occi- cancroides).BücherskorpionStark vergrößert.(Chelifer tanus), welchen Herbst auch unter dem Namen Scorpio tune-tanus beschrieben und abgebildet hat, gehört der letzten Gruppe (Androctonini) an, bei welcher sich das kleine dreieckige Brustbein vorn zuspitzt oder abstumpft, hinten ganzrandig verläuft, beide Finger der Kieferfühlerschere mit je zwei Zahnreihen bewehrt, die Tasterscheren spindelförmig und die Atemlöcher groß sind. An den Seitenrändern des vorn gerade abgeschnittenen Kopfbruststückes stehen je 3 Haupt- und außerdem noch 2 Nebenfeiten: augen. Die Körperfarbe besteht bei der in Rede stehenden Art in einem lichten Gelbrot, und 3 Kiele laufen über den Rücken des Hinterleibes, auf dessen letztem Gliede sich die beiden äußeren einander nähern. Ebenso bilden Reihen perlenartiger Körnchen zierliche Figuren auf dem Rücken des Vorderleibes, besonders zwei von der geraden, leistenartig aufgebogenen Stirn bogenförmig ausgehende, zwischen den Scheitelaugen durchlaufende und sich dahinter in einem Bogen einigende, so daß sie ungefähr die Gestalt einer in der Mitte nicht geschlossenen 8 bilden. Hinter den Seitenaugen beginnt jederseits eine andere Leiste, welche anfangs geradlinig nach hinten verläuft, sich in einem sanften Bogen nach innen wendet und dann abermals gerade bis zum Hinterrand geht. Die neueren Bearbeitungen haben wieder verändert, so daß die Artennamen immer unsicherer geworden sind.
Hinsichtlich der großen Scheren erscheint der Bücherskorpion (Chelifer cancroides) wie ein ungeschwänzter Skorpion, während er ohne jene in Ansehung der Größe, der Färbung und der allgemeinen Umrisse des stark flachgedrückten Körpers an die Bettwanze erinnert. Sein Hinterleib besteht aus elf gleichlangen Ringen, das nur mit zwei Augen versehene Kopfbruststück erscheint querfurchig, das Tasterpaar der Unterkiefer als gewaltige Scheren, dagegen sind die Kieferfühler verkümmert, nicht zum Kauen, sondern nur
zum Saugen eingerichtet. Nicht nur der Mangel der Kämme am Grunde des Bauches und der Giftdrüsen an irgend einer Stelle ihres Körpers unterscheidet diese Afterskorpione oder Familie der Chernetidae von den echten Skorpionen, sondern auch der allerdings noch nicht vollständig untersuchte innere Bau. Sie atmen nicht durch Lungen, sondern mittels Luftröhren, welche von zwei seitlichen Luftlöchern am ersten Hinterleibsringe als kurze, weite Stämme ausgehen und sich durch den ganzen Körper fein verästeln. Der Darm verläuft gleichfalls nicht gerade, wie dort, sondern bildet vor dem sackartig erweiterten Mastdarm eine Schlinge; überdies besitzen die Afterskorpione Spinndrüsen, welche nahe bei den Geschlechtsöffnungen am Bauche des zweiten Hinterleibsgliedes münden; sie stehen in ihrem inneren Bau überhaupt den Milben viel näher als den Skorpionen, von denen sie bereits als besondere Ordnung unter dem Namen Pseudoscorpionina getrennt worden find.
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Geschwänzter Fadenskorpion (Thelyphonus caudatus). Natürliche Größe.
Der Bücherskorpion hält sich in alten Häusern, zwischen staubigen Büchern, den Mappen von Herbarien und in den Kasten der Insektensammlungen auf, den Staubläusen, Milben sowie anderen kleinen Insekten nachgehend und mithin in letzteren durchaus keinen Schaden anrichtend, sondern vielmehr des Hegens und Pflegens wert. Einen sonderbaren Anblick gewährt es beim Offnen eines solchen Kastens, dieses Tierchen in einem der Winkel umherkrebsen zu sehen; denn es bewegt sich rückwärts und seitwärts mit eben solcher Leichtigkeit wie vorwärts, telegraphiert mit seinen Scherentastern bald rechts, bald links und ist gegen die ihn etwa fassenden Fingerspitzen vollkommen wehrlos. Das Weibchen legt ungefähr 20 Eier. Sehr ähnliche, gleich große Afterskorpione, welche unter Moos, Baumrinde ꝛc. im Freien vorkommen, gehören anderen Arten an, so beispielsweise der wanzenartigen Skorpionmilbe (Chernes cimicoides) mit kürzeren Scherentastern, ovalem Hinterleib und ohne
Augen, oder dem Rindenskorpion (Obisium muscorum oder O. corticale), bei