Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Eidechse sprang sie auf den Rücken, hieb ihre Zangen in den Nacken ein und fraß, nur die wenigen Knochen zurücklassend, den Leib auf. Eine noch blinde, sehr junge Moschusratte wurde von ihr getötet und in kurzer Zeit vollständig vertilgt. Weiter ließ man sie gegen eine 105—131 mm spannende Fledermaus los, und obgleich sich diese sehr lebhaft bewegte, so sprang die Solpuga auf sie und biß sich so fest in den Hals ein, daß sie trotz allen Flatterns der Fledermaus nicht abgeschüttelt werden konnte. Einen 105 mm langen Skorpion faßte sie an der Wurzel des Schwanzes, biß diesen ab und verzehrte beide Teile, doch war dieser Sieg nur ein zufälliger; denn einen zweiten Skorpion, mit dem man sie später zusammenbrachte, griff sie von vorn an, wurde aber von dessen Scheren erfaßt, mit dem Giftstachel verwundet, und nun war es um sie geschehen: sie zuckte ein paarmal krampfhaft zusammen und war ein Kind des Todes. Auch Kapitän Hutton teilt über eine indische Art, für die er den Namen Galeodes vorax vorschlägt, möglichenfalls dieselbe, welche Herbst G. fatalis nennt, interessante Beobachtungen mit, die hinsichtlich der Kühnheit und Gefräßigkeit das eben Mitgeteilte nur bestätigen. Die gewöhnliche Nahrung besteht aus Insekten aller Art, welche nicht nur ausgesogen, sondern vollständig zerkaut werden. Auch einander verschonen die Walzenspinnen nicht, kämpfen auf Leben und Tod, wobei der Sieger die Besiegte auffrißt. Dagegen hütet nach Spinnengewohnheit die Mutter ihre Jungen mit der größten Sorgfalt. Hutton hielt ein Weibchen gefangen, welches sich sofort einen Gang in die Erde grub und über 50 weiße Eier legte, die es regungslos bewachte. Nach 14 Tagen kamen die Jungen daraus hervor, welche 3 Wochen hindurch bis zur ersten Häutung ohne Bewegung blieben, dann umherliefen, zusehends wuchsen, ohne daß bemerkt werden konnte, wovon sie sich ernährten.
Neben Galeodes araneoides kommt eine zweite Art, G. graeca, in Europa vor, und eine dieser beiden Arten dürfte es auch sein, auf welche sich einige dürftige Mitteilungen des Aelian und Plinius beziehen, wenn ersterer sagt: „Naturforscher behaupten, daß auf Zakynthos die von Phalangien Gebissenen am ganzen Leibe erstarren, zittern, schaudern, daß sie Erbrechen und zugleich Schmerz in den Ohren und Fußsohlen bekommen. Noch wunderbarer ist der Umstand, daß diejenigen, welche in Wasser treten, mit welchem sich die Gebissenen gewaschen, dieselben Zufälle erleiden.“ An einer anderen Stelle berichtet derselbe Schriftsteller, daß in Indien ein Land am Flusse Astabas liege, welches die Einöde heiße und menschenleer sei. Im heißen Sommer verfinstern dort Mücken die Luft, und zahllose Skorpione und Phalangien hausen daselbst. Anfangs sollen dort Menschen gewohnt und eine Zeitlang das Übel ertragen haben. Als es aber immer schlimmer wurde und ganze Familien ausstarben, verließen sie ihr schönes Vaterland. Plinius berichtet von den Phalangien, daß die Weibchen in ihrer Höhle eine große Eierzahl bebrüteten, in Italien seien sie unbekannt. Habe sich jemand durch einen Stich vergiftet, so heile man ihn, indem man ihm ein anderes Tier derselben Art zeigt. Zu diesem Zwecke bewahrt man tote auf; auch zerreibt man die Haut, welche sie beim Häuten abstreifen, und trinkt sie als Heilmittel, oder wendet junge Wiesel an. Aus diesen und ähnlichen Berichten geht zur Genüge die Furcht hervor, welche man von alters her gegen derartige Spinnentiere hatte.
Simon hat ungefähr 60 Arten auf 10 Gattungen verteilt und dabei namentlich die Bildung und Bewehrung der Beine und der Scheren als unterscheidende Merkmale benutzt. Hiernach ist der ältere Gattungsname Galeodes nur denjenigen Arten verblieben, welche beborstete Krallen an den Beinen und gezähnelte Kämme an den Luftlöchern des Hinterleibes haben. Neuerdings find jene Gattungsnamen durch Karsch teilweife verändert und auch vermehrt worden.
Es findet sich wohl kaum unter den Gliederfüßern ein zweiter, über welchen von alters her so viel gefabelt worden ist wie über den Skorpion. Er ist seinem ganzen Wesen nach unstreitig dazu angethan, als Sinnbild giftsprühender Tücke und Boshaftigkeit zu gelten und dem bösen Genius Typhon in der altägyptischen Mythologie zur Seite gestellt zu werden. Einige der griechischen Philosophen lassen die Skorpione aus faulenden Kro-kodilen entstehen, Plinius aus begrabenen Seekrebsen, aber nur dann, wenn die Sonne durch das Zeichen des Krebses geht; nach der Lehre des Paracelsus werden sie aus faulenden Skorpionen wieder erzeugt, weil sie sich selbst töten sollen; es ging nämlich die Sage, daß ein von einem Kreise glühender Kohlen umgebener Skorpion, wenn er die nicht zu vermeidende Wirkung der Hitze merkt, sich lieber mit seinem Stachel totsticht, statt jener zu unterliegen. Neuerdings von verschiedenen Seiten angestellte Versuche haben die Richtigkeit dieser Ansicht bestätigt. Starker Hitze und sonstigen Quälereien ausgesetzt, lassen sie sich zum Selbstmorde verleiten; der Tod erfolgt wenige Minuten nach dem sich beigebrachten Stiche. Weiter werden von zum Teil späteren Schriftstellern Skorpione mit mehr als sechs Schwanzgliedern, ja mit zwei Schwänzen erwähnt, von Moufet sogar einer mit Flügeln abgebildet. In vielen Schriften spielt der Gebrauch von Basilienkraut eine große Rolle, um tote Skorpione wieder lebendig zu machen, so daß der berühmte A. von Haller in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, um dergleichen Thorheiten zu geißeln, meint, es sei jemandem durch den vielen Gebrauch des Basilienkrautes ein Skorpion im Hirne gewachsen. Diese und ähnliche Ansichten vom Skorpion und der Umstand, daß man ihn sogar unter den Sternbildern erblickt, beweisen die große Teilnahme, welche ihm von jeher seitens der Menschen zu teil ward, die ihn jedoch nie liebten und nie lieben lernen werden, sondern nur fürchten, teilweise allerdings mit Übertreibung, wie die zahlreich angestellten Versuche und Erfahrungen mit der Zeit nachgewiesen haben. Die Skorpione führen in dem gekrümmten Stachel an ihrer Hinterleibsspitze eine für Geschöpfe ihresgleichen unfehlbar tödliche Giftwaffe, die für größere Tiere und den Menschen nur in besonderen Fällen nachhaltige schlimme Wirkungen oder wohl auch den Tod herbeiführen kann. Bei Montpellier gibt es zwei Arten, den kleinen Hausskorpion (Scorpio europaeus), von welchem die Leute im südlichen und mittleren Frankreich häufig gestochen werden, ohne nachteilige Folgen, indem das „huile de Scorpion“ den Schaden schnell heilt. Der Feld: skorpion (Buthus oceitanus) ist weit größer und bedeutend gefährlicher. Man ließ von ihm einen Hund viermal am Bauche stechen. Eine Stunde nachher schwoll er, fing an zu wanken und gab seinen ganzen Mageninhalt, weiter einen klebrigen Stoff von sich. Endlich bekam er Krämpfe, schleppte sich auf den Vorderfüßen hin, biß in die Erde und verendete 5 Stunden nach der Vergiftung. Ein anderer Hund wurde sechsmal gestochen, schrie jedesmal auf, blieb aber gesund; 4 Stunden nachher ließ man ihn von mehreren Skorpionen zehnmal stechen, er befand sich wohl, nahm Nahrung zu sich und kam immer wieder, wenn man ihm etwas anbot, obschon er wußte, daß er gestochen werden würde. Bei einem weiteren Versuche brachte man drei Skorpione mit einer Maus zusammen. Sie ward gestochen, quiekte, biß die Skorpione tot und starb — nicht. In einem anderen Falle war ein Mann von derselben Art 18 Stunden früher, als der Arzt herbeikam, in den Daumen gestochen worden. Der Arm war so stark angeschwollen wie sein Bein, die Haut rot und entzündet. Heftige Krämpfe peinigten den Verwundeten, er phantasierte, brach häufig und fiel aus einer Ohnmacht in die andere. Nach 5 Tagen besserte sich der Zustand, doch dauerte es lange Zeit, ehe vollkommene Genesung erfolgte. Guyon berichtet von fünf Fällen, wo der Tod 12 Stunden nach dem Stiche, seitens größerer Arten von einem, wo er sofort erfolgte. Das Gift ist eine wasserhelle, leicht eintrocknende, sauer reagierende Flüssigkeit. Es ist in Wasser löslich, nicht löslich im absoluten Alkohol und Ather.
Die Skorpione halten sich wie die Tausendfüßer unter Steinen, im faulen Holze, in Mauerlöchern und ähnlichen dunkeln Verstecken auf; da sie aber die Wärme ungemein lieben, so dringen sie auch häufig in die menschlichen Wohnungen ein, verkriechen sich in die Betten, in Kleider und Fußbedeckung, welche sie vorfinden. Wenn eine Reisegesellschaft beim Übernachten im Freien das unentbehrliche Feuer angezündet hat, erscheinen außer anderen nächtlichen Gliederfüßern immer auch Skorpione, deren man sich auf die eine oder andere Art zu erwehren hat. Auf diese Weise oder bei gewissen Beschäftigungen im Freien kann ihnen der Mensch unbemerkt zu nahe kommen, und dann pflegt ein Stich ihrerseits unvermeidlich zu sein, denn sie meinen sich verteidigen zu müssen. Der Stich ist ungemein schmerzhaft und brennend, erzeugt örtliche Entzündung, Lähmung, Fieber, Ohnmacht und Übelkeit, je nach der Größe des Tieres, durch welche ein kräftigerer Stich und mehr Gift bedingt wird, je nach der Reizbarkeit des Verwundeten und je nach den Witterungsverhältnissen der Gegend; denn bekanntlich nehmen alle Entzündungen in heißen Ländern einen bösartigeren Charakter an als in gemäßigten Gegenden. Die europäischen Arten verwunden am schwächsten, die afrikanischen und asiatischen, vielleicht wegen ihrer bedeutenderen Größe, am heftigsten. Sonst pflegte man das sogenannte Skorpionöl, Olivenöl, worin man einige Skorpione hat sterben lassen, zum Bestreichen der Wunde zu verwenden, und man verwendet es da noch, wo Hausmittel überhaupt mehr als ärztliche Verordnungen gelten. Alkalische Heilmittel, wie Ammoniak, Tabaksasche, lindern den Schmerz und die Geschwulst am besten, wie eine geringe Gabe von Ipecacuanha die Übelkeiten. Die Eingeborenen Afrikas, welche weit und breit vom Stiche des Felsenskorpions (Scorpio afer) zu leiden haben, legen eine Binde fest um die Wunde und sich selbst als Kranke nieder, bis sie sich wieder wohler fühlen. Merkwürdig ist die Erfahrung, daß sich der menschliche Organismus mit der Zeit an das Gift des Skorpions gewöhnt. Eine zweite Verletzung wirkt weniger heftig und nachhaltig als die erste und eine dritte abermals schwächer als die zweite. Es wird erzählt, das jemand, der diese Erscheinung an sich selbst abprobieren wollte, es bald dahin brachte, daß er nur den durch den Stich verursachten, vorübergehenden Schmerz und nichts weiter empfand.
In einem anderen Verhältnis stehen die Skorpione zu Insekten aller Art und Spinnen, ihrer Lieblingsspeise, welchen sie auf ihren nächtlichen Beuteumzügen begegnen. Sie laufen dabei sehr schnell und gewandt, manchmal auch seitwärts und rückwärts, halten den Schwanz nach oben und vorn über den Rücken gebogen, um jederzeit die Waffe zum Stoße bereit zu haben, und ergreifen von diesen Tieren mit ihren Scheren, was sich greifen läßt. Hierauf wird die Beute trotz allen Zappelns und Widerstrebens emporgehoben, mit den nach oben gerichteten Augen besehen und durch einen sicheren, von hinten kommenden Stich in die Brust widerstandslos gemacht. Einige krampfhafte Zuckungen, und das Opfer ist tot; es wird nach dem Maule geführt und ausgesogen und unter Umständen auch zerkleinert und vollständig verzehrt.
Die Skorpione leben vorzugsweise in heißen Ländern und in den wärmeren Teilen der gemäßigten Erdstriche; viel weiter als bis zum 45. Grade nördlicher Breite dringen sie nicht vor, so daß sie im nördlichen Deutschland gänzlich fehlen.
Eine der gemeinsten südeuropäischen, in Frankreich, Spanien, der Berberei, überhaupt in allen Mittelmeerländern lebenden Arten, der Feldskorpion (Buthus oceitanus, Abbild. S. 684), möge statt aller den nicht zu verkennenden Körperbau der Familienglieder vergegenwärtigen. Die beiden großen Krebsscheren stellen die Taster des Unterkiefers, ihr kurzes, dickes Grundglied, welches von obenher unsichtbar bleibt, diesen selbst vor. Das zweite Kieferpaar erscheint als vorderste Beine, deren plattenartige Hüfte nebst der des folgenden, echten Beinpaares einen Fortsatz nach vorn als Unterlippe entsenden. Diese beiden ersten
Paare stoßen in der Mittellinie des Körpers zusammen, während die noch übrigen zwei Paare auseinander gerückt sind und ein bei den verschiedenen Arten sehr verschieden gestaltetes Brustbein zwischen sich aufnehmen. Alle acht laufen in je zwei Klauen aus. Wenn die Scheren auf den ersten Blick lebhaft an die der Krebse erinnern, so unterscheiden sie sich doch von diesen wesentlich dadurch, daß der äußere Finger gegen den mit der Hand verwachsenen inneren durch ein Gelenk beweglich ist, nicht wie dort umgekehrt der innere Finger gegen den festgewachsenen äußeren. Die beiden Spitzchen, welche die Begrenzung vor dem Vorderrande des Kopfbruststückes bilden, sind die dreigliederigen, an der Spitze gleichfalls scherenförmig endenden Kieferfühler. Der Rumpf des Skorpions zerfällt in ein viereckiges, nach hinten etwas breiter werdendes ungeteiltes Kopfbruststück und in einen 13gliederigen, von diesem nicht abgesetzten Hinterleib, dessen sechs letzten Ringe einen knotigen, in den gebogenen Giftstachel auslaufenden Schwanz bilden. Die doppelte Offnung des die Giftdrüsen bergenden Stachels ist mikroskopisch fein. An der Bauchseite des ersten Hinterleibsgliedes liegen, von zwei Platten bedeckt, die Geschlechtsöffnungen, am Ende des nächsten Gliedes die sogenannten Kämme (oberster Teil von Fig. a). Es find dies an mehrgliederige schmale Platten einem Kamme ähnlich gereihte Zähne, deren Anzahl nach den Arten und dem Alter einer und derselben Art mehrfach schwankt. Dieselben enden am äußeren Rande saugnapfartig und sind an oder zwischen ihren Wurzeln aus- und inwendig durch dreieckige, kegelförmige oder kugelige Knöpfchen gestützt. Ihre eigentliche Bedeutung kennt man noch nicht; von den aufgestellten Vermutungen haben die beiden, sie möchten bei der Paarung verwendet werden oder zum Drehen des Körpers und zum Festhalten an steilen, glatten Wänden, somit zur Unterstützung der Füße dienen, noch den größten Schein der Wahrheit für sich. Hinter den beiden Kämmen, welche ee e e keinem Skorpion fehlen, bemerkt man an den vier fol— „ ftlogern. Natürlige Größe. genden Bauchringen je ein Paar schräge Spaltöffnungen, die nach den vier Paaren der faltigen Lungensäcke als die Luftlöcher führen. Stets oben auf dem Kopfbruststück stehen die Augen, zwei größere, die Scheitelaugen, in der Nähe der Mittellinie, meist an den Außenseiten zweier Längskanten 2—5 kleinere jederseits des Randes, die in der Anzahl selbst bei einer und derselben Art, ja auf der rechten und linken Seite nicht beständig zu sein brauchen und, wenn sie in einer Reihe stehen, als Haupt-Seitenaugen von anderen entfernteren oder anders gerichteten, den Neben-Seitenaugen, unterschieden werden können. Übrigens bedarf es bei der körnigen Oberfläche des Kopfbruststückes großer Aufmerksamkeit, um die Seitenaugen nicht zu übersehen. Die Leibesbedeckung besteht aus harten Chitinschildern; auf jedem Gliede befindet sich ein oberes und ein unteres, die mit ihrer Nachbarschaft durch weiche Häute verbunden sind, nur die des härteren Schwanzes machen hiervon eine Ausnahme. Die Oberfläche erscheint glänzend oder matt, meist rauh, körnig oder warzig, mit Leisten oder Kanten versehen, stellenweise auch mit Borsten besetzt. Als Farben kommen Blaßgelb durch Braun hindurch bis zum tiefsten Schwarz und höchstens schwarze Zeichnungen auf lichtem Grunde vor. Das Männchen unterscheidet sich vom Weibchen durch den längeren Schwanzteil, breitere Scheren und zahlreichere Zähne an den Kämmen.