Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
welchem das Kopfbruststück keine Querfurche, aber vier Augen zeigt, der zarte Körper schwarzbraun erglänzt, lichter an den Fangarmen und beinahe weiß an den Beinen, und andere mehr. In gleicher Weise lebend sind ähnliche Arten über die ganze Erde verbreitet und kamen bereits in untergegangenen Schöpfungsperioden vor; denn man findet dergleichen nicht selten als Bernsteineinschlüsse.
Einige höchst interessante Formen, von denen man leider nicht viel mehr als eben diese, und zwar schon länger kennt und früher unter dem Gattungsnamen Phalangium zusammengefaßt hat, kommen in den heißen Ländern beider Erdhälften vor und sollen hier nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Der geschwänzte Fadenskorpion (Thelyphonus caudatus, Abbild. S. 688) oder der geschwänzte Weibertöter, wenn der wissenschaftliche Name verdeutscht wird, möge die eine dieser Formen vergegenwärtigen. Das dunkelrotbraune Tier von 32 mm Körperlänge kommt auf Java vor und wird samt seinen Gattungsgenossen in anderen Ländern wegen seines Stiches gefürchtet. Derselbe kann indes nur mit den zweigliederigen, wie bei unseren Spinnen in eine Klaue auslaufenden Kieferfühlern ausgeführt werden, da der Giftstachel am Ende des Schwanzes fehlt, dieser vielmehr eine Stinkdrüse besitzt. Die Unterkiefertaster treten hier als äußerst gedrungene, kräftige Arme von der Länge des Kopfbruststückes auf, welche sich am Schenkelhals nach innen zackig erweitern, am Schenkelteil einen einzelnen kräftigen Dorn tragen und in dicke, kurze Scheren endigen; ihr Wurzelteil, die Kinnladen, sind miteinander verwachsen. Das zweite Kiefertasterpaar, obschon Beinen ähnlich, ist bedeutend länger und dünner als diese und läuft in achtringelige Füße aus. Der
eiförmige Kopfbrustteil trägt acht Augen, Langarmiger Tarantelskorpion (Phrynus lunatus). von welchen zwei wie bei den Skorpionen Natürliche Größe. a Vergrößerte Anordnung der Augen. den Scheitel, je drei den Seitenrand einnehmen, und mit nur schwacher Einschnürung fügt sich ihm der fast ebenso gestaltete, zwölfringelige Hinterleib an, dessen drei letzte Glieder sich zapfenartig verengern und einen gegliederten Faden aussenden. Wenn so die äußere Erscheinung die Skorpionähnlichkeit nicht verleugnet, so lassen die inneren Organisationsverhältnisse dieselbe noch mehr hervortreten. Am Grunde des hier platten Hinterleibes zeigen sich nämlich zwei Luftlöcherpaare, welche die Ausgänge für ebenso viele Lungensäcke bilden, dagegen fehlen hier wie bei der folgenden Gattung und abweichend von den Skorpionen die Nervenknoten im Hinterleibe. Aus dem großen Vorderleibsknoten gehen zwei Hauptstränge nach dem Hinterleibe, welche nur am Ende zu einem kleinen Knoten anschwellen. Vom Betragen und von der Lebensweise dieser Skorpione, deren eine Art in Mexiko und noch einige sehr ähnliche im heißen Asien heimaten, ist nichts bekannt geworden.
Der langarmige Tarantelskorpion (Phrynus lunatus) vergegenwärtigt die andere, schon mehr spinnenartige Form. Auch hier treten die zweiten Kiefer als lange Geißeln auf, das erste Paar als längere oder kürzere, mehr oder weniger bedornte Arme,
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welche in eine einfache Klaue auslaufen. Zwischen dem die Kinnladen bildenden Wurzelteil beider Arme steht ein beweglicher Kinndorn, die Kieferfühler enden gleichfalls in eine einfache Klaue und bergen wahrscheinlich die Giftdrüsen. Am beinahe nierenförmigen Kopf: bruststück verteilen sich die Augen, wie die vergrößerte Figur zwischen den Geißeln anzeigt. Dadurch, daß der elfgliederige Hinterleib vorn eingeschnürt ist, entsteht die Spinnenähnlichkeit in der Körpertracht. Die Phrynen atmen jedoch gleichfalls durch Lungen, welche an der Bauchwurzel in vier Luftlöcher münden, und die Weibchen gebären lebendige Junge, wodurch sich die nähere Verwandtschaft mit den Skorpionen bekundet. Bei der hier abgebildeten fahl braungelben Art, welche in Surinam lebt, ist der Schenkelteil der Scherenarme bedeutend länger als der entsprechende an den Beinen und unbewehrt, der Schienenteil fast ebenso lang und vor der Spitze mit drei sehr langen Dornen versehen. Unbegreiflicherweise bildet Gervais diese Art unter dem Namen Phrynus reniformis ab und verweist dabei auf eine andere Abbildung von Herbst, welche aber bewehrte Arme hat und der seinigen nicht im entferntesten ähnlich sieht. Unsere Art wurde 1872 lebend in der Schrammschen Farbenfabrik bei Offenbach aufgefunden, wohin sie aus San Domingo mit Blauholz eingeschleppt worden war. Die anderen Arten unterscheiden sich hauptsächlich durch die Bildung der kürzeren, stärker bedornten Arme der Kiefertaster und erscheinen der kräftigen Dornen wegen noch drohender. Der Zahl nach sind es etwa 20, die man auf vier Gattungen verteilt hat. |
Die Phryniden und Telyphoniden hat man mit den fühlerartig verlängerten Border: beinen, den Klauenkiefern und dem 11—12gliederigen Hinterleib als gemeinsamen Merkmalen zu einer Ordnung, den Skorpionspinnen oder Geißelskorpionen (Pedipalpi), zusammengefaßt.
Wenn die bisher besprochenen Spinnentiere fast ausschließlich nur dem Südländer und den Bewohnern heißer Erdstriche im Freien zu Gesicht kommen und als Nachtwandler auch diesen nur ausnahmsweise und zufällig, so bilden die jetzt zu besprechenden, weniger versteckt lebenden die über die gemäßigten Erdgürtel und über ganz Amerika ausgebreitete
Familie (Ordnung) der Afterspinnen (Phalangidae oder Opiliones). Die ungemein lang- und dünnbeinigen Tiere, welche in Deutschland nicht minder wie in den nördlichen und südlichen Teilen Europas und in Nordamerika ihren kleinen eirunden und gegliederten Leib in der Schwebe tragen, wenn sie an einem Baumstamm, einer Mauer, auf dem Boden entlang kriechen, denselben aber mit dem Bauche auflegen, wenn sie mit lang ausgestreckten Beinen der Ruhe pflegen, kennt jedermann, wenn nicht unter diesem, so doch unter jenem Namen, wie Weberknecht, Kanker, Schneider, Schuster, Geist, Tod, Faucheur der Franzosen, und anderen. Die Buben erzählen sich von ihnen, daß der Rumpf süß schmecke wie eine Nuß, und es fehlt nicht an lüsternen, welche den Versuch machen und ihren Kameraden die Versicherung geben, daß die Sache ihre Richtigkeit habe. Dabei erfahren sie auch, daß die langen, dünnen Beine vom fleischigen Hüftteil sehr leicht abfallen und ftunden-lang nachher noch krampfhaft zucken, als wenn immer noch Leben in ihnen wäre. Man sieht die Tiere bei Tage in dunkeln Winkeln der Häuser, aber auch draußen im Freien allerwärts und eben nicht sehr versteckt sitzen, sich auch träge wie auf Stelzen fortbewegen; doch erst mit anbrechender Nacht erwachen sie aus ihren Träumereien, treiben allerlei Kurzweil, sich gegenseitig neckend, mit den Beinen ineinander verstrickend, eins das andere von seinem Platze herabwerfend, hauptsächlich aber suchen sie jetzt kleinere Insekten und Spinnen zur Nahrung auf. Wie eine Katze springt der Schneider auf die Beute und verarbeitet sie schnell mit seinen Mundteilen. Nach Gödarts Ansicht dauert es drei Jahre, bevor die aus
den weißen Eierchen entschlüpften Weberknechte ihre vollkommene Größe, und zwar unter wiederholten Häutungen, erlangt haben. Die Kälte scheint sie wenig zu belästigen, denn man findet sie hoch oben auf den Bergen, ja in den Schweizer Alpen beobachtete man den
Eis⸗Kanker (Opilio glacialis) in einer Höhe von 3344 m. Die Tiere wurden früher mit den vorherbesprochenen unter dem Gattungsnamen Phalangium vereinigt, später trennte man sie, die einen unter Beibehaltung des Namens, die anderen unter dem Gattungsnamen Opilio, welcher in neueren Zeiten nicht für ausreichend befunden wurde, und für gewisse Arten noch andere neben sich erhielt. Die Weberknechte, für die wir den Herbstschen Namen Opilio festhalten wollen, stimmen in folgenden Merkmalen überein. Strahlenförmig von den langen Beinen umgeben, zeigt der feiste Körper, welcher am Kopfbruststück etwas uneben ist, die Eiform, aber nicht immer deutlich die sechs Ringe am gewölbten Hinterleib. Die Natur hat ihn in manchen Beziehungen etwas stiefmütterlich ausgestattet: nur zwei Augen stehen so ziemlich in der Mitte des Kopfbruststückes, zwei unter den Hüften der hintersten Beine gelegene Luftlöcher bilden die einzigen Ausgänge für die Luftröhren, durch welche hier das Atmen bewirkt wird. Die dreigliederigen Kieferfühler hängen vor der Mundöffnung herunter und endigen in eine kleine Schere; die Kiefertaster bestehen aus sechs fadenförmigen, nicht bedornten Gliedern, von denen das erste an der Außenseite der Kieferfühler eingelenkt ist, das letzte in eine feine Kralle ausläuft, wie das beinförmige nächste Kieferpaar. Dieses und die echten Beine erreichen eine Länge, wie bei keinem zweiten Gliederfüßer, und obschon fie in 10— 15 haarfeine Fußglieder aus: gehen, enthalten sie als Tastwerkzeuge zahlreiche Nerven, wie auch das stundenlange Zucken der vom Körper getrennten Beine beweist. Sie alle sind fleischigen Hüften angefügt, welche gedrängt hintereinander stehen und deren Männchen des krummbeinigen Gonyletztes Paar weder durch Dicke, noch durch breiteren Ab- ebtes (Gonziert Joe., alice stand voneinander vor den übrigen etwas voraus hat.
Im inneren Körperbau stimmen die Afterspinnen der Hauptsache nach mit den Spinnen überein. Von den zwei Nervenknoten über und unter dem Schlunde versieht der letztere, größere, die Beine und den Hinterleib mit Nervenfäden. Der im Vorderleib gelegene Magen sendet zahlreiche, blindschlauchartige Fortsätze aus und zwar vom oberen Teile vier Reihen kurzer, von den Seiten drei Paar langer, den ganzen Hinterleib durchziehender. Das Rückengefäß besteht aus drei Kammern und gestattet nur aus seinen zugespitzten beiden Enden dem Blute einen Ausweg. Wie bei allen Gliederspinnen öffnen sich auch hier die Geschlechtsteile an der Wurzel des Bauches, und das Männchen besitzt die Eigentümlichkeit, ein zapfenförmiges Organ herausstülpen zu können, das Weibchen eine lange Legröhre. Die Forscher unterscheiden etwa 250 Arten und verteilen sie auf mehr denn 50 Gattungen. Das mit obigen volkstümlichen Namen belegte Tier (Fig. 4 auf S. 709) wurde von Linné Phalangium opilio, von Herbst Opilio parietinus genannt, mißt im grauen oder graugelben Leibe reichlich 5 mm, trägt an Hüften, Schenkeln und dem Kopfbruststück feine Dörnchen und ist unter anderen Massenvertilger der Schildlaus Chermes coceinea auf Fichten. Eine sehr ähnliche Art, von manchen für das Männchen der vorigen gehalten, ist der Opilio (Cerastoma) cornutus, ausgezeichnet durch einen hornartigen Ansatz hinter der Scherenwurzel der Kieferfühler. Noch zahlreiche ähnliche Kanker leben in Europa und Amerika. 44
Andere Arten, von denen jedoch keine einzige in Europa vorkommt, zeichnen sich durch abgerückte Hinterbeine mit verdickten Schenkeln, breitgedrückte Taster ohne Stachelborsten und durch einen gegen den viereckigen Vorderleib sehr in den Hintergrund tretenden, kleinen Hinterleib aus. Sie gehören der Gattung Cosmetus und einigen zunächst verwandten an.
Die sonderbarsten Familienglieder weist aber Südamerika in der Gattung Gonyleptes auf, wie der umstehend abgebildete Gonyleptes curvipes beweist. Dieses „Krummbein“ ist im braunroten Rumpfe ein fast ganz hartschaliges Kopfbruststück; denn der Hinterleib wird von diesem so ziemlich vollständig bedeckt; dichte, lichtgelbe Körnchen und zwei Dörnchen auf dem Augenhügel in Form einer Gabel machen die Oberfläche rauh und bunt zugleich. Wie bei allen Gattungsgenossen treten die verlängerten Hinterbeine weit auseinander, kommen aus stark verdickten Hüften und tragen kräftige Dornen, jedoch nur beim Männchen. Das Weibchen läßt kaum eine Spur davon erkennen, dafür aber einige Ringe des Hinterleibes mit dornigen Warzen. Das „Krummbein“ ist in Brasilien und Chile zu Hause, doch scheinen die zahlreichen Gattungsgenossen ein nicht eben ausgedehntes Verbreitungsgebiet zu haben und vertreten in demselben durch ihre Lebensweise unsere Weberknechte, jedoch seltener in den Häusern vorkommend wie diese. Als nächtliche Tiere halten sie sich bei Tage hinter Baumrinde, unter gefällten Stämmen, in Erdlöchern und ähnlichen Verstecken der Finsterlinge auf, wo sie auch andere Gesinnungsgenossen finden, welche ihnen zur Nahrung dienen. Man trifft sie daselbst zu kleineren Gesellschaften vereinigt, so daß auch sie einen gewissen Geselligkeitstrieb an denTag legen.
Zweite Ordnung.
Die Webspinnen, echten Spinnen (Araneina).
Das tückische Lauern auf Beute in einem verborgenen Hinterhalt und das gegen seitige Befeinden, besonders der Weibchen und Männchen, welches sprichwörtlich geworden ist, so daß „spinnefeind“ den höchsten Grad der Leidenschaft zwischen zwei Menschen andeutet, charakterisieren jene kleinen Finsterlinge, welche man Spinnen nennt. Diese beiden Charakterzüge so wenig wie ihre äußere Erscheinung können sie dem Menschen lieb und wert machen. Man flieht und verabscheut sie vielmehr, jedoch mit Unrecht und aus Vorurteil. Wenn ich jetzt versuche, als ihr Lobredner aufzutreten, so werde ich zum Teil nur dem Grundsatz gerecht, welchen mich meine unvergeßliche Großmutter lehrte, als ich noch ein Knabe war. Dieselbe ging von der Ansicht aus, daß man dem Menschen und vor allem dem Kinde jede unbegründete und darum alberne Furcht vor Ammenmärchen und besonders auch vor dem kleinen Geziefer nicht nur durch Belehrung, sondern auch durch das Beispiel benehmen müsse. Als sie einst mein Entsetzen und die Außerung desselben nach Kinderart bemerkte, welches eine am äußersten Zipfel meines langen Hausrockes sitzende, feiste Kreuzspinne hervorgerufen hatte, schalt fie mich nicht nur tüchtig aus, jon-dern suchte mir zugleich das Thörichte meines Benehmens begreiflich zu machen. Sie nahm eins dieser Tiere, die sich an der einen, rebenumrankten Wand des alten, schon einmal erwähnten Pfarrhauses zahlreich angesiedelt hatten, in ihre Hand, um mir seine Unschädlichkeit darzuthun, wies mich auf das kunstvolle Nest desselben und auf seine Jagd nach lästigen, den reifen Trauben später nachteiligen Fliegen hin und setzte es dann wieder an