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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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gang fahle Erdaſſel (Geophilus longicornis), einen Regenwurm eu Natürliche Größe.

wiederholten sich fünf- oder sechsmal, bei Tage oder in der Nacht, einer derselben hielt sogar mit geringen Unterbrechungen volle 14 Tage an. Methodisch ärztliche Behandlung war nicht angewendet worden. Endlich, nach einem Jahre der Leiden, hörten diese außergewöhnlichen Krankheitserscheinungen plötzlich auf durch das Ausniesen eines Insektes, welches, auf den Boden gefallen, sich uhrfederartig mit großer Beweglichkeit aufrollte, in wenig Wasser gethan mehrere Tage fortlebte und erst starb, als man es in Weingeist setzte. Es war 5,s em lang, gelb von Farbe und aus 64 fußtragenden Leibesringen zusammengesetzt. Sachverständige gaben es für einen Geophilus electricus aus.

Die einzige Gattung Scolopendrella mit wenigen sehr zarten, an Springschwänze erinnernde Arten, welche zum Unterschied von den vorigen nur ein Paar Unterkiefer und keine Kieferfüße haben, hat man neuerdings unter dem Namen Symphyla zu einer Ordnung erhoben. Ihr schließt sich eine weitere Ordnung Pauropoda an, deren wenige, auf drei Gattungen verteilte, zarte Arten in gegliederte Geißeln auslaufende Fühler und die Geschlechtsöffnungen an der Wurzel des zweiten Beinpaares tragen.

Ordnung.

Die Zweipaarfüßer, Tausendfüßer, Bchnurasseln (Diplopoda, Chilognatha)

In der äußeren Erscheinung unterscheiden sich die Chilognathen von den Mitgliedern der vorigen Ordnung wesentlich durch den senkrecht gestellten Kopf, den drehrunden oder halbwalzigen Körper, dessen mehr oder weniger zahlreiche Ringe vom fünften oder sechsten an je zwei Paar Gangbeine führen. — Der verhältnismäßig große Kopf zerfällt in einen oberen und vorderen, mit freiem Rande endenden Scheitelteil und in zwei unterhalb liegende, an jenem etwas beweglich angefügte Backenteile. In zwei Stirngruben stehen weit voneinander entfernt die meist siebengliederigen, in der Regel nach vorn schwach verdickten Fühler, über oder hinter ihnen die gehäuften, auch gereihten einfachen Augen, sofern sie nicht gänzlich fehlen; im ersteren Falle, drängen sie sich nicht selten jo zusammen, daß fie dem äußeren Anschein nach für Netzaugen gehalten werden könnten. Den Mundteilen kommen hier die vier vordersten Beine nicht zu Hilfe, sondern sie bestehen aus jederseits einer polsterförmigen Scheibe als Kaufläche, einem deren oberer Spitze eingelenkten, die Kinnbacken bildenden Zahne und aus der unteren Mundklappe. Die Körperringe schwanken in der Zahl von 9 bis mehr als 80 und bleiben insofern für eine und dieselbe Art nicht beständig, als sie sich mit zunehmendem Alter mehren. Jeder nimmt mit seinem Hinterrande den falzartigen Vorderrand des folgenden in wenig dauernder Verbindung auf; denn nach dem Tode wenigstens fallen die Ringe ungemein leicht auseinander. Je nachdem jeder derselben kreisrund und nur am Bauche durch eine feine Spalte ungeschlossen ist, einen Halbkreis bildet oder über den Seitenrand noch übergreift, ergeben sich die hier vorkommenden, dem Körperbau zu Grunde liegenden drei Grundformen. Weil die Vorderbeine nicht zu Mundteilen werden, so gelangen die Rückenteile ihrer Ringe auch zu vollständiger Entwickelung und verkümmern nicht teilweise wie bei den Einpaarfüßern, obschon sie und einige der folgenden nur je ein Paar kurzer und zarter Gangbeine tragen, von derselben

Beschaffenheit wie die übrigen, welche in doppelter Zahl den folgenden Leibesringen entspringen. Die Luftlöcher liegen verborgen in der Nähe der Fußwurzeln und entsenden die Röhren büfchel- oder paarweise zu den inneren Organen. Die Offnungen auf den Seiten des Rückens aller oder einzelner Ringe, welche Treviranus für die Luftlöcher angesprochen hat, sondern zur Verteidigung einen ätzenden Saft aus, wenn die Tiere angegriffen werden. Eigentümlich gestalten sich hier die Verhältnisse der Fortpflanzungswerkzeuge. Bei beiden Geschlechtern liegen sie unter dem Darm und münden zwischen dem zweiten und dritten Beinpaare, bei den Weibchen in zwei sackförmigen Scheiden und bei den Männchen nur in der Familie der Juliden in zwei Ruten. Hier sowohl wie bei den anderen Familien, wo diese fehlen, dienen fie nicht zur Paarung, sondern hierzu find ein Paar Kopulationsfüße vorhanden, welche bei den Polydesmiden und Juliden am siebenten, bei den Glomeriden am vorletzten Körperringe sitzen. Dieselben find selbst bei ein und derselben Gattung sehr verschieden gestaltet. Vor der Kopulation müssen sie also erst Samen aufnehmen.

Die Paarung erfolgt im Frühjahr und auch im Herbst nach den Beobachtungen von O. vom Rath, und es vergehen nach derselben bis 30 Tage, ehe das Weibchen seine Eier ablegt, wozu die der Juliden und Polydesmiden von Erde ein Nestchen anfertigen, welches schließlich mit Erde bedeckt ist und in glockenförmiger Gestalt mit kleiner oberer Offnung das bis über 100 Stück haltende Eierhäufchen umschließt. Die ausgeschlüpften Jungen sind den erwachsenen Tieren noch nicht ähnlich, also von Larvenform, und nehmen erst nach wiederholten Häutungen ihre volle Gestalt an.

Die Zweipaarfüßer breiten sich über alle Erdteile aus, erreichen aber in Europa und den gemäßigten Erdstrichen überhaupt nur unbedeutende Größe, während heiße Länder beinahe fußlange und fingerdicke Arten aufzuweisen haben, welche gewisse Schlangen an Größe entschieden übertreffen. Ohne Tierleichen zu verschmähen, begnügen sie sich vorzugsweise mit Pflanzenkost; sie halten sich an dunkeln Verstecken auf, wenn auch nicht mit solcher Entschiedenheit wie die Einpaarfüßer.

Die Vielfüßer (Julidae) bilden die artenreichste Familie, deren Mitglieder sich durch einen drehrunden Körper auszeichnen, den 30—70 und mehr Ringe zusammensetzen, durch verhältnismäßig kurze, dünne Beine und Fühler, deren zweites Glied das längste ist. Die aus dem Ei geschlüpften jungen Tiere sind madenartige, unbewegliche, in eine Haut eingeschlossene Wesen, welche erst nach Abstreifung dieser Haut Gliederung und vorn drei gegliederte Beinpaare zeigen. Nach der nächsten Häutung besitzen sie deren 7 und 13 Körperringe, und jo wachsen beide immer mehr an der Zahl, bei den verschiedenen Arten in verschiedenen Verhältnissen.

Die gemeinsten heimischen Arten der Gattung Julus sind von den verschiedenen Schriftstellern mehrfach verkannt und daher in der Namengebung verwechselt worden, bis Dr. Latzel in seinem verdienstvollen Werke: „Die Myriopoden der Osterreichisch-Ungarischen Monarchie“, 2 Teile, Wien 1880 und 1884, Aufklärung herbeiführte.

Die Sandassel (Julus sabulosus I., Abbild. S. 673) führt noch zahlreiche andere Namen, weil sie vielfach abändert, und ist über ganz Europa verbreitet. Sie glänzt sehr stark, ist dunkelbraun bis schwarz gefärbt, nach den Beinen zu meist heller und mit zwei gelben Längsstreifen am ganzen Rücken gezeichnet. Auf dem Scheitel fehlen Grübchen, und die letzte Rückenschuppe läuft in ein schräg nach oben gebogenes Spitzchen aus. Das Männchen mißt 20—40, das Weibchen 30—46 mm. Wenn ich Ende Frühjahrs unter Steinen auf einem kahlen, dürren Berge nach Raupen suchte, fand ich die Leichen dieser Tiere häufig

in größere oder kleinere Stückchen von bleigrauer Farbe zerlegt, und beim Erschüttern von Eichenstangenholz, um wiederum Raupen oder Schmetterlinge zu Falle zu bringen, kommen dieselben Tiere, aber lebend, nicht selten herab und liegen, solange sie sich in Gefahr wähnen, wie Uhrfedern zusammengerollt, den Kopf im Mittelpunkte, ruhig da. Läßt man sie in Frieden, so erholen sie sich allmählich von ihrem Schrecken, strecken sich und nehmen eine halbe Wendung, um auf die mehr als 100 Beinchen zu kommen, welche in der Mittellinie des Bauches aneinander stoßen. Wie eine Schlange gleitet der wurmähnliche Körper über die Oberfläche der Erde oder des Baumstammes dahin; nimmt man die Art der Bewegung näher in Augenschein, so bemerkt man, wie abwechselnd eine Gruppe der Beinchen über die Grenze des Leibes hinausgestreckt wird, so daß sie mit demselben einen stumpfen Winkel bilden, während die in den Zwischenräumen ihre senkrechte Richtung beibehalten. Indem sich auf diese Weise abwechselnd kleine Fußbündel von vorn nach hinten aus- und einwärts gestreckt zeigen, entsteht eine sanft wellenförmige Bewegung, welche am Kopfe beginnt und nach und nach gegen den Schwanz hin sich dem ganzen Sooo ———— i

Körper mitteilt. Der Sandassel (Julus sabulosus). Zwei Stück vergrößert. Julus terrestris ist bei Latzel verschwunden, und statt seiner sind zwei Arten unterschieden: J. fallax und scandinavicus, deren nähere Charakterisierung uns hier zu weit führen würde.

Der getupfte Vielfuß (Blanjulus guttulatus), eins der kleinsten, dünnfadenförmigen Familienglieder, von blaßbrauner Farbe und mit einer Reihe fast blutroter Flecke an jeder Seite des Körpers gezeichnet und augenlos, kommt hier und da in größeren Mengen in Gärten oder auf Feldern vor und richtet dann nach verschiedenen Seiten hin Schaden an. Am empfindlichsten wird er durch das Ausfressen keimender Samen, so daß die gelegten Bohnen-, Kürbis- oder Gurkenkerne, besonders auch die ausgesäeten Rüben, nicht zum Aufgehen gelangen. Weiter frißt er die fleischigen Wurzeln des Gemüsegartens an, benagt herabgefallenes Obst; noch unangenehmer wird er aber dadurch, daß er sich in die reifenden Erdbeeren, und zwar die größeren Sorten, sehr gern einbohrt und von dem saftigen Fleische zehrt. — Man kennt noch zahlreiche, wohl an 150 Arten mit oder ohne Enddorn, welche alle darin übereinstimmen, daß die Augen in Mehrzahl vorhanden, die Fußplatten unbeweglich find und der erste Körperring die übrigen an Länge übertrifft. Andere, der äußeren Erscheinung nach fast ebenso gebildete, aber durch längere Fühler und Beine, bewegliche Fußplatten und durch noch andere Merkmale von jenen verschiedene Arten sind neuerdings auf mehrere Familien und Gattungen verteilt worden.

Eine wesentlich andere Körperform erhalten die Randasseln (Polydesmidae) dadurch, daß die Ringe, welche in der beschränkteren Anzahl von 20 aufzutreten pflegen,

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 43

Sandaſſel (Julus sabulosus). Zwei Stück vergrößert.

infolge seitlicher, plattenartiger Ausbreitungen und Kanten den drehrunden Umriß aufgeben, und daß die Beine nicht in der Mittellinie des Bauches zusammenstoßen, mithin auch an den Körperseiten deutlicher sichtbar werden. Augen fehlen. Das befruchtete Weibchen baut um ein Häufchen abgelegter Eier, dieselben während des Bauens noch vermehrend, aus Erde ein Nestchen. Die Erde wird von ihm eingenommen und tritt in Schüppchen aus dem ausstülpbaren After aus, welche nach und nach einen Wall um die Eier darstellen, sich allmählich um dieselben wölben und in einer oben offenen Pyramide enden. Dieses Erdhäufchen wird schließlich mit Ausschluß des pyramidenförmigen kurzen Aufsatzes äußerlich mit Steinchen, Moos und sonstigen Pflanzenrestchen umkleidet, so daß der ganze Bau unten einen Durchmesser von etwa 8 mm und eine Höhe von 7 mm beansprucht. Während der Arbeit hat das Weibchen eine eingekrümmte Lage und bedient sich des Afters zum Aufbau. 12—15 Tage nach Vollendung des Nestes schlüpfen die Jungen aus und verlassen dasselbe. Sie besitzen außer dem Kopfe 7 Körperringe und an den vier ersten derselben 6 Beine, nach der ersten Häutung 9 Ringe und 12 Beine, nach der zweiten 12 Ringe, die Männchen 20, die Weibchen 22 Beine ꝛc., die neuen Glieder treten immer zwischen dem vorletzten und letzten Körperringe auf, welcher ohne Beine bleibt. Der ausgewachsene Polydesmus complanatus, welchen unser Bild vorführt, besteht aus 20 Leibesringen, die beim Weibchen 31 Beinpaare, beim Männchen außer den Begattungsfüßen 30 Paare tragen. Die plattenartig heraustretenden Seiten der Ringe sind vorn gerundet, hinten geeckt; die vorletzte tritt in einem stumpfen Mittelzahn etwas über das Afterglied hinaus, und die bräunlich schiefergraue Oberfläche aller erscheint durch schwache, punktartige Erhebungen etwas uneben. Diese Randassel findet sich überall in Europa unter feuchtem Laube, Steinen, hinter Baumrinde, mitunter an saftigen Wurzeln, wie Möhren, fressend, und wickelt sich, wie die Julus-Arten, gleich einer Uhrfeder auf, wenn sie in ihrem Versteck gestört wird. Die Gattung ist reich an Arten, welche in den heißen Ländern zum Teil beträchtliche Größe erlangen, sich durch die Gestalt des Plattenrandes, die Spitze des vorletzten Rückenringes und so manches andere untergeordnete Merkmal voneinander unterscheiden und neuerdings zahlreichen Untergattungen zugeteilt worden sind. Einige interessante Tausendfüßer unterscheiden sich von allen anderen durch das kegelförmige Kopfschild, welches in Verbindung mit den verwachsenen Mundteilen eine Saugröhre bildet, und wurden deshalb unter dem Namen der Saugasseln (Polyzonidae) als besondere Familie abgeschieden. Die einzige europäische, bisher in Deutschland, Frankreich, Polen, Österreich=Ungarn und im Kaukasus beobachtete deutsche Saugassel (Polyzonium germanicum) erreicht nur 13 mm Länge, ist etwas platt gedrückt, ungefähr 50 gliederig und sehr weich, oberhalb glatt und hell rostfarben, unterhalb weißlich. Die

Platte Randassel (Polydesmus complanatus). Vergrößert.

Platte Randaſſel (Polydesmus complanatus). Vergrößert.

Körperringe, welche mit Ausnahme der drei ersten einpaarfüßigen und der drei letzten fußlosen je zwei Paare von Beinen tragen, stellen im Querschnitt keinen Kreis, sondern eine Ellipse dar, indem sich der Rückenteil seitwärts in eine Rundung nach unten umbiegt, ehe er an der Einlenkungsstelle der zarten, von oben nicht sichtbaren Beinchen aufhört. Die Augen liegen in zwei Gruppen zu dreien an der Stirn, und die Saugröhre ist hier kürzer als bei den übrigen ausländischen Familiengliedern, mit denen die genannte Art das Vermögen gemein hat, zwischen den Leibesringen eine milchige Flüssigkeit hervortreten zu lassen. Bei der Schwierigkeit, die Tierchen in der Gefangenschaft lebend zu erhalten, hat es nicht gelingen wollen, die Entwickelung vom Ei an vollständig zu beobachten. Waga, welcher sich darum bemühte, fand eines Tages in dem mehrere Stücke verschiedener Größe bergenden Glase ein Weibchen, welches spiralförmig um ein Häuflein sehr kleiner, lichter Eierchen gewickelt da lag. Dieselben hingen nur lose zusammen, teilten sich bei der Berührung in mehrere Partien, und nur die an der Kehle des Tieres liegenden, von seinem Körper bedeckten verblieben in dessen Bereiche. Acht Tage später (7. Juni) traf Waga das Muttertier noch in derselben Stellung an, aber die Eier waren fast alle zerstreut und beliefen sich ungefähr auf 50 Stück. Unter dem Mikroskop ließen sich an einzelnen nur dunklere Schatten unterscheiden; aber schon nach 3 Tagen wurde mit unbewaffnetem Auge er: kannt, wie sich einige der Eier in zwei Teile auflösten. Zwischen den Schalen eines solchen ward ein weißer, flacher, fast zu einem Kreise zusammengerollter Körper sichtbar, welcher den Eindruck machte, als wäre er an einer Stelle seines Umkreises ausgeschnitten, etwa wie ein keimendes Samenkörnchen einer hülsenfrüchtigen Pflanze. Er erwies sich alsbald als ein schuppenartiges, fast so breites wie langes, gebogenes Wesen mit sechs Beinen und mit Fühlhörnern; auch ließen sich die Anfänge der Augen und einige kurze Härchen als Bedeckung des halb durchsichtigen, fünfgliederigen Körpers erkennen. Auf dieser Alters: stufe bewegte das Tierchen unaufhörlich seine Fühler, konnte aber seine Beinchen, deren hinterste unbeweglich waren, noch nicht ordentlich gebrauchen und sich, wenn es auf dem Rücken lag, nicht umdrehen. Am 25. Juni fanden sich noch geschlossene und eben gelegte Eier, sechs- und achtfüßige Saugasseln in dem Glase vor; da dieses aber zufällig in die Sonne geriet und derselben auf längere Zeit ausgesetzt blieb, so starben sämtliche Tiere ab und machten weiteren Beobachtungen ein Ende.

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