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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Über die Stellung der Myriapoden zu den übrigen Gliederfüßern haben sich die Forscher noch nicht einigen können. Die einen verbinden sie mit den Krebsen, indem sie die harte Körperbedeckung, den Reichtum an Beinen und die äußere Übereinstimmung gewisser Formen unter ihnen mit den bekannten Kellerasseln zur Begründung ihrer Ansicht hervor: heben. Die anderen vereinigen sie mit den Spinnen oder reihen sie einer nichts weniger als natürlichen Klasse der Ungeflügelten an, was aber von jeher in Deutschland weniger Anklang fand als in Frankreich und England. Hier wurde es vorgezogen, sie nach dem Vorgange von Le ach als besondere Klasse aufzustellen, welche sich entschieden an die Kerfe anschließt, den Übergang zu den Krebsen vermittelt und dahin zu charakterisieren wäre, daß die Tausendfüßer landbewohnende Gliederfüßer darstellen, welche einen getrennten Kopf mit zwei Fühlhörnern und beißenden Mundteilen, zahlreiche, fast völlig gleiche Körperringe mit wenigstens je einem Paar von Gangfüßen an den meisten und keine Flügel haben, durch Luftröhren atmen und durch unvollkommene Verwandlung zur Geschlechtsreife gelangen.

Fossile Reste haben sich vereinzelt in den Juraschichten gefunden, zahlreicher im Bernstein; die noch lebenden Arten sind neuerdings auf vier Ordnungen verteilt worden.

Ordnung.

Die Einpaarfüßer, Lippenfüßer (Hundertfüßer, Chilopoda oder Syngnatha).

Ein plattgedrückter, langer Körper, dessen Glieder fast ohne Ausnahme je ein seitwärts weit heraustretendes Fußpaar tragen, und ein schildförmiger, wagerecht stehender Kopf charakterisieren die Hundertfüßer (Chilopoda). Unter dem Stirnrand find die 14—20gliederigen schnurförmigen oder oft aus viel zahlreicheren Gliedern zusammengesetzten und dann fadenförmigen Fühler eingelenkt. Von den Freßwerkzeugen ist das Kinnbackenpaar mäßig entwickelt und der Mittelteil der Mundklappe auf zwei kleine, nebeneinander stehende Stämme beschränkt, während die seitlichen Teile aus einem größeren Grundstück und einer zweigliederigen, mit schräg abgestutzter, schwammiger Endfläche versehenen Lade bestehen. In den beiden vordersten Fußpaaren (1 und 2 der Abbildung, Fig. b, S. 668) erhalten die Mundteile wichtige Hilfswerkzeuge. Das vorderste, nur schwach entwickelt, bekommt durch Verwachsung seiner Hüftteile das Ansehen einer zweiten Unterlippe, an welcher die übrigen,

frei bleibenden Enden jederseits gewissermaßen wie Taster erscheinen. Die beiden folgenden Füße (2) gleichen einer kräftigen Zange, deren klauenartige Spitzen aus einer feinen Durchbohrung ein Gift in die Wunde fließen lassen, welches für Menschen schmerzliche Entzündung, wenn auch nicht den Tod, herbeiführt. Alle übrigen Füße von 3 an sind bis auf die beiden letzten Paare in der Regel einander gleich und sämtlich mehr nach hinten gerichtet. Das vorletzte Paar erscheint länger, in noch erhöhterem Maße aber das über die Hinterleibsspitze gerade hinausstehende letzte, an dessen kräftigem Schenkelteil meist zahlreiche Zähne sitzen, sodaß durch Bewehrung und Richtung diese Beine das Ansehen eines Fangwerkzeuges annehmen, als welches sie unter Umständen auch verwendet werden. Jeder Körperring besteht aus einer Rüden: und einer Bauchplatte, welche beide an den Seiten durch eine weiche Haut, die gleichzeitige Trägerin für die Beine, und an einem Gliede um das andere für die Luftlöcher, verbunden werden. Die Geschlechtsorgane liegen über dem Darme und münden am vorletzten Leibesgliede; den männlichen fehlen äußere Haftorgane behufs der Paarung. Eine solche erfolgt nach Fabres Beobachtung auch nicht, sondern die Männchen setzen ihre Samenflüssigkeit an Fäden, die sie nach Spinnenart am Erdboden ziehen, ab, damit sie von den Weibchen in die Geschlechtsöffnung aufgenommen werden könne. Die Chilopoden bewegen sich unter schlangenförmigen Biegungen ihres Körpers sehr schnell auf den Beinen dahin, wenn sie in ihren Verstecken aufgescheucht werden, und suchen sofort die Dunkelheit von neuem auf. Ihre Nahrung besteht vorzugsweise aus Spinnen, Milben, kleinen Kerfen aller Art, welche sich in ihrer Nachbarschaft 3 und schnell von ihrem giftigen Bisse sterben.

In mehr als einer Beziehung stehen die Schildasseln (Scutigera) unter allen Tausendfüßern einzig da durch die vorquellenden zusammengesetzten Augen, die überaus langen Fühler und Beine, welche nach hinten zu immer größer werden, bis die letzten gleich zwei langen Fäden den Körper mehr als einmal an Länge übertreffen, und durch die oben auf der Mittellinie des Rückens an den Spitzen der einzelnen Platten angebrachten Luftlöcher. Der Kopf ist zwischen den Fühlern und beiderseits hinter den Augen aufgetrieben, der Körper in seiner Gliederzahl verschieden, je nachdem sie von oben oder von unten bestimmt wird. Man unterscheidet nämlich 8 Rücken- und 15 schmale, den Seiten: rand nicht erreichende Bauchplatten. Überdies fallen vom 3.—5. Gliede der Beine scharfe Enddornen auf. Die Schildasseln sind in wenigen Arten über alle Erdteile ausgebreitet, kommen mit Ausnahme zweier europäischen nur in den wärmeren Gegenden vor und halten sich gern in altem Holzwerk auf; mit großer Behendigkeit kriechen sie an senkrechten Wänden in die Höhe, wenn sie des Nachts ihre Verstecke verlassen. Die Beine gehen ihnen sehr leicht verloren, und daher eignen sich diese Tiere im getrockneten Zustande wenig zur Aufbewahrung in den Sammlungen.

Die spinnenartige Schildassel (Scutigera coleoptrata oder Cermatia araneoides), welche noch eine lange Reihe anderer Namen führt, lebt im südlichen Europa und nördlichen Afrika, wurde jedoch von Perleb auch in Fridburg (Württemberg) unter Dielen aufgefunden. Der blaßgelbe, auf dem Rücken mit drei blauschwarzen Längslinien gezeichnete Körper ist 2,6 em lang; an allen Beinen ist das dritte, an den hinteren auch das vierte Glied blauschwarz geringelt.

Die Bandasseln (Lithobiidae), welche sich in Deutschland überall in faulenden Baumstämmen oder an feuchten, dumpfen Stellen zwischen abgefallenem Laube unter

Ordnung: Einpaarfüßer; dritte und vierte Familie: Zangen- und Erdasseln. Steinen finden, und zwar nicht nur in der Ebene, sondern auch auf höheren Gebirgs-gipfeln, wie in den Alpen, gehören der Gattung Lithobius an. Man erkennt dieselben im vollkommen entwickelten Zustande an den 15 Paar Laufbeinen (die letzten eingerechnet), an den meist mehr als 20gliederigen Fühlern von ein Drittel der Körperlänge und an der in der Mittelbucht dreizähnigen Oberlippe. Von den weit über 100 Arten ist der über Europa, Nord⸗ und Südamerika weitverbreitete braune Steinkriecher (Lithobius forficatus, auch L. forcipatus) wohl die gemeinste; er wird 2—3 cm lang und erglänzt am Kopfe braun, auf der Rückenseite und an den Fühlern in rotem Schimmer. Letztere sind aus zahlreichen Gliedern zusammengesetzt und mit kurzen Härchen bekleidet. Unterhaltend sind die schlangenförmigen Windungen und die Eile, mit welcher sich die gestörten Tiere dem Lichte zu entziehen suchen und dabei, wenn man sie berührt, mit gleicher Gewandtheit rückwärts kriechen, indem sie die für gewöhnlich nachgeschleppten vier Hinterbeine zu Hilfe nehmen. Einige im übrigen mit Lithobius übereinstimmende Arten hat 1 2 3 b a [illegible artist signature] a Brauner Steinkriecher (Lithobius forficatus). b) Die beiden ersten Glieder von Scolopendra insignis von der Oberund Unterseite. Alles natürliche Größe. man als besondere Gattung Henicops davon abgeschieden, weil sie auf jeder Seite des Kopfes nicht eine Gruppe, sondern nur ein einzelnes Auge aufzuweisen haben. Zangenasseln, Skolopender, Bandasseln im engeren Sinne (Scolopendridae) nennt man gegenwärtig diejenigen Arten, welche von den vorigen sich durch weniger Fühlerglieder, weniger Augen und zahlreichere Körperringe unterscheiden. Die Fühler sind aus 17—20 Gliedern zusammengesetzt; die übrigen Hauptmerkmale bestehen in vier Paar Augen, 21 und mehr Beinpaaren und ebensoviel Körperringen, von denen der zweite immer merklich schmäler als die folgenden ist. Die Giftzange entwickelt sich bei ihnen kräftig. Im einzelnen bieten die sehr zahlreichen Arten wieder so viele Besonderheiten, daß sich die Systematiker genötigt gesehen haben, die ursprüngliche Gattung in mehrere zu zerspalten. Alle sind räuberische Tiere, welche vorherrschend den heißen Ländern angehören und öfter eine beträchtliche Größe erlangen. A. von Humboldt sah afrikanische Kinder 47 cm lange und mehr als 13 mm breite Bandasseln aus der Erde ziehen und — — verzehren. In Deutschland kommt keine einzige Art vor, wohl aber mehrere im südlichen Europa. Die Lucas⸗Bandassel (Scolopendra Lucasi, S. borbonica Blanchard) möge in einem verkleinerten Bilde die Gattung hier vergegenwärtigen. Der etwas herzförmige Kopf und der Körper sind rostfarben, auf dem Rücken der einzelnen Glieder bemerkt man mit Ausnahme der beiden letzten je zwei auseinander gehende Linieneindrücke, ähnliche auf

a Brauner Steinkriecher (Lithobius forficatus). b) Die beiden erften Glieder von Scolopendra insignis von der Ober: und Unterſeite. Alles natürliche Größe.

der Bauchseite, welche jedoch keine zusammenhängenden Linien bilden. Die Körperseiten sind gerandet, und die Seitenteile der hinten schwach gerundeten Afterklappe laufen in einen einfachen Dorn aus. Die unmerklich zusammengedrückten, verhältnismäßig schlanken Hinterbeine find am Schenkelteil nach oben nicht gekantet, nur mit 2 — 3 Dörnchen bewehrt, auf der Unterfläche mit zwei dergleichen; die Platten der beiden vordersten, dem Munde dienenden Fußpaare sind je fünfzähnig. Dieser Skolopender findet sich auf Ile de France, Bourbon und auf anderen Inseln des Indischen Ozeans. — Eine ähnliche Art aus Südamerika, wahrscheinlich Scolopendra Brandtiana, kam mir vorzeiten lebend in die Hände, indem sie durch Farbholz eingeschleppt worden war.

Während bei den meisten Bandasseln sich die Luftlöcher in der gewöhnlichen Knopflochform öffnen, kommen sie bei einer Anzahl vorherrschend neuholländischer und chinesischer Arten in Siebform vor, welche darum von Gervais unter der besonderen Gattung He-terostoma vereinigt worden find; einige andere, darunter auch europäische, entsprechen vollkommen den echten Bandasseln, wurden aber wegen Man: gels der Augen als besondere Gattung Cryptops ausgeschieden. Auch gibt es Arten mit 23 Fußpaaren, so die Bandassel von Bahia (Scolopendropsis bahiensis) mit vier Augen jederseits, die rote Bandassel (Scolopocryptops rufa) aus Afrika, ohne Augen; ja, es fehlt a nicht an Arten mit 30 Fußpaaren Lucas-Bandassel (Scolopendra Lucasi). 1½ mal verkleinert. (Newportia). Höchst interessant wird endlich die klappernde Bandassel (Eucorybas crotalus) von Port Natal dadurch, daß sich die drei letzten Glieder der Hinterbeine blattartig erweitern und einen Anhang bilden, mit welchem das Tier durch Aneinanderreiben ein knarrendes Geräusch hervorbringt. Sein rostfarbener Körper mißt 9 em in der Länge und wird auf dem Rücken von sieben Längskielen durchzogen.

Die Erdasseln (Geophilidae) find lange, sehr schmale, fast linienförmige Hundertfüßer, die 40—90 Leibesringe, 14gliederige Fühler und keine Augen haben. Die Körper: ringe scheinen auf dem Rücken einzeln aus zwei ungleichen Stücken zu bestehen, während die Bauchplatten einfach bleiben. Das letzte Fußpaar endet in dem einen Falle in Krallen, in dem anderen nimmt es einen mehr tasterartigen Charakter an, und die Kralle fehlt. Einige Arten leuchten im Dunkeln mit Phosphorschein, andere, wie beispielsweise Gabriels Erdassel (Himantarium Gabrielis), ein Bewohner der Mittelmeerländer mit mehr als 160 Fußpaaren, sondern aus punktförmigen Drüsen der Bauchschuppen eine reichlich fließende, purpurrote Flüssigkeit ab. Außer im mittägigen Afrika und auf Madagaskar haben sich überall Erdasseln gefunden, besonders zahlreich in Europa. Die Länge der Fühler, die Form des Kopfes, die Entwickelung der Mundfüße und die Anzahl der Körperringe bedingen allerlei Unterschiede unter den vielen, oft recht ähnlichen Arten, von welchen für

Deutschland die langfühlerige Erdassel (Geophilus longicornis) zu den gemeinsten gehört. Die feinbehaarten Fühler übertreffen den eiförmigen Kopf etwa um das Vierfache,

Lucas-Bandaſſel (Scolopendra Lucasi). 1½ mal verkleinert.

indem ihre Glieder entschieden länger als breit, nicht wie die Perlen einer Schnur gebildet, und die 3 oder 4 letzten dünner als die vorhergehenden find. Das gelbe Tierchen hat ungefähr 55 Paar Gangbeine und wird 7,8 em lang. Es findet sich an den Wurzeln und Knollen verschiedener Pflanzen, wie Kartoffeln, Pastinaken, Möhren, und soll nach Kirbys Beobachtungen das Absterben der letzteren veranlaßt haben, wenn es in großen Mengen vorhanden ist und in die fleischige Wurzel nach allen Seiten hin Gänge arbeitet. Dabei wird es wohl auch durch die platte Randassel und allerlei anderes Ungeziefer unterstützt, welches sämtlich durch die minengrabende Thätigkeit und durch den Kot eine schnelle Fäulnis herbeiführt. Auch kommt unsere Erdassel wie die Regenwürmer aus den Schlupfwinkeln hervor, wenn lange Zeit alle Kreatur nach erfrischendem Naß geschmachtet hatte, und dann kann es geschehen, daß sie in ihrem Wohlbehagen oder im brennenden Verlangen der vielleicht lange unthätigen Verdauungswerkzeuge über einen zehnmal größeren Regenwurm herfällt, denselben trotz allen Sträubens und krampfhaften

gang fahle Erdassel (Geophilus longicornis), einen Regenwurm eu Natürliche Größe.

Umsichherschlagens umwindet wie die Riesenschlange ihr unglückliches Schlachtopfer, ihn aber nicht erdrückt, wie diese, sondern ihn zwickend, beißend und begeifernd endlich ermattet und durch ihr Gift tötet. Scoutetten erzählt in einer medizinischen Zeitschrift von Metz einen höchst eigentümlichen Fall ungefähr in folgender Weise: Seit mehreren Monaten litt in der Nähe von letz eine 28jährige Frau an einem sehr unbehaglichen Kribbeln in der Nase, welches mit reichlichen Schleimabsonderungen verbunden war, und später gesellte sich häufiges Kopfweh zu diesen Krankheitserscheinungen. Die anfänglich noch zu ertragenden Schmerzen wurden bald heftiger und kehrten häufig wieder. Diese Zufälle waren weder in ihrem Erscheinen noch in der Dauer regelmäßig; für gewöhnlich traten sie als mehr oder weniger heftige Stiche auf, welche die Nasenwurzel und mittlere Stirngegend einnahmen, aber auch als schneidender Schmerz, welcher sich von der rechten Stirngegend nach der Schläfe und dem Ohre derselben Seite und schließlich über den ganzen Kopf ausbreitete. Die reich liche Schleimabsonderung nötigte die Kranke zu fortwährendem Schneuzen, wobei Blut und unangenehmer Geruch zum Vorschein kamen. Thränen der Augen, Übelkeit und Er: brechen waren nicht selten im Gefolge jener Anfälle. Einigemal waren die Schmerzen so heftig, daß die Kranke meinte, es würde ihr mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen oder das Gehirn durchbohrt; dann waren die Gesichtszüge entstellt, die Kinnladen zusammengezogen, die Adern der Schläfengegend in der heftigsten Bewegung und die Sinne des Gehörs und Gesichts so reizbar, daß das geringste Geräusch und das Licht unerträglich wurden. Ein andermal verfiel die Unglückliche in ein wahres Delirium, preßte den Kopf in die Hände, stürzte aus dem Hause und wußte nicht, wo sie Hilfe suchen sollte. Diese Anfälle

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