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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Von den sogenannten Langwanzen (Lygaeides) leben die meisten unter Steinen, dürrem, zerkrümeltem Laube oder unter Moos am Grunde der Baumstämme, wo sie geschäftig umherkriechen, um andere, jedoch tote, Kerfe oder Pflanzensäfte zur Nahrung

Geſtreifte Schönwanze (Calocoris striatellus). Vergrößert.

aufzusuchen; an das Tageslicht kommen die wenigsten. Die größere Härte der Körperbekleidung, mehr, meist fünf, Adern in der Haut sowie der Mangel des Keilstückes in den Flügeldecken und die fadenförmigen, gegen die Spitze etwas verdickten Fühler zeichnen fie vor den vorigen aus. Die Fühler sind den Wangen des dreieckigen Kopfes eingefügt und stehen meist unter, höchstens auf der Linie, welche man sich vom Mittelpunkt eines Netzauges nach der Schnabelwurzel gezogen denkt. Die Größenverhältnisse der vier Fühlerglieder schwanken ebenso bei den verschiedenen Arten, wie die vier Schnabelglieder, jedoch pflegt hier das vorletzte immer länger zu sein als das letzte. Unter den drei Fußgliedern ist das mittelste am kürzesten, das letzte neben den Krallen mit Haftlappen versehen. Einigen fehlen die Punktaugen, bei den meisten treten sie jedoch deutlich auf und zwar unmittelbar neben den Netzaugen. Zu jenen gehört die allbekannte flügellose Feuerwanze (Pyrrhocoris apterus), eine durch ihre blutrote und schwarze Körperfärbung, durch 8 den Mangel der Haut an den Flügeldecken und der ganzen Hinter: flügel zur Genüge gekennzeichnete Art, von welcher jedoch ausnahmsweise Stücke gefunden werden, deren Flügeldecken mit der Haut versehen sind, und sogar solche mit vollkommenen Flügeln, wie mir eine Zusendung aus Breslau bewiesen hat. Die über alle Weltteile ausgebreiteten Feuerwanzen unterscheiden sich nur durch den leistenförmig scharf aufgerichteten Rand des Halsschildes von der mittelamerikanischen „ Gattung Largus, mit der fie das im Vergleich zum zweiten längere a! erste Fühlerglied und den Mangel der Nebenaugen gemein haben. Die flügellosen Feuerwanzen, hier und da auch „Franzosen“ oder „Sol: daten“ genannt, sitzen den ganzen Sommer hindurch in Scharen am tn iN Grunde alter Lindenbäume oder Rüstern, nehmen aber auch, wenn wanze (Pyrrhocoris ihnen die genannten Bäume nicht zu Gebote stehen, mit einer Mauer e b fürlieb. Sobald der Winter vorüber ist, also in der Regel schon im

SR März, verlassen fie allmählich ihre Verstecke und schleichen einzeln an geschützten, den rauhen Winden nicht ausgesetzten Stellen umher. Je milder das Wetter, desto mehr fallen sie in die Augen, und von Mitte April ab pflegen sich die vollkommen entwickelten zu paaren. Selten verbindet sich das Männchen mehr als einmal mit einem Weibchen, während dieses eine öftere Vereinigung gestattet. Dieselbe kann bis 36 Stunden andauern. Hierauf findet man unter dem feuchten Laube oder in den Erdlöchern neben den alten Wurzelstöcken von Bäumen die perlweißen Eier und später junge, stecknadelkopfgroße Lärvchen neben schon größeren Larven. Die kleineren haben einen ganz roten Hinterleib und schwarze Flügelansätze. Nach dreimaliger Häutung erhalten sie ihre vollkommene Größe und Ausfärbung. Die Flügeldecken verlängern sich dabei, vertauschen das anfänglich schwarze Kleid mit dem später vorherrschend roten, sie werden zu einem schönen „Waffenrocke“ mit zwei schwarzen, wie Knöpfe gerundeten Flecken, einem breiteren oder schmäleren schwarzen Saume am Ende und einem schwarzen Schlußstück, während umgekehrt der Hinter: leib aus dem anfänglichen Rot in glänzendes Schwarz übergeht, denn nur die Seitenränder und einige Querbinden am Ende des Bauches behalten die ursprüngliche Farbe bei. Der Kopf mit seinen Anhängen: den Fühlern und dem Schnabel, zeigt sich glänzend schwarz, wenn erst das Junge, welches bleich aus dem Eie kam, ausgefärbt ist. Das vordere Bruststück ist oben und unten gleichfalls sehr bald schwarz und behält nur rote Randsäume ringsum; auch die Beine erglänzen schon in der Jugend durchaus schwarz. Die erwachsenen Feuerwanzen haben den eigentümlichen Wanzengeruch verloren, während die Larven denselben aus drei Drüsen auf dem Hinterleibsrücken, je eine auf der Mitte der drei mittleren Ringe, verbreiten. Reizt man eine nur wenig, so nimmt man einen scharfen, an flüchtige

Fettsäure mahnenden Geruch wahr und sieht aus der mittleren Drüse ein Tröpfchen farbloser, nach und nach verdunstender Flüssigkeit austreten. Wird der Reiz verstärkt, indem man die Larve drückt, ihr ein Bein, einen Fühler abschneidet, so ergießt sich in Form eines kleinen Strahles aus der hintersten, größten Drüse eine Flüssigkeit, welche den eigentlichen Wanzengeruch verbreitet. Bei den erwachsenen Wanzen macht sich anfänglich noch ein saurer Geruch bemerklich; bald aber verschwindet dieser und die Drüsen werden ohne Inhalt befunden.

In den verschiedenen Färbungen und Größen tummeln sich die Wanzen den ganzen Sommer über und erscheinen eher träge als geschäftig; auf ihren kleinen Spaziergängen bleiben sie öfters stehen, aber nicht um auszuruhen, sondern um zu genießen. Zwei, drei und noch mehr sind um eine größere Insektenleiche versammelt und saugen sie aus, gleichviel ob sie von einem ihresgleichen herrührt oder von einem anderen Kerfe. In der Gefangenschaft greifen die größeren auch die kleineren an und saugen sie aus. Unter den Flügeldecken der älteren Wanzen finden sich bisweilen zahlreiche Milben, welche sich auf Kosten ihrer Wirte nähren. Alt und jung verkriechen sich in die tieferen Schlupfwinkel ihrer Tummelplätze, sobald die rauhe Jahreszeit dazu mahnt, und wir haben hier den bei Wanzen selten vorkommenden Fall, daß sie auf den verschiedensten Altersstufen überwintern.

Eine andere einheimische Langwanze, die reichlich 14 mm messende Ritterwanze (Lygaeus equestris), belebt oft in größeren Gesellschaften schadhafte, der Rinde beraubte Eichenstämme und gehört insofern wie in Ansehung ihrer hübschen Färbung zu den auffälligsten der ganzen Familie. Sie ist auf ihrer lang-elliptischen, glanzlosen Rückenfläche gleichfalls blutrot und schwarz und auf der weiß umsäumten, schwarzen Flügeldeckenhaut mit einem weißen Mittelfleckchen verziert. Daran, daß die beiden innersten und die beiden folgenden Adern dieser Haut durch eine Querader verbunden sind, der Lederteil der Halbdecken mehr horniger Natur ist und daß auf dem Scheitel zwei Nebenaugen stehen, erkennt man ihre Gattung (Lygaeus), die Langwanzen im engeren Sinne. Alle übrigen entziehen sich durch ihre verborgenere Lebensweise unseren Blicken fast gänzlich, darunter auch die sehr artenreichen Dickschenkel (Pachymerus), ausgezeichnet durch die nicht verbundenen Längsadern im Hautteile der sonst ebenso gebildeten Halbdecken und durch die mehr oder weniger verdickten Vorderschenkel.

Unter allen Landwanzen, deren Schnabelscheide aus vier Gliedern besteht und deren Schildchen die Mitte des Hinterleibes nicht erreicht, zeigen die Randwanzen (Coreidae) die größten Formverschiedenheiten und lassen sich im allgemeinen nur dahin charakterisieren, daß die viergliederigen Fühler am Rande des Scheitels über derjenigen geraden Linie, welche man sich von der Mitte eines Netzauges nach der Schnabelwurzel gezogen denkt, eingelenkt und die Füße neben den Krallen mit Haftlappen versehen sind. Überdies kommen ihnen immer zwei Nebenaugen und in der Flügeldeckenhaut viele erhabene, oft gabelförmig geteilte Adern zu. Beide Geschlechter sind an der Form des letzten Bauchringes leicht zu unterscheiden, indem dieser beim Männchen verdickt und wie von unten mit einer Klappe bedeckt, beim Weibchen dagegen der Länge nach gespalten ist. In Europa leben kaum 60 Arten, dagegen ist die Familie in Amerika zahlreicher vertreten und zwar durch Formen, welche in Ansehung der Größe und Bildung zu den stattlichsten und schönsten aller Wanzen gehören; blattartige Erweiterungen an den Hinterschienen oder an einzelnen Fühlergliedern, ein gehörnter oder lappig erweiterter Vorderrücken, übermäßig verdickte und mit Stacheln

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 42

bewehrte Hinterschenkel, scharfe nach oben gebogene, die Flügeldecken überragende Seitenränder des Hinterleibes sind die charakteristischen Merkmale dieser Wanzenfamilie. Wenn hierzulande das Kerfvölkchen mit Beginn der rauheren Herbsttage sich von der Schaubühne feiner Thätigkeit zurückzieht und an geschützten Orten, besonders unter dem ab: gefallenen Laube, die Winterquartiere bezieht, so gehören die größeren Randwanzen in Gesellschaft von Mitgliedern der bald näher zu betrachtenden Schildwanzen zu den auffälligsten Erscheinungen, sobald man an einem sonnigen, für jene Zeiten noch schön zu nennenden Nachmittag dergleichen Stellen etwas aufrührt und die noch nicht zur Ruhe und Erstarrung gelangten Tiere dadurch beunruhigt. Da gibt es ein Geknister und Genistel durch das Hin- und Herkrabbeln dieser Wanzen, welche es sehr unangenehm zu be: rühren scheint, daß man sie in ihrer Zurückgezogenheit stört, und einzelne, denen die Herbstsonne wenige wärmende Strahlen zusendet, ziehen es vor, in stark brummendem Fluge sich zu erheben und dem Ruhestörer sicherer und schneller aus: zuweichen, als dies zu Fuße geschehen würde. Im Sommer halten sie sich auf Buschwerk und im Grase auf, nach Raub ausgehend und im Sonnenschein auch lebhaft umherfliegend, mehr aber, wie es scheint, um Nachstellungen zu entgehen, als dem inneren Drange nach solcher Bewegungsweise zu genügen. Sie 1 8 15. h3 5 1 schließen sich somit denjenigen 1 aumwanze romastes marginatus), 2) ihre Larve. naken⸗ 9 f zen1 tipularius). Natürliche Größe. 1 0 reden

gerade Sammler ist, eher zu Gesicht kommen als die meisten anderen der bisher besprochenen Familien.

Die Hauptgattung Coreus ist heutzutage in mehrere aufgelöst, von denen Syromastes mit fast allen größeren einheimischen Randwanzen derjenigen Unterabteilung angehört, bei welcher die Nebenaugen entfernt voneinander stehen, das letzte Fühlerglied kurz und dick ist und der Schnabel in Feinheit und Länge dem der Schildwanzen gleicht, indem er über die Mittelbrust hinausreicht. Syromastes zeichnet sich unter diesen Gattungen durch einen ziemlich viereckigen Kopf aus, dessen Fühlerhöcker nach vorn stark hervorragen, hat einen breiten, die Flügel weit überragenden Hinterleib und ein verlängertes zweites Fühlerglied, welches das dritte kaum oder nur wenig an Länge übertrifft. Bei der Saumwanze (Syromastes marginatus, Fig. J) erweitern sich die Fühlerhöcker nach innen zu einem Dorn; die graurötliche Oberfläche des Körpers erscheint durch feine, schwarze Punktstiche dunkler, am dunkelsten das letzte, am lichtesten die beiden vorhergehenden Fühlerglieder, der Rücken des Hinterleibes am reinsten rot und die Haut der Flügeldecken bronzeglänzend. Die Wanze findet sich durch ganz Europa auf dem verschiedensten Gebüsch und überwintert im vollkommenen Zustande, um vom nächsten Frühjahr ab für Fortpflanzung ihrer Art Sorge zu tragen. Die Larve (Fig. 2) zeigt, wie man dies bei allen Wanzenlarven beobachten kann, eine größere Plumpheit und in dieser die

Unreife aller einzelnen Glieder. — Die rautenförmige Randwanze (Verlusia rhombica oder Coreus quadratus des Fabricius) ist höchstens 11 mm lang und an dem fast rautenförmigen, sehr platt gedrückten und nach oben ausgehöhlten Hinterleib leicht

1 aumwanze romastes marginatus), 2) ihre Larve. naken⸗ f zen 1 tipularius). Natürliche Größe.

kenntlich. Bei ihr erweitern sich die Fühlerhöcker nicht zu Dornen. Sie hält sich am liebsten in Gräben längs der Kiefernwaldungen auf, wo sie an Grasstengeln und anderen Pflanzen bei Sonnenschein emporkriecht, oder ohne diesen mit einer gewissen Eilfertigkeit und Furcht, wenn das sie bergende Laub aufgestört wird.

Bei Betrachtung der Schnakenwanze (Berytustipularius, Fig. 3, S. 658), jenes ungemein schlanken und zartbeinigen Tierchens von lichtgrauer Färbung, welche an den Außenrändern und fünf Pünktchen der Flügeldecken wie an den verdickten Knieen und dem Endgliede der Fühler dunkler ist, findet sich scheinbar wenig Übereinstimmung mit der Saumwanze, und doch besteht ein charakteristischer Unterschied beider nur im anderen Längenverhältnis des zweiten und dritten Fühlergliedes; jenes ist nämlich hier bedeutend länger als dieses. Man sieht an diesem einen Beispiel, wie schwierig es ist, die Randwanzen in scharf begrenzte Gattungen einzuteilen, wenn sich an zwei so verschieden gestalteten, wie die vorliegenden, so wenig Abweichendes in den wesentlichen Merkmalen auffinden läßt. Die hübsche Schnakenwanze treibt sich, wie noch einige andere nahe verwandte Arten, unter Heuhecheln, Wacholder, Heidekraut und anderem niedrigen Gesträuch umher und scheint durch ihre langfadenförmigen Beine im schnellen Fortkommen eher behindert als gefördert zu werden; denn sie ist träge und läßt sich leicht ergreifen.

Um auch einen Begriff von einer der ausgezeichneten heißländischen Formen zu geben, wurde auf dem rechten Vordergrunde des Gruppenbildes „Ausländische Zirpen“ (S. 637) ver Diactor bilineatus (Lygaeus bei Fabricius), zu deutsch „der zweilinige Bote“, vorgeführt. Der metallisch grüne Körper ist mit gelben Zeichnungen reichlich verziert; die Beine sind gelb, die blattartigen Erweiterungen der Hinterschienen auf braunem Grunde gelb gefleckt und die Flügeldecken braunschwarz. Das. Südamerika ernährt auch diese schöne Art.

Als Schildwanzen (Scutati, Pentatomidae) werden schließlich alle diejenigen Wanzen zu einer Familie zusammengefaßt, deren Rückenschildchen wenigstens über die Mitte des Hinterleibes zurückreicht, wenn es denselben nicht sast ganz bedeckt. Am dreieckigen, bis zu den Netzaugen im Vorderbrustring steckenden Kopfe sitzen unmittelbar vor jenen die drei⸗bis fünfgliederigen Fühler, eine viergliederige Schnabelscheide, deren zweites Glied das längste zu sein pflegt, und an den wenig ausgezeichneten Beinen zwei-oder dreigliederige Füße mit Haftlappen. Den meisten kommt ein deutlicher Chitinteil und eine Haut an den Halbdecken zu, und nur bei denen mit sehr großem Schildchen beschränkt sich die Chitinbildung auf den von letzterem frei gelassenen Vorderrand der Flügeldecken. Die allgemeinen Umrisse des Körpers entsprechen einer Ellipse oder durch die heraustretenden Seiten des unregelmäßig sechseckigen Vorderrückens einem Wappenschilde. Am immer sehr großen Mittelleibe bemerkt man seitlich zwischen dem zweiten und dritten Brustbeine neben dem Luftloche eine große geschweifte Falte als die Mündung der Stinkdrüse. Der Hinterleib besteht aus sechs großen Ringen, zu welchen noch die in einem Ausschnitte des letzten liegenden Geschlechtswerkzeuge als siebentes Glied hinzukommen, und läßt eine flache Rückenseite von einem gewölbten, bisweilen mit einer mittleren Längsrinne, in anderen Fällen mit einem scharfen Kiele versehenen Bauche deutlich unterscheiden. Dieser Kiel verlängert sich vom zweiten Gliede an gegen die Brust hin, ragt über den ersten hinweg und erreicht mit seiner dolchförmigen Spitze nicht selten den Hinterrand des Vorderbrustbeines. In der Mitte jedes Bauchringes, nicht weit vom Seitenrand entfernt, befindet sich beiderseits ein Luftloch, nur am ersten versteckt es sich bisweilen in der Bindehaut, und am siebenten verschwindet es oft ganz. Die geschlechtlichen Unterschiede treten 42*

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